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Benutzername: Rosenfreund
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Bewertungen

Insgesamt 51 Bewertungen
Bewertung vom 22.04.2021
So wie du mich kennst
Landsteiner, Anika

So wie du mich kennst


sehr gut

Beziehungsprobleme
Die Hauptthematik des Werkes ist die Beziehung der sehr unterschiedlichen Schwestern Karla und Marie, die sehr behütet in einem kleinen Ort in Unterfranken aufwachsen. Während Karla in der gewohnten Umgebung, in der Nähe der alten Eltern, ein sehr geregeltes, aber eintöniges Leben lebt, zieht es Marie schon früh in die weite Welt. Als Fotografin kann sie in New York das aufreibende, aber auch sehr abwechslungsreiche Leben eines Single mit Einsamkeit und Heimweh führen. Karla reist 2- bis 3-Mal pro Jahr dorthin, telefoniert täglich mit Marie und glaubt, jedes Detail ihres Lebens zu kennen. Als Leser kann man die Geschichte abwechselnd aus der Sicht beider Schwestern verfolgen. Als Marie bei einem Autounfall ums Leben kommt, muss Karla ihren Nachlass in New York Regeln und stößt dabei auf erschütternde Fakten aus dem Leben ihrer Schwester. Aus Charme und Angst hat sie Karla vieles verschwiegen. Der Ordner “A” auf Maries Laptop deckt ein Geheimnis auf und verstört Klara zunehmend. Die inneren Monologe zeigen viel von dem jeweiligen Seelenzustand und offenbaren, wie stark Marie sich in einer Selbstfindungsphase befunden hat. Viele unausgesprochene Worte verschleiern die wahre Problematik, nämlich ein Tabuthema. Ängste und Träume werden offenbart. Im Prinzip geht es um Karlas Trauerverarbeitung, die in gut verständlicher, leiser Diktion dargelegt wird, aber auch eine gewisse Larmoyanz enthält. Die Figuren werden detailliert porträtiert und sind sicherlich, in vielerlei Hinsicht, stellvertretend für die Generation um die dreißig.
Ich empfinde diese fast schon krankhafte Verbindung der beiden Schwestern weit hergeholt. Die unterschwellige Problematik, das Geheimnis, wird leider erst im letzten Drittel offenbart, obwohl schon vorher kurze Hinweise vorkommen. Somit ist mir der Plot zu eintönig, er enthält keine Dynamik, denn es handelt sich ja um einen Roman und nicht um ein Sachbuch. Die Autorin hat sich viel vorgenommen, aber erzählt zu langatmig.

Bewertung vom 10.04.2021
Teufelsberg / Kommissar Wolf Heller Bd.2
Kellerhoff, Lutz Wilhelm;Kellerhoff, Lutz W.

Teufelsberg / Kommissar Wolf Heller Bd.2


sehr gut

Politische Agitationen zur Zeit des Kalten Krieges
Dies ist mein erster Kriminalroman der 3 Autoren. Die Tatsache, dass ein realhistorischer Hintergrund, nämlich das radikalisierte Berlin der 60er Jahre, in einen Krimi integriert wurde, hat mich stark angesprochen. Es werden die Machenschaften der Geheimdienste beleuchtet sowie die Themen Terrorismus, Antisemitismus und die Agitationen der Rechts- und Linksradikalen. Der sympathische und detailliert beschriebene Kommissar Wolf Heller verlässt seinen Beobachtungsposten für 17 Minuten. In dieser Zeit wird die jüdische Ehefrau eines jüdischen Richters ermordet. Heller hat sich schuldig gemacht und muss nun den Täter ermitteln. Es wird deutlich, dass ein Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin - Charlottenburg geplant ist, der tatsächlich vereitelt werden konnte.
Durch Hellers Nichte, Louise Mackenzie, und seine Stiefschwester, Petra, wird die radikalisierte Jugend im Berlin der 60er Jahre beleuchtet. Beide nehmen Drogen, negieren bürgerliche Gesellschaftsformen und frönen dem ungezügelten Sex in Kommunen, wo feste Beziehungen zwischen Männern und Frauen meist tabu sind.
In einem zweiten Erzählstrang geht es um den russischen Spion Poljakow, dessen Aufgabe es ist, die Stadt Berlin so zu destabilisieren, so dass West-Berlin von den Russen eingenommen werden kann.
Der Plot ist zuerst spannend, dann fällt der Spannungsbogen aber durch die vielen, teils berlinspezifischen Details ab. Erst im letzten Drittel nimmt das Werk so richtig an Fahrt auf und wird krimikonform. Zum Glück gibt es ein Glossar am Ende des Werkes, das detaillierte Erklärungen zu Personen und Fakten liefert.
Die Geschichte ist flüssig erzählt, temporeich und mit zahlreichen Wendungen und Verwicklungen. Nur leider ist der Mittelteil etwas zu politischund langatmig ausgefallen und hat mich nicht so richtig gefesselt.

Bewertung vom 18.03.2021
Ich kann das
Schäfer, Bodo

Ich kann das


sehr gut

Ohne Mentor klappt es nicht.

Der Protagonist des Buches, Karl, ist ein Akademikerkind und soll nach seinem Jurastudium die Anwaltskanzlei seiner Eltern übernehmen. Er möchte jedoch lieber Schauspieler werden, traut es sich jedoch aufgrund seines mangelnden Selbstbewusstseins nicht zu und ist mit seinem Leben unzufrieden.
Er lernt ganz zufällig Marc kennen, auch genannt „The Brain“, der eine Firma zur Motivationsforschung und Selbstbewusstseinstraining, besonders sonders für leitende Angestellte betreibt, denn ihre Firmen wollen, dass sie fabelhafte Produkte entwickeln und somit zur Profitmaximierung beitragen. Natürlich wollen sie selbst auch viel Geld verdienen. Das klappt nur mit einem noch gesteigerten Selbstbewusstsein. Mentale und natürlich körperliche Resilienz sind dabei von höchster Wichtigkeit. Sie lernen ihr Gehirn umzuprogrammieren. Der Leitsatz ist: Ich kann das.
Dann beginnt eine märchenhaft anmutende Geschichte. Marc nimmt Karl unter seine Fittiche, coacht ihn und hilft ihm, Höhen und Tiefen seiner neuen Identitätssuche zu überwinden. Dabei unterstützt er ihn mit aufmunternden Whats Ap Botschaften und hilfreichen Gesprächen. Rein zufällig gewinnt er mit Marcs Hilfe neue Freunde, die ihn bedingungslos akzeptieren und aufmuntern und lernt seine Traumfrau kennen. Karl spürt immer mehr die „Magie“ des Selbstbewusstseins und erreicht letztendlich sein Ziel: er wird ein erfolgreicher Schauspieler. Auch in seinem Privatleben wird er sehr erfolgreich, natürlich auch finanziell.
Diese Möglichkeit will Bodo Schäfer uns aufzeigen, denn auch er betreibt eine Agentur zur Selbstbewusstseinssteigerung, mit deren Hilfe er den Lesern dieses Werkes zu einem neuen selbstbewussten Leben verhelfen will. Dazu kann ich nur sagen: „ Mit Speck fängt man Mäuse!“
Das erreicht er durch eine einfache Sprache und ein klar strukturiertes Werk in drei Teile, das so manchem Leser ermöglicht, Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstbewusstsein aufzubauen, aber das funktioniert nur mit einem Mentor! Nämlich Bodo Schäfer. „ Ich kann das“ wird sicherlich nur bei einigen Lesern Wirkung zeigen. Auf alle Fälle hat er sein Vorhaben auf unkonventionelle Weise umgesetzt und erreicht somit eine breitere Leserschaft als mit einem fremtwortreichen Fachbuch. Auf mich wirkt das Werk wie so manche Diätbücher, die einem vorgaukeln, man könne Unmögliches erreichen.

Bewertung vom 07.03.2021
Nächstes Jahr in Berlin
Seeberger, Astrid

Nächstes Jahr in Berlin


ausgezeichnet

Berlin, Zufluchtsort
Die Siegessäule auf dem Cover impliziert bildgewaltig die große Bedeutung Berlins während der Nazizeit, denn für viele Heimatvertriebene war die Hauptstadt gewissermaßen ein “Leuchtfeuer in der Dunkelheit”, ein Zufluchtsort.
Da es Verwandten von mir ähnlich ergangen ist wie der Protagonistin, nämlich Flucht und Orientierungslosigkeit während der Nachkriegszeit, so ist der Realitätsgehalt des Werkes für mich sehr präsent, was sicherlich bei vielen Lesern der Fall ist, deren Angehörige oder sie selbst diese furchtbare Zeit der Verschleppungen, Vergewaltigungen, Morde, Hunger und Angst durchlebt haben.
Nach dem Tode der Mutter erzählt die Autorin, was sie von der Lebensgeschichte ihrer Mutter Rose weiß. In der Idylle der ostpreußischen Landschaft aufgewachsen, muss sie kurz vor Kriegsende fliehen, denn die Russen “stehen vor der Tür”. Sie flieht nach Schwaben, heiratet, bekommt eine Tochter, ist jedoch ständig depressiv und verbittert, denn sie trauert ihrer alten Heimat nach. Deshalb kann sie kein fröhlicher, ausgeglichener Mensch sein. Ihre Erfahrungen haben sich stark auf das Verhältnis zu ihrer Tochter ausgewirkt, das durch Emotionslosigkeit und Distanziertheit geprägt ist. Nach dem Tod der Mutter nimmt in die Autorin, Astrid Seeberger, dieses Ereignis zum Anlass, das Verhältnis zu ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie erfährt viel bisher Ungesagtes über ihre Mutter, und somit schafft sie Verständnis für deren Verhalten, was auch bei dem Leser eintritt, denn dieser Charakter wurde brillant beschrieben.
Erzähltechnisch finden viele Sprünge und wechselnde Settings statt, die dem Leser einiges an Konzentration abverlangen. Die Buchthematik wurde gut umgesetzt. Der Erzählstil ist oft sehr metaphorisch und einfühlsam, aber auch kalt und distanziert. Hier finden wir kurze, abgehackte Sätze neben anspruchsvollen Konstruktionen, was den Seelenzustand und das Mutter - Tochter Verhältnis gut herausarbeitet.
Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, zumal auch ich innerhalb meiner Familiengeschichte bisher Verschwiegenes in meine Vita integrieren konnte.

Bewertung vom 27.02.2021
Die Experten
Kröger, Merle

Die Experten


ausgezeichnet

Raketen für Ägypten
In den 60er Jahren möchte Präsident Nasser Ägypten die Vormachtstellung sichern. Er kurbelt die Raketen- und Flugzeugproduktion an, um die Aufrüstung gegen Israel voranzutreiben. Ägypten, eine ehemalige britische Kolonie, soll technische Dinge in Zukunft selbst produzieren, deshalb werden viele westliche Experten ins Land geholt. Hier setzt die Familiengeschichte der Hellbergs an. Einer von diesen “Experten” ist der Flugzeugingenieur Hellberg, der mit seiner Familie aus finanziellen Gründen übersiedelt. Seiner sechzehnjährigen Tochter Rita verschafft er eine Stelle als Sekretärin bei der Raketenproduktion. Sie gerät ins Fadenkreuz verschiedener Geheimdienste und muss erkennen, dass Anschläge, Bomben, Misstrauen und Feindseligkeiten überhandnehmen! Wie in etlichen Romanen darf auch hier eine Liebesgeschichte nicht fehlen, denn Rita hat ein Verhältnis mit einem ägyptischen Ingenieur. Ab 1968, die Zeit der Studentenrevolte unter anderem in Deutschland, kommt es vermehrt zu Konflikten mit Israel. Dadurch wird die Situation für die Deutschen in Ägypten immer brenzliger. Für welche Seite wird sich Rita entscheiden?
Wir haben viele Spannungselemente, jedoch würde ich das Werk nicht als klassischen Thriller bezeichnen. Besonders frappierend empfand ich das Briefbombenattentat, als, in Ritas Beisein, die Kollegin erblindet und schwer verletzt wird.
Die Handlung wird in einem realhistorischen Hintergrund integriert. Bei dem Auftauchen wichtiger Persönlichkeiten wird oft zurückgegriffen auf deren Vergangenheit, zum Beispiel während des Naziregimes, wobei deutlich gemacht wird, dass etliche Nazigrößen im privaten wie im politisch/wirtschaftlichen Bereich in der neuen Bundesrepublik sowie im Ausland wieder sehr erfolgreich, da protegiert, tätig werden können.
Auch lässt uns die Autorin ihre Protagonisten und Protagonistinnen an deren direkten Assoziationen, auch in Form von Vor- und Rückblenden, teilhaben, die den Erzählstrang unterbrechen, dem Leser Konzentration abverlangen, aber den Zweck haben, die Erzählung nicht komplett linear, also eventuell eintönig, werden zu lassen. Es ist ferner interessant, dass Merle Kröger Geheimdienstberichte, Zeitungsausschnitte und Briefe, die sehr sorgfältig recherchiert sind (siehe auch das sehr detaillierte Quellenverzeichnis) in die Erzählung einfließen lässt.
Die Lektüre dieses Werkes hat mich sehr bereichert, denn die Geschichte der 60er Jahre war mir nicht mehr sehr präsent. Besonders neu war mir die Verflechtung ehemaliger Nazigrößen in vielen Bereichen.

Bewertung vom 07.02.2021
Das Windsor-Komplott / Die Fälle Ihrer Majestät Bd.1
Bennett, S J

Das Windsor-Komplott / Die Fälle Ihrer Majestät Bd.1


ausgezeichnet

Mysteriöse Machenschaften in Windsor
S. J. Bennet liefert uns eine Krimikomödie rund um die Queen und ihren Hofstaat. Dabei ist, zu einem besseren Verständnis, eine gewisse Grundkenntnis über die englische Kultur und das Königshaus sehr hilfreich. Der Plot ist ein heimtückischer Mord an einem russischen Pianisten, der als Selbstmord getarnt ist. Und all das nach einer Feier in Windsor Castle, unter den Augen des ausgeklügelten Sicherheitssystems!
Die Queen ist “ not amused” und beschließt, wie seit ihrer Jugend, Im Geheimen die Ermittlungen in die Hand zu nehmen, denn sie misstraut den Fähigkeiten des MI5 Direktors, der sie wie eine alte Dame behandelt und alle Fakten in Euphemismen verpackt, um sie nicht aufzuregen und zu schockieren.
Aber die Queen ist mit über 90 Jahren noch äußerst scharfsinnig, jedoch lässt sie das ihren Hofstaat nicht unbedingt merken. Obwohl in ihrem Leben Corgies und Pferde eine große Rolle zu spielen scheinen, ist sie durchaus in der Lage, ihre Geschäfte in vollem Umfang zu erledigen.
Die Autorin liefert uns einen differenzierten Schreibstil, der die einzelnen Figuren ihrer Funktion entsprechend auftreten und sprechen lässt.
Dabei kommt ihr Gemahl, Prinz Philipp besonders lustig rüber, denn er flucht gerne und sagt, wohl als Einziger, der Queen die unverblümte Wahrheit.
Rozie, die stellvertretende Privatsekretärin der Queen, entspricht sogar nicht dem Image eines Höflings. Sie hat nigerianische Wurzeln, hat beim britischen Militär gedient und in einer Bank gearbeitet. Da sie Nahkampf erprobt ist, und sich aus “kleinen Verhältnissen” hochgearbeitet hat, kann sich die Queen ihrer unbedingten Loyalität sicher sein, und sie quasi als Undercoverdetektivin einsetzen. Natürlich darf ihr Vorgesetzter nichts davon erfahren. So wird sie von der Queen zu gefährlichen und “delikaten” Missionen geschickt, damit die Queen im Hintergrund die Fäden ziehen kann und den Fall aufklärt, denn die Polizei und der Inlandsgeheimdienst verfolgen eine falsche Fährte. Die Queen spielt diesen Personen jedoch geschickt die von ihr herausgefundenen Informationen zu, so dass die Ermittler tatsächlich glauben, sie hätten den komplizierten Fall selbst gelöst. Die Queen würde natürlich niemals offiziell ermitteln, denn wozu sind ihre hochqualifizierten Angestellten denn da? Sie empfindet stille Befriedigung und ist “amused” über ihre Ermittlungstätigkeit. Der Leser lächelt mit ihr und wartet schon auf den nächsten Band dieser besonderen Krimikomödie.

Bewertung vom 27.11.2020
Die Farbe von Glück
Bagus, Clara Maria

Die Farbe von Glück


gut

Liebe ist das größte Glück 
Der Richter Jules zwingt die junge Krankenschwester, Charlotte, sein offensichtlich krankes Baby gegen ein gesundes, kraftvolles Baby zu tauschen, denn er und seine Gattin, Luise, haben bereits 3 Kinder verloren, und es wird keine weitere Chance auf ein Kind geben. 
Charlotte, ihrerseits, hat, ohne offizielle Formalitäten, den sechsjährigen Antoine zu sich genommen, denn er wurde von seiner Mutter, Marlene, verlassen. Da Charlotte Antoine sehr liebt, lässt sie sich auf den Deal ein Komma damit der Richter ihr den Pflegesohn nicht wegnehmen wird. Die Tat verändert das Leben von Charlotte und Jules, so dass beide unfähig sind, in ihren Berufen weiterzuarbeiten. Beide quält ihr Gewissen. 
Die Protagonisten des Romans werden 20 Jahre lang begleitet, mit all ihren Gewissensbissen und Persönlichkeitsveränderungen, bis es am Ende des Romans an einem imaginären, idealisierten Ort in Asien zu einem Zusammentreffen kommt und Jules sich durch eine mutige Tat läutern kann. 
Die Handlung des Werkes besteht aus vielen sehr unwahrscheinlichen Zufällen. Die Seelenzustände der Figuren werden sehr detailliert und bildhaft beschrieben, aber alles ist dramatisiert und vom wahren Leben entfernt. Die kurzen Kapitel sind schnell überflogen, denn die poetische Sprache bläht die Landschaftsbeschreibungen auf, so dass man vieles überfliegen kann. Ich möchte den Stil als pastoral - philosophisch beschreiben, denn ständig werden dem Leser Lebensweisheiten angeboten, die ich jedoch nicht nachvollziehen konnte. 
Man kann das Werk auf 2 Ebenen lesen: entweder man glaubt an Wunder und lässt sich gern in eine in vielerlei Hinsicht idealisierte Welt einlullen, wo die Menschen sich von moralisch ethischen Grundsätzen zunehmend leiten lassen. Oder aber man ist Realist und kann sich nicht mit den konstruierten Zufällen identifizieren. Da ich der zweiten Kategorie entspreche, kann ich das Buch für diesen Menschentyp nicht empfehlen. Aber sehr gefühlsbetonte Frauen fühlen sich sicher von der larmoyanten Handlung und den dargelegten Empfindungen und Gefühlen angesprochen. Die Quintessenz des Romans ist: Liebe ist das größte Glück. Von mir als Mann nur 3 Punkte. 

Bewertung vom 15.11.2020
Die Republik
Voland, Maxim

Die Republik


sehr gut

Giftanschlag in der DDR

Das Setting dieses Romans ist die ehemalige DDR plus Westdeutschland, die im Jahre 2020 von der DDR regiert wird. Dabei handelt es sich in dieser Utopie um einen sehr modernen, totalitären Überwachungsstaat, der in technologischer Hinsicht vielen kapitalistischen Mächten überlegen ist. Lediglich eine kleine Enklave, namens Berlin-Deutschland wird weiterhin von den Westmächten gehalten. Das Volk scheint glücklich zu sein.

Ein Giftgasanschlag führt zu Problemen und einer Recherche, wer dafür verantwortlich gemacht werden kann. Ist es ein terroristischer Anschlag oder zum Beispiel Sabotage?

Wir haben hier einen Thriller mit vielen Leichen und Verwicklungen. Die Protagonisten sind Stasi Oberst Gustav Klum, der sich mit einem Ausreiseantrag auseinandersetzt. Eine sehr eigenwillige M16 Agentin aus Kanada, der Franzose Christopher Mueller und die forsche Alicia, eine Untergrundkämpferin für einen gerechteren und offeneren Sozialismus.

Maxim Voland gelingt es gut, die Atmosphäre des Kalten Krieges und den Machtkampf zwischen den Besatzungsmächten darzustellen.

In der Bevölkerung misstraut jeder jedem, Vorteilsnahme und Korruption sind an der Tagesordnung. Politische und geschichtliche Hintergründe werden in einem Glossar am Ende des Buches erläutert, denn für Nicht-DDRler ist das Verständnis oft blockiert, besonders am Anfang des Werkes, wo sehr viele Informationen gestreut werden.

Wir haben hier einen Agententhriller nach Bondmanier, der einen sehr nachdenklich stimmen sollte.

Der Spannungsaufbau ist sehr gut gelungen. Die Handlungsorte werden detailliert beschrieben, und auch die Sprache ermöglicht ein flüssiges Lesen. Lediglich die Auflösung am Ende des Buches, wo beschrieben wird, weshalb die Sowjets die BRD annektieren konnten, ist recht flach und enttäuschend, daher 4 Punkte

Bewertung vom 25.10.2020
Capitana (eBook, ePUB)
Scrivner Love, Melissa

Capitana (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Kill me if you can
Die Capitana Lola Vasquez, eine junge Latina, ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Sie ist die Chefin einer kleinen Gang in Los Angeles, die hauptsächlich mit Drogen handelt, diese jedoch nur an Latinos in ihrem Bezirk verkauft, denn dort herrscht, wie oftmals in den USA, eine starke Trennung zwischen den einzelnen Ethnien. Die weißen, oftmals reichen Bürger in LA wohnen separat, in anderen Gegenden. Deshalb verbietet Lola es ihren Straßenverkäufern, an weiße Kids Drogen zu verkaufen, da deren Eltern das Geld für Spitzenanwälte hätten, im Falle des Geschnapptwerdens, ihre Kinder rauszuhauen, die Latinos aber unerbittlich zu verfolgen.
Als Person ist Lola zierlich und unscheinbar, also das Gegenteil einer imaginären Drogenkriminellen. Das Besondere an ihr ist, dass sie sich um die hilfsbedürftigen Nachbarn kümmert, ihnen Lebensmittel kauft oder mit der Miete aushilft. Es ist klar, dass diese Leute ihr ergeben sind und fast alles für sie tun würden. Sie hat eine Pflegetochter, Lucy, die sie liebevoll umsorgt, vom Drogenmilieu abschirmt, und auf eine Privatschule schickt.
Ein weiblicher Drogenboss ist sehr ungewöhnlich, besonders, da Lola sehr brutal sein kann, vor Mord und roher Gewalt nicht zurückschreckt. Auf keinen Fall will sie aber Gewalt gegen Frauen und Kinder tolerieren.
Dieser Charakter hat mich nicht voll überzeugt, denn ihre Vita wirkt zu konstruiert, um ein weiblicher Robin Hood, andererseits fast eine Laura Croft zu sein. Aber die Realität will Melissa Scrivner Love wohl auch nicht unbedingt darstellen, sondern sie will einen von der ersten Seite an spannenden Thriller lancieren, mit gekonnt schnörkelloser Sprache und hohem Tempo. Also ein spannendes Lesevergnügen mit Hollywoodflair, daher 5 Punkte

Bewertung vom 21.09.2020
Bis wir uns wiedersehen
Bailey, Catherine

Bis wir uns wiedersehen


ausgezeichnet

Wo sind sie geblieben?
Während meiner Schulzeit in den 60er und 70er Jahren wurde die NS-Zeit und der zweite Weltkrieg nicht unterrichtet. Man versuchte das Schreckliche zu verdrängen. Alle Informationen über die Lebensumstände, Flucht und Vertreibung erhielt ich von Verwandten. In Deutschland findet in letzter Zeit jedoch viel Wiederaufarbeitung der Thematik durch Dokumentationen, Ausstellungen und Bücher statt.
Interessant ist auch, dass dieses Werk von Catherine Bailey zuerst auf Englisch erschienen ist, denn bei den sogenannten Siegermächten stößt dieses Thema auf höchstes Interesse, wie ich aus Erfahrungen weiß.
Dieses Werk hat meine Erwartungen weit übertroffen, denn es ist exakt recherchiert und mit sehr zahlreichen Quellenangaben, Landkarten, Fotos und einem Personenregister ausgestattet. Es ist kein spannender, leicht zu verstehender Roman, sondern erfordert eine Lektüre am Schreibtisch, um konzentriert die Fakten nachvollziehen zu können.
Es handelt sich nicht nur um die Geschichte einer Familie, quasi als herausragendes Fallbeispiel, sondern der Leser erfährt erschreckende Details über die schwierige politische Lage des Landes.
Fey von Hassel, deren Vater, ein Widerstandskämpfer, an der Vorbereitung des gescheiterten Attentats auf Hitler beteiligt war, wurde 1944 von den Nazis hingerichtet. Aber es herrschte eine Sippenverfolgung, so dass Angehörige der Familien Stauffenberg, Goerdeler, von Hassel und anderer, die das Attentat auf Hitler mitgeplant hatten, durch verschiedene Konzentrationslager geschleust wurden, wie Dachau, Buchenwald und Sutthoff, unter anderem. So wurden auch die beiden kleinen Söhne der Fey von Hassel, die auf dem Cover des Werkes zu sehen sind, gegen Ende des 2. Weltkrieges von den Nazis entführt und an einen geheimen Ort gebracht.
Dieser packende historische Roman wurde dank vieler Quellen, Tagebücher, Romanausschnitte und, größtenteils infolge der Informationsbereitschaft der Fey von Hassel und ihrer Verwandten, zu diesem herausragenden Werk. Zuerst ist der Stil eher nüchtern und faktenorientiert, wird dann aber auch emotional und packend, so dass ich bis zum Schluss gefesselt war und es vielen Bekannten meiner Generation empfehlen werde. Es hat herausragende 5 Punkte verdient.