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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Micki
Wohnort: Köln
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Bewertungen

Insgesamt 7 Bewertungen
Bewertung vom 30.09.2019
Menschen neben dem Leben
Boschwitz, Ulrich Alexander

Menschen neben dem Leben


sehr gut

Eine junge Frau, offenbar selbstmordgefährdet, steht auf einem Dach und die ganze Kleinstadt gerät in Aufruhr. Wird sie springen oder nicht?
In „Der Sprung“ steht jedoch nicht die junge Frau, die vermutlich vom Dach springen will, im Mittelpunkt, sondern elf Menschen aus deren mittel- und unmittelbarem Umfeld. Ob das ältliche Pärchen Theres und Walther, welches um die Ecke der Geschehnisse ein kleines Lebensmittelgeschäft betreiben, der Polizist, der mit aller Anstrengung versucht, die junge Frau zu überzeugen, nicht zu springen, oder der Freund der zunächst unbekannten Frau: Die Leben aller elf Personen in dem Roman sind von den Taten betroffen.
Die kurzen Abschnitte, in denen die Geschehnisse des Tages aus der Sicht der jeweiligen Person geschildert werden, machen deutlich, wie sehr das Leben eines jeden Menschen aus unzähligen Verknüpfungen zu anderen Personen besteht. Große (oder auch kleine) Taten und tragische Ereignisse haben Auswirkungen auf unsere Umgebung – direkte und indirekte, negative und zum Teil sogar positive Effekte.
Zu Beginn des Romans fällt es zunächst schwer, den Überblick über die einzelnen Personen zu behalten. Ich musste öfters zurückblättern, um mir wieder in Erinnerung zu rufen, in welcher Beziehung (oder auch nicht) die Person nun zu den vorherigen steht. Dadurch jedoch, dass die einzelnen Abschnitte teilweise erstaunlich stark in die Tiefe gehen und man trotz der wenigen Seiten sehr viel von den Lebensgeschichten der einzelnen Protagonisten erfährt, ist man sehr schnell in der Geschichte drin. Es ist es faszinierend und zeugt von großem literarischen Talent, dass es der Autorin gelingt, auf nur 300 Seiten die Lebensgeschichten von elf Personen zu skizzieren und miteinander zu verknüpfen: Während zu Beginn die beschriebenen Personen für sich allein stehen, entsteht im Verlauf der Geschichte ein Netz, welches die Schicksale miteinander verknüpft.
Simone Lapperts Schreibstil ist angenehm leicht, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise oberflächlich zu sein. Ihre Figuren sind teilweise ein bisschen verrückt, gemein, liebevoll, untreu – und damit eben sehr realistisch gestaltet. Obwohl das Springen der Frau im Prequel der eigentlichen Geschichte bereits angedeutet wird – es beschreibt den Tritt über den Abgrund und das anschließende Fallen – bleibt die Geschichte spannend. Vor allem die dem Leser lange Zeit verborgene Identität ist ein literarisch kluger Schachzug. Das Ende empfinde ich als gelungen und ebenfalls sehr realitätsnah.

Bewertung vom 30.09.2019
Der Sprung
Lappert, Simone

Der Sprung


ausgezeichnet

Eine junge Frau, offenbar selbstmordgefährdet, steht auf einem Dach und die ganze Kleinstadt gerät in Aufruhr. Wird sie springen oder nicht?
In „Der Sprung“ steht jedoch nicht die junge Frau, die vermutlich vom Dach springen will, im Mittelpunkt, sondern elf Menschen aus deren mittel- und unmittelbarem Umfeld. Ob das ältliche Pärchen Theres und Walther, welches um die Ecke der Geschehnisse ein kleines Lebensmittelgeschäft betreiben, der Polizist, der mit aller Anstrengung versucht, die junge Frau zu überzeugen, nicht zu springen, oder der Freund der zunächst unbekannten Frau: Die Leben aller elf Personen in dem Roman sind von den Taten betroffen.
Die kurzen Abschnitte, in denen die Geschehnisse des Tages aus der Sicht der jeweiligen Person geschildert werden, machen deutlich, wie sehr das Leben eines jeden Menschen aus unzähligen Verknüpfungen zu anderen Personen besteht. Große (oder auch kleine) Taten und tragische Ereignisse haben Auswirkungen auf unsere Umgebung – direkte und indirekte, negative und zum Teil sogar positive Effekte.
Zu Beginn des Romans fällt es zunächst schwer, den Überblick über die einzelnen Personen zu behalten. Ich musste öfters zurückblättern, um mir wieder in Erinnerung zu rufen, in welcher Beziehung (oder auch nicht) die Person nun zu den vorherigen steht. Dadurch jedoch, dass die einzelnen Abschnitte teilweise erstaunlich stark in die Tiefe gehen und man trotz der wenigen Seiten sehr viel von den Lebensgeschichten der einzelnen Protagonisten erfährt, ist man sehr schnell in der Geschichte drin. Es ist es faszinierend und zeugt von großem literarischen Talent, dass es der Autorin gelingt, auf nur 300 Seiten die Lebensgeschichten von elf Personen zu skizzieren und miteinander zu verknüpfen: Während zu Beginn die beschriebenen Personen für sich allein stehen, entsteht im Verlauf der Geschichte ein Netz, welches die Schicksale miteinander verknüpft.
Simone Lapperts Schreibstil ist angenehm leicht, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise oberflächlich zu sein. Ihre Figuren sind teilweise ein bisschen verrückt, gemein, liebevoll, untreu – und damit eben sehr realistisch gestaltet. Obwohl das Springen der Frau im Prequel der eigentlichen Geschichte bereits angedeutet wird – es beschreibt den Tritt über den Abgrund und das anschließende Fallen – bleibt die Geschichte spannend. Vor allem die dem Leser lange Zeit verborgene Identität ist ein literarisch kluger Schachzug. Das Ende empfinde ich als gelungen und ebenfalls sehr realitätsnah.

Bewertung vom 12.09.2019
Ein anderer Takt
Kelley, William Melvin

Ein anderer Takt


sehr gut

Die erschreckende Vielfalt von Rassismus
Die Südstaaten in den 60er Jahren: Ausgelöst durch das Verhalten Tucker Calibans – einem schwarzen Landbesitzer – macht sich innerhalb weniger Tage die gesamte afroamerikanische Bevölkerung auf, den Bundesstaat Richtung Norden zu verlassen. Zurück bleiben die Stadtbewohner, die nicht nur verwirrt, sondern im Laufe der Ereignisse auch immer wütender werden.
Die Geschehnisse rund um Tucker werden dabei abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven – hauptsächlich der Weißen – erzählt. Es kommen sowohl seine Arbeitgeber Familie Willson, seine Frau, ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft und viele weitere Personen zu Wort, die Tucker mehr oder weniger gut kannten. Dabei erfährt der Leser sehr viel über Tucker, ohne dass dieser selber zu Wort kommt. Dabei werden auch die – zum größten Teil sehr rassistischen – Gedanken der Bevölkerung deutlich. Lediglich junge, gebildete Personen, wie beispielsweise Dewey Willson, der Tucker bereits seit seiner Kindheit kennt, stechen heraus, obwohl auch sie nicht frei von rassistischen Denkmustern sind.
Trotz dieser Vielschichtigkeit bleibt Tucker dem Leser bis zum Schluss mysteriös und rätselhaft. Zwar nähert sich der Roman der Frage an, warum er so gehandelt hat, jedoch bleiben einige Aspekte weiterhin ungeklärt – was mich jedoch nicht weiter gestört hat. Ein richtig hartes Stück ist das Ende des Romans, das mich schockiert zurückgelassen hat.
William Melvin Kelley hat seinen Roman bereits vor über 50 Jahren veröffentlicht, dennoch denke ich, dass viele der Situationen und leider auch der Denkweisen leider noch höchstaktuell sind. Durch die unterschiedlichen Stimmen, mit denen Kelley seine Geschichte erzählt, wird deutlich, wie erschreckend vielfältig Rassismus ist – von offener und gewaltbereiter Abneigung bis hin zu leiser Akzeptanz. Ich denke, die Veröffentlichung dieses Romans ist vor dem Hintergrund der aktuellen Lage in Deutschland mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit, genau richtig gewählt. Ich empfehle diesen Roman deswegen nicht nur denjenigen, die das Thema Rassismus in Amerika interessiert!
Dass „Ein anderer Takt“ bereits in den 60er Jahren veröffentlicht wurde, merkt man der Sprache nicht an, was wahrscheinlich an der Übersetzung liegt. Hier fehlt mit deswegen etwas die Authentizität. Was mich (an der Übersetzung) ebenfalls etwas gestört hat: Auch bekannte amerikanische Lieder wurden leider ins Deutsche übertragen. Einen Pluspunkt gibt es für das detaillierte Vorwort, in dem man sehr viel über (den mit völlig unbekannten) Autor erfährt.

Bewertung vom 22.08.2019
Otto
Suffrin, Dana von

Otto


sehr gut

Otto, der pensionierte Ingenieur, gibt das Leben nicht so schnell auf: Mehrfach im Koma und von den Ärzten öfters totgesagt, kämpft er sich ins Leben zurück. Allerdings ist er auf die Hilfe einer Pflegerin und auf die Unterstützung seiner beiden Töchter angewiesen.
Die überall zu lesende Kurzfassung des Romans finde nicht besonders treffend. In diesem wird Otto als Patriarch beschrieben, den die Töchter ihr ganzes Leben lang loswerden wollen – den Eindruck habe ich keineswegs! Klar, ist Otto manchmal anstrengend, doch sein ständiges Nachfragen macht eher deutlich, dass er sich um seine Töchter sorgt (was nicht wundert, sind beide doch arbeitslos bzw. Geringverdiener). Den so strengen Patriarch finde ich in diesem Buch nicht, stattdessen eher das Gegenteil des liebenden Vaters, der seine Töchter modern und verantwortungsbewusst (vor allem im Vergleich zur alkoholkranken Mutter) auf- und großgezogen hat. Auch kann ich es verstehen, dass er seine Töchter so oft wie möglich sehen möchte, sind sie doch das einzige, was ihm geblieben ist. Auch dass Timna und Babi Otto mit seinem Vornamen ansprechen und nicht mit Ehrfurchtsbezeichnungen wie Vater, deutet auf eine moderne und gleichberechtigte Beziehung hin.
Was ich ein bisschen schade fand, dass Ottos Vergangenheit so wenig zu Sprache kam. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg muss für die Familie sehr tragisch gewesen sein, doch dass nahezu alle Verwandten im KZ ermordet wurde, wird nicht großartig thematisiert und durch die beiläufige Erwähnung schon ein wenig bagatellisiert. Auch Babi und Timna scheinen kein großes Interesse an ihrer jüdischen Vergangenheit zu haben, der Versuch, eine Familiengeschichte zu schreiben wird nur halbherzig angefangen. Vor dem Hintergrund hätte das Buch ruhig noch 100-150 Seite mehr haben können.
Besonders gelungen finde ich es, wie die Autorin ihre Figuren aufbaut und beschreibt. Beide Töchter sind sehr groß und schlank, eine an sich nicht sonderlich bemerkenswerte Tatsache, aber mit welchem Humor und Witz die Äußerlichkeiten von Babi und Timna beschrieben werden, ist wirklich gelungen! Gleiches trifft auch auf die Pflegekräfte zu.
Überhaupt bringt einem das Buch sehr oft zum Schmunzeln, auch wenn es viele traurige Aspekte gibt wie den zunehmenden körperlichen Verfall von Otto: Das Altern der eigenen Eltern ist wohl für niemanden einfach zu ertragen. Diejenige, die uns unsere Kindheit begleitet und unterstützt haben, sind jetzt selbst auf unsere Hilfe angewiesen und gehen dem Ende ihres Lebens entgegen. Oft sagt man, dass man erst dann richtig Erwachsen wird, wenn die Eltern sterben und man quasi der nächste in der natürlichen Reihenfolge wäre – eine Tatsache, die auch hier in „Otto“ zutrifft.
Das Buch ist ein humorvoller, aber sehr trauriger Familienroman, den ich absolut empfehlen kann! Wer eine enge und liebevolle Beziehung zu seinen Eltern hat, wird sich in einigen Aspekte wiedererkennen und beim Lesen auch häufig schlucken müssen. Einen Punkt Abzug gibt es für die spärliche Thematisierung von Ottos Vergangenheit.

Bewertung vom 06.08.2019
Fünf Lieben lang
Aciman, André

Fünf Lieben lang


gut

Im Alter von 12 Jahren verliebt sich Paolo das erste Mal – und zwar in den wesentlich älteren Giovanni. Doch im Gegensatz zur Aussage seines Vaters, dass jeder Mensch nur einmal in seinem Leben wirklich liebt, lernt Paolo (später Paul) gleich mehrmals die Liebe seines Lebens kennen, scheitert jedoch immer wieder auf ganz unterschiedliche Weise.
In einer schönen und schlichten Sprache erzählt Aciman von Pauls fünf unterschiedlichen Liebesgeschichten, die ihm im Laufe seines Lebens von 12 Jahren bis schätzungsweise Mitte 50 begegnen. Egal ob Mann oder Frau, jede dieser Begegnungen ist so völlig anders von der anderen und prägt Paul für sein Leben. Dabei stehen die „fünf Lieben“ nicht nur in Kapiteln separat voneinander, sondern auch inhaltlich, sodass ich mir zwischendurch nicht sicher war, ob es sich wirklich um einen Lebensverlauf beziehungsweise um denselben Protagonisten, oder ob es sich wie bei Austers 4321 um unterschiedliche Lebensentwürfe handelt. Rückblicke in das frühere Leben (frühere Kapitel) gibt es kaum, auch wird manchmal dieselbe Situation aus zwei Perspektiven geschildert, was mich sehr irritiert hat.
Positiv hervorheben möchte ich jedoch die bildliche Sprache, die einen sehr schnell in das Geschehen hereinbringt. Auch die erotischen Passagen sind sehr gut beschrieben, ohne ins Abgedroschene abzurutschen. Auch der offene und natürliche Umgang der Gesellschaft mit Pauls Bisexualität hat mir gefallen.
Das Buch hat mich allerdings etwas ratlos zurückgelassen, weil mir auch jetzt die Botschaft des Autors nicht wirklich deutlich geworden ist. Dass es egal ist, wen wir lieben? Einen kleinen Bonus gibt es für das Ende, das eine gelungene Überraschung war.

Bewertung vom 25.07.2019
Der Gesang der Flusskrebse
Owens, Delia

Der Gesang der Flusskrebse


sehr gut

Melancholische Geschichte, die berührt

Zwei Jungen finden einem Toten im Marschland – und für die Bewohner der nahe gelegenen Stadt steht schnell die vermutliche Täterin fest: Es kann nur die weit weg von der Stadt lebende und von allen isolierte Frau Kya sein, die auch als Marschmädchen bekannt ist. Nach und nach von Eltern und Geschwistern verlassen, lebt sie bereits seit vielen Jahren ganz alleine in einer kleinen Hütte am Meer.

Das Buch ist in zwei Erzählstränge aufgeteilt, was einen sehr guten Lesefluss ermöglicht und die Spannung aufrechterhält – obwohl an sich nicht viel passiert: Die Handlung und damit der erste Erzählstrang beginnt im Jahr 1952 mit der sechsjährigen Kya Clark. Ihre Familie ist sehr arm, lebt von der Rente des Vaters und hat kaum genug zu essen, da der Vater einen Großteil vertrinkt. Die ärmlichen Verhältnisse werden besonders durch die Beschreibungen der Hütte deutlich, die kaum genug Platz für eine Familie bietet. Dieser erste Erzählstrang beschreibt die Kindheit und Jugend Kyas, wie sie lernte in der Marsch zu überleben, alleine zur Frau wurde und wie sie sich verliebte. Besonders gefesselt haben hier die detaillierten Naturbeschreibungen und die dichte Atmosphäre, der immer eine leichte Melancholie anhängt. Allerdings ist die Erzählung auch etwas düster und traurig. Kya ist viel allein, hungrig und oft einsam, auch scheint im Marschland nie die Sonne zu scheinen. Parallel zu der Entwicklung Kyas wird die Geschichte des (vermutlichen) Mordes im Jahr 1969 erzählt.

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist ein sehr ruhiges Buch und scheint in einer eigenen kleinen Welt zu spielen, in der politisches Geschehen und Zeitgeschichte keine Bedeutung haben. Lediglich durch einzelne Personen, die von „außen“ in die Handlung eintreten, wird bewusst gemacht, dass es nicht nur das Marschland und seine kleine Stadt gibt. Das macht es einem leicht, tief in die Handlung und in das Buch zu versinken und sich die Landschaftsbeschreibungen vor Auge zu führen. Der Leser fühlt mit Kya, hat Mitleid mit ihr und wünscht ihr von ganzem Herzen, dass sie doch endlich glücklich wird.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich jedoch: Gegen Ende (ca. die letzten 100 Seiten) zieht sich das Buch leider etwas in die Länge. Hier werden wiederholt Dinge erzählt und benannt, die dem Leser schon bekannt sind, was dem Lesevergnügen leider einen kleinen Abbruch tut.

Übrigens: Wer hier einen klassischen Krimi erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Zwar gibt es einen (vermutlichen) Mord und das typische Ermittler-Duo, ansonsten fehlen dem Buch jedoch die üblichen Kriminalroman-Züge wie beispielsweise ein kontinuierlicher Spannungsaufbau. „Der Gesang der Flusskrebse“ ist ein Buch für alle, die nicht zwangsläufig eine spannende Handlung erwarten, sondern atmosphärische Naturbeschreibungen schätzen und eine bildhafte Sprache wertlegen.

Bewertung vom 04.06.2019
Dschungel
Karig, Friedemann

Dschungel


sehr gut

Nachdem sein bester Freund Felix aus Kindheits- und Jugendtagen spurlos im kambodschanischen Dschungel verschwunden ist, macht sich der namenlose Erzähler auf die Suche. Was folgt, ist eine lange Reise nach Backpacker Art durch das asiatische Land, immer nach der Suche nach neuen Hinweisen und Spuren.

Felix und „Herr Doktor“ – ein ungleiches Freundespaar, wie es wahrscheinlich unzählige gibt. Der eine taff, abenteuerlustig und frech (Felix) und der andere eher zurückhaltend und immer zu seinem Freund aufblicken. Zwischen den Abschnitten, die „das Finden“ des Erzählers in Kambodscha beschreiben, ist immer ein Kapitel eingeschoben, welches sich (in fast chronologischer Reihenfolge) mit der Kindheit und Jugend der beiden befasst. Felix ist (vor allem zu Beginn in der Kindheit) eindeutig der dominantere der beiden, er nennt den Erzähler leicht verächtlich „Herr Doktor“, während dieser ständig überlegt, was er sagen könnte, um Felix zu beeindrucken. Die Beziehung der beiden nimmt dabei den Hauptteil des Werkes ein – nicht nur in den „Kindheitskapiteln“. Auch auf der Suche nach seinem verschwundenen Freund redet der Protagonist mit Felix in seinem Kopf – und zwar sehr häufig. Dieser Aspekt hat mit an dem Roman eher weniger gefallen, man bekommt den Eindruck, als wäre der Protagonist extrem besessen von seinem Freund – außerdem sind die imaginierten Dialoge immer inhaltlich recht ähnlich. Ansonsten sind die Personen – mit Ausnahme vielleicht von Felix Mutter, die sehr blass bleibt, überzeugend konstruiert.

Friedemann Karigs Sprache ist zwar recht einfach, aber sehr fesselnd. Kurze Sätze machen es einfach, der Handlung zu folgen, sodass auch ich das Buch innerhalb weniger Tage in einem Rutsch durchgelesen habe – man möchte unbedingt wissen, wie das Buch ausgeht (auch wenn das Ende für mich nicht soo überraschend kam, wie in anderen Rezensionen beschrieben). Mit knapp 380 Seiten fällt das Buch zwar nicht sehr lang aus, dennoch hat man während und nach dem Lesen das Gefühl, die Charaktere sehr gut kennengelernt zu haben.

Stichwort Konsumkritik: Vor allem im letzten Abschnitt wird die Kritik Karigs an unserem aktuellen Reiseverhalten deutlich. Menschen – vor allem junge Menschen – reisen ans andere Ende der Welt, hetzen sich dort von einem Land in das nächste, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein – eine Kritik, der ich zu hundert Prozent zustimmen kann.

In vielen Rezensionen wird Dschungel als Reiseroman beschrieben. Das ist er meiner Meinung nach definitiv nicht. Die Schilderungen der Landschaft und der einheimischen Bevölkerung sind meist sehr knappgehalten, einzig die Mitreisenden werden hin und wieder ausführlich analysiert. Da sich ein Großteil der Geschichte im Inneren des Erzählers abspielt, ist Dschungeln für mich viel mehr ein typischer Entwicklungsroman, in dem sich der Protagonist sich hauptsächlich mit sich selbst auseinandersetzt. Auch das Ende, über das ich natürlich nichts verraten möchte, steht ganz im Sinne dieser Entwicklung.