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Benutzername: LizzyCurse
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Bewertungen

Insgesamt 42 Bewertungen
Bewertung vom 04.09.2019
Teufelskrone / Waringham Saga Bd.6
Gablé, Rebecca

Teufelskrone / Waringham Saga Bd.6


ausgezeichnet

Teufelskrone von Rebecca Gable

Was soll ich sagen? Ich kann euch nur meine Gefühllage annährend beschreiben, in der ich vor der Lektüre der „Teufelskrone“ war. Und danach. Ich denke, das gibt am besten wieder, wie ich das Buch wahrgenommen habe.

Zunächst einmal mag es jeden Histo- und Gable-Fan verwundern. Waringham im 12. Jahrhundert? War die Autorin nicht schon längst bei Britanniens Seefahrten und den großen Kapitänen angelangt? Warum reist sie nun wieder in der Zeit zurück?
Die Frage ist ganz einfach zu beantworten: Weil sie ein unglaublich spannendes Stück Geschichte ausgegraben hat, über welches sie noch nicht geschrieben hat – und zwei Könige, an deren Seite noch kein Waringham stand. Also – auf zu neuen Abenteuern!

Yvain und Guillaume of Waringham sind Brüder und ganz nebenbei die Protagonisten von Gables neuen Roman. Guillaume ist der ältere der beiden, der Erbe des Titels und ein Kreuzfahrer. Auch Yvain soll das Kreuz nehmen und gen Jerusalem ziehen. Doch es kommt anders – nach einer durchzechten Nacht – mit König Richards Bruder Prinz John – fällt er in Ungnade und wird nicht in den Orden aufgenommen, worüber Yvain nicht unbedingt traurig ist. Fortan ist er Prinz John treu ergeben und durchläuft die Ausbildung zum Ritter. Und was für eine Ausbildung. Er findet treue Kameradschaft und erbitterte Feinde und steht schließlich Prinz John als Ritter zur Seite. Die Ausbildung war für mich persönlich ein Highlight. Ich konnte regelrecht das Band, das zwischen den Freunden geknüpft wurde, wahrnehmen und auch verstehen. Wundervoll. Yvain als Charakter ist Gablé ausnehmend gut gelungen. Er ist kein Nice Guy, jedoch trägt er das Herz am rechten Fleck und trifft schwerwiegende Entscheidungen nicht leichtfertig – mit ihm konnte ich viele Abenteuer, aber auch genauso vielen Schrecken mutig gegenübertreten – und die annährend tausend Seiten wunderbar im Galopp hinter mir lassen.

Doch mein wahres Highlight stellte ein anderer dar. Prinz John – der dunkle Bruder von König Richard, an dem in Filmen und Büchern kaum ein gutes Haar gelassen wird. Das Schreckgespenst in vielen Robin Hood Filmen. In der Teufelskrone hat Gable den Versuch unternommen, einen Menschen zu charakterisieren, kein Ungeheuer. Und dieses Vorhaben ist ihr über alle Maßen gut gelungen, wie ich unumwunden zugebe. Ich verneige mein Haupt vor ihr. John wird als ein Mensch mit Charisma dargestellt, natürlich, denn sonst hätte Yvain nie entschieden, ihm die Treue zu schwören. Der Zorn flammt ebenso oft in ihm auf wie anfangs die Treue zu jenen, die zu ihm stehen. Im Laufe des Romans verändert sich sein Charakter spürbar und Yvain wird vor die Frage gestellt, ob er immer noch treu zu ihm stehen kann oder eben nicht. Und diese Frage stellte für mich das Highlight dar – denn Gable schafft es, dass sich der Leser – ich – die Frage ebenso stellt wie Yvain. Im Laufe des Buches musste ich meine Meinung über John, ja über einige Charaktere revidieren – und das erhält die Spannung und die Leselust über alle Maßen.

Die Spannungskurve stieg für mich etwas behäbig an, jedoch stetig. Im zweiten Abschnitt – als ich die Figuren kannte und liebte, schlug sie förmlich Purzelbäume und dann in einem grandiosen Finale zu münden.
Die Motive des Buches sind wundervoll, vor allen da sich das Buch nicht nur auf Liebe beschränkt, sondern ebenso die unverbrüchliche Bruderliebe thematisiert oder eben die Treue zum König. Wundervoll und detailliert ausgearbeitet. Es war mir eine Freude!
Hervorheben muss ich auch noch, dass es einige Szenen gab, die mich sehr anrührten – obwohl eigentlich banal (Die Zubereitung eines Mahls, ein Spaziergang in der Nacht), waren die Szenen einfach so griffig geschrieben, dass ich mir Post Ist in mein Buch setzen musste. Das schaffen nur wirklich gute Autoren bei mir, und Rebecca Gable ist eine von ihnen.

Was bleibt zu sagen? Gable hat einen Mann in Szene gesetzt und eine fantastische Geschichte um ihn herum errichtet. Großartig! Einzig f

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 25.08.2019
Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast / Die Spiegelreisende Bd.2
Dabos, Christelle

Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast / Die Spiegelreisende Bd.2


ausgezeichnet

Ophelias Zeit am Hof der Himmelsburg wird nicht einfacher, auch wenn sie just zur Vize-Erzählerin von Faruk erhoben wurde. Sie erhält unheilvolle anonyme Drohbriefe und obendrein verschwinden Menschen aus ihrem Umfeld auf Nimmerwiedersehen. Gemeinsam mit Thron beginnt sie zu ermitteln. Gleichzeitig laufen die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren und die Ankunft ihrer eigenen Familie naht …

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den zweiten Band der vierbändigen Reihe rund um die Spiegelreisende Ophelia, die Protagonistin des Werkes.

Um es gleich vorn weg zu nehmen: Nach der Lektüre des ersten Bandes zweifelte ich, ob ich den zweiten Band noch lesen würde. Der erste Band war gut, jedoch noch stark ausbaufähig. Ich hatte ihn als ein Buch mit angezogener Handbremse in Erinnerung. Die Autorin hatte zwar eine wunderbare fantastische Welt erschaffen, doch einige Chancen, dem 1. Band die nötige Spannung einzuhauchen, gekonnt umschifft. Das stieß mir ein wenig sauer auf. Doch schließlich landete der zweite Band in meinen Händen und ich beschloss der Reihe noch eine zweite Chance zu geben. Manchmal lohnen sich zweite Chancen ungemein.

Ophelia begegnete mir auch in diesem Band wieder als zurückhaltende, tollpatschige Persönlichkeit, die jedoch mit einem scharfen wachen Verstand gesegnet ist. Ihre Persönlichkeitsstruktur gefiel mir schon im ersten Band, doch im zweiten bricht die Schale auf. Sie vollbringt einige Dinge, vor denen ich meinen imaginären Hut ziehe und die mich an die Seiten fesselten. Meine Achtung vor dem Mädchen stieg exponentiell an. Auch Thorn, ihr Verlobter, blieb stachlig und unnahbar und doch blitzte das ein oder andere Mal etwas Menschliches unter seiner Meterdicken Schale hervor – und der Leser bemüht sich, diesen kleinen Riss zu vergrößern, sich dazwischen zu quetschen und ihn zu ergründen. Berenilde und Rosalinde, Faruk und Ophelias Familie. Sie alle schlichen sich zwischen den Zeilen hindurch direkt in mein Herz – was nicht zuletzt mich sehr verwunderte. Die Autorin hat die Charaktere heranreifen lassen zu Persönlichkeiten, über die man sehr gerne liest. Die spannend sind und unorthodoxe Wege gehen. Mich hatte sie dadurch auf jeden Fall in der Tasche.

Dass die Himmelsburg einige gefährliche Türmchen und Gänge hat, ist jedem, der den ersten Band gelesen hat, hinlänglich bekannt. Doch zur Gefahr, die Ophelia durch die anderen Hofmitglieder in jeder Sekunde droht, kommen kriminalistische Momente hinzu, die mir sehr zugesagt haben. Ophelia übernimmt dadurch die Initiative – und das trägt wahnsinnig zur Spannung bei. Denn ich empfand den zweiten Band als wesentlich spannender und schneller getaktet als den ersten. Ich flog nur so durch die Seiten, begierig, zu wissen, was Ophelia oder Thorn, oder ihre Gegner als nächstes tun. Zudem wurden auch die „Fragmente“ im Buch endlich klarer und dadurch bekam auch die Welt, der Hintergrund, das Entstehen der Archen endlich die Struktur, die ich im ersten Band vermisst hatte. Die Himmelsburg, Opalsand und all die anderen fantastischen Orte erschienen endlich vor meinem inneren Auge – und darum war ich sehr dankbar.

Wenn ich das Verlangen habe, sofort den nächsten Band in die Hand zu nehmen, ist das bei mir immer ein gutes Zeichen. Und genau so war es bei diesem Buch. Der Zwiespalt zwischen Schick und Eleganz, Gefahr und Brutalität hat mich in seinen Bann geschlagen. Ich habe gelitten und gelacht. Der Knoten ist beim zweiten Mal geplatzt! Endlich.

Bewertung vom 25.07.2019
Das Labyrinth des Fauns
Funke, Cornelia; del Toro, Guillermo

Das Labyrinth des Fauns


sehr gut

Das Labyrinth des Fauns

Ofelia fährt mit ihrer Mutter in Spaniens Berge. Ihre Mutter ist hochschwanger und auf dem Weg zu dem Vater des Ungeborenen - Einem Offizier, der mit seiner Truppe Jagd auf die Rebellen macht. Ofelia entdeckt den Zauber der Berge - und bald stellt sie ein Pan vor drei Aufgaben, die sie zu lösen hat.

Eines vorn Weg. Ich liebe Guillermo del Torros meisterhaften Film heiß und innig. Mit jedem düsterem Winkel. Deshalb habe ich gezögert, ob ich das dazugehörige Buch lesen soll oder eben nicht. Es wurde auf der Basis des Filmes geschrieben, und der Film entstand nicht aus dem Buch heraus. Letztendlich bin ich froh, doch in das Buch abgetaucht zu sein. Es ließ mich die Geschichte noch einmal erleben und hat mir Lust gemacht, den Film wieder in meinen Player zu werfen.

Ich hatte während des Lesens durchweg das Gefühl, ein typisches Funke-Buch vor mir zu haben. Düstere Elemente waren zwar vertreten (wer den Film kennt, weiß wovon ich rede), aber ich hatte ebenso das Gefühl, dass sich der Stoff nicht wirklich eignet für das typische Funke-Feeling. Die Autorin behält den Handlungsfaden durchweg bei, er zieht sich wie ein Faden durch das Buch, sodass ich beinahe schon im Vorhinein wusste, was die Figur sagen würde oder wie sie sich entscheiden würde. Okey, das hört sich jetzt schlecht an, oder? Das alles tat dem Lesegenuss keinen Abbruch, keineswegs. Die Sprache ist poetisch und ich liebe die Geschichte rund um den Faun und Ofelia und die Aufgaben, die sie erwarten. Auch fieberte ich mit den Rebellen mit und war betrübt, bei den düsteren Gedanken, die manche hegten. Alles in allem war es ein solides Buch, um eine wunderbare Geschichte, die im Filmuniversum ihres Gleichen sucht.

Nun noch zu den beiden Dingen, die mir persönlich aufgefallen sind:

Zunächst einmal die Perspektive: Eigentlich ist es üblich, die Point of View dann zu wechseln, wenn es nötig ist und dies kenntlich zu machen durch einen Absatz o.ä. - bei Cornelia Funke war es jedoch so, dass ihre Perspektivwechsel fließend erfolgten: Mal waren wir zu Gast in Ofelias Kopf, nur um dann rasch wieder an den Gedanken ihrer Mutter teilzuhaben. Ich konnte mich bis zum Schluss nicht entscheiden, ob ich diesen Schachzug genial oder störend finden sollte. Ich glaube, von allem ein bisschen. Gibt es das auch?

Die „Märchen“ in dem Buch waren wiederum tolle Ergänzungen zur eigentlichen Geschichte. Sie wurden eingestreut und erzählten Mal von einem Buchmacher oder einer Taschenuhr. Am Ende fügte sich das Ganze natürlich passgenau in die Geschichte ein und gab meinem kleinen Herz ein wenig mehr Einblick in die Welt, die ich so liebe. Natürlich, eine brutale, grauenerregende Welt - jedoch mit Schlupfwinkeln für mutige Mädchen, die zu träumen wagen.

Ich gebe diesem Buch vier Punkte. Wieso nur vier? Nun - wirklich abholen konnte mich das Buch nicht. Es war schön, keine Frage. Aber Funke hat bessere Bücher geschrieben und für mich fehlen dem Buch die kleinen Ecken, Kanten und Anspielung, die den Film für mich zu einem Meisterwerk machen.

Bewertung vom 19.03.2019
1793
Natt och Dag, Niklas

1793


ausgezeichnet

Noch ein Histo-Krimi? Gähn! Und dann auch noch außerhalb der Jahrhunderte, die mich sonst begeistern? Dann lass ich das mal links liegen. Außerdem wird er so gehyped und förmlich auf Teufel komm raus beworben? Da kann doch nur Marketing-Interesse dahinter stecken! Ph…
So oder ähnlich waren meine Gedanken, als Werbung, Leserunden, Leseexemplarangebote und so weiter förmlich aus dem Boden ploppten und mich an jeder virtuellen Ecke ansprangen. Ich wollte das Buch nicht lesen. Na gut, vielleicht mal einen kurzen Blick … vielleicht hat es ja unsere Bibliothek … Schließlich hielt ich das Buch in den Händen. Das, was mir die Hypewelle in die Hände geschwemmt hatte und von dem ich kaum eine schlechtes Wort las.

Und am Ende sitze ich hier, aufgelöst – im Jahre 1793 gefangen – und spüre einen buchigen Hangover kommen, der sich gewaschen hat. Das war – mit Abstand – das beste historische Werk, das ich in der letzten Zeit in den Händen hatte. Ich hab es gesuchtet – blieb bis spät Nachts wach, um die Abenteuer von Cecil und Michael zu lesen. Ich entwickelte förmlich ein Suchtverhalten nach dem Ermittlerduo, das sich tief durch Stockholm wühlt.
Aber warum hat mir das Buch so gut gefallen?
War es leicht zu lesen? Nein, das würde ich nicht so unterschreiben. Niklas Natt och Dag legt eine recht erzählende Schreibweise an den Tag, durchsetzt von detaillierten Beschreibungen und keineswegs einfach gebauten Sätzen. Ich dachte, das würde mir Probleme bereiten. Aber nein, es zog mich an, fesselte mich an die Seiten und ließ mich tief in das Stockholm des ausgehenden 18. Jahrhunderts versinken. Die Recherche des Autors wirkte auf mich exzellent. Er erzählt erstens eine Geschichte – eine Geschichte voller Brutalität und Ekel, aber auch mit einem Fünkchen Menschlichkeit und Hoffnung. Diese Menschlichkeit erzeugt mitnichten Gleichgewicht, aber lässt den Leser mithoffen, mitbangen – nimmt ihn bei der Hand und geleitet ihn durch all die Hoffnungslosigkeit, lässt gleichzeitig hoffen auf Gerechtigkeit. Zweitens legt der Autor aber auch ein Stück Sozialanalyse – er schreibt sich durch die Lokale, durch die Polizei der damaligen Zeit, den Bestrafungs- und Erheiterungsmethoden des 18. Jahrhunderts und geht dabei vor wie ein rationaler Analytiker – lässt seinen Figuren aber Raum zum Empfinden.

Ich glaube, das war es, was mich so gepackt und fasziniert hat. Der Stil ist einfach nur außergewöhnlich, schwierig – göttlich.
Und so ganz nebenbei habe ich mein Herz verloren – nicht auf die schwülstige romantische Art und Weise (nebenbei bemerkt gibt’s in der Geschichte kaum Raum für Romanzen) – sondern einfach für die Charaktere. Cardell hat mein Herz erobert im Sturmschritt (und mit der Holzfaust), Cecil mit seinem unerschütterlichen aufklärerischen Glauben an das Recht und an die Gerechtigkeit.
Ah! Ja! Der Kriminalfall – nun, der wird von verschiedenen Seiten beleuchtet und er ist nichts für schwache Gemüter. Wirklich nicht.

Natürlich gab es auch Passagen, in denen ich dachte, es könne schneller voran gehen. Die gibt es in jedem Buch. Aber für alle, die ein wohl gezeichnetes Sozialgeflecht schätzen und düstere, vielschichtige Charaktere, die vor der eigentlichen Handlung schon etwas erlebt haben, denen sei 1793 wärmstens ans Herz gelegt. Ich war unglaublich enttäuscht – als ich merkte, dass nur noch 40 Seiten vom Buch übrig waren. Well done. Niklas hat den Krimipreis wirklich verdient! Er sprengt die Krimiketten und schafft etwas neues.

Bewertung vom 11.03.2019
Die Verlobten des Winters / Die Spiegelreisende Bd.1
Dabos, Christelle

Die Verlobten des Winters / Die Spiegelreisende Bd.1


sehr gut

Die Verlobten des Winters stellt den ersten Teil der vierbändigen Reihe „Die Spiegelreisende“ dar. Wir können uns also noch auf viele gemütliche Lesestunden und Abenteuer von Ophelia und Thorn freuen. Ich bin durch das wundervolle Cover auf den Roman aufmerksam geworden. So ganz anders, ein bisschen Anime-Style. Ein bisschen hat es mich auch an die Zeichnungen von Chris Riddle erinnert, der eine ähnliche Strichführung hat wie das Cover.
Das Buch begann so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Genauso fantastisch und mit den wunderbaren skurrilen kleinen Details, die ich so sehr mag. Ein wenig erinnert das Buch an das Versailles des 18. Jahrhunderts, mit denselben ausladenden Kleidern und ähnlichem Benehmen. Dieses Gefühl hielt im Übrigen das gesamte Buch über an. Und ich mochte die Emotionen sehr gerne.
Das Buch wird aus Ophelias Perspektive erzählt. Wir erleben also alles aus ihren Augen – aber erfahren eben auch ständig etwas Neues von ihr, da sie dem Leser zuerst als „graues Mäuschen“ erscheint, aber innerlich eine sehr viel größere Stärke verbirgt. Und da diese nur Puzzleteil um Puzzleteil zum Vorschein kommt, bleibt ihre charakterliche Entwicklung sehr spannend. Auch Thorn habe ich als männlichen Gegenpart sehr gemocht. Anfangs unnahbar taut er am frostigen Pol auf, aber auch nicht so sehr, als hätte er einen Sonnenurlaub am Strand gebucht. Er ist eben sehr verschlossen und vorsichtig, und legt nur Schicht für Schicht seine Rüstung ab. Bis zum Schluss können wir ihn nicht gänzlich durchschauen, sodass für die nächsten Bände noch etwas zum Aufdecken gibt. Ich habe mich auf jeden Fall gefreut, da Ophelia und Thorn zusammen wunderbar funktionieren. Auch die Nebencharaktere waren wunderbar ausgearbeitet. Besonders Thorns Verwandte Berenilde konnte man nicht in die Karten schauen, das reizt mich an einem Buch.

Das Setting war wunderbar, jedenfalls das, was uns Dabos davon offenbart hat. Insbesondere das Innere der Himmelsburg hat mich fasziniert, da es immer neue Skurrilitäten zu bestaunen gab. Doch Dabos hat sich beim Worldbuilding an sich eher zurückgehalten. Mich hätte brennend interessiert, wie die Welt im ganzen eigentlich aussieht und wie sie funktioniert. Darauf hoffe ich dann im nächsten Teil.

Die Struktur des Romans fußt auf Ophelias Fähigkeiten. Sie kann Gegenstände „lesen“ und durch Spiegel reisen. Thorn dagegen hat andere Fähigkeiten, die Familiengebunden sind. Darüber hat sich die Autorin viele Gedanken gemacht, was ich wundervoll fand. Es gibt der Szenerie das richtige Flair. Insbesondere in der Himmelsburg laufen viele Leute mit sehr gefährlichen Fähigkeiten herum.

Gefahr? Spannung! Ja, die Spannung kommt nicht zu kurz. Es baut sich vor allen Dingen eine hintergründige Spannung auf, die auf Intrigen und Bedrohung aufbaut. Ophelia musste immer auf der Hut sein. Diese Gefahr spürt der Leser genauso. Doch ich hätte mir ein wenig mehr Aktionen gewünscht, ein wenig mehr offene Action, um es auf den Punkt zu bringen. Zwischen Teetrinken und Lektüre und Spaziergängen im Park kam mir vor allen Dingen die erste Hälfte langatmiger vor, als sie hätte sein müssen.

War ich zufrieden mit meinem Aufenthalt auf der Himmelsburg? Ja, sehr. Erfrischend, neu und intelligent – diese Stichworte fallen mir zur Fantasy von Dabos ein. Ich vergebe jedoch nur vier Sterne – eben gerade weil ich mir von den nächsten Teilen ein wenig mehr offene Spannung erhoffe.
P.S. – den unsäglichen Vergleich mit Harry Potter finde ich unangebracht. Das Buch weiß zu verzaube

Bewertung vom 20.11.2018
Der Spielmann / Die Geschichte des Johann Georg Faustus Bd.1
Pötzsch, Oliver

Der Spielmann / Die Geschichte des Johann Georg Faustus Bd.1


sehr gut

Wer kennt die Geschichte von Faust, dem Wissen und dem Teufel nicht? Kaum einer kann dies von sich behaupten, wurden wir doch alle mit dem Faust-Stoff in der Schule konfrontiert. In Knittlingen beginnt das Schauspiel mit dem jungen Johann, der von Zauber und Gaukelei fasziniert ist – und von der jungen Margareth, die er immer wieder zu beeindrucken versucht. Und dann ist da auch noch der faszinierende Tonio, der Johann ein Angebot macht, das er kaum ausschlagen kann.

Zugegeben, ich hatte ziemlich hohe Erwartungen in den neuen Roman von Oliver Pötzsch – gerade weil er sich an den schwierigen, aber uns allen bekannten Faust-Stoff wagt. Ich war gespannt, wie er diese Geschichten und Legenden in ein unterhaltsames und lehhreiches Mittelalter-Werk zu packen gedenkt. Es ist ihm gelungen, so viel vor weg – mit dem ein oder anderen Wehrmutstropfen.
Vom Anfang war ich gebannt. Ich hatte direkt das Gefühl, nach Knittlingen teleportiert zu werden und an Johanns Seite Kunststückchen vorzuführen oder nach Wissen zu gieren. Auch der Protagonist Johann brachte alles mit, um eine liebenswerte Figur auszumachen, der man über knapp 800 Seiten folgen mag. Pötzsch würzte Johanns Jugendzeit noch mit einer gehörigen Portion Spannung, einer Prise Liebe und einem Spritzer Esoterik – alles in allem ein gelungener Trank, der mich in seinen Bann zog. Ich war bereit, mit Johann Georg Faustus auf die Reise zu gehen. Das liegt nicht zuletzt an Pötzsch‘ Art und Weise zu Schreiben und die Szene gekonnt zu entwerfen. Ich sah beständig einen Film vor meinen Augen ablaufen und lag stundenlang auf meinem Sofa, ohne auf die Zeit zu achten. Einfach toll! So bin ioch es aber um der Wahrheit Genüge zu tun auch von Pötzsch gewöhnt.
Jonglieren, Tricks und Schabernack, Hokuspokus und Horoskope gab es zur Genüge – und gerade diese Beschreibungen habe ich sehr genossen – Pötzsch beschreibt manche Tricks wirklich detailiert und farbenfroh – und mit einem amüsierten Augenzwinkern. Vieles war für mich neu – und gerade deshalb haben mich diese Abschnitte am besten unterhalten.

Johann, den ich zunächst für einen liebenswürdigen Protagonisten gehalten hatte, verlor durch sein Handeln und seine Gedanken viel von meiner ihm anfänglich entgegengebrachten Sympathie – gewann aber auch an Vielschichtigkeit. Selbst jetzt bin ich noch ein bisschen am Hadern, ob ich ihn nun eigentlich mochte oder eben nicht. Die Nebenfiguren wie der junge Scolast oder Karl Wagner mochte ich deutlich lieber und mit ihnen habe ich auch mehr mitgefiebert um ehrlich zu sein.

Johann verfolgte das gesamte Buch über der Okkultismus und die Teufelsanbetung – und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob Pötzsch dem Buch einen magischen Touch verliehen hat oder ob er wirklich nur dem Aberglauben der damaligen Zeit und dem Stand der Forschung Rechnung getragen hat. Von beidem ein wenig, schätze ich mal. Für mich hat dieser Part nicht vollkommen hingehauen – vor allen Dingen ein Detail am Ende (nein, ich spoiler nicht!) war für mich ein wenig an den Haaren herbeigezogen, um Johann zu einer bestimmten Handlung zu verleiten.

Alles in allen entführt uns „Der Spielmann“ von Oliver Pötzsch in eine Zeit des Umbruchs. Ihm gelingt es vor meinen Augen die Welt des Aberglaubens und der Wissenschaft wieder auferstehen zu lassen – und dafür zolle ich ihm höchsten Respekt. Trotzdem hat für mich nicht alles gestimmt – deshalb vier rabenkrächzende Sterne. Ich bin gespannt auf den zweiten und letzten Teil.

Bewertung vom 08.10.2018
Zehn Jahre musst du opfern / Dark Palace Bd.1
James, Vic

Zehn Jahre musst du opfern / Dark Palace Bd.1


gut

Dark Palace von Vic James

10 Jahre muss jeder, der nicht zur magischen Elite Englands gehört, opfern und in den Dienst der Herrschenden treten. Manchmal unter grausamen Bedingungen. Die Hadleys glauben alles richtig zu machen, als sie ihre Sklavenzeit gemeinsam antreten und sich in den Dienst der mächtigen Familie Jardine stellen. Doch Luke, der Sohn, wird von den anderen getrennt und in eine Arbeiterstadt gebracht, während der Rest der Familie im Herrenhaus Dienst verrichten muss.

Diese dystopische Story konnte mich persönlich leider nicht so fesseln wie ich eigentlich erhofft hatte. Dabei hat Vic James vieles richtig gemacht: Ihr Schreibstil liest sich einfach so weg, die Seiten fliegen förmlich an einem vorbei und ich wusste gar nicht, wie ich in der Mitte des Buches gelandet bin. Ihre manchmal wunderschön bildhaften Beschreibungen zauberten Millmore oder das Herrenhaus oder den Wald und den See förmlich in meinen Kopf. Dieses Detail verstand mich zu fesseln.
Wahrscheinlich um dem Roman Komplexität zu verleihen und die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, werden mehrere POVs ins Feld geführt. Dies gefiel mir vor allen Dingen zu Anfang ziemlich gut, da ich schnell vertrauen zu Luke und Abi fasste, den Kindern der Hadleys und ihr Alltag vor ihrer Sklavenzeit recht eindrücklich beschrieben wird. Luke fand ich besonders toll und Abi ist schlauer als ihr gut tut. Sowas mag ich (eigentlich). Auch die Idee gemeinsam die Sklavenzeit anzutreten erwuchs aus Abis hellem Köpfchen.
Die Familie Jardine schien mir schon nach dem ersten Kapitel, in dem sie ihren Auftritt hatten, recht wahnsinnig zu sein. Ein gabenloser Bruder, ein Psychopath und ein Choleriker (um es mal mit einfachen Worten zusammen zu fassen) treten hier gemeinsam auf, garniert noch mit gruseligen Haustieren und einem glänzenden Aussehen. Vic James hat hier versucht, zu viele Superlative auf einem Fleck zu vereinen, um die Dekadenz der Oberschicht und die offensichtliche Grausamkeit gegenüber ihren Untergeben darzustellen, grausam und dekadent ist diese Familie alle Mal, dabei treten aber leider ihre Charaktere in den Hintergrund. Auf mich wirkten sie (nachdem der erste Glanz verflogen war) blass. Ein wenig mehr Characterbuilding hätte hier wohl weniger geschadet).
Das selbe Muster kann man auch am Beispiel von Luke herunter deklinieren, der nach Milllmoor gebracht wurde – einer alten Arbeiterstadt. Auch hier bediente sich James vieler Klischees, die ich so auch schon in historischen Romanen des 19. Jahrhunderts gelesen habe. Grau, Trist, Arbeit, keine medizinische Versorgung und unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln. Natürlich läuft es dem Leser kalt den Rücken hinab – aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass die Autorin genau das erreichen wollte – und das wiederum überlagerte den Lesegenuss.

Im Endeffekt geht es um das Machtgefüge zwischen den Menschen. Spannung konnte dieses Machtgefüge jedoch bei mir nur teilweise wachkitzeln. Und wenn, dann wurde diese durch Infodumping, welches an manchen Stellen erfolgte, erstickt. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, immer wenn ein bisschen Spannung aufkam, mussten gleich wieder endlose Informationen folgen. Das hätte man auch eleganter lösen können.

Fazit? Eine Dystopie, die von der Grundstory her recht solide angelegt war, mich jedoch wenig zu begeistern vermochte. Schade! Ich kann hierfür nur 3 Sterne vergeben.

Bewertung vom 07.10.2018
Als das Leben unsere Träume fand
Di Fulvio, Luca

Als das Leben unsere Träume fand


ausgezeichnet

Drei junge Menschen wagen in Buenos Aires Anfang des 20. Jahrhunderts einen Neuanfang. Alle drei haben in der alten Welt schreckliches durchlebt und hoffen nun auf ein besseres Leben. Versprechungen und Hoffnungen haben sie in die brodelnde Stadt gelockt – die doch so ganz anders ist, als sie sich vorgestellt haben.

Ich liebte ja Luca di Fulvios „Der Junge, der Träume schenkte“ sehr – genau aus diesem Grund ging ich mit hohen Erwartungen an „Als das Leben unsere Träume fand“ heran. Ich wollte genauso emotional wie historisch berührt werden wie im Roman über New York,.
Ist es dem Buch gelungen?

Nun, zunächst finden wir uns in der Alten Welt wieder, wo wir drei unterschiedlichen Menschen folgen. Rocco, Rosetta und Rachel, aus deren Perspektiven das Buch zum größten Teil erzählt wird. Sie alle drei sind recht divers angelegt und haben viel Leid erfahren müssen – woraus ihr Entschluss reift, in die neue Welt aufzubrechen (mehr oder minder freiwillig). Rocco hat den Zorn der Maffia auf sich gezogen, als er sich weigerte wie sein Vater in ihre Dienste zu treten. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als das Schiff zu besteigen. Rosetta flieht um die halbe Welt vor dem Zorn eines Psychopaten, eines Dons, der das Land aufkaufen wollte, das ihr ihr Vater hinterlassen hatte. Und Rachel wird von Versprechungen in die neue Welt gelockt, deren Scherben sie schon auf dem Ozeandampfer aufsammeln darf. Das sind unsere drei Protagonisten, deren Wege sich jedoch erst spät im Buch kreuzen.

Luca di Fulvio fängt die Stimmung in Buenos Aires perfekt ein. Ich hatte sofort ein Bild von dem brodelnden Schmelztiegel vor Augen, in den tagtäglich Menschen aus den verschiedensten Nationen gespült werden und die Stadt weiter anfüllen – mit Träumen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Armut, Verzweiflung und Schrecken – die Schere zwischen Armut und Reichtum klafft erschreckend weit in dieser Stadt auseinander – wie die Menschen damit umgehen, um zu Leben und zu Überleben stellt Di Fulvio wahrlich meisterhaft dar. Für sein Stadtbild, das er in unseren Köpfen zeichnet, kann ich nur den imaginären Hut ziehen.

Di Fulvio errichtet mit seinen drei Protagonisten ein erzählerisch-dichtes Monument. Schnell wird emotionale Bindung aufgebaut und ehe ich es mich versah, fieberte ich mit den drei Jungen Menschen mit und wünschte ihnen inständig, dass sie ihr Glück finden – und das möglichst bald! Denn Di Fulvio setzt recht viele dramatische und auch brutale Elemente ein, um die Spannung hochzuhalten und den Leser noch enger an die Figuren zu knüpfen. Hurenhäuser, Gewalt, Pistolenschüsse, aber auch Psychopaten, Drogen und Bandenkriege sowie persönliches Leid finden in diesem Buch einen fast inflationären Gebrauch – und manchmal hat selbst mich das gestört, mich, die zu einer guten Portion Drama nicht nein sagt und die auch einen recht starken Magen hat, wenn literarische Gewalt an der Tagesordnung ist. Di Fulvio fuhr jedoch so starke Geschützte auf, dass er auch ein Heer an Bösewichten benötigte, um die Kugeln fliegen zu lassen und vor allem zum Ende hin bekommt der Leser das Gefühl, dass die Auflösung recht konstruiert daher kommt und die Realität dabei ein Stück weit auf der Strecke bleibt.

Was bleibt zu sagen? Das Buch ist hohe Erzählkunst und emotional wie historisch ganz oben angesiedelt. Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn man auf das pure Konstrukt schaut – und aus diesem Grund vergebe ich für „Als das Leben unsere Träume fand“ vier Sterne.

Bewertung vom 02.10.2018
Binti
Okorafor, Nnedi

Binti


ausgezeichnet

Binti von Nnedi Okorafor

Binti will lernen – noch mehr lernen, als sie eh schon weiß. Sie ist eine der besten Harmonistinen der Galaxie und hat das Angebot bekommen, an der besten Universität zu studieren. Aus diesem Grund wiedersetzt sie sich den Gebräuchen und Traditionen ihrer Familie und verlässt ihren Planeten – um in große Gefahr zu geraten und um unerwartete Freundschaften zu schließen.

Das vorliegende Buch ist eine Gesamtausgabe von Novellen, in sich abgeschlossene kleinere Romane, die auch als solche gelesen werden sollten und als solche ebenfalls strukturiert sind – nicht als ein vollständig durchgehender Roman. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet lassen sich die einzelnen Novellen auch gleich mit viel mehr Genuss lesen, da ich für meinen Teil andere Maßstäbe an eine „lange“ Kurzgeschichte lege als an einern vollständigen Roman.
Ich hatte nach den ersten Seiten gleich einen Draht zu Binti, jener Jungen Frau, die ganz abseits aller Traditionen fort und die Galaxie erkunden möchte, trotzdem noch tief verwurzelt in den alten Gebräuchen ist und ihren Weg finden muss. Nicht nur den Räumlichen, auch den ideellen. Binti ist eine Himba, die sehr stark mit ihrer Familie verwurzelt sind und für die viele Dinge ein Tabu darstellen, die für den normalen „Menschen“ ganz selbstverständlich sind. Bintis Weg zwischen Tradition und Wissensdrang hat mich mitgerissen und über die Seiten hinweg getragen.

Die Struktur des Buches ist wie eingangs erwähnt recht ungewöhnlich – vieles wird schnell erzählt und in sich sind die Bücher schnell getaktet. Da kommt es schon mal vor, dass Tod und Überfälle auf wenigen Seiten komprimiert werden. Der Fokus liegt auf der Protagonistin und ihrer Gefühlswelt bzw. ihrer mathematischen Gabe. Interessant, neu und ungewöhnlich – für mich aber auch manchmal ein wenig zu schnell, um wirklich „mitfühlen“ zu können.

Der Stil des gesamten Werkes ist gekonnt, locker. Man fliest förmlich durch die Seiten, wird an fremde Traditionen und Spezies herangeführt, ohne ins Stocken zu kommen oder auf der letzten Seite noch einmal eine Passage nachlesen zu müssen. Mir ist das jedenfalls nicht passiert. Die Autorin versteht definitiv ihr Handwerk – und das ziemlich virtuos. In meinem Kopf wurde sowohl die trockene raue Landschaft lebendig als das ich genauso das Lehm-Öl-Gemisch auf der Haut fühlen konnte, das die Himba traditionsgemäß tragen.

Natürlich bleibt auch dieses Buch vor Kritik nicht gefeilt – manchmal empfand ich die Story nicht als wirklich durchdacht und ausgreift – Übersprungshandlungen inklusive. Natürlich könnte man argumentieren, dass dies der Struktur der Geschichte geschuldet ist – aber solche schnellen (manchmal grundlosen oder nicht genug begründeten Handlungen stoßen mir persönlich doch schon etwas sauer auf.

Insgesamt ein Buch, das allein schon wegen der Protagonistin viel Spaß macht und die Gebräuche einer fremden Gesellschaft in Science-Fiction mäßiger Umgebung wiedergibt. Toll gemacht! Wegen den Plotschwächen vergebe ich gute vier Sterne.

Bewertung vom 29.08.2018
Vox
Dalcher, Christina

Vox


ausgezeichnet

Vox von Christina Dalcher

Dr. Jean McClellan ist außer sich, als sie die neue Verordnung der amerikanischen Regierung selbst zu spüren bekommt. 100 Worte darf jede Frau nur noch sprechen pro Tag. Für jedes weitere Wort setzt es Bestrafungen mittels einer Handgelenksschelle – Ein Stromschlag für jedes zusätzliche Wort. Jean kann ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht mehr ausüben und sie sieht, wie ihre kleine Tochter Sonia mehr und mehr in der gewünschten Linie der Regierung geht. Und das ist erst der Anfang, Jean begehrt auf.

Allein bei der Lektüre des Klappentextes standen mir die Haare zu Berge (Zugegeben, meine Ausflüge in dieses Sub-Genre sind selten. Ich habe weder „The Handmaides Tale“ noch ähnliche Bücher in meinem Regal stehen, deshalb ist die Grundgeschichte für mich auch noch relativ neu).
Schon der Beginn des Buches hat sich sehr gut lesen lassen. Man spürt, dass die Autorin fundiertes Linguistisches Hintergrundwissen besitzt, welches sie in diesem Roman erschreckend gut verarbeitet hat. Jean als Protagonistin ist ein bisschen stereotypisch aufgebaut. Eine Wissenschaftlerin, auf Vernunft fokussiert, beobachtet mit Schrecken was im Amerika des 21. Jahrhunderts um sie herum geschieht, nur weil Menschen wie sie (Sie wird im Buch als Prototyp herangezogen) zum falschen Zeitpunkt ihre politische Stimme nicht genutzt haben, die Füße still gehalten und geschwiegen haben, als es an der Zeit war, Farbe zu bekennen. Jean kann glaubhaft ihren Schrecken und ihre Wut vermitteln, sodass der Leser die Emotionen, die sie überschwemmen, spürt.
Natürlich muss es eine Liebesgeschichte geben. Sonst wäre es ja langweilig. Wobei ich finde, dass in „Vox“ das richtige Maß getroffen wurde. Keine schwülstigen Ergüsse, sondern eher ein paar sarkastische Einwürfe von Jeans Seite.
Insofern richtet der Leser seine Aufmerksamkeit auf die Aphasie-Forschungen, die in diesem Roman fiktiv angestellt werden, und auf den politischen Hintergrund – und der ist wahrhaft erschreckend, wenn man darüber nachdenkt. Dalcher hat die Entmündigung am Beispiel der Frauen durchdekliniert. Redeverbot, Bildungsverbot, Meinungsverbot. Doch diesen Szenarioschlüssel kann man an jede beliebige Gruppierung anlegen. Farbige, LGTB+, Flüchtlinge und so fort. Und wenn man sich die aktuelle Politik betrachtet, kann man Tendenzen zur Radikalisierung erkennen – und genau dieser Punkt ist einfach nur erschreckend – und macht das Buch so real.

Über das Ende kann man sich streiten. Ich hatte ein wenig das Gefühl, dass hier ein Happy-End herbeigeführt werden musste, um den Ernst des Buches zu entschärfen. Gut und schön, damit kann ich für meinen Teil leben, auch wenn das Heldentum der Geschichte praktisch aufgeteilt wurde. Dafür hatte das Buch kaum Längen und ich tauchte gerne in Jeans sprach- und zeichenlose Welt ab. Die Emotionen, die sie hegte, konnte ich gut nachvollziehen.

Ein Schreckensszenario, das auf leisen Sohlen daherkommt. Politisch und in das tiefste Innere von Familienbanden eingreifend. Und das ist der eigentliche Punkt für meine sehr gute Bewertung. In diesem Buch ist es erschreckend einfach, das herrschende System auf den Kopf zu stellen und eine totalitäre Struktur zu etablieren, die auf Überwachung und Unterdrückung fußt. Deshalb vergebe ich für „Vox“ 5 Sterne.