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dracoma
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LANDAU

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Insgesamt 248 Bewertungen
Bewertung vom 09.01.2026
Marshall, Kate Alice

Eisnebel (MP3-Download)


gut

Mein Hör-Eindruck:
Eine winterlich eingeschneite Landschaft, fernab von jeder Zivilisation, auch per Handy nicht erreichbar – das ist ein bekanntes Setting, das immer gut funktioniert. Die Autorin reichert es an mit dem luxuriösen und weitläufigen Domizil der Familie Dalton, für die Geld keine Rolle spielt. Theodora, die Ich-Erzählerin, bildet einen Gegenpart dazu: sie ist ein no-name, ein Waisenkind ohne finanzielle Ressourcen und mit unklarer Vergangenheit, kurz: sie ist das Aschenputtel, das mit dem Märchenprinz Connor Dalton verlobt ist.
Die Autorin erzählt das Aufeinanderprallen dieser beiden Welten durchaus anschaulich. Anonyme Warnungen und Drohungen, merkwürdige Verhaltensweisen, Anspielungen und unklare Aktionen einiger Familienmitglieder deuten auf streng gehütete Familiengeheimnisse hin, die Theo ergründen will, wobei Theo wiederum ihre eigene Vergangenheit – soweit sie ihr bekannt ist - aus guten Gründen auch unter Verschluss hält. Parallel zum Aufdecken der Dalton-Geheimnisse dringt Theo mit flashbacks in ihre eigene Familiengeschichte vor und erkennt, dass sie nicht zum ersten Mal hier ist. Stück für Stück wird nun ihre eigene Geschichte mit der der Familie Dalton zusammengeführt
Damit hätte die Autorin zwar eine klischeehafte, aber tragfähige Basis für einen spannenden Krimi, der ohne die zahlreichen Wiederholungen auskommen könnte. Nach einem eher schleppenden Beginn sorgen eine Vielzahl von Wendungen und ständig wechselnde Verdächtigungen für Spannung, auch wenn einige sehr konstruiert und teils unlogisch wirken. Theodora, das Aschenputtel, soll offensichtlich eine Identifikationsfigur sein. Mir persönlich fiel es aber schwer, für jemanden Sympathie zu empfinden, der ohne Not heimlich die Koffer und die Telefone anderer Leute durchsucht und dessen Verhalten ich immer wieder als übergriffig gesehen habe.
Trotzdem: ein Happy-End bindet die Liebenden aneinander, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Großes Lob für die Sprecherin Heike Warmuth und ihre angenehme Stimme!

Bewertung vom 05.01.2026
Jansson, Tove

Das Winterbuch (eBook, ePUB)


sehr gut

Mein Lese-Eindruck:

Ein wunderschönes Cover, das unseren Vorstellungen eines eisigen, sonnigen, hellen Winters entspricht! Aber nicht denen Tove Janssons...

In diesem Buch versammelt der Herausgeber kurze Geschichten aus dem Werk Tove Janssons, alle zum Thema Winter. Teilweise sind es Auszüge aus anderen Erzählungen, sodass man als Leser auf alte Bekannte treffen kann. Die Perspektiven wechseln; mal ist es die Perspektive des kleinen Mädchens, das Weihnachten mit seinen Eltern im Atelier feiert, mal die Perspektive des Erwachsenen, der als Nachtwächter auf ein streitendes Paar trifft, oder die Perspektive der jungen Frau, die mit „leichtem Gepäck“ einen Neubeginn wagt, und dann wieder sind es reine Naturbeschreibungen, die die Stimmung eines Wintertages einfangen.

Und diese Stimmungen unterscheiden sich von den Assoziationen, zu denen das Cover verführt. Tove Janssons Winter sind selten strahlend und freundlich. Sie sind grau und düster, die Tage sind kurz, der Schnee wirkt teilweise bedrohlich, der Winter macht die Menschen einsam und melancholisch. Zwischenmenschliche Konflikte, denen Tove Janssons besonderes Augenmerk gilt, treten deutlicher hervor und eskalieren. Diesem Zwischenmenschlichen gilt Tove Janssons besonderes Augenmerk. Sie beschreibt Konflikte in starken Bildern und wohltuend wenigen Worten, die gerade durch ihren Minimalismus dem Leser Platz lassen für seine eigenen Gedanken. Dasselbe gilt für ihre Naturbeschreibungen: präzise, wortsicher, atmosphärisch dicht, mit treffenden kurzen Beschreibungen und mit einem sicheren Blick für das Schöne des Augenblicks.

Fazit: Ein Sammelband unterschiedlicher Texte zum Thema Winter, mit einem informativen Nachwort.

Bewertung vom 29.12.2025
Winn, Alice

Durch das große Feuer


gut

England im Jahr 1914, dem 1. Kriegsjahr. In einem englischen Nobel-Internat leben Sydney Ellwood, ein Romantiker, der Gedichte schreibt, und Henry Gaunt, der deutsche Wurzeln hat. Beide können ihre homosexuelle Beziehung ungehindert und ungestraft ausleben. Noch dringt der Krieg nicht in die Gemeinschaft der Schüler ein, sodass die Autorin sich dem täglichen Leben der Schüler zuwenden kann. Prügeleien, Demütigungen, Mobbing und vor allem massive sexuelle Übergriffe scheinen an der Tagesordnung zu sein und sichern die Machtverhältnisse innerhalb der Schülerschaft. Man kann als Leser nur hoffen, dass die Autorin übertreibt. Die Schülerzeitung veröffentlicht Listen gefallener, verwundeter und vermisster ehemaliger Schüler, und so dringt der Krieg schließlich doch in die Schule ein. Schüler melden sich zu den Waffen, teils aus nationaler Begeisterung, teils unter familiären und teils unter sozialem Druck.
Den Schrecken des Krieges gehört der Hauptteil des Romans. Die Autorin schont ihre Leser nicht und schildert teilweise minutiös grausame Kriegshandlungen und schwerste Verletzungen. Hier baut sie ein hohes Maß an Authentizität auf, das sie unterstützt mit Feldpostbriefen und mit Nachrufen aus der Schülerzeitung. Henry und Gaunt rücken ebenfalls ein, und nach wie vor leben sie ohne Scheu ihre Homosexualität aus, die offensichtlich allgemein wie selbstverständlich akzeptiert wird. Damit verliert der Roman meiner Meinung nach ein Gutteil an Authentizität, denn immerhin war Homosexualität zum damaligen Zeitpunkt noch strafbar und nicht nur ein Kavaliersdelikt.
Entscheidender ist allerdings das, was der Krieg aus ihnen und den vielen anderen jungen Männern macht. Hier gelingen der Autorin sehr eindringliche Bilder, wenn sie z. B. den Vater von zwei gefallenen Söhnen sprechen lässt; und wenn man in den Nachrufen in der Schülerzeitung liest, dass auch der letzte verbliebene Sohn den „Heldentod fürs Vaterland“ gestorben ist, erscheint einem das Leid der Eltern unvorstellbar. Angstattacken, Halluzinationen, Paranoia, Kriegsneurosen, lebenslange Traumata, der Verlust von Berufsmöglichkeiten und Lebensträumen, zerstörte Liebesbeziehungen – das sind die Folgen des Krieges, dem Sydney mit seinen Gedichtrezitationen immer wieder entkommen will.
Fazit: Kein Liebesroman, auch kein Gesellschaftsroman, sondern eher ein opulenter Antikriegs-Roman, der zwar vor der Beschreibung grausamer Details nicht zurückschreckt, aber gelegentlich zu langatmig und zu unrealistisch ist.
Trotzdem: LESENSWERT!
3,5/5*

Bewertung vom 28.12.2025
Erdrich, Louise

So war die Welt (eBook, ePUB)


sehr gut

Louise Erdrich versetzt uns in ihre Heimat, das Red River Valley in North Dakota: eine ländliche Gegend, fernab von jeder Großstadt und den damit verbundenen Vergnügungen. Über einige Jahre hinweg begleitet sie das Leben einiger Figuren, allen voran das der jungen Kismet und ihrer Mutter Crystal. Ihr Leben wird, wie das der anderen Figuren auch, bestimmt durch die Landwirtschaft und die Probleme, die damit zusammenhängen. Erdrich beschreibt in der Figur Crystals die finanziellen Probleme einer meist indigenen Landarbeiterschicht, die bei allem Fleiß nicht auf einen grünen Zweig kommt. Kleine landwirtschaftliche Betriebe können sich nicht halten, u. a. durch die Schuldenbelastung aufgrund des Börsencrashs von 2008. Daneben stehen die industrialisierten landwirtschaftlichen Großbetriebe, die mit dem Aufkauf der verschuldeten Kleinbetriebe zwar ihr Überleben sichern, aber die mit dem schrankenlosen Einsatz von Pestiziden massive ökologische Probleme in Kauf nehmen müssen. Der Red River, an dem die Autorin aufgewachsen ist, ist zwar nach wie vor die Lebensader des Tals, aber durch Abwässer und Gifte verseucht.
Diese allgemeinen Probleme vermengt Erdrich mit dem Leben ihrer Figuren. Jede Figur wirkt dreidimensional und lebensecht, und es sind perfekt gezeichnete Portraits, die sie dem Leser vorstellt. Alle Figuren sind gemischte Charaktere, keine ist nur gut oder böse, und nicht alle ihre Entscheidungen kann der Leser nachvollziehen. Spannung entsteht durch Kismets Dreieck-Beziehung und vor allem durch das allmähliche Aufdecken eines folgenschweren Unfalls, der wie eine schwarze Wolke über der Kleinstadt hängt.
Dennoch wird der Roman nicht durch eine spannungsgeladene Handlung bestimmt. Er ist eher der durchaus liebevolle und auch humorvolle Blick auf das alltägliche Leben in einem ländlichen Mikrokosmos: so war die Welt eben.

Bewertung vom 23.12.2025
Setz, Clemens J.

Rainer Maria Rilke. 100 Seiten


ausgezeichnet

Das Buch hat mich begeistert!
„Der Panther“ dürfte Rilkes bekanntestes Gedicht sein, und auch so schöne Zeilen wie „Wie soll ich meine Seele halten, daß / sie nicht an deine rührt“ machen Rilke unsterblich.
Clemens J. Setz nähert sich seinem Dichterkollegen Rilke nicht analytisch, sondern dichterisch. Er verzichtet auf eine biografische Gliederung, sondern wählt thematische Schwerpunkte wie z. B. das Prager Deutsch, Von Puppen und Schädeln, Kindheit, Das Eigenleben der Hände etc. Natürlich verortet er Rilkes Werke mit Daten in dessen Leben, aber in jedem dieser Unterkapitel fächert er das Thema breit auf mit persönlichen Assoziationen, mit Vergleichen und auch mit biografischen Hinweisen. So entsteht eine Sammlung kluger Essays, in denen Clemens Setz seine profunde Kenntnis zeigt.

Im Mittelpunkt steht immer die Sprache. Wie sollte es auch anders sein, wenn sich ein Dichter dem Werk eines Kollegen annähert. Rilkes sprachliche Virtuosität kann durch ihre Regelbrüche und unklaren bzw. unerwarteten Bezüge irritierend und irrisierend sein, aber gerade dieses Irrisierende führt bei Setz – und damit auch beim Leser – immer wieder zu Assoziationen, zu Fragestellungen und zur Reflexion. Und da liegt das Besondere dieses kleinen Buches: Clemens Setz liefert keine germanistische Analyse, sondern eine dichterische Reflexion über einen Dichterkollegen, der ebenfalls die Wirklichkeit, das Leben und sein Werk ständig reflektierte.
Große Lese-Empfehlung!

Bewertung vom 09.12.2025
Graw, Theresia

In uns der Ozean (MP3-Download)


sehr gut

Rachel Louise Carson (1907- 1964), Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin, gilt als die Pionierin des Umweltschutzes und des Gedankens der Nachhaltigkeit. Ihr Buch „Der stumme Frühling“ beschwor schon 1962 eindringlich die Gefahren eines Umgangs mit der Natur, der auf Profitmaximierung abzielte. Konkret war es der hemmungslose und unkontrollierte Einsatz des Insektenvertilgungsmittel DDT, den Carson in ihrem Buch ins Visier nahm.
Graw schildert sehr anschaulich, wie Rachel Carson aus einer Fülle von eher zufälligen Einzelbeobachtungen – das Sterben von Schmetterlingen, der Schwund von Singvögeln an ihrem Futterhäuschen, ein toter Spatz am Wegesrand – dazu kommt, das neue chemische Insektenbekämpfungsmittel DDT zu verdächtigen. In jahrelangen Forschungen kann sie beweisen, dass DDT, ein gefeiertes Wundermittel, durch seinen übermäßigen Einsatz katastrophale Folgen zeigt. Damit legt sie sich mit der mächtigen chemischen Industrie und auch den staatlichen Behörden an, ein Kampf, dem sie sich nach anfänglichem Zaudern bewusst und mit einem bewundernswerten Maß an Zivilcourage stellt. Und sie legt sich zugleich mit einem wissenschaftlichen Betrieb an, der sich als Männerdomäne versteht und Frauen ausgrenzt. Rachel Carsons Mut wird belohnt. Ihr Buch wird ein weltweiter Bestseller, die Öffentlichkeit wird aufgerüttelt, und die Regierung muss reagieren.
Theresia Graw hat gründlich recherchiert und, wie sie im Nachwort erzählt, und sich aber nicht für eine Biografie, sondern für eine Romanbiografie entschieden. Daher hat sie die Fakten angereichert mit einigen fiktiven Elementen, u. a. um den feministischen Appellcharakter des Buchs zu verstärken. So führt sie die Figur des Dan ein, Rachel Carsons Freund. Dan betrachtet die Forschungstätigkeit seiner Verlobten als rufschädigend und stellt diesen vermeintlichen guten Ruf über seinen Heiratswunsch. Passt das zu dieser liebenswerten und unkonventionellen Figur? Und ist das realistisch? Ich habe einige Gegenbeispiele aus meiner Familie parat, im rückständigen (?) Europa dieser Zeit. Dennoch: die Schwierigkeiten einer Frau in einer männlich dominierten Naturwissenschaft sind unbestritten. Dennoch wird das Thema mit wiederholten feministisch klingenden Dialogen recht strapaziert.
Rachel Carsons Liebe zur Natur, vor allem zum Meer, und ihr ehrfürchtiges Staunen vor der Schöpfung spricht aus jedem Kapitel. Der Autorin gelingt es wie Carson auch, einen leichten und eingänglichen Ton zu treffen, ohne ins Banale abzusinken, und die Sprecherin unterstützt diesen Erzählton sehr schön. Privates und Wissenschaftliches werden eng miteinander verzahnt, wobei das private Leben und die Gefühle der Protagonistin ein Schwergewicht der Erzählung bilden. Geschmackssache.
Unbestritten aber ist die Tatsache, dass Carsons Botschaft nach wie vor gilt: Alles Leben der Erde ist miteinander verbunden, im Kleinen wie im Großen, und: RESPICE FINEM. Bedenke die Folgen! In diesem Sinne: ein lesenswertes Buch.

Bewertung vom 03.12.2025
Calic, Marie-Janine

Balkan-Odyssee, 1933-1941 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Mein Lese-Eindruck:

1933: Hitlers Machtergreifung führte zu großen Fluchtwellen, die sich auf den Routen nach Südfrankreich, Spanien und dann in die USA bewegten. Calic rückt hier eine eher vergessene bzw. weniger beachtete Route ins Zentrum: die Flucht über den Balkan mit dem Ziel, von einem der Seehäfen aus nach Palästina oder in überseeische sichere Länder zu gelangen. Die europäischen Länder verschlossen in den 30er Jahren ihre Grenzen für die Flüchtlinge bis auf Jugoslawien und Albanien – beides wenig entwickelte Staaten, die vor allem Wissenschaftler gerne aufnahmen, um den heimischen Nachwuchs auszubilden. Die ethnische und religiöse Zugehörigkeit spielte in diesen Staaten keine Rolle, weil sie in der Tradition des Osmanischen Reichs das Nebeneinander mehrerer Religionen und Ethnien gewohnt waren und Toleranz in der Verfassung verankert war.
Calic nimmt in ihrem Buch viele Einzelschicksale in den Blick, die sie akribisch aus einer unendlichen Fülle an Primärquellen zusammenstellt: aus Tagebüchern, Briefen und Zeitungsartikeln. Der Leser begegnet bekannten Namen wie Manès Sperber, der Schauspielerin Tilla Durieux, dem Maler Richard Ziegler, dem Literaten Ernst Toller, er liest von vielen hochdotierten Wissenschaftlern wie dem Krebsforscher Blumenthal, dem Philosophen Liebert und anderen, von Künstlern, Schriftstellern und Journalisten – aber er liest auch von Unbekannten wie z. B. von Annemarie Wolff-Richter, die mit einem ganzen Kinderheim die Flucht antritt. Oder von Walter Klein, dessen Biografie das ganze Elend des Flüchtigen spiegelt. Walter Klein, ein junger Wiener, sitzt mit Tausenden anderer Flüchtlinge in Kladovo auf einem Seelenverkäufer auf der Donau fest, getrennt von seiner Familie, die Weiterfahrt wird ständig verschoben, weil Schiffe fehlen, und als die Donau zufriert, ist an kein Entkommen mehr zu denken. Das Entkommen wird auch aus politischen Gründen schwieriger: Jugoslawien und Griechenland werden besetzt, und weil Deutschland das rumänische Erdöl braucht, schließt Rumänien seine Grenzen für die Flüchtlingen. Walter Klein wird schließlich von der Wehrmacht erschossen.
Mit solchen Einzelschicksalen zeigt Calic die Dramatik und Tragik der Flucht über den Balkan, die nur für wenige in Palästina endete. Gleichzeitig hat sie aber die Gesamtlage und die Zeitgeschichte im Blick, und es gelingt ihr hervorragend, die sehr verwirrende Gemengelage in klaren Zügen zu vermitteln und immer mit dem Schicksal der betroffenen Menschen zu verbinden.
Das Buch wendet sich an den historisch interessierten Laien, und gerade diese Verbindung aus berührenden Einzelschicksalen und de Zeitgeschichte ist es, die das Buch zu einer wichtigen, fesselnden Lektüre machen. Diesem Buch wünsche ich viele viele Leser.

Bewertung vom 02.12.2025
Elvedal, Anne

Station 22. Wo bist du sicher? (eBook, ePUB)


weniger gut

Mein Lese-Eindruck:
Station 22 ist eine Station in einem psychiatrischen Krankenhaus, in der junge Frauen untergebracht werden. Dort arbeitet Ida als Krankenschwester, sie ist beliebt und engagiert. Sie ist allerdings selber schwer traumatisiert durch ein Kindheitserlebnis. Ida wurde als 5jährige entführt und tauchte nach zwei Jahren wieder auf, ohne jede Erinnerung an die durchlittene Zeit. Eines Tages verschwindet wieder eine junge Patientin, der sich Ida sehr verbunden fühlt. Sie erkennt in diesem und auch den vorhergehenden Fällen die Spur ihres ehemaligen Peinigers und versucht, durch Hypnose ihr Gedächtnis zu aktivieren, um dem Täter auf die Spur zu kommen.
Damit schafft die Autorin eine beklemmende Atmosphäre, die durch den sehr langsamen Aufbau der Handlung verstärkt wird. Einige Kürzungen hätten dem Roman gutgetan, vor allem, da die Handlung im Fortgang deutlich verworrener wird. Vor allem bei den Hypnose-Sitzungen ist Konzentration verlangt, um Wirklichkeit und Unterbewusstes zu unterscheiden, wobei das Unterbewusste/Unbewusste immer wieder zusätzlich in Frage gestellt wird. Die sexuellen Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen der Therapeuten sind verwunderlich und nicht recht glaubwürdig. Sex sells?
Rund um Ida werden einige Personen gruppiert, die der Reihe nach von Ida verdächtigt werden, wobei ihre Gründe nicht nachvollziehbar sind. Unklar bleibt, welche Rolle dem Obdachlosen zukommt, der mit Verstorbenen in Kontakt treten kann. Das Ende kommt, weil der Roman ein Ende haben muss und nicht, weil sich die Handlung stringent darauf zu bewegt. So wirkt das Ende überraschend und konstruiert.
Der Thriller ist geeignet für Leser, die sich für psychische Abgründe und Hypnose interessieren und keine Probleme mit gelegentlichen Unglaubwürdigkeiten haben.

Bewertung vom 14.11.2025
Clavadetscher, Martina

Die Schrecken der anderen (MP3-Download)


sehr gut

Mein Hör-Eindruck:
Im fiktiven Schweizer Ödwil wird im vereisten See eine Leiche entdeckt. Der Ort staunt: wieso wird sie im Winter nach oben getrieben? Und damit sichtbar? Bald wird klar, dass es in diesem Roman nicht um die Aufklärung eines Mordfalles geht, und zwar spätestens dann, wenn der Tote als McGuffin identifiziert wird. Hitchcock zwinkert uns zu: so nannte er seinen Platzhalter für Personen, Vorkommnisse etc., die die Handlung in Gang setzten.
Dieser Leichenfund setzt tatsächlich die Handlung in Gang. An den Fund knüpfen sich nun verschiedene Erzählstränge an, und der Personenkreis erweitert sich. Da ist Rosa, die im Wohnwagen wohnt, der menschenscheue Archivar, die hundertjährige Erbin eines Fischzüchters, die Herren mit den Zylindern und schließlich der reiche Erbe, dessen Blick auf die Welt buchstäblich und sinnbildlich verschwommen ist. Und dann kommen noch die Sagen der gefährlichen Drachen in den Bergen dazu, die auf die Menschheit lauern. Der Leser verfolgt zunehmend verwirrter die einzelnen Erzählstränge, bis sie sich endlich zusammensetzen zu einem dichten Gefüge.
Und jetzt wird klar: der sichtbar gewordene Tote im Eis wird zum Sinnbild. Er ist eine Metapher für die schmutzige Geschichte der Schweiz, die die Autorin quasi aus dem Eis des Vergessens befreit und ins Sichtbare hebt. Sie legt mit ihrer ungemein bildstarken Sprache den Finger auf die Geschichte der Schweiz während des europäischen Faschismus, eine Geschichte, an die sich die Schweiz nicht erinnern will: an die Verbindung zu Nazi-Größen und das Nazi-Geld, das nach wie vor in der Schweiz liegt, an die menschenverachtende Bereicherung an Verfolgten, an die faschistischen Umtriebe im eigenen Land, die Verstrickung vieler heute wohlhabender Familien in den Nationalsozialismus und die aktuelle finanzielle Förderung rechtsradikaler Jugendgruppen.
Die Schrecken der anderen – das ist der Schrecken der Geschichte, das sind die alten, aber nach wie vor wirkmächtigen Schrecken einer schmutzigen Vergangenheit, der sich das Land nicht stellen will.
Trotz des schönen Vortrages von Michaela Winterstein: ein herausforderndes Hörbuch, das konzentriertes Hören einfordert.

Bewertung vom 06.11.2025
Kuttner, Sarah

Mama & Sam (MP3-Download)


sehr gut

Mein Hör-Eindruck:

Gestern in unserer Zeitung: Eine Frau aus einem Nachbarort will Elon Musk € 20.000 überweisen. Die Bankangestellte wird stutzig, aber die Frau besteht darauf. Elon Musk, ein mehrfacher Milliardär, braucht das Geld einer niederbayrischen Rentnerin? Als Leser schüttelt man den Kopf – aber Love Scamming gibt es häufiger, als man denkt.
Sarah Kuttners Mutter wurde Opfer eines Love Scammers und verschuldete sich für ihren vermeintlichen Geliebten Sam Hugheon – Star aus der Outlander-Serie – bis über beide Ohren. Das Ausmaß der Verschuldung und auch der Abhängigkeit wird der Tochter erst nach dem Tod der Mutter klar, als sie den Nachlass sichtet. Sarah Kuttner stellt die Mechanismen schonungslos dar, aber sie fragt sich zugleich, wieso ihre Mutter einerseits die Ungereimtheiten im Chat durchaus erkennt, aber andererseits nicht von der Vorstellung abweichen kann, dass am anderen Ende tatsächlich ihr Sammy sitzt, der sie zu seiner Ehefrau machen will und dessen Geldnöte dies allerdings immer wieder verhindern. Erst im Nachhinein erkennt die Autorin die Einsamkeit und die Liebebedürftigkeit ihrer Mutter, beides in einem so großem Maß, dass die Mutter sogar mit ihrer Familie bricht. Die Auseinandersetzung mit dem Chat wird für die Tochter daher zugleich die Auseinandersetzung mit ihrer schon immer belasteten Beziehung zur Mutter. Die Autorin setzt sich nun das Bild ihrer Mutter neu zusammen und lernt, sie nicht in erster Linie als Mutter, sondern als Mensch zu sehen. Dieser Weg einer Neu-Entdeckung der Mutter geht nicht ohne Schmerzen ab, und alte Kränkungen werden wieder lebendig, teilweise werden neue Wunden geschlagen. Auf der anderen Seite wächst aber das Verständnis für die Frau, die ihre Mutter war, bei aller Wut und Enttäuschung: auch ihre Mutter ist nur ein Mensch.
Sarah Kuttner erzählt die Geschichte in chronologisch verwürfelten Szenen, und obwohl der Leser das Ende schon kennt, bleibt die Geschichte spannend. Einige Straffungen hätten dem Roman gutgetan. Das Buch wurde eingelesen von der Autorin, von Katharina Thalbach als Mutter und Julian Horeyseck als Scammer. Die Stimmen sind sehr unterschiedlich und bringen gerade dadurch die verstörende Geschichte äußerst eindringlich zu Gehör.