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Benutzername: CallmeaBookaholic
Wohnort: Stuttgart
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Bewertungen

Insgesamt 60 Bewertungen
Bewertung vom 23.05.2020
Raffael - Das Lächeln der Madonna
Martin, Noah

Raffael - Das Lächeln der Madonna


sehr gut

Packende Hommage an einen großen Künstler
Mit „Raffael – das Lächeln der Madonna“ erwartet den Leser ein packendes und spannendes Portrait eines außergewöhnlichen Renaissance-Künstlers, das 500 Jahre nach dessen Tod ein würdiges Denkmal setzt. „Raffael“ lässt mich als Leser mit einem zufriedenen Eindruck zurück. Nur selten liest man ein so lebendig geschriebenes und auch packendes biographisches Portrait eines Künstlers, dessen Werke wie die „Schule von Athen“ oder die „Sixtinische Madonna“ man kennt, aber als Laie meist wenig vom Leben des Künstlers weiß. Und so hat es mich persönlich gefreut, dass ich diesen biographischen Roman lesen durfte. Noah Martin entwickelt den Roman über einen Zeitraum von mehr ca. 25 Jahren und nimmt den Leser mit auf eine spannende historische Zeitreise. Ihm gelingt es aus meiner Sicht sehr anschaulich die Renaissance zwischen 1494 bis 1520 lebendig werden zu lassen und sich dabei nicht nur auf Raffael und sein Leben zu fokussieren. So schafft er es auch sehr gut die Machtkämpfe in Rom unter den Päpsten Alexander VI und Julius II und seinen Beratern gekonnt zu inszenieren und spannend zu erzählen, aber auch die militärischen Auseinandersetzungen in diesen unruhigen Zeiten anschaulich darzustellen. Ich bekam als Leser einen sehr lebendigen Eindruck und konnte auch viel besser verstehen, in welchen Zeiten Raffael gelebt hat, die sein Leben nicht zuletzt durch die Flucht aus Urbino entscheidend geprägt hat. Mir gefiel, dass Martin eine fiktive Geschichte mit erfundenen Charakteren gekonnt mit historischen Tatsachen und Persönlichkeiten glaubhaft verknüpfen konnte. Viele Nebencharaktere kommen für mich überzeugend rüber. Besonders der künstlerische Konkurrenzkampf zwischen Raffael und Michelangelo, aber auch die Freundschaft zu Leonardo da Vinci sind mein persönliches Highlight des Romans. Man hat richtig das Gefühl den großen Künstlern über die Schulter zu schauen. Und gerade diese Ambivalenz zwischen den Charakteren macht für mich einen besonderen Teil der Handlung aus. Die Liebesgeschichte zwischen Raffael und der Bäckerstochter Margherita Luti wird tragisch und spannend aufgegriffen. Unter dem Aspekt kann ich Martin die kleinen historischen Ungenauigkeiten dieser Beziehung verzeihen, denn einige der Dinge entsprechen nicht ganz den überlieferten historischen Tatsachen. Letztlich ist es aber gut für die Handlung und die Entwicklung des Charakters Raffael, dessen Muse Margherita war. Und so hat man schon das Gefühl, dass es gerade ihr Lächeln ist, das in einigen Madonna-Darstellungen von Raffael verewigt wurde. Insgesamt positiv habe ich auch aufgenommen, mit welcher kunstgeschichtlichen Akribie Noah Martin die Geschichte erzählt. Als Leser erhalte ich einen gut fundierten Eindruck, wie damals Fresken entstanden sind und wie das Leben eines Lehrlings in Meisterwerkstätten war. Das allein macht den Roman schon zu einer lesenswerten Geschichte. Der Schreibstil und die sehr lebendige Erzählweise machen es dem Leser zusätzlich sehr einfach, in die Welt der Renaissance – in Raffael’s Lebenswelt - einzutauchen. Man spürt, mit welcher Faszination Noah Martin auf das Leben des Künstlers zurückblickt. Ich persönlich finde, dass dem Autor eine sehr opulente, würdige literarische Hommage für den Renaissance-Künstler gelungen ist, der auch 500 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination verloren zu haben scheint.
Mein Fazit: Opulent erzählte biographische Lebensgeschichte eines faszinierenden Ausnahmekünstlers. Stark bebildert, lebendig und spannend erzählt. Überzeugendes Portrait, das meine klare Leseempfehlung hat.

Bewertung vom 23.05.2020
Glanz der Ferne / Berlin-Trilogie Bd.3
Lorentz, Iny

Glanz der Ferne / Berlin-Trilogie Bd.3


gut

Abschluss mit wenig Glanz
Glanz der Ferne ist der Abschluss einer dreiteiligen Familiensaga um die Fabrikantenfamilie von Hartung. Im Zentrum der Geschichte, die sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt, steht eine neue Generation der von Hartungs. Therese von Hartungs Lieblingsenkeltochter Victoria von Gentzsch hat kein leichtes Leben. Verschmäht von der eigenen Familie und ihrer Stiefmutter wird Victoria eher unfreiwillig zum Zielobjekt einer böswilligen Intrige gegen die Familie von Hartung. Victoria muss mit ansehen, wie ihr Ruf geschädigt wird. Am Ende muss sie in einem dramatischen Finale um ihr Glück kämpfen… Im Grunde würde es ausreichen, wenn man den Klappentext auf der Rückseite des Romas liest, denn er fast so ziemlich die Handlung zusammen, die mich als Leser erwartet hat. Ich hatte mir aufgrund der renommierten Autoren, und da ich auch andere Romane kenne, erhofft, einen äußerst spannenden und abwechslungsreichen Roman zu lesen. Leider – und das muss ich jetzt nach der Lektüre resümieren – trifft das nicht auf das Finale dieser Trilogie zu. Kurzum: Die Geschichte konnte mich leider nicht überzeugen oder fesseln. Sie ließ mich persönlich eher etwas zwiegespalten zurück. Das hat mehrere Gründe: Positiv ist zum einen das Cover, das wirklich ansprechend gestaltet ist und schon erahnen lässt, dass es eine dramatische Geschichte mit einer Frauenfigur im Zentrum werden wird. Zum anderen ist der Schreibstil wirklich angenehm und flüssig. Ich kam schnell in die Geschichte hinein, ohne dass man die Vorgeschichte detailliert kennen muss. Allerdings wirkt er im Vergleich mit anderen Romanen irgendwann auch sehr „einfach“ und „flach“. Auf der anderen Seite spricht für die Geschichte, dass es eine schöne Familiengeschichte ist, in der es um Zusammenhalt, Liebe und auch Treue geht, die bis zur letzten Konsequenz verfolgt wird. Wer das mag, wird die Geschichte auf jeden Fall lieben. Auf mich wirkte die Geschichte teilweise zu „gewollt“ konstruiert. Zwar wird dem Leser in den Bemerkungen der Autoren am Schluss erläutert, dass es tatsächlich Ende des 19. Jahrhunderts in der deutschen Gesellschaft zu skandalösen Ausschweifungen und Orgien gekommen ist, die auch zum wesentlichen Baustein in dieser Geschichte werden. Allerdings erschienen mir dann doch die Ereignisse als zu offensichtlich herbeigeführt. Es wird viel zu schnell klar, wer derjenige ist, der seinen Rachefeldzug gegen die Familie von Hartung plant und warum. Das Ganze hat aus meiner Sicht der Spannung nicht gutgetan, weil ich als Leser ständig wusste, was kommt oder es zumindest erahnen konnte. Das dramatische Finale ist dann der einzige Höhepunkt, den man so nicht kommen sieht. Aber auch da gelingt es den Charakteren augenscheinlich sehr unkompliziert und locker aus dem Malheur wieder herauszukommen. Mein Eindruck: Das war zu einfach. Potenziale einer spannenden, verwickelten Geschichte wurden hier leider verschenkt. Auch die Charaktere sind für mich nicht alle durchgehend glaubwürdig und authentisch. Reinhold z.B. hätte ein spannender Gegenpart zu Victoria werden können, stattdessen wirkte er auf mich auf weite Strecken zu zaudernd, zu schwach und irgendwie immer uneinig mit seinen eigenen Vorstellungen. Hinzu kommen fortlaufende inhaltliche Wiederholungen von Themen, die dem Leser irgendwann eigentlich klar sein müssten, z.B. muss nicht ständig gesagt werden, warum Vicky von ihrer eigenen Familie gehasst wird. Reinhold muss sich nicht ständig in Erinnerung rufen, warum er bei seinem Onkel Wolfgang von Tiedern nicht leben kann und dessen Lebensstil abstoßend findet. Auch bei Therese muss man nicht ständig lesen, warum sie Vicky mehr als alle anderen Enkel und Enkelinnen liebt. Wer eine unterhaltsame Geschichte vor historischem Ambiente lesen möchte, die mit Herzschmerz und Intrigen aufwartet, wird mit „Glanz der Ferne“ voll auf seine Kosten kommen. Mich konnte die Geschichte leider nicht gewinnen.

Bewertung vom 16.05.2020
Die Kleider der Frauen
Lester, Natasha

Die Kleider der Frauen


sehr gut

Ein Stoff, aus dem wunderbare Geschichten entstehen
Die Geschichte beginnt im Jahre 1940, als die junge Schneiderin Estella in eine Aktion des französischen Widerstands gerät und aus Frankreich Hals über Kopf fliehen muss. In New York angekommen, hat sie nur einen Traum: sie will eine erfolgreiche Modedesignerin werden, die aktuelle Mode modernisieren und Kleidungsstücke erschaffen, die Frauen selbstbewusster machen. Als sie den geheimnisvollen Alex begegnet, der für den Geheimdienst arbeitet, beginnt eine tragische Liebesgeschichte, die das Leben von Estella grundlegend verändern wird.
Im zweiten Handlungsstrang geht es um Estella’s Enkelin Fabienne, die durch Zufall auf ein dunkles Familiengeheimnis stößt. Ein Geheimnis, das ihre Großmutter Estella betrifft und eine Geschichte über große Liebe, schweren Verlust und über Mütter erzählt, die für ihre Kinder große Opfer gebracht haben.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich selten einen Roman aus diesem Genre gelesen habe, der mich so emotional fesseln konnte, und gleichzeitig sehr berührt hat. Hier stimmt aus meiner Sicht einfach alles. Zum einen ist es der flüssige und bildhafte Schreibstil der Autorin, der es mir leicht gemacht hat, in die Geschichte einzutauchen. Zum andern gelingt es der Autorin sehr glaubhaft und packend zwei Zeitebenen so miteinander zu verknüpfen, dass für mich als Leser keine Langeweile aufkommt und die Spannung erhalten bleibt. Denn man lässt sich nicht nur von Estellas Traum anstecken und begleitet sie auf ihrem Weg zum Erfolg in der New Yorker Modeszene, sondern wird auch durch ein sehr komplexes und dunkles Familiengeheimnis gefesselt, was die familiäre Vergangenheit und rätselhafte Herkunft von Estellas Familie betrifft. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Aber dieses komplexe Geflecht über Lügen, Opfer und die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, waren für mich spannend und emotional erzählt und der Leser darf sich auch auf ein paar überraschende Wendungen freuen. Dahingegen kommt Fabiennes Geschichte fast ein bisschen zu kurz. Dennoch wirkt auf mich alles sehr ausgewogen. Die Liebe zur Mode und der Wille den eigenen Traum leben zu wollen, ist das, was beide starke Frauen letztlich miteinander verbindet. Eine allzu komplex aufgebaute Geschichte von Fabienne hätte wahrscheinlich der ganzen Geschichte nicht gutgetan.
Die Hauptfigur Estella ist für mich eine starke, bewundernswerte Persönlichkeit, die nicht nur für die Mode lebt, sondern auch für ihre Überzeugung und ihren Traum kämpft. Sie ist bereit große Opfer zu bringen – auch für die Liebe. Sie wirkt auf mich sehr authentisch und facettenreich. Überhaupt sind alle handelnden Figuren durchweg komplex, lebendig und glaubwürdig. Die Autorin versteht es auch, reale Persönlichkeiten in die Geschichte einzuweben.
Obwohl ich mich persönlich selbst nicht für Haute-Couture interessiere, fand ich den Einblick in die Modewelt der 40er Jahre in New York spannend erzählt. Die Art und Weise, wie Mode entsteht – von der Idee über die Skizze bis zur Modenschau und welche Herausforderungen gerade in den Anfängen, als New York noch keine Modemetropole war, junge Designer wie Estella überwinden mussten, passen sehr gut in die Geschichte und lassen mich als Leser eintauchen.
Mein Fazit: Insgesamt ein äußerst packender historischer Roman über starke Frauen, die ihren Weg gehen. Über Liebe, Träume und Opfer – und einem Familiengeheimnis. Spannend und unterhaltsam erzählt, vor historischem Hintergrund und der faszinierenden Modewelt New Yorks der 40er Jahre.

Bewertung vom 12.05.2020
Der freie Hund
Schorlau, Wolfgang; Caiolo, Claudio

Der freie Hund


ausgezeichnet

Mafia meets Serenissima

Ich freue mich immer, wenn sich bekannte Autoren mal neuen Schauplätzen und neuen spannenden Charakteren widmen. Und ich finde persönlich, dass dem Autorenduo mit Antonio Morello ein äußerst vielschichtiger und kantiger Charakter gelungen ist, der auch durch einen persönlichen Schicksalsschlag noch eine Rechnung mit der Mafia offen hat. Schon allein dieser Umstand ist es, der auf eine Fortsetzung dieses Auftaktkrimis hoffen lässt. Denn es gibt hier aus meiner Sicht noch eine Menge zu erzählen und viel spannenden Stoff mit Konfliktpotenzial. Auch bei den anderen Charakteren zeichnet sich ein buntes, unterhaltsames Bild unterschiedlicher Menschen und Standpunkte, sowie auch interessanter Reibungspunkte ab, z.B. zu seinem Vorgesetzten, die die Geschichte dadurch unterhaltsam und lebendig werden lassen. Natürlich merkt man dem Krimi an, dass es sich hier um einen Auftakt-Krimi handelt. Es müssen Personen vorgestellt, verschiedene Handlungsstränge aufgebaut und Hintergründe erklärt werden. Dennoch fand ich den Krimi insgesamt sehr unterhaltsam und lebendig erzählt. Besonders das italienische Flair und die Stadt Venedig als Kulisse werden sehr lebendig und anschaulich beschrieben. Man kann förmlich mit dem Commissario durch die Gassen/Kanäle Venedigs streifen und erhält jede Menge (auch kulturelle) Hintergrundinformationen, die man sonst als normaler Tourist wohl nicht auf den ersten Blick erfahren würde. Schorlau und Caiolo betreten sicherlich kein leichtes Terrain – ist doch der klassische Venedig-Krimi schon von der bekannten Donna Leon und ihrem Commissario Brunetti besetzt. Nichts desto trotz finde ich, können beide einen gut akzentuierten, atmosphärischen Krimi abliefern.
Neben einer guten Portion Humor, beweisen beide dabei auch fundierte Ernsthaftigkeit. Wie man es von Schorlau-Krimis gewohnt ist, widmen sich die Autoren einem aktuellen Thema, das den Stoff für diese Kriminalgeschichte liefert und gleichzeitig auch einen kritischen Blick hinter die Kulissen dieser schönen und bedrohten Stadt wirft. Dabei werden die Fakten und politischen Seitenhiebe gut gestreut und tiefgründig, sowie glaubhaft eingebaut. Besonders das fundierte Wissen über die Zusammenhänge der sizilianischen Mafia mit der italienischen Politik fand ich äußerst interessant erzählt. Die politischen Verstrickungen, Korruption, Macht und Kunstraub reichen weit in das öffentliche Leben hinein – auch ins schöne Venedig. Es bleibt abzuwarten, ob sich daraus neuer Stoff für weitere Kriminalgeschichten mit Morello stricken lässt oder ob das Thema irgendwann auch erschöpft sein wird. Der Schreibstil ist ein weiterer Pluspunkt: locker, unterhaltsam und viel wörtliche Rede, machen die Geschichte aus meiner Sicht sehr lebendig, anschaulich, emotional und gut getaktet. Genau das richtige Tempo für ein kurzweiliges, atmosphärisches Krimiabenteuer. Ich freue mich in jedem Fall auf eine Fortsetzung.

Mein Fazit: Mit einer atmosphärisch-kurzweiligen Kriminalgeschichte beweist Schorlau mit seinem Co-Autor, dass er auch italienische Krimis kann. Aktuelles Thema – fundiert erzählt, ohne sperrig zu wirken – mit genau dem richtigen Humor und gut dosiertem italienischen Flair. Aus meiner Sicht sehr unterhaltsam und ein guter Auftakt, der Lust auf mehr gemacht hat.

Bewertung vom 11.05.2020
Die Galerie am Potsdamer Platz / Die Galeristinnen-Saga Bd.1
Cedrino, Alexandra

Die Galerie am Potsdamer Platz / Die Galeristinnen-Saga Bd.1


gut

Debütroman mit verschenktem Potenzial:
Alexandra Cedrino erzählt mit diesem Debütroman die (fiktive) Familiengeschichte der Galeristen-Familie Waldmann, die in Berlin einst eine angesehene Galerie am Potsdamer Platz betrieben hatten. Im Zentrum steht die junge Kunststudentin Alice Waldmann, die Anfang der 1930er Jahre nach Berlin reist, um endlich Kontakt zu ihrer Familie zu suchen, die sich aufgrund eines schweren Familienzerwürfnisses nie kennen lernen durfte. Doch der Start in die neue Familie beginnt mehr als holprig. Mit viel Kampfgeist, Beharrlichkeit und einer großen Portion Sturheit erkämpft sich Alice einen Platz in ihrer Familie und erkennt bald ihr Talent als Fotografin.
Cedrino’s Roman ist der Auftakt einer Trilogie und auch ihr Debütroman. Nach dem Lesen der Leseprobe und auch vom Klappentext war ich sehr gespannt auf die Handlung und die Entwicklung der Familiengeschichte, die sich für mich auf den ersten Blick vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen, der sich angedeuteten familiären Spannungen und natürlich vor dem Hintergrund der damals kunstsinnigen und pulsierenden Großstadtmetropole Berlins angedeutet hatte. Doch leider konnte der Roman nicht das halten, was ich mir persönlich von ihm versprochen hatte. Im Grunde würde es ausreichen, den Klappentext auf der Rückseite zu lesen, um die komplette Handlung auf dem berühmten „Silbertablett“ zu erhalten. Was ich sehr schade finde, denn die Handlung hat durchaus Potenzial. Die Handlung spielt im, Zeitraum 1930 bis 1933. Eigentlich eine total spannende Zeit, doch leider werden weder die politischen Umwälzungen (bis auf eine Großdemo) noch das Flair der Metropole Berlins richtig greifbar, beiden rücken weitgehend in den Hintergrund der Geschichte bzw. sind „nur“ Nebenschauplätze. So geht für mich persönlich viel Flair verloren. Positiv auf der anderen Seite sind die spannenden Einblicke in die Kunstszene, die gute Akzente setzen können und die auch das starke Kunstverständnis der Autorin unterstreichen. Insgesamt bleibt aber die Handlung streckenweise langatmig und konnte mich nicht richtig fesseln – ich habe sogar das Buch für ein paar Tage zur Seite gelegt, bevor ich weitergelesen habe. Ich hatte ehrlich gesagt das Gefühl, dass der Geschichte der rote Faden fehlte. Alles wirkte auf mich irgendwie konstruiert. Erst ab Mitte des Buches nimmt für mich die Spannung wieder etwas mehr Fahrt auf, als sich die Beziehung zwischen Alice und John entwickelt und der Kontakt zum aufstrebenden Kunstkenner und Nationalsozialist Erik entsteht – eine gefährliche Kombination, wie sich für Alice herausstellen sollte. Auch der Konflikt zwischen Alice und ihrer Großmutter Helena, dessen Ursache lange ungeklärt für den Leser bleibt, erhält ab dann endlich seinen Akzent. Jedoch war mein Eindruck, dass einiges Potenzial hier verschenkt wurde. Denn die Annäherung der beiden gab der Geschichte doch einige spannende und berührende Momente.
Irgendwie enttäuscht war ich von der Hauptfigur Alice. Sie blieb für mich die ganze Geschichte hindurch ein Charakter mit mehr Ecken und Kanten, als ihr gut getan hat. Ich verstehe die Absicht sehr wohl, auch mal einen Frauencharakter zu zeichnen, der nicht zu sympathisch erscheint. Aber mit Alice bin ich nie richtig warm geworden. Sie wirkte auf mich auf weite Strecken geradezu kratzbürstig, eigensinnig bzw. nicht einsichtig genug, ja manchmal auch zu stolz und teilweise auch kalkulierend. Das ist nicht unbedingt das Bild einer starken, unabhängigen Romanheldin. Aber vielleicht entwickelt sich die Figur ja auch in einem der nächsten beiden Bücher positiv weiter.
Mein Fazit: Nicht der mitreißende historische Roman, den ich mir versprochen hatte. Hier wurde einiges Potenzial bei Handlung, historischem Hintergrund und Figurenentwicklung verschenkt.

Bewertung vom 13.04.2020
Goodbye, Bukarest
Seeberger, Astrid

Goodbye, Bukarest


sehr gut

Auf der Suche nach dem verschollenen Onkel

„Es sind wir Menschen, die Ewigkeiten füreinander schaffen.“ (Seite 10) Was von „Goodbye Bukarest“ am meisten bei mir hängen geblieben ist, sind die Menschen und ihre Geschichten, die sich vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges, der Nachkriegszeit und der politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen des vergangenen Jahrhunderts abspielen. Astrid Seeberger hat in ihrem – so glaub ich – autobiographischen Roman ein sehr realistisches und bewegendes Bild dieser Jahrzehnte gezeichnet und dabei ihre eigene Familiengeschichte in das Zentrum gerückt. Lange Jahre glaubte Astrid, dass ihr Onkel Bruno vor Stalingrad gefallen und verschollen ist. Doch eines Tages findet sie heraus, dass das eine Lüge war. Doch wer war Bruno eigentlich? Was ist tatsächlich damals geschehen? Eine spannende Reise beginnt, die mich schon als Leser zutiefst bewegt hat. Astrid begibt sich auf die Suche. Sie begegnet dabei Menschen, die Bruno gekannt haben und über ihre Erlebnisse aus der damaligen Zeit erzählen. Damit greift die Autorin auf ein tolles Stilmittel zurück, nämlich Zeitzeugen berichten zu lassen. Auf einmal wurde für mich die Geschichte greifbar, die Ereignisse bildhaft und die Schicksale dramatisch. Denn als Leser erfahre ich einiges über das Leben in einem stalinistisch-sowjetischen Gefangenlager in der Steppe von Kasachstan, kann den Lebensweg von Bruno über die verschiedenen Zeitzeugenberichte nachvollziehen. Denn seine Odyssee geht von Stalingrad, über Kasachstan, nach Bukarest, wo er eine neue Familie, lebenslange, tiefe Freundschaften und eine neue Liebe in der Ceausescu-Ära findet – bis er schließlich seinen Weg nach Deutschland zurückfindet. Die Geschichten erstrecken sich von den 40er bis zu den 90er Jahren. Ich als Leser bekomme zwar nur Fragmente präsentiert, dennoch ist es die Art, wie die Zeitzeugen ihre Perspektive und Erlebnisse erzählen lassen, die mich fesselt und in die Geschichte eintauchen lässt. Denn jede Geschichte erhält genügend Raum. Zwischendurch gibt es aber auch immer wieder ruhige Momente, in denen Astrid das Gehörte reflektieren kann. Dennoch gelingt es der Autorin, wie ich finde, wunderbar, die Ereignisse nicht zu kommentieren. Das überlässt sie uns – den Lesern. Astrid Seeberger’s Roman ist vor allem ein ruhig geschriebenes Stück Zeit(zeugen)geschichte. Ihren Schreibstil empfand ich als flüssig, einfühlsam, poetisch und leicht melancholisch. Man muss sich auf die Erzählweise einlassen. Punkten konnte der Roman für mich vor allem durch die Berichte der Zeitzeugen, die teils bewegend, dramatisch, aber auch bildgewaltig waren und es mir dadurch ermöglichten, den Personen nahe zu sein. Für mich ist „Goodbye Bukarest“ ein eindringliches Buch, gegen das Vergessen, das über die Folgen des Krieges berichtet und über Schicksale von Familien, die auseinandergerissen werden – aber keinen moralischen Zeigefinger erhebt oder Urteile fällt. Aber gleichzeitig auch ein Roman mit überraschenden Wendungen ist, in dem es die Autorin schafft als Bindeglied zwischen all diesen erschütternden Einzelschicksalen immer wieder auch die Leidenschaft zur Musik, der Literatur oder der Kunst, einzuflechten – ein kleines Kunstwerk eben, das zwischen all der Dramatik auch ein Ventil für die Schönheit findet. Mein Fazit: Ein absolut lesenswerter, berührender Roman über ein Familienschicksal, dass durch seine authentischen, emotionalen Zeitzeugenberichte überzeugen konnte.

Bewertung vom 11.04.2020
Eine fast perfekte Welt
Agus, Milena

Eine fast perfekte Welt


gut

Über drei Generationen spannt die Autorin diesen gefühlvollen und nachdenklich stimmenden Roman, in dem sie ihrer Heimat und seinen alten Traditionen eine Bühne bietet. Dennoch kommt das italienische Flair, in dem die Kultur und Bräuche, das Leben in den kleinen sardischen Bergdörfern zum Leben erweckt wird, für meinen Geschmack etwas zu kurz. Vielmehr geht es um die Menschen, um Ester, Felicita und Gregorio. Allen ist das scheinbar unerfüllte Streben nach Glück gemeinsam. Ich fand alle drei gut charakterisiert, dennoch wirken sie auf mich zum großen Teil unzufrieden mit ihrem Leben. Vor allem Ester erscheint mir als diejenige, die mit ihrem Leben und ihrem Schicksal am stärksten hadert und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass es ihrer Tochter mal besser geht und diese vielleicht nicht uneigennützig, ihrer Familie zu einem besseren Leben verhilft. Ein trauriger Konflikt, der so manchen Leser sicherlich bekannt vorkommen wird. Felicita wirkt dahingegen auf mich fast schon etwas trotzig und hoffnungsvoll. Sie träumt auch von einem besseren Leben, sie schafft es aber besser, sich mit ihrem Leben zu arrangieren und mit den kleinen Dingen zufrieden zu sein. Wer die Botschaft der Autorin für dieses Buch verstehen will, muss zwischen den Zeilen lesen. Hier geht es nicht um die Darstellung einer Familiengeschichte vor dem Hintergrund politischer und sozialer Veränderungen in Italien/Sardinien im 19. Jahrhundert. Es erscheint mir eher wie eine Parabel. Es geht um Wünsche, Träume, Hoffnungen und unerfülltes Glück. Das Streben nach Glück, nach einem besseren Leben zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und spiegelt sich in jeder Generation unerbittlich wider. Und das macht es fast schon zu einem Buch mit poetischem, philosophischem Inhalt. Jeder, der diese Art von Lektüre mag, ist hier sehr gut aufgehoben. Wer eine lockere, leichte Lektüre bevorzugt, eher weniger. „Eine fast perfekte Welt“ ist für mich kein leicht zugänglicher Roman. Ich hatte anfangs starke Schwierigkeiten. Der Anfang wirkte auf mich zäh, nicht so richtig fesselnd und das hat sich über große Strecken leider fortgesetzt. Das Ende wirkte auf mich auch etwas willkürlich, und nicht wirklich als ein Abschluss, der offene Fragen klärt. Aber vielleicht war das auch die Intention der Autorin. Eben den Leser mit offenen Fragen zu entlassen und ihm zum Nachdenken über seine Haltung zum Glück zurückzulassen. Deshalb bin ich auch hin und hergerissen. Die Autorin verzichtet überwiegend auf wörtliche Rede, was es meiner Meinung nach schwierig macht, sich mit den Charakteren und deren Gefühlen zu identifizieren und in die Geschichte so richtig einzutauchen. Dennoch ist der Roman flüssig geschrieben und stellenweise sogar humorvoll. Manche Zeitsprünge erschienen mir auch etwas unglaubwürdig, denn es tauchen zum Beispiel technische Neuerungen wie das Smartphone auf, die es rein rechnerisch zum Zeitpunkt, in der sich die Geschichte der Hauptpersonen abspielt, noch gar nicht geben konnte, vor allem wenn man das Alter der jeweiligen Person heranzieht. Ich kann darüber aber hinwegsehen, weil es für die Handlung nicht ins Gewicht fällt. Mein Fazit: Ein durchaus lesenswertes, nachdenklich stimmendes Buch über die (unerfüllte) Suche nach dem, was Glück für jeden einzelnen bedeutet. Ein Buch, das mich leider mit offenen Fragen zurückgelassen hat.

Bewertung vom 21.03.2020
Eine kurze Geschichte vom Fallen - Was ich beim Sterben über das Leben lernte
Hammond, Joe

Eine kurze Geschichte vom Fallen - Was ich beim Sterben über das Leben lernte


sehr gut

Was am Ende wirklich zählt

„In solchen Momenten wirkte der Raum still, und alles ist ruhig. Ich habe mein ganzes Leben darauf gewartet, so einen Frieden zu erkennen. Zu erkennen, dass ich nicht mehr bin als dieser Körper.“ (S. 116)
Joe Hammond erzählt die Geschichte seiner eigenen schweren motoneuronischen Erkrankung. Einer unheilbaren Krankheit, die ihm am Ende das Leben kosten wird. Als verheirateter Vater mit zwei kleinen Söhnen hat er alles, was er sich wünschen kann. Er lebt glücklich mit seiner Familie in Portugal, als er eines Tages anfängt seine Beine nicht mehr zu spüren. Der Anfang eines langen schweren Prozesses…
Joe Hammond macht es uns als Leser in seiner autobiographischen Erzählung nicht leicht. Das Buch ist kein Roman über einen Dritten und ich war sehr gespannt darauf, was mich erwartet, als ich den Klappentext und die Leseprobe gelesen hatte. Mir war klar, dass wird keine leichte Erzählung. Denn der Autor ist selbst Betroffener und erzählt in klaren, ehrlichen, selbstreflektierenden Worten, wie ihn eine tödliche Krankheit Stück für Stück seiner Lebensqualität und seiner Würde beraubt. Dennoch verliert Joe nie den Humor und auch nicht den Kontakt zu denjenigen, die er am meisten liebt – seiner Familie. Es bleibt am Ende offen, was aus ihm geworden ist. Aber jeder Leser kann sich den Ausgang nach den schonungslosen Schilderungen ohnehin vorstellen. Es bleibt eine Lücke zurück und die Gewissheit, wie schnell alles vorbei sein kann und man am Ende womöglich genug Zeit hat, wie Joe, dem eigenen Verfall bei vollem Bewusstsein zuzuschauen. Obwohl ich ehrlich sagen muss, dass ich mit der Schreibweise und auch der teilweise sprunghaften Handlung so meine Schwierigkeiten hatte, fand ich die Erzählung insgesamt erschütternd und bewegend. Der Autor reflektiert viel, berichtet über die Beziehung zu seiner Familie, dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern und wie er selbst sich mit der Krankheit abfindet. Teilweise ist er sehr metaphorisch, was sicherlich nicht jedem Leser entgegenkommt und es auch nicht jedem mit der Lektüre leicht macht. Aber darauf kommt es ihm hier sicherlich nicht an. Der Autor möchte Mut machen und zum Nachdenken über das Leben und seinen Sinn anregen. Und wenn man bedenkt, dass er das Buch schrieb, als er schon längst am Rollstuhl gefesselt und künstlich ernährt wurde, ist das eine bemerkenswerte Leistung. Und das ist für mich die entscheidende Quintessenz, die das Buch für mich lesenswert macht: nie den Mut zu verlieren und in jedem Augenblick das Leben zu genießen.
Mein Fazit: Ein schonungslos, ehrlicher und tief bewegender Roman über das Leben, der Mut gibt.

Bewertung vom 21.03.2020
Geteilt durch zwei
Kunrath, Barbara

Geteilt durch zwei


sehr gut

Zusammen ist man nicht allein

Nadja lebt ein normales und zufriedenes Leben. Sie ist glücklich verheiratet, hat eine erwachsene Tochter. Doch seit ihrer Kindheit spürt sie, dass sie nicht komplett ist, zumal sie weiß, dass sie von ihren aktuellen Eltern adoptiert ist. Eines Tages entdeckt sie durch Zufall ihre Zwillingsschwester Pia. Für beide ist es ein merkwürdiges Gefühl des sich Kennenlernens und sich Wiederfindens. Sie wollen die Wahrheit, die zu ihrer Trennung geführt hat herausfinden. Denn eines ist klar, ihre Adoptiveltern wissen mehr, als sie zugeben...

"Ich suchte trotzdem weiter. Ich wollte wissen, woher ich kam. Aber je mehr ich suchte, desto mehr entfernte ich mich von den Wurzeln, die ich hatte." - Barbara Kunath ist ein sehr einfühlsamer Roman gelungen über die Suche nach der eigenen Identität, nach der anderen Hälfte. Man kann nur erahnen, wie es sich für einen Zwilling anfühlen muss, getrennt zu werden, oder wie es ist adoptiert zu werden und seine eigentlichen Eltern nicht zu kennen. Diesem Thema widmet sich die Autorin mit viel Feingefühl und lässt dabei auch mir als Leserin Freiraum zu berurteilen. Denn es fällt auf, dass die Autorin meist sehr sachlich schreibt, was mich zwar etwas irritiert hat, dennoch aber dem Leser viel Raum lässt ... mit zu fühlen. Denn für Nadja als Protagonistin und Erzählerin ist es alles andere als leicht, sich in der neuen Situation zu finden. Pia reagiert meist anders als erwartet und teils abweisend, was auch mit einer Krankheit zu tun hat, von dem ich als Leserin erst später in der Geschichte erfährt. Dennoch läuft Nadja immer wieder gegen Wände aus Schweigen. Das machte für mich die Geschichte noch emotionaler und auch spannend. Nicht zuletzt baut die Autorin in Rückblenden die Ereignisse ein, die bis zur Geburt der Zwillinge und letztlich zur Adoption geführt haben. Erst dadurch erhält der Leser das komplette Bild der Geschichte, versteht Hintergründe und kann Reaktionen nachvollziehen. Ich fand es wunderbar, wie die Autorin der Gefühlswelt von Nadja Raum lässt und sich auch eher auf die emotionalen Folgen einer Adoption konzentriert und was dieser Vorgang für die betroffenen Menschen bedeutet. Für mich war - neben dem emotionalen Aspekt - die Handlung in sich stimmig und ruhig erzählt. Das Cover ist wunderbar gestaltet und ein schöner Hingucker. Mein Fazit: Eine bewegende Geschichte über die Suche nach sich selbst, zum Nachdenken und Mitfühlen.

Bewertung vom 21.03.2020
Violet
Chevalier, Tracy

Violet


sehr gut

Frauen in einer neuen Zeit

England in den 30iger Jahren. Violet ist eine alleinstehende Frau. Unverheiratet und kinderlos ist sie für die Gesellschaft das, was man als „alte Jungfer“ bezeichnet. Seit dem Tod ihres Verlobten im Ersten Weltkrieg versucht sie sich ihr eigenes Leben in Winchester aufzubauen, um ihrer herrischen Mutter zu entkommen und ohne der Familie ihres Bruders zur Last zu fallen. Sie schließt sich einer Gruppe von Stickerinnen an, die für die Kathedrale Sitz- und Kniekissen anfertigen. Schnell werden die Frauen und das neue Hobby zu Violet’s Lebensmittelpunkt und nicht zuletzt gibt die Nähe zum älteren Glöckner Arthur ihr den Lebensmut, sich ihrem Leben zu stellen und an ihr Glück zu glauben…
Tracy Chevalier zeichnet in ihrem Roman die Rolle der Frau in den 30igern des 19. Jahrhunderts einfühlsam nach. Es war kein leichtes Leben für die Frauen, da sie oft auf finanzielle Unterstützung durch ihre Familien angewiesen waren und nur allzu oft für ihren emanzipierten Lebensstil von der Gesellschaft naserümpfend ausgestoßen oder gemieden wurden. Es geht um Verlust, Emanzipation, Freiheit und die Auseinandersetzung zwischen alten konservativen Ansichten und neuen selbstbewussten Lebensweisen. Ich fand die Figur der Violet wunderbar gezeichnet. Eine junge, selbstbewusste Frau auf der Suche nach Anerkennung und Liebe, nicht ohne Zweifel an dem, was sie tut, aber dennoch fest entschlossen, sich dem Leben und den an sie gestellten Herausforderungen zu stellen. Violet wird oft von Selbstzweifeln geplagt und sie ist nach wie vor an die Normen und an die familiäre Verantwortung gebunden - eine Rolle, die ihr auch ihr geliebter Bruder aufzwingt. Aber meiner Meinung nach gelingt es der Autorin sehr gut, dass sich ändernde Frauenbild im Spiegel der Zeit und gefangen in den nach wie vor festen Normen zu zeichnen. Unaufgeregt, ruhig und glaubwürdig ist der Schreibstil der Autorin. Gleichzeitig empfand ich, dass die Autorin nie versucht hat, die dargestellten Frauen zu überhöhen. Vielmehr sind es die leisen zwischenmenschlichen Freundschaften – auch die homosexuelle Beziehung zwischen zwei Frauen-Figuren im Buch – die zeigen, wie sich Frauen in der Gesellschaft ihren Platz erkämpfen, trotz aller Widerstände, und welchen enormen Beitrag sie gerade durch den hohen Verlust an Männern im Krieg beim Aufbau ihres Landes geleistet haben. Sozusagen kann man Chevaliers einfühlsamen Roman als eine wunderbare, liebevolle Ode an die Rolle der emanzipierten Frau in den 30iger Jahren verstehen. Wer einen Liebesroman erwartet, wird allerdings nicht auf seine Kosten kommen. Zwar deutet sich eine zarte Bindung zwischen Violet und dem älteren Glöckner Arthur an, aber die Autorin lässt diese Beziehung bewusst und auch wegen vieler konventioneller Umstände außen vor. Vielmehr geht es um Violet und ihren Weg zu einer freien, selbstbewussten Frau, die als ein Vorbild verstanden werden kann. Einen kleinen Abzug muss ich leider beim Tempo der Handlung geben. Obwohl ich die Geschichte wunderbar erzählt empfand, war mir die Entwicklung des Spannungsbogens an manchen Strecken etwas zu langatmig, und die Beschreibungen einzelner Situationen zu detailreich. Klar hat sich die Autorin hier bei der Recherche der Geschichte über die Stickerinnen der Kathedrale von Winchester oder über die Arbeit der Glöckner unglaublich viel Mühe gemacht. Die Einblicke waren interessant und lehrreich, persönlich hätte ich sie aber für die Entwicklung der Figur von Violet nicht gebraucht. Aber das ist meine persönliche Meinung.

Mein Fazit: Ein historischer, einfühlsamer Roman über die Suche einer Frau nach Selbstverwirklichung und persönlichem Glück, in einer Zeit dramatischer gesellschaftlicher Umbrüche. Lesenswert.