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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Lesestunde mit Marie
Wohnort: Düsseldorf
Über mich: Ein Tag ohne Bücher ist selten perfekt.
Danksagungen: 4 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 8 Bewertungen
Bewertung vom 26.09.2016
Die Nachtigall
Hannah, Kristin

Die Nachtigall


ausgezeichnet

Mit „Die Nachtigall“ ist der amerikanischen Autorin Kristin Hannah ein unter die Haut gehendes Werk gelungen. Es hat mich ähnlich ergriffen wie Némirovskys „Suite Française“. Beide Romane nehmen das Motiv 2. Weltkrieg in Frankreich aus Sicht der Zivilbevölkerung auf. In Beiden spielt das Vichy-Régime eine Rolle. Zahlreiche Taschentücher mussten herhalten, weil mich dieses Buch so bewegt hat. Ich benötigte einige Tage, um das Gelesene zu verarbeiten, möchte die Lektüre aber auf keinen Fall missen!

Die Protagonistinnen sind zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die ältere Schwester Vianne ist eher angepasst und ängstlich, die jüngere Schwester Isabelle von klein auf ein Rebell. Beiden gemein ist der frühe Verlust der Mutter und die Abschiebung durch den Vater, in die Obhut einer lieblosen Frau auf den Landsitz der Familie.
Die Handlung spielt im besetzten Frankreich des 2. Weltkriegs. Vianne lebt mit Mann und Tochter auf dem Landsitz, doch Marc wird in den Krieg einberufen. Die etwas unselbständige Vianne ist plötzlich auf sich gestellt. Indes wird Isabelle aus dem Internat geworfen und versucht beim Vater Julien in Paris zu wohnen. Dieser schickt sie aber mit anderen Flüchtenden zu Vianne. Auf dem Weg muss auch sie sich alleine durchschlagen und trifft auf Gaëton, einen Widerstandskämpfer. Mit ihm schafft sie es, völlig erschöpft sowie von den Angriffen auf die Zivilisten zutiefst erschüttert, bis zum Familienlandsitz. Dort lässt Gaëton Isabelle alleine und Isabelle bleibt bei Vianne. Im Zusammenleben wird deutlich wie unterschiedlich die Schwestern sind. Vianne gibt sich in ihr Schicksal und nimmt hin, dass ein deutscher Hauptmann einquartiert wird. Isabelle findet sich nicht mit der Situation ab und schließt sich der Résistance an. Sie verteilt Flugblätter und hilft Piloten der Alliierten über die Pyrenäen zu fliehen. Vianne muss die Trennung von ihrem Mann Marc und die Deportation ihrer Freundin Rachel ertragen. Sie muss – unter den Augen der Nazis und Kollaborateure -für ihre Tochter Sarah und Ziehsohn Daniel sorgen.
Kristin Hannah gelingt, die bedrückenden Situationen, an physische Grenzen führende Repressalien, die vergiftete Atmosphäre und Dramen greifbar zu machen. Ich erlitt imaginär selber die Qualen der Protagonisten. Besonders beeindruckt haben die Beschreibungen des heuschreckenartigen Überfalls der hungrigen Flüchtenden, die versuchte Flucht Rachels sowie die Szenen der Deportationen. Als bereichernd empfand ich die zeitlichen Perspektivwechsel zwischen heute und Krieg.
Die Charakterzeichnungen des Romans sind tiefgehend und realistisch. Ich hatte klare Vorstellungen und konnte Veränderungen der Personen gut nachvollziehen. Ob der widerwärtige, kollaborierende Polizist Paul, die gutherzigen, handfesten Fluchthelfer Micheline und Edouard, der trinkende, resignierte Vater Julien, die treue Freundin Rachel und die charakterlich unterschiedlichen deutschen Hauptmänner Beck und von Richter - jeder Charakter erhält genau die Tiefe und Entwicklung, die er benötigt. Sicher ist der Identifikationsgrad mit der kämpferischen Isabelle bei den meisten Lesern höher als mit der schwachen Vianne. Doch bei ehrlicher Betrachtung sind die Charakterzüge Viannes verbreiterter als die von Isabelle. Außerdem muss hier ihre Situation als Mutter in Betracht gezogen werden, die ihr die etwas defensivere Rolle zuweist.
Eine absolute Leseempfehlung für diese bewegende Kriegsgeschichte zweier Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Mit emotionalen Schilderungen, tollen Charakterzeichnungen und geschichtlich interessanten Aspekten, schaffte es dieser Roman mich zutiefst zu ergreifen, nachdenklich zu stimmen und in seinen Bann zu ziehen!

Bewertung vom 06.07.2016
Gut gemacht, Girls! / Lesegören Bd.3
Minte-König, Bianka

Gut gemacht, Girls! / Lesegören Bd.3


ausgezeichnet

„Gut gemacht Girls“ ist der dritte Band der im Planet-Verlag erschienen Mädchenreihe „Die GIRLS“ von der erfahrenen Autorin Bianka Minte-König und gehört zur Verlags-Buchreihe "Lesegören" Nach den ersten beiden Bänden „Wo geht´s lang, Girls?“ und „Was gibt´s neues, Girls?“ mussten wir die Geschichte um die Mädelsclique „Die GIRLS“ mit Lotte und ihren Freundinnen Stine und Hanna unbedingt weiterlesen. Wie bei den ersten beiden Bänden, haben wir auch Band Drei als Mutter-Tochter-Gespann genossen. Eines vorweg: Wir empfehlen zwar Band 1 und 2 zu lesen, da sie uns so gut gefallen haben, man kann Band 3 aber auch ohne Vorkenntnisse genießen.

Lotte, die Hauptprotagonistin, ist immer noch mit dem Megaprojekt "Wiedervereinigung ihrer Eltern" beschäftigt. Doch als sich ein unerwarteter, riesiger, tierischer Gast in der Küche von Lottes Mutter gütlich tut, wird der Startpunkt eines neuen Projektes für die drei „Girls“ gesetzt. Nachdem die Mädchen herausgefunden haben, woher das „große Kalb“ stammt; werden sie mit einem ganz besonderen Problem konfrontiert, denn das zu Hause des Überraschungsgastes, seines Frauchens und seiner tierischen Freunde wird von einem Bauprojekt bedroht. Doch das Frauchen, eine alte Dame, kann und will nicht weichen. Während um sie und ihre tierischen Freunde die Abrissbagger wüten, harrt sie tapfer aus, weil ihr einfach nichts anderes übrig bleibt. Zunächst sind Lotte, Stine und Hanna entsetzt über die Zustände im Hause der alten Dame. Sie verstehen jedoch schnell, dass die Tierliebhaberin eine gute Seele und kein Messi ist, und sich die Zustände in dem Haus so zugespitzt haben, weil die in die Jahre gekommene Frau die ganze Arbeit nicht mehr bewältigen kann. Ebenso ist es ihr unmöglich, sich und den Tieren ein neues zu Hause zu leisten. Aber Ihre Tiere möchte sie auf keinen Fall im Stich lassen. Wo also hin mit all den vielen Tieren?

Das ist natürlich wieder eine Herausforderung, die wie gemacht ist für die Girls. Schnell ist es beschlossene Sache, dass Lotte und ihre Girls der alten Dame helfen und die Tierrettung zu ihrem neuen Projekt erklären. Einfach ist diese Aufgabe nicht und es gibt so einige Hürden zu überwinden, bei denen Ideenreichtum und geschicktes Vorgehen gefragt sind. Ob der Bauunternehmer, in Person des Vaters der zickigen Viola oder der ach so ungnädige Mathelehrer „Zwiefalten“, die wir bereits aus den ersten beiden Bänden kennen, machen den Dreien das Leben nicht unbedingt leichter.

Hinzu kommen Lottes persönliche Belastungen. Da wäre zum einen die Probe-Trennung ihrer Eltern. Hier sucht sie verzweifelt nach einem einmaligen Event zum Hochzeitstag, das die beiden wieder näher zueinander bringen soll. Ob das bei so viel Übermotivation auf Seiten Lottes nicht gehörig daneben geht? Dann die komischen Hitzewallungen, wenn Rob-Boy auf die Bildfläche tritt und …
Auch Band Drei der Reihe hat uns wieder vollends in seinen Bann gezogen! Bianka Minte-König überzeugt wie gewohnt mit ihrem erfrischend flüssigen Schreibstil. Neben aller Ernsthaftigkeit der Themen bringt die Geschichte auch eine gesunde Portion Humor mit. Außerdem steckt die Story voll Spannung, weil man nie weiß, wie die Situationen ausgehen und man manche Wendung gar nicht ahnen kann. Die Girls müssen wieder Charakterstärke beweisen und sich an der ein oder anderen Stelle zusammenraufen. Schön, dass nicht immer alles glatt läuft. Schön, dass man sich richtig gut in die Charaktere hineinversetzen kann.


Fazit:
Ein tolles Buch, zum Mitfiebern mit sympathischen, kreativen, anpackenden und natürlichen Protagonistinnen. Von uns – Mama-Tochter-Gespann - wieder einmal eine absolute Leseempfehlung für Mädels mit Charakter! Wir freuen uns schon sehr auf den Band 4.

Bewertung vom 23.06.2016
Die Farben des Verzeihens
Mazar, Alexandra

Die Farben des Verzeihens


ausgezeichnet

Die tiefen Spuren einer traurigen Kindheit

Kaum zu glauben, dass „Die Farben des Verzeihens der Debütroman von Alexandra Mazar ist. Aus meiner Sicht ist ihr mit ihrem Erstling ein rundum gelungenes, sehr tiefgründiges, stellenweise melancholisches Werk geglückt, bei dem man ein großes Schreibtalent bemerkt.

Das Buch beginnt gleich mit einem tiefen Schicksalsschlag: Conny, der jüngere Bruder der Protagonistin Eliza, hat Selbstmord begangen und soll beigesetzt werden. Der Weg dorthin fällt Eliza schwer. Sie hat ihren Bruder und ihre Großmutter zehn Jahre lang nicht gesehen und die Beziehung zu ihrer Großmutter ist offensichtlich sehr schwierig und nicht von großer Zuneigung geprägt.
Nach und nach gewährt die Ich-Erzählerin Eliza Einblicke in ihr Leben – in Vergangenheit und Gegenwart - und Stück für Stück versteht man Elizas verschlossene Art, ihre Abneigung gegenüber der Großmutter und ihr ambivalentes Verhältnis zur Liebe.
Das Geschwisterpaar Eliza und Conny wächst bei der strengen, russisch stämmigen Großmutter auf, die Nana genannt wird. Über ihre Eltern wissen die beiden nichts; auch nicht, warum sie bei der Großmutter aufwachsen, denn Nana macht ein großes Geheimnis daraus. Sie verbietet den Geschwistern sogar, Fragen zu den Eltern und ihrem Verbleib zu stellen. Eliza weiß lediglich, dass ihre Mutter die Tochter von Nana ist und erinnert sich schemenhaft an den Abschied und eine spätere Begegnung mit ihrer Mutter.

Als Conny Selbstmord begeht, hinterlässt er seiner Schwester einen Abschiedsbrief. In diesem Brief bittet er sie, weitere Nachforschungen anzustellen, um das Familiengeheimnis zu lüften. Doch Eliza mag die Geister der Vergangenheit nicht herauf beschwören, mag den alten Schmerz nicht an sich heranlassen.
Schließlich nimmt sie, um Trauer und Schuldgefühlen zu entfliehen, einen Auftrag an, der sie nach Granada führt. Dort trifft sie den russischen Autor Sergei, dessen Buch sie übersetzen soll. Diese Begegnung stellt ihr Leben auf den Kopf. Als dann auch noch Tante Anna aus Deutschland anruft, um sie nach Hause zu bitten, da es einen weiteren Schicksalsschlag gibt, ist Elizas Gefühlswelt völlig aus den Fugen geraten.

Alexandra Mazars tiefgründiger Erzählstil berührte mich sehr. Die Protagonistin Eliza geht durch ein wahres Bad der Gefühle. Die junge Frau hat durch die harten Prüfungen ihrer Kindheit ihr Urvertrauen verloren und einen dicken Panzer um sich errichtet. Sie versucht möglichst nüchtern und geradlinig durch ihr neues Leben zu gehen. Doch unter dem Panzer schlummert eine zarte Seele, die in jungen Jahren schwer verletzt wurde. Es ist nicht leicht für Eliza die Gefühle, die auf sie einströmen, zu deuten und zu verarbeiten. Zu diesen Gefühlsbädern passt auch der Schreibstil der Autorin, der den Leser mit sprachlich stimmiger Düsternis aber in flüssiger Erzählweise förmlich durch das Buch fliegen lässt, ohne leicht zu sein. Die Beschreibungen der spanischen Landschaft, insbesondere Granadas, vermitteln das andalusische Flair stimmungsvoll. Hier konnte Alexandra Mazar, die zwei Jahre in Andalusien lebte, ihre Ortskenntnisse gut unter Beweis stellen. Ebenso gekonnt spielt die Autorin mit den Rückblenden, die sich spielerisch in den Kontext einbetten.

Fazit:
Ein mehr als gelungener Debütroman von Alexandra Mazar!!! Unglaublich tiefgründige, teilweise düster-melancholische Story, die mit ihrer außergewöhnlichen Protagonistin kein Mainstream ist. Von mir eine absolute Leseempfehlung! Ich freue mich schon auf weitere Bücher von Alexandra Mazar!

Bewertung vom 22.12.2015
Die Gestirne (Restexemplar)
Catton, Eleanor

Die Gestirne (Restexemplar)


ausgezeichnet

Dieses Buch von Eleanor Catton machte die Autorin mit 28 Jahren zur jüngsten Booker Prize-Trägerin. Das englischsprachige Original erschien 2013 unter dem Titel The Luminaries. Die deutsche Übersetzung kam im November 2015 heraus. Die komplexe Geschichte spielt im Neuseeland des 19. Jahrhunderts, zu Zeiten des großen Goldrausches. Dachte ich zu Beginn noch, dass der frisch in der Goldgräberstadt Hokitika eingetroffene Mr Moody der Protagonist sei, lernte ich nach und nach, dass der „Wir-Erzähler“ in seiner Erzählung ständig die Perspektive wechselt und uns hierbei indirekt aus Sicht und Wahrnehmung von mehr als einem Dutzend Hauptfiguren die Geschehnisse darstellt. Die Länge der Kapitel nimmt genau wie die Länge der 12 Buchteile mit fortschreitender Geschichte immer weiter ab - somit die Referenz zum abnehmenden Mond. Zudem werden ständig Bezüge zu Sonne, Mond und Planeten Konstellationen hergestellt. Jedes Kapitel hat unter der Überschrift eine kurze Zusammenfassung, die interessanterweise in den letzten Kapiteln überproportional zunehmen. Mr Moody trifft zu Beginn auf eine Versammlung von 12 Männern, die verschiedener nicht sein könnten. Dies wird im Verlauf der Erzählung immer deutlicher. Ob der unehrliche Magnat, der investigative Journalist und Zeitungsherausgeber, ein chinesischer, der engagierte und unternehmungslustige Geistlich oder der weise Maori – um nur einige zu nennen. Alle haben eines gemein, sie sind - ohne so recht zu wissen warum – in mysteriöse Geschehnisse rund um einen Komplott verstrickt. Mehr oder weniger gemeinsam, versuchen sie der Sache auf den Grund zu gehen. So präsentieren sich anfänglich ausgedehnte Szenen, die in keinem greifbaren Zusammenhang zu stehen scheinen. Doch immer wieder scheint es zentrale Verbindungspunkte über eine Hand voll Personen zu geben. Zum einen lesen wir immer wieder über einen heimtückischen Kapitän oder eine begehrte, aber opiumsüchtige Hure. Des weiteren der scheinbar vom Glück beseelte, aber spurlos verschwundene Minenbesitzer, der alkoholkranke, verstorbene Einsiedler, die Trickbetrügern und der Politiker. Die Charaktere sind hierbei fein, aber teilweise auf ambivalent verstörende Art ausgearbeitet. Es gibt nicht nur schwarz-weiß. Oft denkt man einen Charakter erfasst zu haben, um später eine ganz andere Persönlichkeit zu erkennen.
Wird dürfen in entbehrungsreiche Leben von Goldgräberpionieren schauen, bei denen das große Glück und der Absturz eng beieinander liegen, erhalten kleine Einblicke in die Gedankenwelt eines Maori sowie zweier emigrierter Chinesen. Wir begegnen einander (ent-)fremd(et)en Brüdern, nehmen Anteil an einer schicksalstiefen Liebe, sehen menschliche Machenschaft und Manipulationen, Lug und Betrug, Naivität und Berechnung.
Die Gestirne erforderte vor allem zu Beginn meine volle Lesekonzentration. Mit stolzen 1.040 Seiten ist es zudem eine umfangreiche Lektüre. Der kunstvolle Schreibstil bereitete mir außerordentliche Lesefreude. Eleanor spielt hier mit zahlreichen Stilmitteln, die den Inhalt angenehm vertiefen. Trotz gehobenem Sprachniveau und komplexer Handlung lesen sich die Gestirne flüssig. An dieser Stelle auch ein großes Lob an die Übersetzerin. Auch wenn ich keinen direkten Vergleich mit dem Original ziehen kann, so erkennt man doch ihre detaillierte Einarbeitung in Materie und Stilistik.
Was mir sehr gut gefiel, aber sicher nicht jedermanns Sache ist, dass schlussendlich nicht alles aufgeklärt wurde und der Fantasie des Lesers ein wenig Freiraum gelassen wird.
Fazit:
Ein Buch der Extraklasse, das mit seinem Umfang und seiner Komplexität einen hohen Leseanspruch hat. Die Referenzen in die Astrologie geben dem Buch eine ganz besondere Note. Für mich ein tolles Lese-Highlight zum Jahresende 2015.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.12.2015
Sei mir ein Vater, 6 Audio-CDs
Gesthuysen, Anne

Sei mir ein Vater, 6 Audio-CDs


sehr gut

In ihrem Roman „Sei mir ein Vater“ verwebt die Autorin Anne Gesthuysen die Schicksale zweier französischer Frauen auf zwei Zeitebenen sowie Fiktion und Wirklichkeit miteinander. Sehr interessant ist hierbei der historische Rückblick in das Leben der Künstlerin Georgette Agutte, die heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Diese Rezension bezieht sich auf die Hörbuchvariante, erschienen im Argon-Hörbuchverlag.
In der ersten Zeitebene lernen wir Lilie Agutte kennen. Lilie ist mit knapp 40 alleinerziehende Mutter in Paris. Ihr Leben ist bisher eher chaotisch verlaufen. Einzige verlässliche Konstante in ihrem Leben scheint ihre deutsche Gastfamilie aus Jugendtagen zu sein. Ihre Mutter, die sie ebenfalls alleine mit ihren Geschwistern aufzog, scheint kein wirklicher Ankerpunkt für Lilie zu sein. Aber noch weniger konnte sie sich bisher auf ihren Vater, Yves Agutte, verlassen, der das Leben eines nicht erwachsen werden wollenden Jungen führt und noch weitere Familien gegründet hat. Ganz offensichtlich leidet sie darunter, dass ihr Vater solch ein unzuverlässiger Taugenichts ist, der weit weg in der Karibik wohnt. Zu Hause lässt er sich meist nur blicken, wenn er Geld braucht.

Nach ihrem Schulabbruch in Frankreich lernt sie als Teenager in ihrer Gastfamilie am Niederrhein das erste Mal Geborgenheit kennen. Fortan hat sie ihre Ersatzfamilie gefunden und sieht in Hanna eine verlässliche Schwester und in Hermann einen fürsorglichen Ersatzvater. Die Beziehung ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit und einem engen Kontakt.

Als Lilie eines Tages einen Einbrecher auf frischer Tat in ihrer bescheidenen Wohnung überrascht, dieser sie mit einem Gemälde niederschlägt und unerkannt entkommen kann, beginnt eine Suche nach dem Geheimnis des Familienerbstückes ihres Vaters Yves. Angetrieben und unterstützt durch Hanna und den sterbenskranken Hermann, begibt sich Lilie auf eine abenteuerliche Reise und folgt den Spuren ihrer Urahnin Georgette Agutte.

Auf der anderen Zeitebene begegnen wir besagter Georgette Agutte und dürfen sie durch ihr bewegtes Leben begleiten. Auch Georgette vermisste ihren Vater schmerzlich, der sehr jung verstorben war. Das naturalistische Gemälde, das sich in der ersten Zeitebene in Lilies Besitz befindet, ist ein Werk des verstorbenen Vaters. Neben Georgette erlangen wir aber auch Einblicke in das Leben ihres zweiten Ehemannes, den wissbegierigen Juristen und sozialistischen Politiker Marcel Sembat. Man kann die beiden als Glamour-Paar ihrer Zeit bezeichnen, das sowohl die Kunstszene der Belle Époque, als auch die französische Politik maßgeblich geprägt hat.
Natürlich handelt es sich bei diesem Werk vorrangig um einen Roman mit vielen fiktiven Aspekten. Doch dieser Blick in das Leben dieser beiden interessanten Persönlichkeiten ihrer Zeit weckt Interesse und macht Appetit auf mehr. Die Geschichte um die große Liebe zwischen Georgette Agutte und Marcel Sembat und die Ausflüge in die Zeiten des Naturalismus, Impressionismus, Postimpressionismus und Fauvismus sowie den französischen Frühsozialismus machten für mich das eigentliche Herzstück des Hörbuches aus.

Bedauerlicherweise sind anscheinend einige interessante Ereignisse in der Hörvariante herausgekürzt worden, was mir beim Austausch mit Lesern des Romans auffiel. Beim Hören fällt dies zwar nicht zwingend auf, schade finde ich es dennoch.


Das Hörbuch wird von Doris Wolters äußerst angenehm und gefühlvoll interpretiert, so dass man der Geschichte sehr entspannt folgen kann und wahrlich von einem Hörgenuss mit hohem Unterhaltungswert sprechen kann.

Fazit:
Dieses Hörbuch vereint den Selbstfindungsprozess einer fiktiven Person unserer Zeit, die Geschichte eines Glamourpaars der Belle Époque, Hintergründe zur seinerzeitigen Kunstförderung sowie den Sozialismus in Frankreich, einen unausweichlichen Tod, eine Verbundenheit fürs Leben und eine Liebe bis in den Tod. Gute Unterhaltung, angenehme Lesestimme, historisch interessante Informationen!

Bewertung vom 18.11.2015
Schneegestöber
Schröder, Patricia

Schneegestöber


ausgezeichnet

Perfektes Timing: Genau vor der Adventszeit erscheint dieses spannende Mädchenbuch von Patricia Schröder, dass aber mit Sicherheit auch den meisten Jungen in der Altersgruppe zwischen 10 bis 13 Jahre gefallen wird.
Wir haben dieses Buch als Mutter-Tochter-Gespann gelesen und somit kommt hier ein direktes Feedback aus der Zielgruppe. Sofort nach Beendigung des letzten Satzes fragte meine Tochter (11 Jahre): „Können wir das Buch nochmal lesen?“. Damit ist wohl schon eine Menge gesagt. Dennoch hier noch ein paar konkretere Informationen zum Buch.
Die Ich-Erzählerin Leonie soll das kommende Weihnachtsfest gemeinsam mit der Verwandtschaft auf einer kleinen Hallig verbringen. Das bedeutet, dass die drei Geschwister ihres Vaters mit Kind und Kegel und nebst der geliebten Großmutter seit langer Zeit wieder aufeinander treffen sollen. Schon schnell wird dem Leser klar, dass Spannungen vorprogrammiert sind. Doch der reiche Onkel Lothar lädt zu einem großen Familientreffen ein, das bei Tante Ulla und ihrer fünfköpfigen Familie auf der Hallig Hilsum stattfindet. Die drei anderen Geschwister kommen mit ihren Familien aus der ganzen Republik angereist.
Leonie gibt uns bereits am Anfang der Geschichte Einblicke in die einzelnen Charaktere. So freut sie sich beispielsweise bereits auf das Wiedersehen mit Sünje, ihrer gleichaltrigen Cousine, der Tochter von Tante Ulla, weil diese immer so tolle Einfälle hat. Hingegen graut ihr bereits vor der Begegnung mit Klarissa, ihrer anderen Cousine, die mit ihrer offenbar insgesamt unsympathischen Familie aus Stuttgart anreisen soll. Doch der Gedanke an das Treffen mit Oma Grizabella macht diesen Wermutstropfen mehr als wett.
Dabei ist ihr während der Anreise noch nicht klar, dass sie auf eine weitere Person treffen wird, die selbst ihre Cousine Klarissa nebst Familie in den Schatten stellt. Onkel Lothars neue Flamme Sandrina übertrifft alle Befürchtungen. Außerdem taucht der geheimnisvolle Junge Ludvig auf, der Leonie zunehmend mehr beschäftigen wird.
Das Zusammensein mit Sünje verläuft ebenfalls nicht ganz so harmonisch wie erhofft, denn Sünje treibt allerlei Schabernack, der Leonie so manches Mal an ihre Grenzen bringt. Doch Sünje ist im Grunde ihres Herzens eine gute Seele und daher versuchen die beiden Mädchen gemeinsam hinter Sandrinas Geheimnis zu kommen.
Patricia Schröder baut zahlreiche überraschende, spannende, nachdenkenswerte sowie auch witzige Szenen in die Story. Einige sehr detailliert geschilderte Szenen geben dem Leser zudem das Gefühl mitten im Geschehen zu sein. Sie arbeitet mit geschickten Cliff-Hangern, die einen durch die Seiten und Kapitel treiben. Wieder einmal mehr versteht sie es, die Altersgruppe treffsicher anzusprechen und greift typische Themen auf. Non-challant regt sie ihre Leser hierbei auch noch an, über ihr eigenes Verhalten sowie das Verhalten anderer nachzudenken. Auch die Protagonistin Leonie überdenkt ihre Schwächen und beleuchtet zuweilen das Verhalten anderer.

Fazit:
Spannender Page-Turner für die Vorweihnachtszeit. Eine klare Leseempfehlung – auch als Familienlektüre - bei heißer Schokolade, Spekulatius, Christstollen und Kerzenschein. Und vielleicht gibt es ja auch noch eine Fortsetzung von Leonie und ihrer Familie, denn der geschickt gesetzte Ausblick am Schluss lässt darauf hoffen!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 26.10.2015
Die Tochter des Malers
Goldreich, Gloria

Die Tochter des Malers


sehr gut

Bei „Die Tochter des Malers“ handelt es sich um eine Romanbiografie. Der Aufbauverlag hatte zuvor mit „Madame Picasso“ den Auftakt für eine Romanbiografie-Reihe um Frauenfiguren, die in Beziehung zu einem berühmten Künstler stehen, gegeben. Diese zweite im Aufbauverlag erschienene Romanbiografie um eine Frauenfigur, die mehr oder weniger im Schatten eines berühmten Malers steht, handelt vom Leben der Tochter des berühmten Künstlers Marc Chagall. Die Autorin Gloria Goldreich versucht sich hierbei streng an die tatsächlichen historischen Geschehnisse sowie die belegten Charaktereigenschaften der Protagonisten zu halten.
Ida Chagall, die nach der Flucht aus Russland, als junges Mädchen ein zwar äußerst behütetes, aber auch ein wenig sonderbares Leben im Kreis ihrer kleinen Familie mit der schönen und zarten Mutter Bella und dem hochbegabten und umjubelten Künstler Marc Chagall führt, spielt eine wesentliche Rolle im Leben ihres Vaters. Aus der zunächst beschützenswerten Tochter entwickelt sich nach und nach eine selbstbewusste Frau, die die Interessen ihres Vaters in der Kunstszene vertritt.
Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter scheint äußerst ambivalent. Er, der umjubelte und begehrte Künstler, der sein Genie immer wieder bestätigt haben will und sie, seine schöne, viel von ihm gezeichnete Tochter, die ihn bewundert, sich aber nach und nach verselbständigt und dennoch immer wieder Teil seines Lebens und seines Ruhms sein möchte.
Hierbei erlebt der Leser tolle Charakterzeichnungen - den Künstler Chagall zwischen Genie und Wahnsinn, seine Exzentrik, seine Schwächen, Abhängigkeiten, Ängste, sein verschobenes Verhältnis zum Geld. Denn auf der einen Seite hatte er immer das Gefühl, arm zu sein, obwohl er schon in relativ jungen Jahren ein gefragter Künstler war, der nicht zuletzt dank seiner Tochter gut verdiente, und auf der anderen Seite tätigte er ohne zu überlegen und seine wahren finanziellen Verhältnisse zu überblicken, hohe Investitionen. Ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Vater und Tochter wird offensichtlich. Die beiden können scheinbar nicht mit und nicht ohne einander, dabei würdigt Marc die Verdienste seiner Tochter meist nicht angemessen.
Leider weist das Buch einige Längen auf. Es gibt häufige Wiederholungen und immer wiederkehrend erwähnte Details. Ob das Bild des Hochzeitsthrons, die Schönheit und Zartheit Bellas, die Eleganz Idas, usw., wurden für meinen Geschmack zu oft und teilweise unnötig angeführt. Hier hätte ich mir eine stärkere Kürzung zugunsten des späteren Lebens Idas mit ihrer Familie gewünscht.
Äußerst interessant wird die Judenverfolgung und das Vichy-Regime in Frankreich eingebaut, die schließlich auch einen großen Einfluss auf die Familie Chagall hat. Ebenso empfinde ich die Darstellungen der weiteren beiden Frauen in Chagalls Leben sowie seines unehelichen Sohnes David als äußerst bereichernd. Die drei Männer in Idas Leben bleiben dagegen ein wenig blass.

Fazit:
Alles in allem hat mir die Romanbiografie um Ida Chagall gut gefallen und einen tollen Einblick in das Leben der Künstlerfamilie gegeben. Blickt man über einige Längen hinweg, fühlte ich mich gut unterhalten. Auch scheinen Ereignisse und Charakterzeichnungen sehr eng an der Realität anzulehnen.