Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Marianna T.


Bewertungen

Insgesamt 80 Bewertungen
Bewertung vom 17.06.2020
Der Gepäckträger
Rawlings, David

Der Gepäckträger


sehr gut

Lehrreich

"Der Gepäckträger" ist eine Parabel über den Umgang mit dem eigenen Gepäck. Gillian fühlt sich seit jeher mangelbehaftet gegenüber ihrer Schwester, David pflegt seine (Zerstörungs-)Wut und Michael erfüllt unglücklich die Vorstellungen seines Vaters. Auf dem Flughafen vertauschen die drei aus Versehen ihre Koffer und bemerken die Verwechslung erst, als für sie schon viel auf dem Spiel steht. Die Konfrontation mit dem jeweiligen schweren Gepäck, die dann folgt, ist sehr spannend.

Alle drei Personen bringen unterschiedliches Gepäck mit und stehen beispielhaft für die verschiedensten Typen von Menschen. Dazu passend sind die Charaktere eher oberflächlich und typisiert beschrieben, sodass sich viele Menschen darin finden können. Das was in anderen Büchern stark vereinfacht und zu schwarz-weiß wirken würde, passt hier genau hin. Die Gefühle, Beweggründe und der Leidensdruck sind gut nachvollziehbar. Die Lesenden sind damit konfrontiert sich selbst oder andere Menschen in diesen Beispielen zu erkennen. Es ist spannend, wie das Gelesene zur eigenen Reflektion anregt und auch das Verständnis für andere Menschen erhöht. Das gefällt vielleicht nicht Jedem. Unabhängig davon ist das Buch leicht zu lesen, die Geschichte fließt - wenn auch gemächlich - aber in jedem Fall auf das Wesentliche reduziert dahin. Trotz aller Schwere hat die Erzählung etwas Unterhaltsames und lässt sich deswegen sehr schnell lesen. Das Buch drängt sich nicht auf. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie sehr die Geschehnisse reflektiert werden.

Das Buch hat besondere Aspekte. Da ist zum Beispiel das leerstehende Lager, in dem die Koffer ausgetauscht werden sollen und das nicht immer das ist wonach es scheint. Der Gepäckträger mit den lockigen Haaren, der scheinbar alles weiß ist die Hauptfigur, die weise durch die Geschichte führt. Beide Aspekte haben etwas märchenhaftes und entsprechend einer Parabel etwas lehrreiches. Im Anschluss an die Geschichte bieten Fragen zu den einzelnen Teilen nochmal die Möglichkeit anders über die Entwicklungen und Beweggründe der Personen nachzudenken. Dadurch bekommt die Geschichte etwas reales und interaktives. Dies ist eine gelungene Mischung aus einer distanzierten Erzählung und einem Selbsterfahrungsbuch.

Insgesamt ist dieses Buch sehr zu empfehlen: ein rundherum unterhaltsames Gleichnis, das sich in einem Schwung lesen lässt und die ein oder andere Erkenntnis über das Leben zu bieten hat.

Bewertung vom 29.05.2020
Pandatage
Gould-Bourn, James

Pandatage


sehr gut

Herzerwärmend

Danny Maloony verliert seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr die Verbindung zu seinem 11 jährigen Sohn Will. Dieser spricht seitdem kein Wort mehr. Dazu kommt ein aggressiver Vermieter, der Verlust seines Jobs und der Mangel an Perspektiven. Die Verzweiflung treibt Danny dazu sich ein Pandakostüm zu kaufen, mit ungeahnten Folgen.

Der Roman ist inhaltlich besonders stark. Die berührende Beziehung zwischen Vater und Sohn sowie der Verlust der Mutter sind bedeutende Themen. Es ist spannend zu begreifen welche Rollen die einzelnen Familienmitglieder einnehmen und wie Familien durch den Verlust einer Person auseinanderfallen können. Die Entwicklung der einzelnen Charaktere ist beeindruckend. Dem Autor gelingt es dabei sehr gut die Schwierigkeiten, Beweggründe und Gefühle der beiden Hauptpersonen darzustellen und die Lesenden auf deren Reise mitzunehmen.

James Gould-Bourn hat einen leichtfüßigen Erzählstil, der durch derbe Situationen und viel Humor gekennzeichnet ist. Ebenso sind es die Nebenfiguren, wie Dannys Freund Ivan, eine knallharte Stangentänzerin oder der aggressive Vermieter mit seinem Hinkebein, die das Ganze urkomisch und gleichzeitig sehr ernst erscheinen lassen. Mit solchen Figuren und den filmreifen Entwicklungen könnte eine Geschichte leicht oberflächlich werden. Das geschieht hier jedoch nicht. Trotzdem wirkt die Handlung vereinfacht sowie fatalistisch und dadurch leicht überzogen. Dies schadet der Aussagekraft letztendlich nicht, steht doch die Tragik vieler Menschen dahinter, die sich abstrampeln, um das Nötigste in einem trostlosen Leben zu bekommen.

Schade ist dabei, das solch eine Geschichte scheinbar zwangsläufig gut enden muss. Und zwar ausschließlich gut. Die Aussage an die Lesenden lautet: Alles, was vorher schlecht war, wird gut werden. Nichts wird schlecht bleiben. Dies erscheint jedoch zu sehr schwarz-weiß und damit unrealistisch. Andererseits hat der Hoffnungsaspekt darin auch was für sich und macht das Buch zu einem vergnüglichen Leseabenteuer.

Ein urkomischer feel-good-Roman über einen großen Verlust, einen sprachlosen Sohn und seinen Vater im Pandakostüm.

Bewertung vom 29.04.2020
Eine kurze Geschichte vom Fallen - Was ich beim Sterben über das Leben lernte
Hammond, Joe

Eine kurze Geschichte vom Fallen - Was ich beim Sterben über das Leben lernte


gut

Beschwerliche Biografie

Joe Hammond beschreibt in der "kurzen Geschichte vom Fallen" seinen Alltag mit der Motoneuron-Erkrankung und seinen Abschied vom Leben.

2019 verstarb der Autor nach zweijähriger Krankheit in England. Sein Roman umfasst mehr als die angekündigte Auseinandersetzung mit dem Sterben. Hammond bezieht sich viel auf biografische Erfahrungen seiner Kindheit und seines Erwachsenenalters und fasst diese im Rückblick zusammen.

Die Authentizität des Themas ist eindringlich. Joe Hammond wird sterben und gibt Einblicke in sein Leben. Das Buch ist thematisch in Kapitel unterteilt und zeigt Bilder aus dem Familienalltag. Diese Struktur macht das Lesen angenehm, ebenso die thematische Zuordnung. Die Bilder vermögen zu berühren und erzeugen Sympathie. Hammond erzählt von den unberechenbaren Stürzen, vom Moment der Diagnose und der Auseinandersetzung mit der Erkrankung. Die Beziehung zu seinen Kindern und seiner Frau spielt eine große Rolle, ist emotional sehr einnehmend. Hier wird deutlich wie sich der Abschied gestaltet und er sich um deren Zukunft ohne ihn sorgt.

Anders als erwartet geht es darüberhinaus zum großen Teil rückblickend um sein Aufwachsen. Die schwierige Beziehung zu seinen Eltern, seine entbehrungsreiche Kindheit machen deutlich wie er sich durch das Leben kämpfen musste. Die Erkrankung wirkt wie eine dazu passende natürliche Entwicklung und steht fast schon in Konkurrenz zu seiner glücklichen Partnerschaft und der zu kurzen Elternschaft. Das macht die Erzählung noch bedrückender als sie ohnehin schon ist.

Hammond hat anfänglich eine sehr humorvolle, fast schon unbeschwerte Ausdrucksweise. Einzelne Bilder, die er erzeugt, machen nachdenklich und sind eindrücklich. Seine Gedanken sind sehr tiefgründig und berührend. Die Leichtigkeit seiner Ausdrucksweise scheint sich im Laufe des Buches zu verändern, trauriger und distanzierter zu werden. Die Erzählung wirkt zunehmend zusammengewürfelt und immer beschwerlicher. Seine Gedanken sind ausschweifend und seine ungewöhnlichen Sprachbilder wirken vermehrt umständlich und wenig nachvollziehbar.

Das lässt Begreifen, wie seine zunehmende Bewegungsunfähigkeit sich auf seinen Gedankenfluss und das Erleben der Gegenwart auswirkt. Umso größer die Einschränkungen werden, umso mehr scheint sich die Perspektive auf die Vergangenheit, speziell seine Kindheit, zu richten. Es ist nicht das, was der Titel und die Beschreibung ankündigt und ist deswegen etwas enttäuschend. Andererseits ist die Erzählung sehr berührend, denn sie gibt tiefe Einblicke in den Abschied vom Leben.

Eine bemerkenswerte Thematik, beschwerlich erzählt. Anders als erwartet geht es viel um Vergangenes, die Gegenwart ist zu viel im Hintergrund. Tiefe Einblicke in den Abschied vom Leben. Eine beachtliche Leistung.

Bewertung vom 19.04.2020
Was wir sind
Hope, Anna

Was wir sind


sehr gut

Was wir gerne wären

Die Freundinnen Hannah, Cate und Lissa stehen mit 30 mitten im Leben und genießen das Zusammenwohnen in London. Ihre Träume und Hoffnungen breiten sich vor ihnen aus. In den nächsten zehn Jahren werden sie mit den Härten des Lebens umgehen müssen.

Anna Hope beschreibt in ihrem Roman, wie sich das Leben und die Freundschaft der drei Frauen alles andere als geradlinig entwickelt. Ungeschönt und schonungslos beschäftigt sie sich mit enttäuschten Hoffnungen, Einsamkeit und der verzweifelten Suche nach einem Platz im Leben. Das Ringen mit der Elterngeneration und dem eigenen Werden zu Erwachsenen, die Kompromisse machen müssen steht im Mittelpunkt. Hope hat damit einen spannenden Generationen- und coming-of-age Roman geschrieben, in dem Freundschaft eine wichtige Rolle spielt.

Lissa, Hannah und Cate haben es nicht leicht, es ist anstrengend und niederschmetternd wie unglücklich die drei immer wieder sind und wie sehr ihre Hoffnungen von dem tatsächlichen Alltag abweichen. Sie sind ständig davon bedroht zu scheitern. Es ist lange kaum vorstellbar, dass sich dieses Geschehen nochmal wenden könnte.

Umso gelungener ist das doch überraschende Ende. Die Autorin schafft es nach der langen Leidensphase ein tröstliches Ende zu formulieren, das weder beschönigend noch übertrieben und schon gar nicht "gut" ist.

Der Roman entwickelt sich gemächlich, zwischenzeitlich nimmt er Fahrt auf. Die Frauencharaktere werden einfühlsam, nahbar und berührend beschrieben. Sie gefallen nicht immer, haben ihre Ecken und Kanten. Das Geschehen entwickelt sich erstaunlich, erschreckend und ist immer authentisch. Erzählungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart werden geschickt verknüpft. Die Wechsel zwischen den Charakteren und den Situationen sind in der ersten Hälfte des Romans nicht immer leicht nachzuvollziehen. Der zweite Teil des Romans fließt mehr, dann sind auch die Figuren vertrauter.

Ein sehr bewegender coming-of-age Roman, der auf Beschönigungen und ein gutes Ende keinen Wert legt.

Bewertung vom 12.04.2020
Dankbarkeiten
Vigan, Delphine de

Dankbarkeiten


ausgezeichnet

Wahnsinnig ergreifend

Michka und Marie verbindet eine vertrauensvolle Beziehung, sie trägt die Beiden auch als Michka ins Altenheim zieht und immer mehr ihre Sprache verliert.

Dies ist ein Roman über den Wert von verantwortungsvoller Sorge umeinander, den Zusammenhalt unterschiedlicher Generationen und das Abschiednehmen, wenn der Tod naht. Mit großer Emotionalität erzählt die Autorin von der Bedeutsamkeit menschlicher Nähe, die schützen und tragen kann. Ebenso geht es um das Erinnern und Vergessen. Damit beschäftigt sich die Autorin mit vielen bedeutsamen Themen, die alle Menschen betreffen. Der Roman hat eine große und sehr positive Aussagekraft: dankbar sein und sich dankbar zeigen. Die Erzählung ist nie albern oder übermäßig tränenreich und bedient sich angenehm wenig an Vorurteilen.

Das Buch ist abwechselnd kapitelweise aus der Sicht von der jungen Marie und dem Logopäden Jérome erzählt. Die Autorin weiß mit Worten umzugehen und verwendet sie mit Bedacht. Die Erzählung ist weder ausschweifend noch besonders geschmückt, ist eher nüchtern und zurückhaltend und lässt vieles offen. Michkas Einschränkungen der Sprache lassen sich dadurch gut nachvollziehen und werden erfahrbar. Die Geschichte ist schnell gelesen, die Spannung hoch.

Am Ende bin ich sehr berührt von der positiven Aussagekraft des Romans und nachdenklich über diese anregenden Themen.

Ein sehr berührender und schlichter Roman zu bedeutsamen Themen des Erinnerns und Vergessens, vorallem aber über menschliche Nähe.

Bewertung vom 28.03.2020
Nach Mattias
Zantingh, Peter

Nach Mattias


ausgezeichnet

Eindrucksvoll und aussagekräftig

Das Mattias nicht mehr lebt, ist ein großer Verlust für die Angehörigen. In acht Geschichten, geht es außer den Angehörigen, um Menschen die direkt oder indirekt von ihm berührt wurden. Durch ihre Geschichten entsteht ein Bild von Mattias.

In einzelnen Kapiteln werden die unterschiedlichsten Geschichten erzählt und es ist spannend auf welche Weisen diese untereinander und zu Mattias Bezug nehmen. Einzelne Kapitel scheinen zuerst nur für sich zu stehen, bei diesen gelingt es erst zum Ende des Buches eine Verbindung zu Mattias herzustellen.

Das Ende hat es dann nochmal in sich, verbindet die Geschichten zu einem großen Ganzen und eröffnet eine unerwartete und bedeutsame Thematik. Sind schon die einzelnen Geschichten für sich voller Gefühl und Bedeutung, so ist es das große Ganze umso mehr. Bewundernswert ist, wie es der niederländische Autor schafft so unterschiedliche Menschen mit ihren berührenden Schicksalen unter einen "Hut zu bringen", ja sogar Verbindungen herzustellen.

Das ist schließlich auch das Tröstliche an der Erzählung. Es geht um Trauer, aber vor allem Zuversicht. Es wird klar, das uns Menschen mehr verbindet als trennt und das sich innerhalb gesellschaftlicher Dynamiken Schicksale verändern.

Sehr gelungen ist auch die Sprache und der Aufbau des Buches. Die kurzen Kapitel befördern den Lesefluss und den Spannungbogen. Der Text ist einerseits nüchtern und klar, jedes Wort hat seine Berechtigung. Andererseits ist die Sprache spielerisch, voller Ausdruck, besonders die anregenden Sprachbilder.

Dies ist ein wahnsinnig anregender Roman, mit einer schwerwiegenden Thematik. Sprachlich und inhaltlich eine Wucht.

Bewertung vom 26.03.2020
Ein Sommer auf Sylt
Wolf, Lena

Ein Sommer auf Sylt


weniger gut

Eintönige Geschichte

Julia erbt ein Haus auf Sylt, dabei hatte sie den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Doch plötzlich ist sie mit ihrer verwitweten Mutter und ihren zwei unausgeglichenen Tanten auf dem Weg zu genau diesem Haus. Eine Reise mit vielen Konflikten und Überraschungen beginnt.

Die Geschichte ist sehr gewöhnlich und vorhersehbar. Als Familien- und Liebesgeschichte fügt sie sich gut in die Reihe ähnlicher Romane, hebt sich nicht hervor.

Die Charaktere sind blass gezeichnet und wirken austauschbar. Besonders Julia wirkt als Hauptfigur in ihrer Naivität und Verstocktheit anstrengend. Die Männerfiguren sind in gut und schlecht eingeteilt, fügen sich in ihre mit Vorurteilen behafteten Rollen. Aus der Sicht von Julia erzählt, erleben die Lesenden die emotionalen Höhen und Tiefen der Protagonisten auf dem Weg der Selbstfindung. Allesamt sind sie unzufrieden mit ihrem Leben, als Familie zerstritten. Die Protagonisten entwickeln sich im Laufe des Romans, es ist berührend dies mitzuverfolgen. Dabei entstehen einige unterhaltsame Szenen.

Zu Anfang ist schon klar wie sich die Geschichte entwickeln wird. Das reduziert die Spannung sehr. Gleichzeitig ziehen sich die Geschehnisse stark in die Länge.

Insgesamt eher enttäuschend. Blasse Charaktere, vorhersehbare Geschichte und wenig Spannung.

Bewertung vom 24.03.2020
Die Geheimnisse meiner Mutter
Burton, Jessie

Die Geheimnisse meiner Mutter


weniger gut

Herausfordernde Literatur

In diesem Frauenroman macht sich die Mittdreißigerin Rose auf die Suche nach ihrer Mutter, die sie nie kennen gelernt hat. Ihr Vater erzählt ihr erstmals von einer Autorin, mit der ihre Mutter eine Liebesbeziehung hatte. Rose schleicht sich in deren Leben ein und bald geht es nicht mehr nur um die Suche nach ihrer Mutter.

Der Roman ist so aufgebaut, das abwechselnd die Geschichte von Elise und die Suche ihrer Tochter beschrieben wird - beginnend im Jahr 1979 mit Elise beziehungsweise 2017 mit Rose. Beide Frauen sind über die Schriftstellerin Constance verbunden, die mit Elise eine Liebesbeziehung geführt hat und sie vor ihrem Verschwinden zuletzt gesehen hat. Für alle drei Frauen geht es um die Suche nach Liebe, die eigenen Wurzeln und Selbstverwirklichung. Starke Grundthemen für ein weiteres von vielen Büchern über Frauenschicksale. Dieser Roman hebt sich womöglich durch Aspekte der gleichgeschlechtlichen Liebe und die Komplexität der Charaktere etwas von anderen Romanen ab.

Elise, Constance und Rose sind sehr unterschiedliche und unvollkommene Charaktere. Zeitweise wirken alle drei anstrengend in ihrem Erfolgsstreben, ihrer Exentrik und Selbstaufgabe. Das macht die Figuren wohl glaubwürdig, es wird nichts beschönigt.

Die Geschichte wirkt sehr verschachtelt, zeitweise fällt es schwer noch alle Entwicklungen nachzuvollziehen und die Personen im Blick zu behalten. Der Roman zieht sich mit den knapp 600 Seiten stark in die Länge, das fordert den Lesenden viel Geduld ab. Gleichzeitig ist der Spannungbogen eher gering, die Emotionen sind schwer greifbar. Keine leichte Lektüre.

Sprachlich ist der Roman sehr klar und schnörkellos. Immer wieder fallen die tiefgründigen und geschickten Formulierungen auf.

Fazit:
Bekannte Frauen- und Lebensthemen in einer komplexen und langatmigen Erzählstruktur. Glaubwürdig unbequeme Charaktere. Ein herausfordernder Roman.

Bewertung vom 19.03.2020
Das Haus der Frauen
Colombani, Laetitia

Das Haus der Frauen


sehr gut

Sehr reale Frauenschicksale

Soléne ist eine erfolgreiche Anwältin in Paris. Ihr Leben bricht zusammen, als sich ein Mandant vor ihren Augen das Leben nimmt. Im Haus der Frauen findet sie Halt. Als öffentliche Schreiberin bekommt sie die Frauenschicksale unmittelbar mit. Sie merkt, dass jede Vergangenheit eine Zukunft haben wird.

Laetitia Colombani ist erneut ein sehr bewegender Frauenroman gelungen. Sie erschafft ein Nebeneinander der Schicksale, die doch so unterschiedlich sind und enthält sich damit der Bewertung. Sie befasst sich also mit dem Schicksal der gutbürgerlichen Soléne, ebenso wie mit denen der geflüchteten afrikanischen Frauen, den vielen vergewaltigten Obdachlosen und der Mutter die ihr Kind in der Heimat zurück lassen musste um ein anderes zu schützen. Ein Schicksal ist ergreifender als das andere. Der Roman wiegt schwer, die Beschreibungen wirken sehr realistisch und sind emotional ergreifend. So ist es im ersten Erzählstrang: der Gegenwart.

In einem zweiten Erzählstrang geht es um die Entstehungsgeschichte des Hauses der Frauen aus der Bewegung der Heilsarmee. Die Gründerin des Hauses hat selbst ein starkes Schicksal.

Die Wechsel zwischen dem aktuellen Geschehen und dem Vergangenen geben der Geschichte das gewisse Etwas und gleichen die Schwere des Inhalts aus. Die Hintergrundinformationen zur Heilsarmee bringen einen sachlichen Anteil in die Erzählung und auch die Gedanken zu gesellschaftlichen Dynamiken sind sehr wertvoll.

Der geradlinige Erzählstil und die unaufdringliche, zwischendurch blumige Sprache passen sehr gut zum Inhalt. Die Geschichte ist mitreißend und liest sich meistens sehr zügig. Phasenweise stören jedoch die inhaltlichen Wiederholungen.

Am Ende wird alles gut, es kann nicht anders sein. So ganz zufriedenstellend ist das nicht. Brauchen die krassen Frauenschicksale als Gleichgewicht das feel-good-Ende? Vielleicht geht es dabei um Vermittlung von Trost und Hoffnung.

Der ergreifende Inhalt, der unaufgeregte Erzählstil und die komplexen Frauenschicksale ergeben ein rundes Ganzes. Das feel-good-Ende hätte nicht sein müssen.

Bewertung vom 16.03.2020
Das kann uns keiner nehmen
Politycki, Matthias

Das kann uns keiner nehmen


gut

Absurder geht´s nicht

Im Krater des Kilimandscharo treffen sich zwei ältere Männer, beide wollten dort alleine die Nacht verbringen - offene Rechnungen mit dem Leben begleichen, ihren unglücklichen Lieben nachtrauern. So ungleich sie auch sind, ist das der Beginn einer unwahrscheinlichen Freundschaft. Doch der Tod läuft auch mit.

Diese emotionale Männergeschichte ist reizvoll, weil sie autobiographische Anteile hat und Männerthemen selten so berührend aufgearbeitet werden. Eine einfache Schilderung der Entwicklungen hätte deswegen genügt, um die Geschichte gelingen zu lassen. Der Autor hat jedoch einen großen Fokus auf die Sprache gelegt, die sehr auffällig ist und der Erzählung nicht nur gut tut. Es ist schwer das Sprachgewirr zu verstehen, das aus "bayrischem Geschwätz", dem dreisprachigen Pidgin aus suaheli-deutsch-englisch und der ganz gegensätzlich gehobenen deutschen Sprache besteht. Dazwischen werden ganz unvermittelt und scheinbar beliebig Wörter wie "insonderheit", "nachgerade" gestreut und davon gesprochen, dass ihm eine "Toilette avisiert" wurde. So wirkt das Ganze sehr schräg und lässt die Geschichte umso merkwürdiger erscheinen.

Die Geschichte hat für sich schon viele surreale Anteile. Die Charaktere Hans und Tscharli sind mit vielen Eigenheiten ausgestattet, die sich gegenseitig aneinander aufreiben. Bei den Lesenden werden Scham und Ärger erzeugt, besonders wegen dem rassistischen Auftreten Tscharlis. Als die beiden ihre Reise gemeinsam fortsetzen wird es zwischenmenschlich zunehmend merkwürdig. Trotzdem werden beide mit der Zeit sympathisch und ihr Handeln verständlicher. Die eingestreute politische Kritik und geschichtliche Informationen kommen noch hinzu. Alles etwas komplex und nah am absurden. Dagegen ist die Grundgeschichte, dass sich zwei ältere Deutsche im Kilimandscharo in Afrika begegnen, die am Wendepunkt ihres Lebens stehen richtiggehend realistisch.

In drei Erzählstrange geteilt, geht es nach dem ersten Teil im Krater und der gemeinsamen Weiterreise als zweites, dann im dritten Teil um den Rückblick in die Vergangenheit von Hans. Der erste Teil liest sich spröde, der zweite Teil fließt dann besser, zum Ende hin wird das Lesen zunehmend leichter. Der letzte Teil ist es auch, der die Lesenden mit der Geschichte versöhnen kann.

Grundsätzlich eine faszinierende Thematik, die jedoch sprachlich und inhaltlich schräg umgesetzt wurde. Durchaus unterhaltsam, aber schwer lesbar.