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Benutzername: dj79
Wohnort: Ilsenburg
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Bewertungen

Insgesamt 79 Bewertungen
Bewertung vom 16.10.2019
Poet X
Acevedo, Elizabeth

Poet X


ausgezeichnet

Mein erster Poetry Slam
Xiomara lebt mit ihrem Zwillingsbruder und ihren Eltern in New York unter schwierigen Bedingungen. Die aus der Dominikanischen Republik stammende Mutter ist dem katholischen Glauben verfallen, erwartet auch von Xiomara strenge Gläubigkeit. Gleichzeitig muss sich Xiomara mit ihrer Wertigkeit als Frau auseinander setzen. Nur ihr Bruder darf eine „gute“ Schule besuchen. Zudem muss Xiomara ständig sexistische Anmachen über sich ergehen lassen. Als sie sich dann in ihren Klassenkameraden Aman verliebt, nimmt ihr problembehaftetes Leben schwer zu ordnende Züge an.

Elizabeth Acevedo schreibt so eindringlich, dass ich blitzschnell und intensiv in die Geschichte hineingezogen wurde. Es fühlte sich an, als würde mir das alles gerade passieren. Trotzdem hatte ich stets eine jüngere Version der Autorin vor Augen. Vermutlich hat das Cover mit der kraushaarigen Schönheit dieses Bild in mir erzeugt. Ich mochte die gedichtartige Aufteilung, auch die manchmal überraschende Anordnung des Textes sehr. Es entstand ein für mich ganz neues Lese-Feeling. Es war ein bisschen wie ein Wettrennen, aber ich konnte nicht anders, als immer nur weiter zu lesen.

Xiomara, später Poet X, ist mir sehr ans Herz gewachsen. Sie geht den unbequemen Weg, bleibt sich selbst dabei immer treu, auch wenn sie dafür ihre Mutter zutiefst verletzen muss. Ihre Entwicklung von der schweigsamen, sich ihrer Fäuste bedienenden Xiomara, hin zu Poet X, die ihre Gefühle zunächst in einer Art Tagebuch niederschreibt, dann der Einladung ihrer überaus engagierten Lehrerin in den Slam-Poetry-Club folgt und letztlich öffentlich mit ihren Gedichten auftritt, fand ich wunderbar.

Fazit: „Poet X“ ist ein Buch über das Erwachsenwerden, über das Zu-sich-selbst-Finden, über eine Glaubenskrise und über die erste Liebe. Obwohl durchaus ernste Themen wie Gewalt und Sexismus behandelt werden, kommt dieser slammende Poetry-Roman mit einer mitreißenden Leichtigkeit daher. Das hat mir mehr als nur gefallen. Ich empfehle Elizabeth Acevedo‘s Debüt gern weiter. Versucht einzelne Abschnitte (oder auch Alles) laut, also mit Stimme. Das kommt dann richtig cool.

Bewertung vom 16.10.2019
Jack, der Monsterschreck, und die Zombie-Apokalypse / Jack, der Monsterschreck Bd.1
Brallier, Max

Jack, der Monsterschreck, und die Zombie-Apokalypse / Jack, der Monsterschreck Bd.1


gut

KA-WUMM
„Jack, der Monsterschreck und die Zombie-Apokalypse“ ist ein comicartiges, Action geladenes Abenteuer mit cooler, sprücheklopfender Sprache, das vielleicht auch Lesemuffel davon überzeugt, mal ein Buch in die Hand zu nehmen. Die Sprache ist einfach und laut, in etwa so, wie ich mir Zehnjährige auf dem Schulhof vorstelle. Ergänzt wird der Text durch zahlreiche schwarz-weiße Zeichnungen, was aus meiner Sicht zusätzliche Lesemotivation erzeugt.

Jack ist dabei der typische Antiheld, der im Laufe der Story über sich hinauswächst, Freunde findet und mehr Zuversicht für sein Leben gewinnt. Es ist ein bisschen so, wie bei „Parker Lewis - Der Coole von der Schule“. Es gibt einen Coolen, einen Schlauen und einen Jungen, der stark ist. In Kombination geben sie ein tolles Team ab, auch wenn sie manchmal aneinander vorbei reden und ein bisschen brauchen, bis sie sich verstehen. Neben der Sprache macht genau das den Witz und Charme dieses Buches aus.

Als AddOn gibt es ein Quiz bei Antolin, wodurch sich die Kinder noch intensiver mit dem Lesestoff auseinandersetzen können.

Das Buch an sich hat mir ziemlich gut gefallen, vor allem für Jungen ab zehn. Gestört hat mich allerdings das Recht häufige ProductPlacement. Das hat aus meiner Sicht in Büchern für Kindern nichts zu suchen.

Bewertung vom 16.10.2019
Ein anderer Takt
Kelley, William Melvin

Ein anderer Takt


sehr gut

Feinsinnige Analyse
Kelleys Roman „Ein anderer Takt“ erscheint mit einem Vorwort von Kathryn Schulz und klingt mit einem Statement von Jessica Kelley über ihren Vater aus. Beide stellen uns den recht unbekannten William Melvin Kelley und seinen Werdegang vor, beschreiben seine Schreibkunst und analysieren die Hintergründe für das In-Vergessenheit-Geraten seines Werkes. Das Wiederentdecken dieses Autors stellt für mich eine echte Bereicherung dar.

Zunächst war es für mich etwas befremdlich, stets und ständig von Negern oder noch schlimmer Niggern zu lesen, weil dieser Sprachgebrauch im hier und jetzt doch sehr anstößig wirkt. Wenn man sich jedoch bewusst macht, dass „Ein anderer Takt“ im Amerika von 1962 erschienen ist, würden durch die Anpassung der Sprache historische Tatsachen beschönigt, verwässert, ganz und gar verändert werden. Der Sinn und die Aussagekraft des Romans würden verloren gehen.

Kelley beschäftigt sich in seinem Roman mit den Herausforderungen der beginnenden Aufhebung der Rassentrennung, mit denen sich sowohl Weiße und Schwarze auseinandersetzen müssen. Er entwirft dafür eine Utopie, wonach beginnend mit dem schwarzen Farmer Tucker Caliban die gesamte Farbige Bevölkerung eines fiktiven Bundesstaats diesen in Richtung Norden verlässt und damit den ansässigen Weißen Landbesitzern die Arbeitskräfte entzieht. Die Schwarzen nutzen die Chance auf ein von Weißen emanzipiertes Leben, wie es in Tuckers Statement von S. 267 ganz besonders deutlich wird: „Man hat nur eine einzige Chance: wenn man kann und wenn man will. Wenn eins davon fehlt, braucht man‘s gar nicht erst zu versuchen.“ Ziemlich hilflos bleiben die Weißen zurück. Wer soll ihre Felder bestellen? Wer die Pacht, von der sie leben, bezahlen?

Mit unterschwellig anhaltendem Spott betrachtet Kelley die wenig gebildeten Weißen, die einem stumpfsinnigen Alltag auf der Veranda eines Ladens frönen. Sie richten ihre Ansichten und sogar ihren gesamten Tagesablauf an einem alten Rollstuhlfahrer aus, so als würden sie dem „Ältesten“ ihrer Art überall hin folgen. Einer echten wertschöpfenden Tätigkeit geht fast niemand nach. Auf mich wirken die Weißen im Boreout gefangen. In diesem Mikrokosmos der Veranda schafft es Kelley, die feinen Unterschiede in der Haltung gegenüber Schwarzen zwischen den einzelnen weißen Charakteren herauszuarbeiten. Er lässt durch bewusste Lücken dem Leser Raum zum Weiterdenken und für eigene Interpretation.

Wohlwissend, dass Kelley zur Veröffentlichung erst Mitte Zwanzig war, möchte ich seiner Feinsinnigkeit verbunden mit der klugen Pointierung höchsten Respekt zollen. Sein Gespür für die Menschen, ihre Haltung und der daraus resultierenden Gefahr, die bis heute aktuell ist, hat mir gefallen.

Bewertung vom 27.09.2019
Die Welt in allen Farben
Heap, Joe

Die Welt in allen Farben


gut

„Die Welt in allen Farben“ ist ein Roman, der mit sehr wenigen Charakteren auskommt. Die beiden Protagonistinnen Nova und Kate haben durch ihre Lebensgeschichte „nur“ ein kleines soziales Umfeld. Trotzdem hat Joe Heap ein gehaltvolles Debüt hingelegt. Er setzt sehr intensiv mit dem Leben, den alltäglichen Problemen und den Gefühlen der beiden auseinander. Novas und Kates Gefühlswelt wird hauptsächlich durch die Handlungen, Aktionen und (Über-)Reaktionen, auch dem ein oder anderen „Ausraster“ der beiden zum Leser transportiert.

Beide Persönlichkeiten müssen ihr Leben fernab von normalen Umständen meistern. Nova ist von Geburt an blind, soll jetzt durch eine Operation erstmalig Sehkraft bekommen. In ihrem blinden Leben ist sie jedoch perfekt eingerichtet und kommt ohne fremde Hilfe zurecht. Sie kann sogar als Dolmetscherin arbeiten. Kate ist eine kontaktscheue Persönlichkeit, die ein eher unterwürfiges Leben führt. Jeder Versuch, sich zu emanzipieren, wird bestraft. So kommt es zu einem „Unfall“, der Kate in dieselbe Station im Krankenhaus befördert, in der sich Nova nach ihrer Augen-OP befindet. Ich konnte für beide Charaktere Sympathie empfinden, wobei meine Zuneigung zu Nova etwas stärker ausgeprägt ist. Trotz ihrer vielfältigen Abweichung von „normal“ (was die Allgemeinheit halt so als normal empfindet) meistert sie ihr Leben clever, tritt Herausforderungen mutig gegenüber, setzt sich durch. Kate war mir etwas zu anpassungswillig. Für mich ist es immer schwer nachvollziehbar, wenn jemand über einen langen Zeitraum hinweg seine eigenen Interessen zurücksteckt, um möglichst nicht anzuecken und möglichst allen oder ausgewählten Leuten zu gefallen.

Mit dem Erzählen dieser berührenden Geschichte hat Joe Heap allerdings auch mein Zentrum für Selbstreflektion angesprochen. Als Sehender ist es einfach sich zu entscheiden, ob man sehen will oder nicht. Man würde auch vieles tun, um einen drohenden Verlust des Sehens zu vermeiden, weil wir uns einfach nicht vorstellen können, dass auch ein blindes Leben ein schönen Leben sein kann. Dass diese Überlegungen umgekehrt genauso ablaufen könnten, habe ich nicht einmal in Erwägung gezogen. Genauso ist es leicht zu behaupten, sich im Fall des Falles einer potentiellen Gewalt in der Familie entziehen zu wollen und zu können. Aber so einfach ist es eben doch nicht. Diese Ansprache des Romans an das eigene Gewissen, die Einnahme einer anderen Perspektive hat mir daran am besten gefallen.

Abzüge in der Bewertung nehme ich vor, weil Nova für mich etwas zu viele „Normalitätsabweichungen“ auf sich vereint. Dadurch wird in meinen Augen nicht mehr Wirkung erzielt, eher leidet die Glaubwürdigkeit. Zudem ist die Handlung wenig überraschend, manches Ereignis war für mich leicht vorherzusehen. Trotzdem hat mir „Die Welt in allen Farben“ gut gefallen.

Bewertung vom 25.09.2019
Drei
Mishani, Dror A.

Drei


gut

Ungewöhnlicher Roman
Oft enttäuschen mich Bücher, wenn sich die Geschichten ganz anders entwickeln, als ich mir das vorher ausgemalt habe, wenn die Abweichung zwischen Erwartung und tatsächlichem Inhalt zu groß wird. Hier musste ich nach Klappentext und den ersten paar Seiten an Daniela Kriens „Die Liebe im Ernstfall“ denken. Abgesehen von den vorkommenden Dating-Portalen gibt es im Nachhinein betrachtet jedoch kaum Gemeinsamkeiten. Ich muss ein wenig schmunzeln, dass ich überhaupt diesen Gedanken hatte. Trotzdem war es interessant sich mit „Drei“ auseinanderzusetzen.

Zum inhaltlichen möchte ich mich nicht äußern, da man bei diesem Roman blitzschnell ins Spoilern gerät. Daher möchte ich von der Art und Weise der Aufbereitung berichten. Der Roman ist titelgerecht in genau drei Teile gegliedert, die jeweils die Geschichte einer Frau behandeln und scheinbar nur sehr locker über einen Mann miteinander verbunden sind. Die Teile sind in angenehm kurze Kapitel aufgeteilt, die zum steten Weiterlesen verleiten. Der Schreibstil beginnt im ersten Abschnitt mit verkürzt männlicher und unkomplizierter Sprache, die sich im zweiten Teil fortsetzt. Etwas Gewöhnung benötigen die israelischen Orte und Bezeichnungen, was aber keinesfalls ein Problem für mich darstellt. So liest man insbesondere im ersten Abschnitt, abgeschwächt auch im Zweiten eine mit den Seiten intensiver werdende, also anschwellende Geschichte, erwartet einen Höhepunkt mit danach fallender Handlung wie im Drama. Der Effekt, der durch den Wendepunkt entsteht, ist Wahnsinn, um es vorsichtig auszudrücken, macht den eigentlichen Reiz des Romans aus.

Die originären Schicksale der Frauen haben mich auf verschiedenen emotionalen Ebenen berührt. In Orna konnte ich mich richtig gut hineinversetzen, mit ihr fühlen. Für Emilia habe ich Mitleid empfunden. Ich mochte ihre Spiritualität. Emilias Geschichte würde ich durchaus auch als Sozialkritik an den israelischen Gegebenheiten werten. Insgesamt habe ich die beiden Teile ganz schön bedrückend, fast schon depressiv empfunden.

Im dritten Teil war nach wenigen Seiten klar, dass hier etwas anders sein würde. Der Schreibstil in diesem Abschnitt ist für mich außergewöhnlich, die Mischung aus Konjunktiv und Futur II ist schon etwas Besonderes, die daraus resultierende Perspektive erschien mir recht kreativ. Die komplizierte Sprache wirkt, als ob der Autor seine literarisch weibliche Seite in den Vordergrund rücken möchte, was auch gut zum Geschehen im Roman passt. Zudem teilt sich der dritte Abschnitt in zwei Handlungsstränge auf, die am Ende wieder zusammenfinden. Diese Stilmittel haben dem Roman noch mehr Drive verliehen, ihn für mich noch interessanter gemacht.

Trotzdem kann ich „Drei“ keine Top-Bewertung geben. Zum einen wurde ich förmlich erschlagen von den „verkürzten Dramen“ in nur drei Akten, zum anderen war der Ausgang des Romans recht schnell im dritten Abschnitt vorherzusehen.

Bewertung vom 18.09.2019
Zimmer 19 / Tom Babylon Bd.2
Raabe, Marc

Zimmer 19 / Tom Babylon Bd.2


ausgezeichnet

Meine Freude war riesig als ich „Zimmer 19“, den neuen Fall von Tom Babylon und Sita Johanns entdeckte. War doch „Schlüssel 17“ letztes Jahr einer meiner liebsten Thriller. Wunderbar getimt, erscheint der neue Thriller anderthalb Jahre später, wie auch der neue Fall auf der Berlinale anderthalb Jahre nach der Dom-Sache stattfindet, Echtzeit quasi.

Dieses Mal ist ein Video, das eine Vergewaltigungsszenerie mit anschließender Ermordung des Opfers zeigt, der Ausgangspunkt für Toms Ermittlungen. Statt des ersten Berlinale-Films wurde das Gewaltvideo auf der Eröffnungsveranstaltung tausendachthundert mehr oder weniger prominenten Gästen vorgeführt. Besonders schockierend ist die Art der Ermordung, brisant die Herkunft/der Name des Opfers.
In einem zweiten Handlungsstrang durften wir die jugendliche Sita näher kennen lernen, was mir durchaus zu pass kam, da mir Sita im ersten Band schon sehr speziell erschien, nicht negativ, sondern eher in Richtung außergewöhnlich, also ziemlich kaltschnäuzig, abgebrüht, überdurchschnittlich mutig. Wie sie zu dieser Persönlichkeit geworden ist, blieb in „Schlüssel 17“ weitgehend verborgen. Es ist schön, sie jetzt besser verstehen zu können.
Zwei weitere Bekannte aus „Schlüssel 17“ treten gleich am Anfang wieder mit in die Handlung ein, Viola und Toms Freund Bene. Ich war ja so gespannt beim Lesen, ob von der Ungewissheit, die Tom umgibt, etwas mehr ans Licht kommt.

Sita rückt nun mehr in den Vordergrund. Ihr Schicksal, insbesondere die Ereignisse aus ihrer Teenagerzeit, sind nichts für schwache Nerven. Was sie alles ertragen musste, ist schon beim Lesen fast nicht auszuhalten. Für mich ist gut nachvollziehbar, dass sie auch heute noch daran zu knabbern hat, beispielsweise mit ihrer Angst vor dunklen, abgegrenzten Räumen. Ich bewundere Sitas Art dem Leben und seinen Unwegbarkeiten zu trotzen.

Tom mag ich weiterhin sehr gern, weil er weit ab von perfekt ist. Zudem ist er ein Macher, kein Rückversicherer. Mit seiner Intuition agiert er spontan, überdreht manches Mal, kommt aber letztlich, wenn auch auf Umwegen zum Ziel. Dabei hasst Tom sinnlose oder übertriebene Spielregeln genau wie ich, nur das er es schafft, sie ganz einfach zu brechen. Er ist in diesem Sinne so, wie ich gern wäre, aber nicht bin, weil ich mir das nicht traue.

Marc Raabe konstruiert mit „Zimmer 19“ ein geniales Wechselspiel zwischen dem Berlinale-Fall und der Vergangenheit, sowie tolle Szenenwechsel bei den Ermittlungen. Die Szenenwechsel mochte ich besonders gern im Rahmen von Befragungen. Immer gerade dann, wenn es spannend war, wurde umgeschaltet. Diese Cliffhanger lassen ein gefährliches Suchtpotential beim Leser entstehen. Sehr gelungen waren auch die Verbindungen zum 1. Fall, wie auch zu Toms Vergangenheit, von der wir in „Schlüssel 17“ lesen durften.

Fazit: Aus meiner Sicht konnte Marc Raabe sich mit „Zimmer 19“ nochmal steigern. Auch wenn es sich in der Bewertungsskala nicht niederschlagen kann, hat mir „Zimmer 19“ noch ein Tucken besser gefallen. Ich denke: Wer „Schlüssel 17“ mochte, wird „Zimmer 19“ lieben.

Bewertung vom 12.09.2019
Otto
Suffrin, Dana von

Otto


gut

Schon von außen strahlt der Roman das aus, was den Leser erwartet. Unzufriedenheit, Frustration, aber auch das Böse gucken einen durch die Coveraugen an. Der Titel "Otto" lässt mich an Augen und Nase denken, bei den Ts an Zornesfalten, aufeinander gepresste Lippen ergeben sich aus dem Namen der Autorin und Schriftzug "Roman". Unter der etwas provozierenden Hülle verbirgt sich etwas Glanzvolles, ein Bronze schimmerndes Buch, das man schon optisch gern in die Hand nimmt. So wie die Gestaltung empfinde ich auch den Inhalt des Romans, hinter einer schwer erträglichen Familiensituation verbirgt sich doch etwas ganz Besonderes. Ottos Geschichte ist anstrengend, nicht unbedingt anstrengend zu lesen, sondern schwierig zu verarbeiten, wenn man die Geschehnisse auf die eigene Familie transferiert. Was wäre, wenn ich Timna oder Babi, eine von Ottos Töchtern, wäre?

Nach monatelangen Krankenhausbesuchen darf/muss Timna ihren Vater aus dem Krankenhaus abholen. Der Aufenthalt dort war geprägt durch schwelende Infekte und zahllose Anästhesien. Mehrfach sprang Otto dem Tod gerade so noch von der Schippe. Wann immer sein Gesundheitszustand es zwischendurch zulies, war er sofort der fast unerträgliche Patriarch, der sich ungefragt in das Leben seiner erwachsenen Töchter einmischt und ganz viel Aufmerksamkeit für sich selbst von ihnen verlangt. Dabei pflegt er einen alles andere als liebevollen Umgang mit den beiden, legt einen Jargon an den Tag, der regelrecht abstoßend ist. Auf S. 45 zeigt er sich gar „enttäuscht von der Geistlosigkeit der Frucht seiner Lenden“. Dieser böse Charakter ringt Timna und Babi, trotzdem das Versprechen ab, ihn nicht in eine Pflegeheim zu stecken, sondern ihn in seinem Eigenheim zu pflegen. Dies wird mit einem geschickten Schachzug erreicht, der kaum abzuschlagenden "schöne Bitte", die kindlichem Betteln gleichkommt und die mit dem schlechten Gewissen spielt. In gleicher erpresserischer Manier motiviert Otto die ältere Tochter, Timna, die Familiengeschichte aufzuschreiben, bevor die Erinnerung daran mit seinem Ableben oder durch sein Alzheimer verschwindet.

Die Ich-Erzählerin, Timna, berichtet nun unverblümt von Anekdoten aus ihrer und Babis Kinheit, von Ausflügen, die unter dem unermesslichen Geiz des Vaters zu leiden hatten, von tandhaften Geschenken der Mutter, Ursula, die vielleicht ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber kompensieren musste. Sie trägt darüber hinaus sehr ernste Themen zusammen, die Ottos Erinnerungen entstammen. Die im Zweiten Weltkrieg deportierten Familienmitglieder und Freunde werden in Sätzen wie: „Dann kamen die Jahre nach 1941, in denen Gott nahm und die Juden wie Gänseblümchen von der Erdoberfläche pflückte.“ (S. 125) betrauert. Nur noch wenige aus seiner Altersgruppe sind überhaupt noch am Leben. Otto selbst scheint der Einzige zu sein, der damals keine Nummer in den Arm tätowiert bekam. „Einfach“ so davongekommen ist er. Der Verlust seiner Heimat Siebenbürgen war wohl der Preis dafür. Unter dieser Tatsache leidet Otto wie auch am Verlust seiner einstigen Liebe Ewa. Mit der Scheidung der Eltern und dem sich anschließenden Verfall beider droht auch die Familie zu zerfallen. Das letzte Pessach fasst schließlich die Familiensituation noch einmal treffend zusammen. „Diesmal war alles karg und fehlerhaft und vergeblich, so wie unsere ganze Familie. Ich sage zu Babi, oh Mann, Pessach mit Alzheimer ist irgendwie unvollständig, Babi sagt: Dieses Jahr feiern wir Demenzach!“ (S. 204)

Weil der Roman aufgrund seiner Charaktere und vielleicht auch wegen seines Aufbaus recht anstrengend war, möchte ich insgesamt eine etwas eingeschränkte Leseempfehlung geben. Die Bereitschaft, sich auf eine stark fragmentierte Geschichte mit ungewöhnlichen Humor einzulassen, sollte schon gegeben sein.

Bewertung vom 07.09.2019
Über die Grenze
Lunde, Maja

Über die Grenze


ausgezeichnet

Die Geschichte beginnt im Nazi-besetzten Norwegen 1942 im Haus der Wilhelmsens. Neben den Eltern, die eine Arztpraxis betreiben, gehören Otto, zwölf, Gerda, zehn, und die Haushälterin Klara zur Familie. Seit einigen Tagen schon gehen merkwürdige Dinge im Hause Wilhelmsen vor sich und plötzlich steht der Polizeiapparat der Besatzer vor der Tür. Viel zu spät erkennt Gerda, dass ihre Eltern zwei jüdische Kinder, Daniel und Sarah, im Haus versteckt hatten. Auf sich allein gestellt, flüchten die Kinder nach Schweden, wo der jüdische Vater wartet.

Wie bei den Abenteuern der drei Musketiere, dem Buch, das die Kinder gern und oft lesen, wird die Reise nach Schweden zwischenzeitlich extrem gefährlich. Überall lauern Kontrollen und Verräter. Wem soll man noch vertrauen? Doch die Kinder, die sich vielleicht anfänglich uneins waren über die richtige Vorgehensweise, halten zusammen, finden Verbündete und wachsen insgesamt über sich hinaus.

Ich mag Maja Lunde, weil sie es schafft, ernste Themen literarisch zu bearbeiten, ohne damit den Leser zu verschrecken. Wie schon bei der Geschichte der Bienen / des Wassers, berichtet sie auch hier von Fakten ohne einen zu arg anklagenden oder verurteilenden Ton anzuschlagen. Zudem lässt sie die Kinder trotz Krieg und Flucht weiterhin Kinder sein. Sie streiten sich, toben, sind leichtsinnig, manchmal frech. Sie macht es immer wieder spannend und führt die Geschichte haarscharf am Scheitern vorbei. Das Ende ist für den Erwachsenen etwas unglaubwürdig, aber für Kinder der empfohlenen Altersgruppe optimal, genau so wie es ist.

Fazit: An diesem historischen Kinderbuch „Über die Grenze“ gibt es überhaupt nichts zu meckern. Schon 9-Jährige können in ein bitteres Kapitel der europäischen Geschichte eintauchen, ohne in ihrem Gemütszustand zu stark erschüttert zu werden. Trotzdem ist nichts beschönigt oder verniedlicht, die Fakten sind sachgerecht, aber eben gleichzeitig kindgerecht aufbereitet. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

Bewertung vom 05.09.2019
Der Sprung
Lappert, Simone

Der Sprung


ausgezeichnet

Grandioses Leseerlebnis
Es beginnt mit einer Frau, die sich aufgeregt auf dem Dach eines Mietshauses einer Kleinstadt bewegt, herunterschreit und mit Dingen um sich wirft. Zahlreiche Schaulustige wie auch die Presse sind in schauriger Erwartung, was sich hier noch ereignen wird. Ein Tag und eine Nacht versucht die Polizei, die Frau zur Aufgabe zu bewegen. Neben den direkt Beteiligten treten weitere Charaktere ins Geschehen ein, die mit der Dame auf dem Dach irgendwie in Verbindung stehen.

Simone Lappert eröffnet dem Leser einen Blick mitten durch unsere Gesellschaft, präziser ausgedrückt, lässt sie uns in die Abgründe der heutigen Zeit schauen. Sie bearbeitet mit ihrem Roman Probleme, mit denen wir uns aktuell tagtäglich konfrontiert sehen. Die sehr geschickt an ihre Charaktere geknüpften Themen sind beispielsweise der soziale Abstieg durch technischen Fortschritt oder durch Schicksalsschlag, Mobbing, Untreue und dunkle Geheimnisse. Sie spielt darüber hinaus mit unserem widersinnigen Bedarf, Sensationsgelüste auszuleben. Dafür kommen zunächst die Protagonisten wie der Polizist Felix oder die meckernde Alte, Edna, recht alltäglich daher und erst im Verlauf der Geschichte wird einem klar, in welcher Lebenswirklichkeit sie sich befinden.

Ich muss gestehen, ich liebe dieses Buch und die meisten Charaktere darin: Manu, weil sie aus der Reihe tanzt, Theres und Werner, weil sie wissen, was echte Liebe ist, Egon, weil er sich für nichts zu fein ist, Winnie, weil sie tapfer trotz aller Widrigkeiten ihre angehende Frau steht und selbstverständlich Roswitha, die für jeden ein offenes Ohr und einen gern angenommenen, guten Rat hat. Im ersten Moment erscheinen manche Herausforderungen der Charaktere extrem, sind es letztlich aber nicht wirklich. Ich kannte zu fast jeder Situation ähnlich Beispiele aus meinem eigenen Umfeld. Diese überdurchschnittlich vielfältigen Möglichkeiten zur Identifikation macht den Roman hochgradig glaubwürdig und real.

Doch nicht nur die Protagonisten lassen mich den Roman auf meine Favoritenliste setzen, sondern auch die von Simone Lappert verwendete Sprache. Sie ist einfach genial oder himmlisch. Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll. Zum einen sind da „Hummeln, die ihren Winterpelz ganzjährig tragen“. Als Topping gibt es spontane Kommentare wie „Ich war dermaßen mit Überleben beschäftigt, dass Sterben nicht in Frage kam, […].“ (S. 163) Machmal erzeugt der Wortwitz ein spontanes Auflachen und manchmal lädt uns die Autorin zum Träumen ein. Dann hat ihre Sprache einen märchenhaften Touch. Dabei ist sie niemals kitschig, sondern einfach nur wunderbar.

Mir hat „Der Sprung“ nicht nur gefallen, er war sensationell. Es ist der absolut beste Roman, den ich in 2019 gelesen habe. Daher gebe nicht nur eine Leseempfehlung ab, sondern lege euch dieses Prachtexemplar der Literatur regelrecht ans Herz.

Bewertung vom 26.08.2019
Verrückt nach Karten

Verrückt nach Karten


gut

„Verrückt nach Karten“ ist ein echtes Juwel unter den besonders schön gestalteten Büchern. Bereits das Kartencover mit der scheinbar erhaben aus dem Meer heraustretenden Küste, mit alles überragenden Bergen auf denen zum Teil Burgen und Schlösser thronen, sowie vielen Tieren und unzähligen, einzeln eingezeichneten Bäumen ist ein echtes Highlight. Es lädt zum Verweilen in diesem großformatigen Kartenbilderbuch ein. Qualitativ ist das Buch ebenfalls ganz weit vorne. Die Stabilität des Pappeinbands ist für die dargebotene Größe angemessen. Das glänzende Papier der Buchseiten stellt eine zusätzliche Aufwertung dar.

Inhaltlich hat Huw Lewis-Jones als Herausgeber die Erfahrungsberichte verschiedenster Autoren mit Karten, sowie Berichte über das Zusammenwirken von Karten und Geschichten zusammengestellt. Das phantasievolle Kartenmaterial aus den Geschichten oder auch die echten Karten aus früheren Jahrhunderten haben mich begeistert wie schon das Cover. Ich mochte es, auf Entdeckungsreise zu gehen und mich in der ein oder anderen Karte zu verlieren.

Die Faszination für die Karten konnte sich jedoch nicht wirklich auf den Text übertragen. Er hat mir zwar die ein oder andere Anregung für meine nächsten Lesetitel gegeben, aber durch oft ähnliche Berichte wurde es mit der Zeit für mich zu langatmig. Zudem war es ein bisschen frustrierend von berühmten Werken zu lesen, die ich nicht einmal namentlich kannte. Interessant fand ich die Idee eine Karte des eigenen Lebens zu zeichnen, die sich im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt.

Insgesamt kann ich leider nur eine mittlere Bewertung abgeben, obwohl die Karten selbst Bestnoten verdient haben. Empfehlen kann ich, das Buch in Etappen und nicht durchgehend zu lesen.