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Benutzername: CallmeaBookaholic
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Bewertungen

Insgesamt 67 Bewertungen
Bewertung vom 05.12.2020
Baskische Tragödie / Luc Verlain Bd.4 (eBook, ePUB)
Oetker, Alexander

Baskische Tragödie / Luc Verlain Bd.4 (eBook, ePUB)


gut

Tragisch - baskisch - persönlich

Commissaire Luc Verlain steckt mitten in seinem persönlichsten Fall. An einem beschaulichen Strand von Aquitanien fällt ein kleines Kind ins Koma, nachdem es reinstes Kokain am Strand gefunden und probiert hatte. Für Luc deuten alle Spuren nach San Sebastian, nachdem ihn eine geheimnisvolle und persönliche Botschaft erreicht. Doch auf dem Weg ins Baskenland gerät er ins Visier der dortigen Polizei. Er wird gesucht, wegen des Verdachts auf Drogenschmuggel und wegen Mordes. Das Netz zieht sich für Luc Verlain immer enger. Und bald wird klar, dass er es mit einem alten Gegner zu tun hat, der noch eine Rechnung mit ihm offen hat.
Alexander Oetker entführt uns in Verlains bisher persönlichsten Fall. Nicht nur, weil er persönlich betroffen ist und wir in diesem Buch einiges über sein Privatleben erfahren. Sondern auch, weil er es mit einem mächtigen, alten Feind zu tun hat. Wieder einmal gelingt es Oetker mit einem sehr flüssigen und atmosphärisch aufgeladenen Schreibstil mich als Leser nach Aquitanien und auch ins Baskenland zu entführen. Ein großes Plus geht dabei für mich an die Beschreibung der Atmosphäre in San Sebastian und die der Ortsansässigen. Man spürt die Eigenart der Menschen richtig, das Flair dieser Stadt und es gibt auch einen kulinarischen Ausflug in die baskische Küche. Es gelingt ihm aus meiner Sicht aber auch, weil die Geschichte sich dieses Mal sehr aus der Perspektive von Verlain heraus entwickelt. Als Leser bin ich von Anfang mitten drin und verfolge in hohem Tempo, wie sich die Ereignisse sukzessive zuspitzen und Verlain zunehmend in Bedrängnis gerät und in einem Wettlauf gegen die Zeit seine Unschuld beweisen muss. An sich liest sich die Geschichte bis hierhin sehr vielversprechend. Die Thriller-Elemente, die Oetker mit dem regionalen Krimi verknüpft, passen ganz gut in das Gesamtbild. Allerdings muss ich sagen, konnte mich unterm Strich der Krimi nicht gänzlich in seinen Bann ziehen bzw. überzeugen. Einige Stellen in der Geschichte – und da möchte ich auch nicht zu viel verraten – sind etwas fragwürdig bzw. wirken auf mich konstruiert. Als sich dann andeutet, wer der große Gegenspieler in diesem Fall ist, erscheint die Geschichte nicht mehr gänzlich überraschend für mich, bzw. wirkt zuweilen vorhersehbar. Zwar gelingt es Oetker zum Schluss noch einmal mit einem kleinen Twist etwas für den Leser Unvorhersehbares zu integrieren, jedoch hatte für mich dieser Krimi bereits an Spannung verloren. Schade, denn ich glaube, dass diese Geschichte durchaus das Potenzial gehabt hätte, bis zur letzten Seite nervenaufreibend spannend zu sein.
Mein Fazit: Ein Regio-Krimi gespickt mit Thriller-Elementen, dem in der zweiten Hälfte leider etwas die Luft ausgeht.

Bewertung vom 28.11.2020
Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
Ferrante, Elena

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen


sehr gut

Es ist nicht leicht erwachsen zu werden

Giovanna ist ein junges pubertierendes Mädchen aus der Mittelklasseschicht Neapels. Musterschülerin, eine behütete Kindheit – die Eltern gebildete Intellektuelle, die durch ihr Auftreten Autorität ausstrahlen und eine Vorbildfunktion darstellen. Kurzum: die idealen Eltern, die scheinbar alles perfekt machen und sich für Giovanna ein perfektes, erfülltes Leben wünschen. Bis zu dem Moment, in dem Giovanna aufhört das kleine Mädchen zu sein und zu einer jungen Frau heranreift und dadurch in Konflikt mit ihren Eltern gerät. Was erschütternd ist, dass ihr eigener Vater sie eines Tags mit seiner verhassten Schwester Vittoria vergleicht, der hässlichen Schwester, die aus dem vulgären, einfachen Neapel stammt. Eine Welt, die Giovannas Vater gerne vergessen möchte. Giovannas scheinbar perfekte Welt fängt an zu bröckeln….
Endlich dürfen wir wieder in die Welt von Elena Ferrantes Neapel eintauchen, das sich vor allem durch die Menschen auszeichnet. Ich mag Ferrantes Geschichten, die mir die Menschen aus der Unter- und Mittelschicht Neapels so authentisch und nah vermitteln, als würde man sie persönlich kennen. Und obwohl die Geschichten meist auf den ersten Blick für mich keine epischen Romane zu sein scheinen. So taucht man auf den zweiten Blick ein in diese Stadt, nimmt die Gerüche wahr, die unterschiedlichen sozialen Gegensätze, das Temperament der Menschen… vor allem deren Leben.
Heldin dieses Romans ist Giovanna, die uns von der ersten Seite an in ihre Welt mitnimmt und uns an ihren Gedanken und Beobachtungen teilhaben lässt. Wir erleben hautnah als Leser mit, wie Giovanna aus ihrer scheinbar wunderbaren Welt durch eine unachtsame Bemerkung ihres Vaters herausgerissen wird. Wir erleben ihre Sichtweise durch den Spiegel einer heranwachsenden jungen Frau, die konsequenterweise zwischen ihren Gefühlen hin und her gerissen ist. Trotz des Widerstands ihrer Eltern versucht sie die verhasste Schwester ihres Vaters, Vittoria, kennen zu lernen. Jene Schwester, die aus dem Teil Neapels stammt, den Giovannas Vater vehement leugnet und hinter sich lassen möchte. Giovanna taucht ein in die ihr unbekannte Welt, die ihr immer vertrauter und bald näher als die eigenen Eltern erscheint. Und so werden Vittoria und ihre Bekannten bald Giovannas neue Familie, wenn man das so sagen darf. Ich möchte fast sagen, dass diese beiden Welten, die frühere perfekte Welt ihrer Eltern und die Realität in Vittorias Leben ein Sinnbild für die Zerrissenheit von Giovanna ist. Denn auch sie ist unsicher, trotzig und versucht ihre Grenzen auszutesten, zu provozieren und – wie könnte es anders sein, verliebt sich.
Für mich ist Ferrantes Geschichte eine wunderbar ernste, vielseitige Geschichte des Erwachsenwerdens. Und zwar nicht nur körperlich. Für mich wacht Giovanna aus einer idealtypischen Welt auf, die ihre Eltern um sie geschaffen hatten. Es ist fast schon ironisch, dass es genau die Eltern sind, die diese Welt zerstören. Giovanna lernt immer mehr hinter die Fassade des Lebens ihrer Eltern zu blicken, hinterfragt deren Leben, Beziehungen und Einstellungen und merkt bald, dass diese nicht so perfekt sind, wie es immer den Anschein hatte. Manchmal erkennt man sich ein stückweit selbst in Giovanna wieder. Und vielleicht macht das genau den Zauber ist. Denn Giovanna ist auf ihre Art sehr nahbar und authentisch.
Ich finde, Ferrante hat eine sehr wunderbare nüchterne Art zu schreiben. Ich hatte bei der vierteiligen Saga um Lila und Lelu noch meine Schwierigkeiten mit dem Sprach- und Schreibstil. Hier liest sich für mich die Geschichte aus Sicht von Giovanna von Anfang an flüssig, aber auch sehr unaufgeregt und berührend. Für mich gelingt es der Autorin wunderbar, die Gefühle der jungen Giovanna und deren Verwirrtheit in Worte zu fassen.
Mein Fazit: Für mich ein wunderbar tragisch-herzliches Stück über das Erwachsenenwerden und der Frage nach, dem „Wer bin ich, wenn die scheinbar perfekte Welt meiner Eltern auseinanderbricht“

Bewertung vom 14.11.2020
Das Erbe der Päpstin
Glaesener, Helga

Das Erbe der Päpstin


gut

Mit großer Erwartung habe ich die Fortsetzung des Romans „Die Päpstin“ von Donna Cross gelesen. Denn auf mich wirkte die Geschichte sehr spannend und ich hatte mir erhofft, dass die Hintergründe der Ermordung von Gerold und die tragischen Umstände von Päpstin Johannas Tod zu einer mitreißenden Kriminalgeschichte werden. Leider wurden meine Erwartungen diesbezüglich nicht ganz erfüllt. Bekommen habe ich eine sich über einen längeren Zeitraum entwickelnde Geschichte mit einer Protagonistin, die sich mutig den für die damalige Zeit harten Lebensumständen stellt, aber auch irgendwie nicht in die gesellschaftlichen Regeln passen will. In diesem Punkt ähnelt sie sehr Johanna, die im ersten Band bereits einen ungewöhnlichen Weg beschritt, und als Junge verkleidet Karriere als Arzt macht. Beide suchen nach einer Identität und versuchen gesellschaftlich vorgegebene Rollen zu durchbrechen. Indem Freya erkennt, mit welchem Mut Johanna ihr Leben geführt hat und wie ihr medizinisches Wissen dabei geholfen hat anderen zu helfen, findet sie ihren eigenen Weg und auch ihre Berufung. Trotz der Parallelen wirken beide Geschichten auf mich nur lose miteinander verknüpft. Die Begegnung von Freya mit ihrem Großvater und auch mit Päpstin Johanna fallen relativ kurz aus. So dass sich für mich keine tiefe emotionale Bindung zwischen diesen entscheidenden Personen entwickeln kann oder erkennen lässt. Freya als Charakter blieb für mich auch über weite Strecken fremd. Gut fand ich wiederum, dass sie durch einige Charaktereigenschaften eine gewisse Tiefe hat, die anderen Charakteren im Roman manchmal fehlen. So ist der Antagonist Hugo Abbas durch und durch Widersacher mit wenig Gewissensbissen, was ihn für mich zu einem sehr berechenbaren Gegenspieler macht. Obwohl ich den Erzählstil sehr abwechslungsreich und flüssig empfand, muss ich sagen, dass die Handlung auf mich wie eine Aneinanderreihung von einzelnen Episoden im Leben von Freya wirkte. Obwohl Freya auf die Mörder ihres Großvaters jeden Hass verspüren muss, und sogar laut Klappentext Rache schwört, wirkt sie auf mich auf lange Strecken wie jemand, der dieses Ziel nicht verfolgt. Die Begegnungen mit Ihren „Feinden“ wirken rein zufällig. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich die Geschichte von Freya auf ein Ziel zubewegt oder sich Handlungen dramatisch zuspitzen. Das ist aber nur mein Eindruck.
Ein großes Plus allerdings ist für mich der historische Hintergrund, in dem Freya agiert. Die ständigen Unruhen und Überfälle durch die Wikinger, die in weiten Teilen Europas Angst und Schrecken verbreiteten. Die Machtspiele bei der Papstwahl in Rom, aber auch die machtpolitischen Auseinandersetzungen der damaligen fränkischen Herrscher im 9. Jahrhundert. Ich musste einiges nachlesen, um die Ereignisse und auch einige Personen, denen Freya begegnet, einzuordnen. Daher wären ein Personenregister und vielleicht auch die Vorstellung von bedeutsamen historischen Ereignissen für den Leser sehr wertvoll gewesen. Dennoch gelingt es meiner Meinung nach der Autorin gut, historisch belegte Tatsachen mit der überwiegend fiktiven Erzählung spannend zu verknüpfen. Auch wenn historische Personen wie Hugo Abbas hier zum Wohle der Dramaturgie einen etwas anderen Charakterzug bekommen, als dieser in Wirklichkeit wahrscheinlich hatte.
Mein Fazit: Es fällt mir schwer ein Fazit zu ziehen. Ich bin sogar etwas unschlüssig. Auf der einen Seite ist das ein unterhaltsamer, über weite Strecken spannend erzählter historischer Roman, der besonders durch den historischen Kontext und die Hauptfigur punkten kann. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass dieser Roman im Schatten des allseits gehypten Vorgängers gefangen ist bzw. es ihm nicht gelingt die Vorgängergeschichte überzeugend fortzusetzen. Am Ende bleibt die Frage „Was genau ist das Erbe der Päpstin?“.

Bewertung vom 10.08.2020
Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6
Eyssen, Remy

Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6


ausgezeichnet

Sommer in Le Lavandou. Wieder einmal begleiten wir Gerichtsmediziner Leon Ritter auf seinem neuesten Fall, der diesmal nicht unbedingt etwas für schwächere Nerven ist. Damit meine ich nicht, dass der Autor plötzlich in den Erzählstil eines Sebastian Fitzeck oder Stephan King abdriftet. Nein, dieser Fall wird allein schon wegen dem Mordmotiv und der Aufklärung düsterer als seine Vorgänger. Dafür aber nicht weniger spannend.
In seinem sechsten Kriminalfall jagt der Gerichtsmediziner Leon Ritter einen religiös-fanatischen Killer. Denn als die ersten Frauenleichen auftauchen, glaubt Leon Ritter nicht an Unfälle. Zumal an den Tatorten und an den Opfern selbst Spuren einer rituellen Tötung auftauchen. Mit seiner Lebensgefährtin der Polizistin Isabelle macht er sich auf die Suche. Denn Eile ist geboten. Als eines Tages die Tochter des Kultusministers unter den entführten Opfern ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit…
Ich bin schon seit Jahren Fan von Leon Ritters kriminalistischem Gespür. Ich mag die Art und Weise, wie mich der Autor als Leser in einen spannenden Fall mitnimmt und das Ganze noch mit südfranzösischen Flair, vielen Hintergrundinformationen zu Orten und dort lebenden Menschen anhaucht. Ihm gelingt es jedes Mal, auch hier wieder, mich in die Geschichte eintauchen zu lassen. Meine Erwartungen an diesen neuesten Band wurden nicht enttäuscht. Der Autor schafft es seine Figuren und Orte sehr anschaulich und lebendig zu beschreiben. Ich mag es richtig in die südfranzösische Lebensart einzutauchen oder wie im aktuellen Band über den Wochenmarkt gedanklich zu schlendern. Die Charaktere sind für mich durchweg glaubwürdig und auch sympathisch, besonders natürlich Leon Ritter, dessen Lebensgefährtin Isabelle und deren Tochter Lilou. Deren Privatleben wird auch im aktuellen Band weiterentwickelt und durch ein dramatisches Ereignis fesselnd erzählt.
Nicht zuletzt geht es auch im neuesten Kriminalfall dramatisch und hochspannend zu. Ich habe mich insgesamt keine Seite lang gelangweilt. Sprache und Schreibstil des Autors sind sehr angenehm und flüssig bzw. anschaulich zu lesen. Der Autor schafft es meiner Meinung nach sehr gut, dass ich von der sehr gut konstruierten und recherchierten Geschichte gefesselt werde. Durch verschiedene erzählerische Perspektivwechsel entsteht ein durchweg hohes Tempo. Die Geschichte allein wird durch ihre teilweise schon schaurigen Beschreibungen der Opfer und deren Lage dramatisch dargestellt. Man spürt den Druck, der auf den Ermittlungen lastet. Natürlich driftet der Autor nicht in spektakulär blutige Umschreibungen ab. Dennoch empfand ich den Hintergrund und das Tatmotiv insgesamt als etwas düsterer als bei den Vorgängergeschichten. Die Auflösung fand ich wieder gut gelöst und überraschend. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich mittlerweile schon fast immer richtig mit meinem Tipp liege, was den Täter angeht. Also mein Eindruck ist hier schon, dass das Strickmuster vom Autor immer ähnlich ist. Das ist aber mein persönlicher Eindruck. Insgesamt ist das eine wirklich hervorragende und unterhaltsame Kriminalgeschichte.
Mein Fazit: Insgesamt wieder eine sehr gelungene, überzeugende Kriminalgeschichte, die durch ihre atmosphärischen Schilderungen und nicht zuletzt durch den gewohnten südfranzösischen Lokalkolorit punkten kann.

Bewertung vom 09.08.2020
Die Henkerstochter und der Fluch der Pest / Henkerstochter Bd.8
Pötzsch, Oliver

Die Henkerstochter und der Fluch der Pest / Henkerstochter Bd.8


ausgezeichnet

Sommer 1679: Als in Wien und bald darauf auch in Bayern die Pest ausbricht, schickt der bayerische Thronfolger Max Emanuel seinen Vertrauten aus Kindertagen Peter mit einer streng geheimen Botschaft nach Kaufbeuren. Während dessen wird sein Peter’s Großvater Jakob Kuisl, der Henker von Schongau, von seinem pestkranken „Vetter“ Conrad Näher, Henker von Kaufbeuren, aufgesucht. Dieser überbringt Jakob eine seltsame Nachricht von einem geheimnisvollen schwarzen Reiter, der in Kaufbeuren den Tod bringe und zwei Gesichter habe. Jakob, seine Tochter Magdalena und der Schwiegersohn Simon Fronwieser brechen daraufhin auf, um einen geheimnisvollen Mörder zu finden. Sie ahnen nicht, dass es sich hierbei um ein Komplett handelt, dass seine Fäden bis in die höchsten Kreise zieht….
Ich bin schon seit einiger Zeit ein echter Fan der historischen Henkerstochter-Romanreihe von Oliver Pötzsch. Und jedes Mal erwarte ich mit Spannung und Neugierde den neuesten Roman. Dieses neueste Abenteuer, der mittlerweile älter gewordenen Kuisl-Familie, ist wieder ein echt spannender Krimi - ja man könnte fast Thriller sagen, der einen ziemlich guten aktuellen Bezug hat. Was mir wieder besonders gut gefallen hat: Die Kuisls, man mag sie oder nicht. Aber diese Familie ist einfach sympathisch. Alle Figuren sind liebevoll gezeichnet, wirken durch und durch authentisch, mit allen Ecken und Kanten. Auch in diesem Roman wirkt der inzwischen merklich gealterte Schongauer Henker Jakob Kuisl wieder als Protagonist und heimlicher Detektiv, der mit Neugierde, Spürsinn und einer gehörigen Portion gesundem Menschenverstand Fall um Fall zu lösen versteht. Dieses Mal baut der Autor drei Handlungsstränge auf, denn die beiden Kuisl-Enkel Peter und Paul sind mittlerweile erwachsen geworden und können in ihren Charakteren nicht unterschiedlicher sein. Während Peter als angehender Medizin-Student seinem Vater nacheifert und mit seinem kurfürstlichen Freund aus Kindertagen hervorragende Kontakte pflegt, schlägt sich Paul eher als Straßenjunge durch und träumt davon einmal als Henker zu arbeiten. Es bleibt abzuwarten, wie der Autor zukünftige Romane gestalten wird. Aber mit diesem Spannungsfeld zwischen den Figuren gibt es jede Menge erzählerisches Potenzial. Beide jungen Männer werden auf ihre Art und Weise in ein Komplott verstrickt, das in engem Zusammenhang mit dem Kriminalfällen in Kaufbeuren steht. Und so springt der Leser von einem spannenden Handlungsstrang in den nächsten. Auf der anderen Seite stehen die dichtgepackten, dramatischen Ereignisse in Kaufbeuren, in die Jakob, Magdalena und Simon verwickelt sind. Schritt für Schritt entspinnen sie die Hintergründe der Mordfälle und gewinnen nebenher immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie die Pest übertragen wird. Die Handlung insgesamt ist dicht gepackt, temporeich zu lesen und mit vielen überraschenden Wendungen gespickt. Ich hatte wieder richtig Spaß auf „Verbrecherjagd“ im alten Kaufbeuren und Umgebung zu gehen. Die Auflösung am Ende war für mich überraschend und spektakulär. Wenn ich auch zugeben muss, dass der Autor für mich an einigen Stellen in punkto Glaubwürdigkeit erzählerisch etwas über die Strenge geschlagen hat. Aber das sei ihm verziehen – es gehört für mich einfach zu den erzählerischen Freiheiten. Insgesamt ist dieser Krimi wieder sehr gut recherchiert, sehr gut verpackt in eine gelungene Kriminalgeschichte mit spannenden, vielschichtigen Charakteren, die auf mich sehr authentisch und lebendig wirken. Angereichert wird das Ganze mit interessanten wissenschaftlichen Informationen zur Pest und deren Übertragungsweg (als Leser erfahre ich sehr viel über den damaligen Wissensstand). Ich war echt überrascht, welche Parallelen sich zur aktuellen Situation in unserer heutigen Zeit ziehen lassen. Mein Fazit: Wieder eine historisch gelungene „Verbrecherjagd“, die überraschenderweise aktueller denn je ist. Temporeich, vielschichtig, mit überraschenden Wendungen und sympathischen Hauptfiguren. Genau die

Bewertung vom 11.07.2020
Die sardische Hochzeit (eBook, ePUB)
Landau, Grit

Die sardische Hochzeit (eBook, ePUB)


sehr gut

Dramatische Liebesgeschichte mit kulturellem Flair
Auch mit diesem Roman hat Grid Landau wieder einen wunderbaren historischen Roman auf hohem erzählerischem Niveau geschaffen. Ich durfte schon „Marina, Marina“ lesen und erfahre hier noch mehr über einige spannende Ereignisse aus der Familiengeschichte der Lanteris. Ich konnte mich wunderbar in die Geschichte einfinden, da ich historische Romane sehr gerne lese. Für mich sind dabei die Atmosphäre wichtig und die handelnden Personen in ihrem zeitlichen Kontext. Man spürt, wie akkurat die Autorin über die damaligen Ereignisse auf Sardinien zur Zeit der Machtergreifung Mussolinis recherchiert hat und ihr gelingt es meiner Meinung nach gut diese geschickt in die Geschichte von Leo und Gioia einzuweben. Ich konnte zeitweise richtig die Bedrohung vor den politischen und sozialen Umwälzungen spüren und hatte mich gefragt, was das für die beiden bedeuten könnte, denn Gioias Vater Antonio ist ein Sympathisant der Faschisten, während Leo auf Sardinien Freunde unter den sozialistischen Gegnern findet.
Ich finde, Grit Landau gelingt es hervorragend die damalige Atmosphäre sprachlich und bildlich einzufangen. Dabei kommt sicherlich zugute, dass sie selbst vor Ort auf Sardinien recherchiert hat und mir als Leser die Handlungsorte authentisch und atmosphärisch näherbringt. Spürbar wird Leos traumatischer Schmerz, der ihn immer wieder durch die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges heimsucht. Ich fand diese Passagen sehr aufwühlend und finde, dass man dieses Kapitel der europäischen Geschichte literarisch noch sehr wenig aufgearbeitet hat. Darüber hätte ich gern mehr erfahren, zumal es für mich darin noch einen Aspekt gegeben hat, der mir etwas zu kurz gekommen ist. Aber zu viele Handlungsstränge hätten mitunter den Roman zu komplex gemacht. - Insgesamt sind die Charaktere des Buches sehr gut konzipiert, jeder hat eine begründete Motivation für sein Handeln. Gioia ist mir durch ihre selbstbewusste und moderne Art sympathisch. Anfangs hatte ich mich noch gefragt, ob sie es schaffen kann, aus ihrer durch ihr soziales Umfeld geprägten Rolle auszubrechen. Doch sie hat mich positiv überrascht. Leo ist vor allem ein stolzer junger Mann, der einen starken Familiensinn hat und tief traumatisiert ist – sich aber dennoch durch einen starken Gerechtigkeitssinn auszeichnet.
Wer – allein schon durch den suggerierten Titel und die beiden Hauptcharaktere – eine reine Liebesgeschichte erwartet, wird enttäuscht. „Die Sardische Hochzeit“ ist ein hervorragend eingefangenes kulturelles Bild einer Gesellschaft am Rande des Umbruchs. Man spürt, wie stark Sardinien durch seine alten Traditionen, Sagen und Riten geprägt wird. Für mich ein echter Pluspunkt dieser Geschichte. Das wird unterstützt durch die vielen kleinen Sagen und traditionellen Geschichten, die die Autorin zu Beginn jedes Kapitels einwebt und mich als Leser in diese „fremde“ Welt eintauchen und mich gleichzeitig ein Stück weit an den Denkweisen der Sarden teilhaben lässt. Man versteht gleich viel besser, warum dieses Volk sich im Roman bewusst anders verhält. Es ist aber auch eine dramatische Familiengeschichte, deren unerwartete, ja ich möchte fast sagen, sogar für mich überraschende Wendung sich erst am Ende offenbart. Einen kleinen Punkt Abzug muss ich aber genau an der Stelle machen, wegen einer für mich kleinen Unglaubwürdigkeit in der Handlung – aber insgesamt ist der Gesamteindruck dieses sehr gelungenen Romans sehr positiv.
Mein Fazit: Eine wunderbar dramatisch erzählte Geschichte - eingebettet zwischen Liebesgeschichte, Weltkriegs-Trauma, politisch-sozialen Umwälzungen und der teils fremd wirkenden sardischen Kultur. Man spürt, mit wieviel Herzblut hier die Autorin an der Geschichte gearbeitet hat.

Bewertung vom 05.07.2020
Die Tanzenden
Mas, Victoria

Die Tanzenden


ausgezeichnet

Als Hysterie noch eine Krankheit war

Paris, 1885: Die Geisteskranken des berühmt-berüchtigten Pariser Krankenhauses „Saint-Salpetrière“ bereiten sich auf das Highlight des Jahres vor – den Bal des Folles. Ein Ereignis, bei dem die gehobene Pariser Gesellschaft sich einem unwürdigen Spektakel aussetzt, nämlich im Rahmen eines Balls den nervenkranken Frauen zu begegnen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt und dennoch mit Faszination betrachtet werden. Die junge Eugénie Cléry, die wegen ihrer spiritistischen Begabung von der eigenen Familie eingeliefert wird, will sich dieser menschenverachtenden Behandlung nicht beugen und plant die Flucht. Hilfe erhält sie allerdings von einer unerwarteten Stelle…
„Die Tanzenden“ ist mir in erster Linie durch das wunderbare pastellig gestaltete Cover, das so viel Leichtigkeit und Weiblichkeit ausdrückt, aufgefallen. Der Klappentext hat mich zusätzlich neugierig gemacht. Ich musste den Roman lesen. Victoria Mas ist ein für mich herausragender Roman gelungen. Sie entführt uns in das 19. Jahrhundert, in dem auch durch Persönlichkeiten wie Sigmund Freud, die Menschen anfangen sich die Erforschung der Psyche zu interessieren und die Betroffenen wie Versuchstiere erniedrigenden Torturen aussetzen, um die Grenzen des Wissens zu überwinden. Schauplatz ist dabei eines der berüchtigsten Heilanstalten Europas. Victoria Mas nimmt uns mit in jene Zeit und lässt uns hinter die Kulissen blicken. Es ist eine spannende Reise, die zum einen authentische Bilder zeichnet, aber auch erschütternde Einzelschicksale präsentiert. Denn die Opfer sind überwiegend Frauen: die Hysterie galt damals als Nervenkrankheit, wer sich anpassen wollte oder gar ein eigenes Denken entwickelte, konnte schnell ausgegrenzt oder als nervenkrank gelten. Im Mittelpunkt des Romans stehen drei Frauen, die unterschiedlich sind, aber alle drei Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft werden, in der eigenes Denken, selbstbewusstes Auftreten oder Auflehnung gegen die männliche Dominanz unerwünscht waren. Alle drei Frauen haben mich auf ihre Art und Weise berührt. Victoria Mas‘ Erzählstil ist sehr feinfühlig, aber gleichzeitig authentisch. Die Geschichte ist überwiegend im Präsens geschrieben. Dadurch hatte ich das Gefühl mich mitten in der Erzählung zu befinden und die Handlung direkt mitzuverfolgen. Die erzählten Geschichten sind erschreckend, aber auch mutig erzählt. Für mich war es beklemmend zu lesen, wie Frauen in dieser Zeit behandelt und Repressalien ausgesetzt wurden, um die Forschung voranzutreiben. Allerdings ist keine der handelnden Personen völlig hilflos, jede ist mutig und entschlossen sich den Gegebenheiten entgegenzustellen. Ein Punkt Abzug allerdings muss ich geben, da ich mich mit dem von Eugénies betriebenen Spiritismus nicht so recht anfreunden konnte. Der Fakt ist zwar sehr gut in die Handlung eingewoben, aber wirkt auf mich fehlplatziert, um nicht zu sagen unglaubwürdig. Eugénies mutiger Charakter und selbstbewusstes Auftreten hätten womöglich damals schon ausgereicht, um sie in der damaligen Gesellschaft für nervenkrank zu halten.
Mein Fazit: Ein empathischer, aufwühlender Roman, über eine Zeit, in der selbstbewusste Frauen unterdrückt wurden. Und eine Geschichte über drei Frauen, die versuchen aus einem menschenverachtenden System auszubrechen - mutig, authentisch und feinfühlig erzählt.

Bewertung vom 23.05.2020
Raffael - Das Lächeln der Madonna
Martin, Noah

Raffael - Das Lächeln der Madonna


sehr gut

Packende Hommage an einen großen Künstler
Mit „Raffael – das Lächeln der Madonna“ erwartet den Leser ein packendes und spannendes Portrait eines außergewöhnlichen Renaissance-Künstlers, das 500 Jahre nach dessen Tod ein würdiges Denkmal setzt. „Raffael“ lässt mich als Leser mit einem zufriedenen Eindruck zurück. Nur selten liest man ein so lebendig geschriebenes und auch packendes biographisches Portrait eines Künstlers, dessen Werke wie die „Schule von Athen“ oder die „Sixtinische Madonna“ man kennt, aber als Laie meist wenig vom Leben des Künstlers weiß. Und so hat es mich persönlich gefreut, dass ich diesen biographischen Roman lesen durfte. Noah Martin entwickelt den Roman über einen Zeitraum von mehr ca. 25 Jahren und nimmt den Leser mit auf eine spannende historische Zeitreise. Ihm gelingt es aus meiner Sicht sehr anschaulich die Renaissance zwischen 1494 bis 1520 lebendig werden zu lassen und sich dabei nicht nur auf Raffael und sein Leben zu fokussieren. So schafft er es auch sehr gut die Machtkämpfe in Rom unter den Päpsten Alexander VI und Julius II und seinen Beratern gekonnt zu inszenieren und spannend zu erzählen, aber auch die militärischen Auseinandersetzungen in diesen unruhigen Zeiten anschaulich darzustellen. Ich bekam als Leser einen sehr lebendigen Eindruck und konnte auch viel besser verstehen, in welchen Zeiten Raffael gelebt hat, die sein Leben nicht zuletzt durch die Flucht aus Urbino entscheidend geprägt hat. Mir gefiel, dass Martin eine fiktive Geschichte mit erfundenen Charakteren gekonnt mit historischen Tatsachen und Persönlichkeiten glaubhaft verknüpfen konnte. Viele Nebencharaktere kommen für mich überzeugend rüber. Besonders der künstlerische Konkurrenzkampf zwischen Raffael und Michelangelo, aber auch die Freundschaft zu Leonardo da Vinci sind mein persönliches Highlight des Romans. Man hat richtig das Gefühl den großen Künstlern über die Schulter zu schauen. Und gerade diese Ambivalenz zwischen den Charakteren macht für mich einen besonderen Teil der Handlung aus. Die Liebesgeschichte zwischen Raffael und der Bäckerstochter Margherita Luti wird tragisch und spannend aufgegriffen. Unter dem Aspekt kann ich Martin die kleinen historischen Ungenauigkeiten dieser Beziehung verzeihen, denn einige der Dinge entsprechen nicht ganz den überlieferten historischen Tatsachen. Letztlich ist es aber gut für die Handlung und die Entwicklung des Charakters Raffael, dessen Muse Margherita war. Und so hat man schon das Gefühl, dass es gerade ihr Lächeln ist, das in einigen Madonna-Darstellungen von Raffael verewigt wurde. Insgesamt positiv habe ich auch aufgenommen, mit welcher kunstgeschichtlichen Akribie Noah Martin die Geschichte erzählt. Als Leser erhalte ich einen gut fundierten Eindruck, wie damals Fresken entstanden sind und wie das Leben eines Lehrlings in Meisterwerkstätten war. Das allein macht den Roman schon zu einer lesenswerten Geschichte. Der Schreibstil und die sehr lebendige Erzählweise machen es dem Leser zusätzlich sehr einfach, in die Welt der Renaissance – in Raffael’s Lebenswelt - einzutauchen. Man spürt, mit welcher Faszination Noah Martin auf das Leben des Künstlers zurückblickt. Ich persönlich finde, dass dem Autor eine sehr opulente, würdige literarische Hommage für den Renaissance-Künstler gelungen ist, der auch 500 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination verloren zu haben scheint.
Mein Fazit: Opulent erzählte biographische Lebensgeschichte eines faszinierenden Ausnahmekünstlers. Stark bebildert, lebendig und spannend erzählt. Überzeugendes Portrait, das meine klare Leseempfehlung hat.

Bewertung vom 23.05.2020
Glanz der Ferne / Berlin-Trilogie Bd.3
Lorentz, Iny

Glanz der Ferne / Berlin-Trilogie Bd.3


gut

Abschluss mit wenig Glanz
Glanz der Ferne ist der Abschluss einer dreiteiligen Familiensaga um die Fabrikantenfamilie von Hartung. Im Zentrum der Geschichte, die sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt, steht eine neue Generation der von Hartungs. Therese von Hartungs Lieblingsenkeltochter Victoria von Gentzsch hat kein leichtes Leben. Verschmäht von der eigenen Familie und ihrer Stiefmutter wird Victoria eher unfreiwillig zum Zielobjekt einer böswilligen Intrige gegen die Familie von Hartung. Victoria muss mit ansehen, wie ihr Ruf geschädigt wird. Am Ende muss sie in einem dramatischen Finale um ihr Glück kämpfen… Im Grunde würde es ausreichen, wenn man den Klappentext auf der Rückseite des Romas liest, denn er fast so ziemlich die Handlung zusammen, die mich als Leser erwartet hat. Ich hatte mir aufgrund der renommierten Autoren, und da ich auch andere Romane kenne, erhofft, einen äußerst spannenden und abwechslungsreichen Roman zu lesen. Leider – und das muss ich jetzt nach der Lektüre resümieren – trifft das nicht auf das Finale dieser Trilogie zu. Kurzum: Die Geschichte konnte mich leider nicht überzeugen oder fesseln. Sie ließ mich persönlich eher etwas zwiegespalten zurück. Das hat mehrere Gründe: Positiv ist zum einen das Cover, das wirklich ansprechend gestaltet ist und schon erahnen lässt, dass es eine dramatische Geschichte mit einer Frauenfigur im Zentrum werden wird. Zum anderen ist der Schreibstil wirklich angenehm und flüssig. Ich kam schnell in die Geschichte hinein, ohne dass man die Vorgeschichte detailliert kennen muss. Allerdings wirkt er im Vergleich mit anderen Romanen irgendwann auch sehr „einfach“ und „flach“. Auf der anderen Seite spricht für die Geschichte, dass es eine schöne Familiengeschichte ist, in der es um Zusammenhalt, Liebe und auch Treue geht, die bis zur letzten Konsequenz verfolgt wird. Wer das mag, wird die Geschichte auf jeden Fall lieben. Auf mich wirkte die Geschichte teilweise zu „gewollt“ konstruiert. Zwar wird dem Leser in den Bemerkungen der Autoren am Schluss erläutert, dass es tatsächlich Ende des 19. Jahrhunderts in der deutschen Gesellschaft zu skandalösen Ausschweifungen und Orgien gekommen ist, die auch zum wesentlichen Baustein in dieser Geschichte werden. Allerdings erschienen mir dann doch die Ereignisse als zu offensichtlich herbeigeführt. Es wird viel zu schnell klar, wer derjenige ist, der seinen Rachefeldzug gegen die Familie von Hartung plant und warum. Das Ganze hat aus meiner Sicht der Spannung nicht gutgetan, weil ich als Leser ständig wusste, was kommt oder es zumindest erahnen konnte. Das dramatische Finale ist dann der einzige Höhepunkt, den man so nicht kommen sieht. Aber auch da gelingt es den Charakteren augenscheinlich sehr unkompliziert und locker aus dem Malheur wieder herauszukommen. Mein Eindruck: Das war zu einfach. Potenziale einer spannenden, verwickelten Geschichte wurden hier leider verschenkt. Auch die Charaktere sind für mich nicht alle durchgehend glaubwürdig und authentisch. Reinhold z.B. hätte ein spannender Gegenpart zu Victoria werden können, stattdessen wirkte er auf mich auf weite Strecken zu zaudernd, zu schwach und irgendwie immer uneinig mit seinen eigenen Vorstellungen. Hinzu kommen fortlaufende inhaltliche Wiederholungen von Themen, die dem Leser irgendwann eigentlich klar sein müssten, z.B. muss nicht ständig gesagt werden, warum Vicky von ihrer eigenen Familie gehasst wird. Reinhold muss sich nicht ständig in Erinnerung rufen, warum er bei seinem Onkel Wolfgang von Tiedern nicht leben kann und dessen Lebensstil abstoßend findet. Auch bei Therese muss man nicht ständig lesen, warum sie Vicky mehr als alle anderen Enkel und Enkelinnen liebt. Wer eine unterhaltsame Geschichte vor historischem Ambiente lesen möchte, die mit Herzschmerz und Intrigen aufwartet, wird mit „Glanz der Ferne“ voll auf seine Kosten kommen. Mich konnte die Geschichte leider nicht gewinnen.

Bewertung vom 16.05.2020
Die Kleider der Frauen
Lester, Natasha

Die Kleider der Frauen


sehr gut

Ein Stoff, aus dem wunderbare Geschichten entstehen
Die Geschichte beginnt im Jahre 1940, als die junge Schneiderin Estella in eine Aktion des französischen Widerstands gerät und aus Frankreich Hals über Kopf fliehen muss. In New York angekommen, hat sie nur einen Traum: sie will eine erfolgreiche Modedesignerin werden, die aktuelle Mode modernisieren und Kleidungsstücke erschaffen, die Frauen selbstbewusster machen. Als sie den geheimnisvollen Alex begegnet, der für den Geheimdienst arbeitet, beginnt eine tragische Liebesgeschichte, die das Leben von Estella grundlegend verändern wird.
Im zweiten Handlungsstrang geht es um Estella’s Enkelin Fabienne, die durch Zufall auf ein dunkles Familiengeheimnis stößt. Ein Geheimnis, das ihre Großmutter Estella betrifft und eine Geschichte über große Liebe, schweren Verlust und über Mütter erzählt, die für ihre Kinder große Opfer gebracht haben.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich selten einen Roman aus diesem Genre gelesen habe, der mich so emotional fesseln konnte, und gleichzeitig sehr berührt hat. Hier stimmt aus meiner Sicht einfach alles. Zum einen ist es der flüssige und bildhafte Schreibstil der Autorin, der es mir leicht gemacht hat, in die Geschichte einzutauchen. Zum andern gelingt es der Autorin sehr glaubhaft und packend zwei Zeitebenen so miteinander zu verknüpfen, dass für mich als Leser keine Langeweile aufkommt und die Spannung erhalten bleibt. Denn man lässt sich nicht nur von Estellas Traum anstecken und begleitet sie auf ihrem Weg zum Erfolg in der New Yorker Modeszene, sondern wird auch durch ein sehr komplexes und dunkles Familiengeheimnis gefesselt, was die familiäre Vergangenheit und rätselhafte Herkunft von Estellas Familie betrifft. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Aber dieses komplexe Geflecht über Lügen, Opfer und die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, waren für mich spannend und emotional erzählt und der Leser darf sich auch auf ein paar überraschende Wendungen freuen. Dahingegen kommt Fabiennes Geschichte fast ein bisschen zu kurz. Dennoch wirkt auf mich alles sehr ausgewogen. Die Liebe zur Mode und der Wille den eigenen Traum leben zu wollen, ist das, was beide starke Frauen letztlich miteinander verbindet. Eine allzu komplex aufgebaute Geschichte von Fabienne hätte wahrscheinlich der ganzen Geschichte nicht gutgetan.
Die Hauptfigur Estella ist für mich eine starke, bewundernswerte Persönlichkeit, die nicht nur für die Mode lebt, sondern auch für ihre Überzeugung und ihren Traum kämpft. Sie ist bereit große Opfer zu bringen – auch für die Liebe. Sie wirkt auf mich sehr authentisch und facettenreich. Überhaupt sind alle handelnden Figuren durchweg komplex, lebendig und glaubwürdig. Die Autorin versteht es auch, reale Persönlichkeiten in die Geschichte einzuweben.
Obwohl ich mich persönlich selbst nicht für Haute-Couture interessiere, fand ich den Einblick in die Modewelt der 40er Jahre in New York spannend erzählt. Die Art und Weise, wie Mode entsteht – von der Idee über die Skizze bis zur Modenschau und welche Herausforderungen gerade in den Anfängen, als New York noch keine Modemetropole war, junge Designer wie Estella überwinden mussten, passen sehr gut in die Geschichte und lassen mich als Leser eintauchen.
Mein Fazit: Insgesamt ein äußerst packender historischer Roman über starke Frauen, die ihren Weg gehen. Über Liebe, Träume und Opfer – und einem Familiengeheimnis. Spannend und unterhaltsam erzählt, vor historischem Hintergrund und der faszinierenden Modewelt New Yorks der 40er Jahre.