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Benutzername: Bahner
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Insgesamt 8 Bewertungen
Bewertung vom 08.05.2017
Hans Speidel und Ernst Jünger
Krüger, Dieter

Hans Speidel und Ernst Jünger


ausgezeichnet

Daß der Schriftsteller (und Offizier) Ernst Jünger und der Offizier (und Historiker) Hans Speidel eine gemeinsame, auf ihre Zeit im Stabe des Militärbefehlshabers Frankreich zurückgehende, Geschichte haben, ist dem Leser der „Strahlungen“ und der beiden großen Jünger-Biographien von Kiesel und Schwilk gut bekannt.

Wie intensiv aber diese Beziehung gerade nach Ende des Zweiten Weltkrieges war, und welchen erheblichen Einfluß beide Protagonisten auf die politische Entwicklung (im umfassendsten Sinne) der Bundesrepublik hatten, wird m.E. hier erstmals in aller Deutlichkeit dargelegt.

Dem Autor gelingt es, insbesondere aufgrund des privaten Schriftwechsels zwischen Jünger und Speidel, klar herauszuarbeiten, welch große Mühe beide darauf verwandten, nach dem Zweiten Weltkrieg die Rolle des Militärs in diesem Krieg in ihrem Sinne zu definieren, und damit sicherzustellen, daß dann später auch die Bundeswehr an die zeitlosen Traditionen und Werte des deutschen Militärs anknüpfen konnte.
Kurz: Hitler allein hat den Krieg geführt (was angesichts der völlig auf ihn zugeschnittenen Befehlsstränge ja auch tatsächlich nicht abwegig ist), das Offizierskorps hatte keine Verantwortung, lediglich die höchsten Militärs waren verpflichtet, Widerstand zu leisten (den niedrigeren Chargen fehlte die Einsicht in die Zusammenhänge).
Der militärische Widerstand wird von Speidel und Jünger als Ehrenrettung der Wehrmacht gesehen. Damit grenzten sich beide nach dem Zweiten Weltkrieg eindeutig von den Ewiggestrigen ab.

Diese Grundüberzeugungen sind nicht zu trennen von den gesellschaftspolitischen Vorstellungen Speidels und Jüngers.
Gerade im Hinblick auf Ernst Jünger gelingt es dem Autor, so eine Art politische Biographie Jüngers zu schreiben. Hierbei werden natürlich auch die von Jünger zwischen den Kriegen vertretenen radikalen politischen Auffassungen herangezogen.

Es zeichnet den Autor aus, daß er es trotz seiner Kritik an insbesondere Jüngers politischen Ansichten der Zwischenkriegszeit und Jüngers Unwillen, sich damit auseinanderzusetzen klar vermeidet, die Moralkeule herauszuholen, wie dies leider heutzutage von immer mehr „Historikern“ geübt wird, die meinen, dem Leser die gewünschten Emotionen vorschreiben zu müssen.

Klar nimmt der Autor (indem er für seine Ansicht Belege anführt) gegen die Anwürfe Stellung, Jünger habe der Bundesrepublik feindselig gegenübergestanden.

Die vom Autor gesehenen menschlichen Schwächen beider Protagonisten werden oftmals mit einem ironischen Augenzwinkern bedacht.

Aufgrund der herausgehobenen Rolle Speidels beim Aufbau der Bundeswehr und bei der Westintegration der Streitkräfte der Bundesrepublik bietet der Autor eine gute Zusammenfassung der wehrpolitischen Probleme der Nachkriegszeit bis hin zur Debatte um die Nachrüstung.

Der Sprache des Autors ist anzumerken, daß er tief und eingehend über die verschiedenen Facetten seines Themas nachgedacht hat; die Darstellung ist sprachlich durchweg gut gelungen, lebhaft und anregend.

Daß Jünger nach Dieter Krüger „kaum mehr gelesen“ werde, ist schon ein ziemlich abwegiges Urteil.
Peinlich ist die Vielzahl der Rechtschreibfehler („Wilhelmshafen“!).

Insgesamt aber eine sehr lesenswerte „politische Biographie“ Jüngers und Speidels.

Bewertung vom 19.02.2017
Thomas Müntzer
Bräuer, Siegfried; Vogler, Günter

Thomas Müntzer


ausgezeichnet

Die übliche Sicht auf die Reformation fokussiert sehr stark auf Luther: schließlich hat er sich ja unter einer Vielzahl von reformatorischen Bewegungen im Spätmittelalter als eine weltweit bedeutsame und wirkende Kraft durchgesetzt. Gerade in Deutschland nimmt Luther eine andere Reformatoren überragende Stellung ein, nicht zuletzt aufgrund seiner staatstragenden Rolle (oder der Rolle, die ihm von daran Interessierten zugedacht worden ist).

Wie „Neu Ordnung machen in der Welt“ zeigt, ist der Zeitgenosse Luthers, der Theologe Thomas Müntzer, zwar nicht in Vergessenheit geraten, wird aber leider in einer sehr vereinfachenden Sicht auf sein Leben fast ausschließlich mit den Bauernkriegen in Verbindung gebracht. Völlig zu Unrecht.

Die Autoren (ein Historiker und ein Theologe) legen anhand der von Müntzer während seiner Lebzeiten verfassten Schriften sehr detailliert seine im Vergleich gerade zu Luther doch sehr radikale Theologie sehr deutlich dar: Christus wird nicht als Stellvertreter im Leiden für die Menschen gesehen, vielmehr ist jeder Mensch selbst aufgerufen, die Nachfolge Christi im Leiden anzutreten, „Leidensscheu“ ist Sünde. Erst durch innere und äußere Kämpfe wird das Reich Gottes erlangt.
Diese Theologie hat für Müntzer und seine Anhänger scharfe Konsequenzen: sie sind verpflichtet, die Welt neu zu ordnen, um Gottes Reich auf Erden zu verwirklichen. Dies führt dann auch zur Anwendung von Gewalt.

Die Autoren ergänzen sich mit ihren Schwerpunkten „Theologie“ und „Neuere Geschichte“ ideal.
Leider sind belastbare Quellen zur Biographie Müntzers sehr rar gesät. Die Autoren unterliegen nicht der Versuchung, fehlende Belege durch Spekulationen zu ersetzen. Sehr erfreulich.
Insbesondere die Schilderungen der Geschichte der verschiedenen Städte, in denen Müntzer wirkte, geben einen guten Einblick in die gerade auch politische Lage.
Es wird klar, wie sich geschichtliche Situation und theologische Entwicklung gegenseitig beeinflussten, bis zur Teilnahme Müntzers an den gewaltsamen Auseinandersetzungen der Bauernaufstände.

Sehr empfehlenswert, nicht zuletzt, um uns nochmals im Kontrast zu Müntzer die Rolle Luthers in der Reformationsbewegung und danach deutlich zu machen.

Bewertung vom 16.08.2016
Mussolini
Woller, Hans

Mussolini


ausgezeichnet

Vielfach wird der „Duce“ gerade in Deutschland nur als williger Gefolgsmann von Hitler, und als etwas skurriler Selbstdarsteller gesehen. Publizierte Photos von Mussolini am Strand etc. haben sicherlich zu diesem „Image“ beigetragen.

Dem Verfasser gelingt es überzeugend, Mussolini als Diktator und Menschenverächter aus „eigenem Recht“ zu schildern. Dazu trägt gewiß bei, daß der Autor als Kenner der italienischen Geschichte Quellenmaterial und Sekundärliteratur ausgewertet hat, die lediglich in italienischer Sprache vorliegen.
Es handelt sich nicht um eine vollumfängliche Biographie; vielmehr werden die wichtigsten Lebensstationen des „Duce“ dargestellt, und anhand dieser Daten die Grundzüge der Persönlichkeit und der Politik Mussolinis herausgearbeitet.
Die Darstellungen sind zum Teil hochspannend; das Kapitel über Mussolinis Sturz liest sich in allen Facetten des Sturzes wie ein faszinierendes Drama.
Für Nicht-Italiener äußerst aufschlußreich ist die Darstellung der Fortwirkung des „Duce“ im heutigen Italien, einschließlich des in seinem Geburtsort auch heute noch zelebrierten Kultes um ihn.
Der Autor arbeitet auch die Grundzüge der (aus deutscher Sicht: eher lückenhaften) Aufarbeitung des Faschismus nach dem Zweiten Weltkrieg heraus, mit ihrer Verknüpfung zu den politischen Strömungen im Nachkriegs-Italien.
Negativ ist die zum Teil arg saloppe Sprache anzumerken: da bleiben Juden „auf der Strecke“ und Frauen „waren…. eine Art Moltofill“ für den „Duce“, Menschen springen „über die Klinge“. Ein Lektor hätte hier gutgetan.
Insgesamt aber: Sehr empfehlenswerte Lektüre.

Bewertung vom 14.08.2016
Durchbruch bei Stalingrad
Gerlach, Heinrich

Durchbruch bei Stalingrad


sehr gut

Der Verfasser war Offizier im Range eines Oberleutnants einer deutschen Panzer-Division (zuständig für Feindlage und Nachrichten), die als Teil der 6.Armee bei Stalingrad eingeschlossen wurde. Mit dem endgültigen Zusammenbruch der 6.Armee geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft.
Bereits im Herbst 1943 begann er mit den ersten Aufzeichnungen zu seinem Roman „Durchbruch“. Durch die Unmittelbarkeit des eigenen Erlebens ist dem Verfasser eine durchgehend packende und dramatische Darstellung des Geschehens ab der Einschließung der 6. Armee am 19. November 1942 gelungen.
Der Fokus liegt sehr stark auf dem Verhalten einzelner Soldaten, Offizier oder einfacher Landser, deren Schicksal in den verschiedenen Stadien der Entwicklung des Kessels geschildert wird: Heldentum und parallel das niederträchtigste Verhalten liegen nah beieinander.

Erschütternd sind die Schilderungen der Lage der Verletzten und Kranken in den Lazaretten, die zum Schluß auch nur noch aus Drecklöchern bestanden.
Hier bewahrheitet sich der Ausspruch von Remarque, daß man nur in die Lazarette gehen müsse, um zu sehen, was Krieg eigentlich bedeute.
In den Offizierslagern konnte der Autor andere Offiziere nach dem Geschehen in deren Frontabschnitten im Kessel von Stalingrad befragen. Nachträglich hatte er so einen sehr unmittelbaren Überblick über die Gesamtlage der Armee.
Dadurch ist es ihm gelungen, ein auch historisch sehr zutreffendes Bild der Lage der 6.Armee zu schildern.
Zwar legt der Verfasser Wert darauf, daß es sich um einen Roman handelte, und daß daher viele der von ihm geschilderten Personen rein fiktive seien. Abgesehen davon, daß er Hauptakteure wie Paulus und dessen Chef des Generalstabes Schmidt bei Namen nennt, kann der historisch Interessierte aufgrund der akkuraten Angaben des Autors sehr schnell ermitteln, wer sich wohl hinter den vom Autor gewählten Namen verbirgt.
Eine ergreifende und unmittelbare Darstellung des Krieges, von daher unbedingt zu empfehlen.
Das Buch selbst hat ebenfalls eine faszinierende Geschichte: es wurde dem Verfasser 1949 als Manuskript noch in sowjetischer Gefangenschaft abgenommen. Das Manuskript wurde 2012 von dem Herausgeber Carsten Gansel n einem Moskauer Archiv wiederentdeckt. Das Buch war also über 60 Jahre „eingefroren“.
In den 50iger-Jahren hatte Heinrich Gerlach auch mit der Hilfe einer Hypnose versucht, das Manuskript wiederherzustellen.
Der Herausgeber schildert diese Vorgeschichte des Buches sehr ausführlich. Er gibt auch eine gute Übersicht über die Rezeptionsgeschichte von Kriegsliteratur in West- und Ostdeutschland.

Mit der Arbeit des Herausgebers beginnt aber auch das Ärgerliche an diesem Buch:

Der Roman strotzt nur so von Rechtschreibfehlern. Fast auf jeder Seite ein Rechtschreibfehler. Der Oberbefehlshaber des Heeres hieß halt nicht „Hilter“, sondern „Hitler“.

Zudem hätte dem Buch die Durchsicht durch einen mit militär-historischen Grundkenntnissen ausgestatteten Leser gut getan: Daß die korrekte Abkürzung des „Oberkommandos des Heeres“ nicht „OHK“ ist, ist weder dem Herausgeber noch den von ihm in der Danksagung aufgeführten und gewürdigten zahlreichen Mitarbeitern aufgefallen. Dann hätte der Herausgeber auch nicht den bitteren Fehler gemacht, den Chef des Generalstabes im Range eines Generals (von Sodenstern) zum Vorgesetzten eines Generalfeldmarschalls (von Weichs) zu machen: die Lektüre des Buches von Heinrich Gerlach hätte ihn darüber belehrt, daß „Chef“ die Bezeichnung des Ersten Generalstabsoffiziers („Ia“) war, und nicht eine Überordnung über seinen Vorgesetzten bedeutet.

Die Lektüre hätte auch davon profitiert, wenn Kartenmaterial und eine Erklärung der verwandten militärischen Fachbegriffe beigefügt worden wäre.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.03.2014
Martin Luther
Schilling, Heinz

Martin Luther


ausgezeichnet

Der Verfasser dieser Bewertung hatte bis zur Lektüre von „Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ praktisch keine Kenntnisse über die Zeit Luthers und sein Leben.
Das Buch hat diese Wissenslücke geschlossen, und dies auf eine gewinnende Art:

Es wird überaus deutlich, dass der Autor auf seinen gesamten Wissensschatz zurückgreift, den er als Historiker angehäuft hat: Heinz Schilling ist em. Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Fast schon spielerisch, lässt er den Leser an diesem Schatz teilhaben. Mit weitausgreifendem und kräftigem Pinselstrich schafft er ein farbiges und plastisches Gemälde der spätmittelalterlichen Welt im Übergang zur Neuzeit, in die Luther mit seinem alte Gewissheiten umstürzenden Werk hineinstürmte. Spannend erzählt er von den Strömungen, denen das „alte Europa“ in diesem Zeitraum ausgesetzt war, und davon, welche Einflüsse diese Tendenzen auf Luther hatten (oder auch nicht).

Form und Inhalt stimmen in diesem Buch völlig überein: Auch sprachlich ist das Buch ein Genuss. Die Meisterschaft, den Stoff zu beherrschen, schlägt sich in der ausdrucksstarken und zugleich flüssigen Sprache nieder.

Nicht nur die Sprache unterhält, sondern der Autor hat auch den Mut, in seine Schilderungen Details einzustreuen, die z.B. zeigen, mit welchen alltäglichen Widrigkeiten der Reformator zu kämpfen hatte: da gab es nicht nur körperliche Gebrechen, sondern auch die vielen Reisen, die er unternommen hat, müssen eine rechte Plackerei gewesen sein. Luther mußte während der Zeit in Worms, wo es bei seinem Auftritt vor dem Kaiser und dem Reichstag ja für ihn um einiges ging, sein Schlafzimmer mit zwei Mitbewohnern teilen!
Der Autor dankt seiner Frau für die kritische Hilfestellung bei der schriftstellerischen Arbeit. Daher ein Kompliment auch an die Frau des Autors, der aber einige eher ulkige Rechtschreibfehler („Postkirche“ und plötzlich taucht ein Herr „Karstadt“ auf) entgangen sind.
Ein Glossar der verwendeten theologischen Begriffe (wie es z.B. in den Jesus-Büchern von Benedikt XVI enthalten ist) wäre für den Laien hilfreich.

Unbedingt zu empfehlen, gerade auch für den Leser, der sich über die lutherische Theologie eigenbettet in eine farbenfrohe Schilderung des Lebens des Reformators informieren möchte!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 26.12.2013
Fremde Heere Ost
Pahl, Magnus

Fremde Heere Ost


ausgezeichnet

„Fremde Heere Ost“ („FHO“) schildert die Entwicklung der militärischen Feindaufklärung an der Ostfront während des Zweiten Weltkrieges. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Zeitraum, in dem „FHO“ unter der Leitung des (nach dem Weltkrieg: legendären) Reinhard Gehlen stand.
Der Autor schildert die mäßigen Leistungen der Abteilung „FHO“, bevor Gehlen im Frühjahr 1942 die Leitung übernahm.
Gehlen sorgte nach seiner Amtsübernahme durch organisatorische und personelle Maßnahmen dafür, dass die durch die Feindaufklärung gewonnenen Informationen einer systematischen Analyse zugeführt wurden. Eine streng-analytische Aufarbeitung der Erkenntnisse über den östlichen Gegner war vor seinem Eintritt in die Abteilung offensichtlich nicht erfolgt.

Auch nach seinem Amtsantritt hatte die „FHO“ mit fundamentalen Herausforderungen zu kämpfen: die größte war der Umstand, dass die eigentliche Beschaffung der Nachrichten über den Gegner nicht „FHO“ oblag, sondern den Frontaufklärern. Diese wurden von der Abwehr geführt, unterstanden aber zumindest fachlich „FHO“.
Die Aufklärung an der Front war z.T. recht lückenhaft. So waren die für die Feindaufklärung zuständigen Ic-Generalstabsoffiziere der Fronttruppen oftmals nicht motiviert, sich um eine systematische Feindaufklärung zu kümmern, oder diese konnte z.B. aufgrund von Personalknappheit nicht durchgeführt werden.
Eine Aufklärung in der Tiefe des Hinterlandes des Gegners fand mangels entsprechend platzierter Agenten überhaupt nicht statt. Daher blieben der deutschen Führung die riesigen personellen und materiellen Reserven der „Roten Armee“ weitestgehend verborgen.

Gehlen führte einen permanenten Kampf um seine Zuständigkeiten. Aufgrund eines „Führerbefehls“ aus Februar 1944, der eine Überführung der Abwehr (und damit der ihr unterstehenden Frontaufklärung) unter das Dach des von der SS geführten Reichssicherheitshauptamtes befahl, unterlag Gehlen (und mit ihm der Generalstab) zum Schluss seiner Amtszeit (er wurde im April 1945 von Hitler entlassen) weitgehend seinem gefährlichsten Gegner.

Gehlens Stellung im Machtgefüge der obersten militärischen Führung wurde auch nicht gerade durch durchschlagende Erfolge der Arbeit von „FHO“ gestärkt. Zudem hatte insbesondere Hitler mit seinem für Ideologen typischen gestörten Verhältnis zur Wirklichkeit überhaupt kein Verständnis dafür, dass Voraussagen des gegnerischen Verhaltens immer mit erheblichen Unsicherheiten verknüpft sind. Zutreffende Meldungen über Feindstärke wurden vom „Führer“ als defätistisch geschmäht.
Anhand einer sehr plastischen Darstellung der sowjetischen Angriffe gegen Ostpommern Anfang 1945 werden sämtliche Herausforderungen, vor denen die deutsche Führung und insbesondere „FHO“ zum damaligen Zeitpunkt standen, anschaulich dargestellt: ungleiche Kräfteverteilung, erfolgreiche Täuschungsmanöver der „Roten Armee“, unzureichende deutsche Feindaufklärung, überbordendes Misstrauen bei Hitler gegenüber den von „FHO“ vorgelegten Einschätzungen.
Die Schilderung dieses Fallbeispiels ist sehr umfangreich und detailliert, auch mit Kartenmaterial unterlegt, sodass der Leser der Darstellung sehr genau folgen kann.

Spätestens nach seiner Verabschiedung im Frühjahr 1945 begann Gehlen, für die Zeit nach Hitler zu planen. Einen erheblichen Teil der durch „FHO“ erstellten Feindlageanalysen konnte Gehlen vor dem Zusammenbruch in den süddeutschen Raum schaffen. Er wus

Bewertung vom 08.10.2013
Unter Soldaten und Agitatoren
Plöckinger, Othmar

Unter Soldaten und Agitatoren


ausgezeichnet

Es ist allgemeiner Konsens, dass die Radikalisierung Hitlers nach seiner Rückkehr nach München, in der Zeitspanne zwischen November 1918 (Entlassung aus dem Lazarett in Pasewalk) und 1920, dem Ende seiner Militärzeit, stattfand.
Die Quellenlage ist allerdings dürftig. So ist z.B. bis auf ganz wenige, von Hitler selbst stammende Angaben, unbekannt, welche Bücher und andere Schriften Hitler in dieser Zeit tatsächlich gelesen hat.
Der Autor versucht nun durch eine äußerst intensive Schilderung des politischen und agitatorischen Umfeldes die auf Hitler wirkenden Einflüsse nachzuzeichnen. Und dies gelingt in durchaus überzeugender Weise.
Der Autor schildert zunächst die völlig unauffällige Existenz (von Laufbahn kann angesichts seiner Passivität keine Rede sein) Hitlers im „Alten Heer“ nach seiner Rückkehr; als Militär sind für Hitler in dieser Zeit lediglich einige Propagandaeinsätze bemerkenswert.
Um Hitlers Umfeld (von „geistigem“ kann angesichts des rabiaten Antisemitismus, der z.T. herrschte, nicht gesprochen werden) aufzuhellen, ist der Autor tief in die Archive und sonstige Quellen eingestiegen. Durch eine Fülle von Indizien beschwört der Autor die aufgeheizte Atmosphäre im München der Räterepublik und der Zeit nach dem Einmarsch der Reichstruppen herauf. Dies geschieht nicht nur im Haupttext des Buches, sondern auch in den Anmerkungen verbirgt sich eine Fülle von Hinweisen, die das Gesamtbild tragen und stützen.

Der Autor hat zeitgenössisches Schriftgut in jedweder Form ausgewertet: Bücher, Flugschriften (die damals massenhaft verteilt und innerhalb und außerhalb des Militärs intensiv gelesen wurden), Handzettel, etc.
Der Autor gibt damit einen intensiven Einblick in die vehementen Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten, und noch interessanter, in die zwischen den Splittergruppen im rechten, völkischen Lager. Wenn es nicht so blutig geendet hätte, könnte der Leser manchmal ob der Spinnereien, die dort verkündet wurden, laut auflachen.

Die Einflüsse, denen Hitler und seine Gesinnungsgenossen damals ausgesetzt waren, werden durch diese Arbeit überdeutlich. Deutlich wird auch die Bereitschaft, mit der insbesondere antisemitische Thesen und Vorstellungen aufgenommen wurden, und das Weltbild prägten.
Einzelne Formulierungen des Parteiprogramms der NSDAP wurden praktisch wortwörtlich aus antisemitischen Flugschriften und der allgemein verbreiteten Wortwahl der Antisemiten übernommen.

Das Buch ist dabei auch noch fast schon spannend, und sehr flüssig geschrieben. Dieser Autor kann sein Thema darstellen, was wohl auch damit zusammenhängt, dass diese Schrift auf mehrere Vorarbeiten des Verfassers zu Hitler und Fragen der Propaganda zurückgreifen kann.
Zum Lesevergnügen trägt auch eine gewisse ironische Distanz des Autors bei, die er gegenüber den Behauptungen Hitlers in „Mein Kampf“ den und abstrusen Thesen insbesondere der Antisemiten und Antibolschewiken, an den Tag legt.
Absolut empfehlenswert!
Ärgerlich ist die sich steigernde Anzahl der Druckfehler in dem Buch. Zwar gibt sich der Autor größte Mühe, fehlende Satzzeichen in den zitierten Texten nachzutragen, und sonstige Unebenheiten auszugleichen, diese Sorgfalt hätte aber auch seinem eigenen Buch gut zu Gesicht gestanden.
Dass Verlage noch nicht einmal über Rechtschreib-Programme verfügen, ist ja heute leider kein Einzelfall.

Bewertung vom 25.08.2013
Allmayer-Beck, Johann Chr.

"Herr Oberleitnant, det lohnt doch nicht!"


weniger gut

Der Autor legt seine „Kriegserinnerungen an die Jahre 1938 bis 1945“ vor. Gerade für die Nachgeborenen interessant und beeindruckend ist der Umstand, daß diese Aufzeichnungen kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, und ungeschminkt und auch ungeschützt die Kriegserlebnisse eines Offiziers schildern, den die Niederlage schmerzt, und der dazu auch steht.
Daß die Aufzeichnungen nicht nachträglich erheblich bearbeitet worden seien, ist sehr glaubhaft.

Das Buch ist eine erfreuliche und erfrischende Ausnahme von all der Betroffenheitslektüre über den Zweiten Weltkrieg, die dem Leser insbesondere vorschreiben will, was er zu fühlen hat. Bis auf einige Unverbesserliche dürfte für die meisten Interessierten feststehen, was von diesem Krieg zu halten ist. Der Autor wendet sich an den Leser, der noch selbst denken will.

Die Aufzeichnungen waren ursprünglich nur für die Familie des Autors gedacht. Der Verfasser hat sich dann entschlossen, seine Erinnerungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ein Herausgeber wurde eingeschaltet. Leider haben weder Autor noch Herausgeber die nötigen Konsequenzen aus dieser Entscheidung gezogen.
Die Artillerie-Einheit des Autors war in der Heeres-Gruppe „Nord“ eingesetzt, und hat in deren Einsatzgebiet eine Vielzahl von Stellungen eingenommen. Der Autor schildert die einzelnen Stationen seines Einsatzes sehr detailliert. Aber: keinerlei Kartenmaterial in dem Buch (und dies bei diesem stolzen Preis). Der Leser wird aufgrund der Vielzahl der mit ihren russischen Ortsnamen angegeben Einsatzorte ganz durcheinander. I.ü. würde Kartenmaterial auch die ganz außergewöhnlichen physischen Leistungen der Einheit in der Verlegung von einem Einsatzort zum anderen deutlich machen.

Wiederholt weist der Verfasser darauf hin, daß ihm die Lage an der Front seiner Heeresgruppe nicht bekannt gewesen sei; er habe versucht, sich auf eigene Initiative einen Überblick zu verschaffen. Gänzlich fehlte ihm der Überblick über die Gesamtlage an der Ostfront. Auch dies hätte den Herausgeber veranlassen sollen, zumindest einen Überblick über die Entwicklung der Lage der Heeresgruppe „Nord“ zu geben.

Dem Herausgeber ist noch nicht einmal gelungen, das richtige Datum zu ermitteln, zu dem die Division des Autors im „Wehrmachtsbericht“ erwähnt wurde: am 28.09.1944 (und nicht am 26.09.1944, wie auf S. 450 ausgeführt). Zudem leistet der Herausgeber gerade das, was der Autor vermeidet: Wertung. So führt der Herausgeber aus, der Autor schildere „sein Entsetzen“, als er vor dem Rußland-Feldzug von dem völkerrechtswidrigen „Kommissar-Befehl erfuhr (S. 521). Im Text des Autors kein Wort von „Entsetzen“, dort wird nur ausgeführt, daß er den Befehl bei Bekanntgabe für „schlicht völkerrechtswidrig“ gehalten habe (S. 169).

Dem Herausgeber hätte es auch gut angestanden, wenigstens die Vielzahl der störenden Rechtschreibfehler auszumerzen, zudem einige sprachliche Unebenheiten zu glätten.
Lobenswert ist ein vom Herausgeber erstelltes Glossar militärischer Fachbegriffe, zudem sehr detaillierte Informationen über die Gliederungen des Heeres der Deutschen Wehrmacht.
Aber dafür € 39? Gesamturteil trotz der beachtenswerten Einsichten des Verfassers: „Det lohnt doch nicht!“

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