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Benutzername: louzilla


Bewertungen

Insgesamt 5 Bewertungen
Bewertung vom 29.08.2016
Regeln für einen Ritter
Hawke, Ethan

Regeln für einen Ritter


gut

Dieses kleine Büchlein lässt den Leser zwiegespalten zurück.
Ohne Zweifel – es ist eine kurzweilige Lektüre, die die Sehnsucht nach einer heilen, besseren Welt weckt. Hier liegt jedoch die Schwäche der durch Anekdoten eines Ritters untermalten Regeln für ein gutes, erfülltes und faires Leben: Sie gehen vollkommen an der Realität vorbei. Die geforderten ethisch korrekten Verhaltensweisen sind nicht umzusetzen und manche Anekdote wirkt dadurch unglaubwürdig und verklärt das Leben als Ritter.
Sicher, man könnte jetzt einwenden, die Lektüre sei an Kinder adressiert, aber auch Kinder wissen schon, dass man durch kleine Lügen weiterkommt, Jugendliche können bereits aus ihrem Erfahrungsschatz schöpfen, dass sie nicht ständig die ungeschönte Wahrheit hören wollen und dass diese immer unverblümt auszusprechen für Freundschaften nicht gerade förderlich ist, um ein Beispiel zu nennen. Die Welt ist nicht schwarzweiß, wie uns der Erzähler (bzw. der Verfasser des Briefes) weismachen will.
Die Bleistiftzeichnungen, die die Lektüre illustrieren, sind einfach aber nett anzuschauen, wenngleich sie meist nicht zum Inhalt passen.
Wer gerne für ein paar Stunden in eine rosa Zuckerwattewelt eintauchen und davon träumen möchte, dass immer nur das Gute triumphieren wird, für den ist dieses Büchlein perfekt und durch die wertige Aufmachung mag es auch ein hübsches Geschenk sein.

Bewertung vom 21.08.2016
Ihr letzter Sommer
Snoekstra, Anna

Ihr letzter Sommer


gut

Der Roman ist in zwei Handlungsstränge aufgeteilt, die parallel laufen, sich jeweils abwechseln und die Handlungsschritte gegenseitig erklären und ergänzen: Zum einen werden die letzten Tage vor Rebeccas Verschwinden in personaler Perspektive erzählt, zum anderen erlebt der Leser eine Ich-Erzählerin, die 11 Jahre später in die Rolle von Rebecca schlüpft.

Die beiden Protagonistinnen Bec (Rebecca) und die Ich-Erzählerin sind anfangs nicht gerade Sympathieträger. Bec kämpft mit dem Erwachsenwerden, mit ihrer Familie, mit einer enttäuschenden ersten Liebe und einer kriselnden Freundschaft und mit den Nachstellungen verschiedener Männer.
Die Ich-Erzählerin handelt rücksichtslos, egoistisch, lügt permanent, manipuliert alle um sich herum und nutzt die Menschen für ihre Zwecke gnadenlos aus. Erst als sie merkt, dass es ihr nicht gelingt, Becs Familie und Freunde von ihrer falschen Identität zu überzeugen und erst als sie hinter das Geheimnis kommt, das mit Becs Verschwinden zu tun hat, ändert sich die Sicht auf sie, nicht zuletzt deshalb, weil sie ihr Verhalten ändert.

Ohne zu viel zu verraten - die Handlung ist erst im letzten Viertel des Romans richtig spannend. Zuvor plätschern die Ereignisse vor sich hin, vieles ist unlogisch, irrational und vor allem unglaubwürdig. Diese Unglaubwürdigkeit (Beispiel: das Verhalten der ermittelnden Polizeibeamten) ist einer der beiden Hauptkritikpunkte an diesem Roman.

Der zweite Kritikpunkt ist die sprachliche Gestaltung des Romans. Sie ist im schlechtesten Sinne schlicht, einige Begriffe wurden nicht übersetzt, was vermutlich cool sein soll, aber einfach nur unprofessionell wirkt.

Fazit:
Wer damit leben kann, dass der selbsternannte Thriller nur im letzten Viertel richtig tolle Spannung und und unerwartete Wendungen aufweist und sich nicht an einer plumpen Sprache und einigen Unglaubwürdigkeiten stört, für den könnte dieser Roman eine gute Wahl sein.

Bewertung vom 15.08.2016
Der letzte Sommer
Simonson, Helen

Der letzte Sommer


ausgezeichnet

"Der letzte Sommer" ist ein Roman, der mitten ins Herz trifft, in vielerlei Hinsicht: Die Protagonistin Beatrice ist eine junge Frau, die versucht, ein unabhängiges Leben zu führen und selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Da Frauen ohne Mann Anfang des 20. Jahrhunderts nichts Wert waren, kann man hautnah miterleben, welche Steine Beatrice von der Gesellschaft (und nicht nur von deren männlichen Mitgliedern) in den Weg gelegt werden und wie sie es immer wieder schafft, sich mit diplomatischem Geschick und Unterstützung von Freunden doch ein bisschen Selbstständigkeit zu erkämpfen.
Des Weiteren bekommt man Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Denkweisen (hauptsächlich) der Upperclass in England zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Dabei sind aus heutiger Sicht nicht nur das extreme Zweiklassendenken, die hohen moralischen Ansprüche und das große Gefälle zwischen Arm und Reich erschreckend, auch der Umgang mit und die Illusionen über den Krieg sind schockierend. Umso drastischer ist der Kontrast zur Kriegswirklichkeit, die ebenfalls schonungslos beschrieben wird.
Unterlegt sind die Geschehnisse mit einer Liebesgeschichte, die jedoch wohltuend im Hintergrund bleibt.
Gelungen ist also die Entwicklung von Unbeschwertheit und Luxus bis zu den Schrecken des Krieges. Untermalt wird diese Entwicklung von der Jahreszeitensymbolik Sommer über Herbst zum Winter. Ebenso ist positiv anzumerken, dass es, der Handlung angemessen, ein Happy End und doch kein Happy End gibt.
Auch sprachlich ist der Roman mehr als gelungen. Entsprechend der Upperclass-Figuren ist die Sprache gehoben, lebendig und bildhaft.

Bewertung vom 24.07.2016
Enzensbergers Panoptikum
Enzensberger, Hans Magnus

Enzensbergers Panoptikum


ausgezeichnet

Enzensbergers Essay-Sammlung ist kurzweilig, interessant und manchmal auch amüsant. Die Essays beleuchten Themen wie Dreck, Privilegien und Berufe aus einem anderen, ungewöhnlichen Blickwinkel. Sie beschäftigen sich dabei mit modernen, hochbrisanten Themen, zum Beispiel, wie und inwiefern wir Orwells Vision noch überflügelt haben. Auch der Vergleich von Kaugummis mit Geheimdiensten unter anderem zeigt dem Leser augenzwinkernd, wie es um unsere Welt bestellt ist.
Ein absoluter Genuss ist Enzensberger Sprache. Hier beispielsweise die Bestandsaufnahme vor einem Plädoyer für eine positive Sichtweise unseres Alltagslebens:
"Von unfaßbaren Katastrophen eingeschüchtert und von winzigen Störungen verfolgt, leben wir in einer durchlöcherten Normalität, durch die das Chaos uns höhnisch entgegengrinst." (S. 69)
Wer Freude an kurzen Abhandlungen zu philosophischen Fragen im Allgemeinen und des Alltags hat, sollte die Essays lesen.

Bewertung vom 24.07.2016
Justins Heimkehr
Johnston, Bret A.

Justins Heimkehr


schlecht

Die Thematik des Romans ist mutig und vielversprechend: Ein Junge wird von einem Kinderschänder entführt, nach 4 Jahren gefunden und zurück zu seiner Familie (Mutter, Vater, Bruder) gebracht.
An dieser Stelle setzt die Handlung ein. Es sollte also darum gehen, wie das Opfer und die Familienmitglieder mit dieser Situation fertig werden und was aus dem Täter wird, da dies ja unmittelbare Folgen für das Seelenleben der Familie mit sich bringt.
Daraus hätte man eine Menge machen können. Leider wurde die Chance vertan. Alle Figuren zeichnen sich durch Kommunikationslosigkeit aus. Das beginnt damit, dass ihnen dies schon von der Polizei aufgezwungen wird: Justin (das Opfer) darf nicht auf die vergangenen Jahre angesprochen werden, soll nur beobachtet werden. Nun, dabei bleibt es – auf 419 langen Seiten. Jedes Familienmitglied bleibt für sich, lebt in seiner eigenen Gedankenwelt, ergeht sich in Spekulationen darüber, was wohl die anderen denken. Die Perspektive wechselt dabei zwischen Laura (die Mutter und offensichtlich die Hauptperson – warum eigentlich?), Eric (Vater), Griffin (Bruder) und Cecil (Großvater). Einmal kommt Justin selbst zu Wort und vereinzelt Personen im Umfeld. Warum kommt Justin nicht öfter zu Wort? Das wäre doch am interessantesten. Aber über ihn erfährt man fast nichts. Über den Täter erfährt man nichts. Stattdessen muss der Leser sich stundenlang mit Laura beschäftigen, die unsympathisch ist und ein mehr als seltsames Verhältnis zu ihren Söhnen besitzt.
Was wirklich enervierend ist, ist die Sprachlosigkeit aller. Und wenn denn einmal etwas gesagt wird, sind es Phrasen wie diese: „‘Ein Mutterherz hält nicht alles aus.‘“ (S. 325) (Laura zu Griffin).
Auch sprachlich ist dieser langatmige Roman alles andere als ein Genuss: Unpassende Metaphern und Vergleiche („über allem lag die Hitze schwer wie nasser Gips“) und ständige Wiederholung der Lieblingsphrase des Erzählers in verschiedenen Varianten: ruhig und still; still und ruhig; Stille und Ruhe.
Was ist positiv?
Das Thema.
Wie wird man bei der Stange gehalten?
Man will wissen, wer die Leiche im Fluss ist, die im Prolog beschrieben wird. Man hofft, mehr über Justin zu erfahren. (Diese Hoffnung wird nicht erfüllt.)
Das war’s an Positivem.