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evaczyk
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Frankfurt

Bewertungen

Insgesamt 123 Bewertungen
Bewertung vom 16.05.2022
Blutland / Juncker und Kristiansen Bd.3
Faber, Kim;Pedersen, Janni

Blutland / Juncker und Kristiansen Bd.3


sehr gut

Auf Suspense verstehen sich Kim Faber und Janni Pedersen, das Autorenteam hinter der Kopenhagener Krimi-Triologie um die Ermittler Martin Juncker und Signe Kristansen. Das stellt das Duo auch in Blutland, dem dritten Band nach "Winterland" und "Todland" unter Beweis. Doppelbödig und mit einem Plot, der die Leser immer wieder zwingt,schon sicher geglaubtes zu verwerfen, bleibt auch nach mehr als 550 Seiten Länge am Ende das Gefühl, den Ermittlern gerne noch länger zu folgen.

Auch wenn sich einiges vom ersten Band an wie ein roter Faden durch das Buch zieht - etwa das problematische Verhälnis Signes zu Leiter der Abteilung für Sexualverbrechen oder das nicht weniger konfliktbeladene Auf und Ab in der unaufhaltsam Richtung Scheidung steuernden Ehe Junckers - lässt sich Blutlad auch ohne Kenntnis der ersten Bände lesen. Was nötig ist, wird erklärt. Wer von Anfang an dabei war, hat aber wohl mehr Lesegenuss.

Ähnlich wie in den ersten Bänden der Triologie gibt es eine gelungene Verbindung des Politischen, des Privaten und polizeilicher Ermittlungen. Rechtsextremismus, Bandenwesen in marginalisierten Ghettos und Parallelstrukturen in der modernen Einwanderergesellschaft sind erneut ein Thema. Im Zusammenhang mit dem Tod eines Neonazis verhaften die Ermittler einen Verdächtigen palästinensischer Abstammung. Kurz darauf wird die Schwester des Mannes ermordet aufgefunden. Sie war vor Jahren aus der Familie geflohen und in einem Schutzprogramm untergetaucht, weil ihre Familie sie zwangsverheiraten wollte und wegen ihres westlichen Lebensstils die Ehre der Familie bedroht sah. Ein Ehrenmord?

Juncker entdeckt Parallelen zu einem Fall, der ihn vor Jahren beschäftigte und den er nie aufklären konnte. Als eine dritte Frau ermordet aufgefunden wird, konzentriert sich die Ermittlung zunehmend auf einen Serientäter. Eine Profilerin, die als Beraterin hinzugezogen wird, glaubt es mit einem intelligenten Psychopathen zu tun zu haben. Die Suche nach dem Täter gerät zum Wettlauf gegen die Zeit, schließlich kann der Täter jederzeit erneut zuschlagen.

Dabei sind Juncker und Signe bereits auch so unter Hochdruck - Juncker muss sich nach einem chirurgischen Eingriff einer möglicherweise schwerwiegenden Diagnose stellen, Signe leidet nach wie vor unter den Folgen einer Vergewaltigung, die sie allen verschwiegen hat. Ist ihr Hass auf den Täter so groß, dass sie Selbstjustiz üben könnte?

Bei Faber und Pedersen gibt es keine strahlenden Helden, ihre Protagonisten sind angeschlagen, müde und lassen dennoch nicht locker. Die Polizeiarbeit besteht nicht aus dramatische Alleingängen, sondern aus Besprechngen, Abwägungen zur Öffentlichkeitsarbeit und dem Spagat zwischen Teamplay und Ego-Trips. Man merkt, die Autoren haben Erfahrung in der journalistischen Berichterstattung über Polizei und Justiz, hier gibt es keine Superhelden, sondern menschliche, glaubwürdige Charaktere.

Wie immer wieder in skandinavischen Kriminalromanen findet Spannung nicht ohne gesellschaftlichen Hintergrund statt. Hier geht es nicht zuletzt um Hass gegen Frauen, um die Versuche, starke und selbstbewusste Frauen klein zu halten und die Folgen, die Gewalterfahrungen für die Opfer noch Jahre später haben.

Schade, sehr schade, dass mit "Blutland" der Abschluss der Triologie erreicht ist. Bleibt zu hoffen, dass Faber und Pedersen ihre Zusammenarbeit fortsetzen.

Bewertung vom 14.05.2022
Die Lüge
Franko, Mikita

Die Lüge


ausgezeichnet

Mikita kann sich kaum noch an seine früh an Krebs verstorbene Mutter erinnern. Doch er hat ein liebevolles Elternpaar - seinen Onkel Slawa und dessen Lebensgefährten Lew. Und weil die Gesetzgbung in Russland ebenso wie die Gesellschaft ausgesprochen homophob ist, muss Mikita sein Familienleben von klein auf mit Lügen, Verschleierungen, Unwahrheiten schützen. Sonst droht ihm im schlimmsten Fall die Einweisung in ein Kinderheim. In Mikita Frankos Coming od Age-Roman "Die Lüge" wird eine Regenbogenfamilie mit viel Empathie, aber ohne Sentimentalität oder gar Kitsch gezeichnet.

Ich-Erzähler Mika hadert mitunter mit seinem Schicksal - Offiziell hat sein alleinstehender Onkel Elternstelle bei ihm übernommen. Slawa, ein unkomplizierter, spontaner Künstlertyp, nur 16 Jahre älter als Mika, war schon immer in seinem Leben präsent. Doch mit dem Arzt Lew, einem auf Ordnung und Manieren bedachten eher strengem Mann, der auch streng und aus Mikas Sicht ungerecht sein kann, tut er sich schwerer. Dennoch ist Lew der erste, den er "Papa" nennt.

Dass seine beiden Väter nicht nur Wohung, sondern auch das Bett teilen, kommt Mika zunächst nicht normal vor. Erst nach und nach gewöhnt er sich an die Idee. Als er in die Schule kommt, hadert Mika nicht nur mit der dortigen Disziplin und rabaukigen Mitschülern, er muss auch ein Versteckspiel beginnen: Kommen andere Kinder zu Besuch, müssen alle Spuren von Lew aus der Wohnung getilgt werden, um die Legende vom alleinerziehenden Vater Slawa aufrecht zu erhalten.

Der Stress bleibt nicht ohne Folgen: Mika wird verhaltensauffällig, aggressiv, beschimpft auch seine eigenen Väter als "Schwuchteln", sehnt sich nach der Art von Normalität, die andere seiner Mitschüler haben. Und dennoch erkennt er nach und nach, dass das Lebensmodell seiner Familie ihn offener macht für andere Lebensstile - ganz so, wie seine Mutter es sich für ihn erhofft hatte, als sie erkennen musste, dass sie ihren Sohn nicht aufwachsen sehen würde. Die Großmutter, liebevoll aber fest verwurzelt in Überzeugungen, die Slawas Homosexualität schlicht ignorieren beziehungsweise für "abartig" halten, ist der Gegenpol zu Mikas Familienleben.

Der Roman folgt Mikas Leben von der Kindheit in die Pubertät - erste Liebe, unerwiderte Liebe, ein Mitschüler, der aus der Regenbogenfahne auf Mikas Tisch die falschen Schlüsse zieht und schließlich, zu Mikas Entsetzen, die Erkenntnis, das er sich selbst zu Männern hingezogen fühlt. Bestätigt er jetzt alle gesellschaftlichen Vorurteile, dass eine Regenbogenfamilie keine "normalen" Kinder hervorbringen kann. Zwischen Liebe zu seinen Eltern und Selbstakzeptanz liegt angesichts der geselllschaftlichen Vorurteile, von denen auch Mika sich nicht gänzlich frei machen kann, eine Kluft.

Mika in seiner teils schnoddrigen, teils leicht nervigen Art (er ist schon eine kleine Diva zuweilen) ist ein sympathischer Protagonist, dessen Konflikte, aber auch tiefe Verbindung zu seinen beiden so unterschiedlichen Vätern überzeugend dargestellt wird. Ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz, die auch Mika gelegentlich benötigt. In Russland darf der Roman nur an Leser über 18 Jahre verkauft werden. Dabei wäre er gerade für queere Kinder und Jugendliche, die sich über sich selbst klar zu werden versuchen, so wichtig und nützlich. "Die Lüge" berührt.

Bewertung vom 27.04.2022
Todesfall
Fuglehaug, Randi

Todesfall


gut

Auf Freundschaft und Tod

"Todesfall" - der Titel des norwegischen Kriminalromans von Randi Fuglehaug ist wörtlich zu nehmen. Denn es geht nicht nur um einen Todesfall (wenig überraschend in einem Krimi) - eine Frau kommr buchstäblich durch Fall zu Tode, nämlich bei einem Fallschirmsürung. Vier verschworene Freundinnen, die nicht nur das gemeinsame Hobby verbindet, wollten sich mit ihrem Sprung in Trachtenkostüm an dem Extresportfestival in ihrem westnorwegischen Heimatort Voss beteiligen. Doch nur drei von ihnen kommen heil am Boden an. Die Journalistin Agnes Tveit, erst vot kurzem aus der Hauptstadt nach Voss zur dortigen Zeitung zurückgekehrt, gehört zu den Augenzeugnnen und berichtet über den Vorfall.

Was zunächst noch wie ein tragischer Unfall aussah, entpuppt sich als Mord: Sämtliche Schnüre an dem Fallschirm wie auch am Reserveschirm waren durchtrennt worden. Die Springerin hatte nie eine Chance gehabt. Wer hatte ein Interesse an dem Tod der jungen Mutter? Agnes Tveit klemmt sich hartnäckig hinter die Ermittlungen, mehr, als ihrem Chefredakteur lieb ist. Hat der Tod der Frau mit einer 20 Jahre zurückliegenden Vergewalitgung zu tun? Und wieso wurde damals die Anzeige wieder eingestellt?

An Tatverdächtigen und Hinweisen auf die Probleme der Vergangenheit herrscht kein Mangel. Agnes hat endlich mal wieder eine große Geschichte, nicht nur die Lokalthemen, die wenig prickelnd sind. Doch der Umzug nach Westnorwegen diente ohnehin nicht der Karriere, sondern dem Privatleben. Agnes und ihr Freund haben die Familienplanungsphase begonnen. doch es will einfach nicht klappen mit einer Schwangerschaft. Immerhin, in Voss wohnen Agnes´Eltern, die auch bei der Kinderbetreuung einspringen könnten.

"Todesfall" streift auch die Kontraste zwischen Stadt und Land, zwischen dem Hauptstadtleben und dem ganz anderen Menschenschlag im Westen - das war mir bisher so gar nicht bewusst, also wieder was gelernt. Auch die Veränderungen der Medienlandschaft werden thematisiert, das Sterben der Printausgaben, die Hoffnung auf den Profit durch digitale Angebote, die Angst, plötzlich zu den "Alten" zu gehören, die als nicht mehr anpassungsfähig für die neue Zeit verallgemeinert werden und in die berufliche Sackgasse zu geraten drohen. Insofern steckt eine ordentliche Portion Realität in dem Buch.

Mit der Figur der Agnes tat ich mir vor allem am Anfang schwer - zum einen verstößt sie gleich mehrfach gegen journalistische ethische Standards, wenn es ihr nur zum Vorteil dient, zum anderen erscheint sie mir gleichermaßen ichbezogen und selbstmitleidig. Während der Plot allerdings zunehmend dichter und komplexer wird, lässt sich das allerdings leichter ignorieren. Der Fall erfährt eine Wendung, die plötzlich alles in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt, Da führt die Autorin die verschiedenen Hinweise und Fäden gekonnt zusammen. Strahlefiguren gibt es hier nicht, wohl aber eineb interessanten Aufbau, der keine Langeweile aufkommen lässt und auch der spektakulären Landschaft norwegischer Berge und Wasserfälle ihren Raum gibt.

Bewertung vom 27.04.2022
Tiefes, dunkles Blau
Kobler, Seraina

Tiefes, dunkles Blau


gut

Tod eines Arztes

Sie ist 37 Jahre alt und hört die biologische Uhr ticken. Nach einer kürzlich gescheiterten Beziehung - der Ex teilte ihren Kinderwunsch nicht - sieht sich die Züricher Seepolizistin Rosa Zambrano ein wenig am Scheideweg. In ihrem Beruf, an dem sie sehr hängt, sind Schwangerschaft und Dienst unvereinbar, schon wegen der regelmäßigen Tauchgänge. Babybauch, Neoprenanzug und Unterwasserdruck - das passt nicht. Gleichzeitig wird die Sehnsucht nach Nachwuchs immer größer. Eingefrorene Eizellen sollen Zeit für eine Entscheidung schenken. Doch ausgerechnet der Arzt der Kinderwunschpraxis, bei dem Rosa in Behandlung war, wird tot aus dem See gezogen, mit Drogen im Blut. Ein Unfall im Rausch oder ein Verbrechen?

Mit ihrem Kriminalroman "Tiefes, dunkles Blau" setzt die Schweizer Autorin Seraina Kobler schon mit dem Titel den Akkord, denn die Faszination des Wassers ist wie ein roter (oder vielmehr blauer?) Faden, der sich durch das Buch zieht. Immer wieder gibt es bildhafte Bechreibungen, die die Oberfläche des Zürichsee in der Vorstellung in der Sonne funkeln lassen. Überhaupt scheint dieses Buch mit allen Sinnen geschrieben, denn Rosa ist eine begeistere Hobbygärtnerin und -köchin, eine Feinschmeckerin und beim Lesen glaubt man zu riechen, zu schmecken, zu fühlen und zu hören. Neidisch frage ich mich, wie Rosa es schafft, einen vollen Arbeitstag mit soviel übrig bleibender Zeit für Garten und Küche zu erübrigen, doch die Vorstellungskraft wird beim Lesen angeregt.

Der umfangreiche Familien- Freundes- und Kollegenkreis,den die Autorin präsentiert, verrät schon: Dieser Band um die Seepolizistin soll nicht der letzte sein und so manche Frage zum Privatleben der Ermittlerin bleibt ungelöst. Mit Themen wie open science, Gentechnik und der Verantwortung der Wissenschaft stellt Kobler Ethik- und Sinnfragen in den Mittelpunkt des Geschehens. Ihre Figuren sind erfreulich mehrdimensional und mitunter schillernde Charaktere, wie etwa die Chefin eines Escort-Service, die ihre Arbeit feministisch auslegt. Und auch im Fall des toten Arztes ist nicht alles so eindeutig wie es zunächst wirkte: Trennung von der Ehefrau, zahlreiche Beziehungen zu deutlich jüngeren Frauen beziehungsweise den Damen des Escort-Service, Drogen-Experimente - alles ein Fall von klassischer Midlife-Crisis in der Welt der Besserverdienenden?

Einen Hinweis, wer hinter dem Tod des Arztes steckt, gibt Kobler schon früh. Der Spannung schadet das nicht, denn Motive, Methoden und Verbindungen lösen sich erst nach und nach auf. Für mich überzeugt bei "Tiefes, dunkles Blau" vor allem die bildhafte Sprache und die lebendige Schilderung, die das Kopfkino in Gang setzt und eine Vorstellung von Zürich mit seinen Licht- und Schattenseiten, von mittelalterlichen Altstadtgassen, Seeufer und Gebirgslandschaften heraufbeschwört. Ja, davon möchte ich in der Tat gerne einen Folgeband lesen,

Bewertung vom 26.04.2022
Der letzte Schrei
Sagiv, Yonatan

Der letzte Schrei


sehr gut

Queerer Krimi aus Tel Aviv

Israel ist das LGBTQI-freundlichste und toleranteste Land des Nahen Ostens (was an sich keine Kunst ist angesichts der homophoben Gesetzgebungen und Gesellschaften in den Nachbarländern) - in der Küstenmetropole Tel Aviv ist das unübersehbar. Wer schon einmal da war, weiß, dass Regenbogenfahnen an Fensterrahmen und Balkons weit verbreitet sind, Fächer, Fähnchen und andere Souveniers in Regenbogenfarben von Straßenhändlern feilgeboten werden und auch außerhalb der Szene-Bars Restaurants, Hotels und Cafés um queeres Publikum werben. Mit "Der letzte Schrei" hat der israelische Autor Yonatan Sagiv nun auch den passenden (Kriminal-)roman aus der queeren Szene Tel Avivs mit viel Lokalkolorit geschrieben.

Doch auch hier gilt: Einerseits selbstbewusstes Schwul-lesbisches und sonstig queeres Leben, doch andererseits ist es nicht so einfach. Nicht nur wegen der Zersplitterung der Szene in immer mehr Communities, nicht wegen der wehselseitigen Vorurteile, etwa Lesben gegen Transen gegen Alpha-Schwule. Das Coming Out und die Akzeptanz der nächsten Angehörigen sind auch dort nicht selbstverständlich, wo es eine große Community gibt. Das Mobbing auf den Schulhöfen, den Sportplätzen oder in den Kasernen gegen die, die nicht der gängigen Norm entsprechen, existiert auch dort, wo Gesetze Toleranz versprechen. Und Vorurteile können tödlich sein.

Oded Chafer, homosexueller Privatdetektiv, der stark mit seiner inneren Frau im Einklang ist und sich geradezu masochistisch in muskulöse Macho-Typen verliebt, die ihn dann wieder fallen lassen, kann ein Lied davon singen. Er mag in seiner schrill-effeminierten Art auffällig sein - doch eigentlich ist er verunsichert und verletzbar in seinem Wunsch, einmal nicht als der peinliche Sohn wahrgenommen zu werden, der als Kind beim Fußballspielen weinte und lieber mit der Schwester zum Tanzunterricht gegangen wäre, der bei Bar Mitzwahs schweigend übergangen wird, wenn Eltern mit den Erfolgen der eigenen Kinder angeben. Diese Verletzlichkeit, die sich erst nach und nach erschließt, gibt Oded Konturen weit über jegliche "Schwuchtel"-Klischees hinaus.

Selbst Odeds Lebensstil ist mehr Schein als Sein: Die chice Wohnung im Bauhausviertel gehört nicht ihm, sondern einem guten Freund, der gerade geschäftliich in Singapur ist. Als Housesitter kann Oded seine deutlich weniger glamouröse Wohnung untervermieten und hoffen, dass der nächte Auftrag auch ihn einem guten Leben näherbringt. Denn für einen PR-Guru, der mit den Reichen, Mächtigen und Berühmten bestens vertraut ist, soll er herausfinden, was mit dem 15-jährigen Popsternchen los ist, das kurz vor dem großen Durchbruch steht, aber seit Wochen schwer depressiv ist und die vielversprechende Karriere riskiert.

Oded hat also keine Zeit, sich um den Fall einer vermissten transsexuellen Sängerin zu kümmern, die nach einer Party bei dem PR-Guru nicht zu ihrer Freundin zurückgekehrt ist. Er hat auch wenig Lust, bloß um der regenbogenbunten Community willen Extra-Arbeit zu leisten und muss sich von seinem Kokurrenten um die Liebe des Polizeiinspektors Yaron Malka vorhalten lassen, er sei gendermäßig nicht auf dem Laufenden und zeige mangelnde Solidarität. Abgelenkt wird er aber auch einmal wieder durch seine Gefühle für den attraktiven Muskelprotz Stas, der Leibwächter wie auch recht Hand seines Auftraggebers ist.

In "Der letzte Schrei" führt Sagiv seine Leser:innen durch Glanz und Elend von Tel Aviv, durch die Villen am Meer und die dunklen Ecken, in denen transsexuelle Prostituierte auf Freier warten, zeigt das Bild einer Multikulti-Gesellschaft, die keineswegs frei von Vorurteilen ist, ob nun gegen Araber, Einwanderer und Menschen jenseits des jeweiligen Mainstream handelt. Der sehr direkte Umgangston, der in Israel zum Alltag gehört und der Außenstehenden leicht aggressiv erscheint, wird ebenso gepflegt wie ein sehr bissiger jüdischer Humor ("In Auschwitz hätte ich keine Kartoffelschale mit ihm geteilt"), an den sich

Bewertung vom 25.04.2022
Vom Gehen und Bleiben
Hucke, Petra

Vom Gehen und Bleiben


sehr gut

"Der Berg ruft nicht, er kommt", hieß es mal in einem Bericht über die Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen und anderen Gebirgsregionen. Welche Auswirkungen das für die Einwohner vor Ort hat, ist Thema in Petra Huckes Alpenroman "Vom Gehen und Bleiben", in dem nicht nur die Generation Greta eine Identifikationsfigur findet.

Gerade mal 60 Einwohner hat das kleine Dorf Vischnanca in der rätoromanischen Schweiz, seit neuestem sind es vier mehr: Eine deutsche Familie aus Duisburg hat ein Haus im Dorf gemietet. Vor allem Familienvater Fabio, ein Ingenieur mit übermächtigem Vater, hofft auf einen Neuanfang: Alles kleiner als bisher, Homeoffice und Hausmann-Dasein, während endlich Ehefrau Katja als Managerin eines Öko-Hotels in einer nahen Stadt karrieremäßig durchstarten kann. Für Jasper, 17, und Jojo, 14, bedeutet es eine neue Sprache und Suche nach Freundschaften in einem Ort, wo sie so gut wie keine Gleichaltrigen haben. Der erste Wermutstropfen kommt unmittelbar nach dem Einzug: das Dach ist undicht.

Doch es gibt nicht nur Baumängel. Die schücherne Jojo, die sich bei Fridays for Future engagiert, ist die erste der Familie, der die Risse an einigen Häusern auffallen. Der Felsbrocken, der bei einer Mofafahrt mit Jasper unmittelbar vor den beiden über die Fahrbahn rollte - kein Zufall?

Leser erfahren zusammen mit den Neuankömmlingen, was die Einheimischen schon länger wissen, aber meist zu verdrängen suchten: Der Berg über dem Dorf droht abzurutschen, der gelegentliche Steinschlag ist nur eine Vorahnung dessen, was drohen kann, wenn die Stabilität ins Wanken gerät. Die Kantonverwaltung und Geologen haben schon seit längerem Evakuierungspläne vorbereitet für den Fall eines Felssturzes. Eine Drainage könnte helfen, den Untegrund zu stabilisieren. Doch das Dorf, so erfahren die Einwohner bei einer Dorfversammlung, muss so oder so aufgegeben werden.

Für Fabio wäre es nur der Abschied von der Idylle, in die er sich verliebt hat, von dem Garten, den er angelegt hat. Von Haus aus wohlhabend, können seine Familie und er überall leben. Für die Bergbäuerin Ria sieht es ganz anders aus. Sie ist tief verwurzelt in dem Dorf, dass einer ihrer Vorfahren gegründet hat. Der Gedanke, woanders neu anzufangen, ist ihr ein Graus. Der Hof, der seit Generationen in der Familie ist, soll auch der Ort sein, an dem ihre kleine Tochter aufwachsen kann.

Wie intakt ist die Dorfgemeinschaft wirklich? Bei der Debatte um eine Zukunft außerhalb von Vischnanca, um Entshädigungen und den Umgang mit Verlust sind die Meinungen gespalten. Risse gibt es nicht nur in den Gebäuden, sondern auch in der Dorfgesellschaft. Hierarchien, die lange übertüncht schienen, haben auch Einfluss auf die Überlegungen, ob man gehen oder bleiben soll. Dank Jojos Instagram-Aktivitäten wird das kleine Alpendorf über den Kanton hinaus in sozialen Medien bekannt. Doch plötzlich überstürzen sich die Ereignisse.

Vieles, was als sicher und beständig galt, wird plötzlich auf die Probe gestellt - die Zukunft des Dorfes ebenso wie menschliche Beziehungen, Freundschaft und Liebe. Alles, was geschieht, scheint auf unsicherem Grund zu stehen. Diese Unwägbarkeiten schildert die Autorin aus dem Blick verschiedener Figuren des Romans, wobei Fabio, Jojo und Ria die mit dem stärksten Profil sind. Die Natur ist gleichermaßen Idylle wie Bedrohung, wobei mit den Gefahren durch den Berg auch die Konflikte in der Gesellschaft zunehmen und sich Abgründe auftun. Bei aller Dramatik ist "Vom Gehen und Bleiben" ruhig und mi eher leisen Tönen erzählt, wobei rätoromanische Worte für Lokalkolortit sorgen.

Bewertung vom 22.04.2022
Zurück nach Übertreibling / Vikki Victoria Bd.1
Gray, Gloria;Felder, Robin

Zurück nach Übertreibling / Vikki Victoria Bd.1


sehr gut

Schrill und unterhaltsam

Transfrau Vicki Victoria steht nicht nur fest im Leben, sie bewältigt es auch auf Stiletto-Absätzen - egal ob sie als V-Frau der Münchner Polizei unterwegs ist oder als Unterhaltungskünstlerin. Doch nun droht Ungemach in der Münchner Dachgeschosswohnung, wo Vicki sich nach einer eher freudlosen Jugend in der niederbayrischen Provinz neu erfinden konnte. Denn Toni Besenwiesler, der sie in der Schule, damals noch äußerlich ein Junge, grausam drangsalierte, ist aus dem Gefängnis ausgebrochen - und er schwört Vicki Rache. Sie, so glaubt er, hat dafür gesorgt, dass er einen Mord verurteilt wurde, den er nicht begangen hat.

Ich-Erzählerin Vicki, die Protagonistin in Gloria Grays schräg-ironischem Cozy Krimi "Zurück nach Übertreibling" weiß: Mit dem Besenwiesler Toni kann man nicht diskutieren. Bleibt also nur die Flucht, doch schon das Treffen mit Clan-Chef Ahmet, mit dem der Geflohene ebenfalls eine Rechnung offen hat, endet exklusiv. Und dann wird auch noch die befreundete Nachbarstochter und Social Media-Influencerin Kathi entführt. Um das geplante Rache-Feuer zu löschen, bleibt Vicki nur eines übrig: Zurück nach Übertreibling, in das Heimatkaff, in dem alles begann.

Der Ortsname Übertreibling ist hier Programm: Krimi-Realisten mögen sich die Haare raufen, Logik und Stringenz vermissen. Hier übertreibt die Autorin nach Herzenslust, eine Figur ist schräger und exzentrischer als die nächste, kein Klischee, das nicht genüsslich ausgereizt und auf die Spitze getrieben wird.

Nicht genug, dass zum Personeninventar außer derb-rustikalen Niederbayern die Mitglieder einer tierliebenden Motorradgang, einer türkischen Clanfamilie mit ausgerechnet griechischem Nachnamen, teils faule, teils korrupte Polizisten und eine alternde Diva gehören. Vicki Victoria kommentiert alle Geschehnisse gewissermaßen in Dauerschleife, schweift dabei gerne mal ab zu philosophiert nebenbei über Gendersternchen und die Absonderlichkeiten der social media-Kultur. Meinungsstark ist sie allemal und niemals auf den Mund gefallen, selbst wenn das Fehlen einer Perücke eine mittlere Daseinskrise auslösen kann.

Eigentlich klar, dass bei Vickis Hobby-Ermittlungen jede Menge Verwicklungen auftauchen und nichts ohne viel Drama geschehen kann, sozusagen mit Glitzereffekt und high heels Staccato. Je nach Gemütszustand des Lesers kann so eine Plaudertasche wie Vicki anstrengend sein oder erheiternd. Mit einem offensichtlichen Augenzwinkern geschrieben, sollte es auch so gelesen werden. Bei aller Exaltiertheit hat sich Vicki eine bajuwarische Offenheit bewahrt und das Herz stets auf dem rechten Fleck.Ich habe mich köstlich amüsiert und hoffe auf ein Wiedersehen mit Vicki Victoria. Immerhin: Im Oktober soll ein Folgeband erscheinen.

Bewertung vom 20.04.2022
Putins Netz - Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste
Belton, Catherine

Putins Netz - Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste


ausgezeichnet

"Follow the money", lautete bereits der Rat des Informanten "Deep Throat" bei der Aufklärung der Watergate-Affäre. In ihrem Buch "Putins Netz" befolgte Catherine Belton diese Maxime. Als ehemalige Moskau-Korrespondentin der Financial Times dürfte sich Belton regelmäßig mit Wirtschafts- und Finanzpolitik, mit der Rolle der Oligarchen und ihrem Einfluss auch in der Londoner City befasst haben. Ihr umfangreiches und ausführlich recherchiertes Buch geht weit darüber hinaus.

Es schadet nichts, wenn man sich vor der Lektüre schon ein bißchen mit russischer Zeitgeschichte, der Politik der Perestroika, dem Zerfall der Sowjetunion und dem Aufstieg Putins befasst hat. Andernfalls könnten sich völlige Russland-Neulinge leicht ein wenig überfordert fühlen. Doch sowohl das vorangestellte Personenregister als auch der Anhang von Fußnoten helfen, eventuell Unbekanntes nachzuchecken.

"Putins Netz" ist eine faszinierende, ausgesprochen ausführliche Untersuchung der Verbindungen zwischen KGB, Organisierter Kriminalität und Schattenwirtschaft in der letzten Phase der Sowjetunion und im heutigen Russland, von Kontakten, die vor 30 Jahren geknüpft wurden und seitdem einige Menschen in fantastischen Reichtum katapultieren, andere ins Exil oder Schlimmeres. Belton untersucht die Vorgeschichte und Verbindungen Putins seit seinen KGB-Zeiten in Dresden, sein Weltbild und Selbstverständnis, Denkweisen von Geheimdienstlern und Milliardären.

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alles, worüber Belton schreibt, mit Fakten oder eindeutigen Quellen belegt wird. Zu viele ungeklärte Unfälle, plötzliche Todesfälle und Vergiftungen dürften die Gesprächigkeit von Informanten getrübt haben. In anderen Fällen haben genannte Quellen natürlich eine eigene Agenda und müssen von daher auch hinterfragt werden. Als seriöse Journalistin macht Belton aber stets deutlich, wo das Nachweisbare endet und die Spekulation über Möglichkeiten, das Reich der Gerüchte und Flüstereien auf den Korridoren der Macht beginnt.

Nichtsdestotrotz ist dieses Buch höchst spannend, nicht zuletzt beim Verständnis des Kriegs in der Ukraine und der Diskussion um die Wirksamkeit von Sanktionen, der besonderen Bedeutung von Gazprom und der Energiewirtschaft als Hebelinstrument russisher Machtpolitik. Es offenbart einen Einblick in Komplexe und imperiale Träume in den Reihen des KGB und dürfte auch, zumnindest teilweise, bei der Interpretation der Persönlichkeit und Denkweise Putins helfen. Manche Fragen bleiben offen und dürften von der Geschichte beantwortet werden. Ist Putins Aufstieg seinem eigenen Ehrgeiz zu verdanken gewesen oder Teil einer Strategie? Welche Endszenarien sind denkbar? Wie weit reicht der Einfluss staatlicher Schwarzgelder bei der Korrumpierung und Unterwanderung westlicher Gesellschaften und Einflussnahme etwa auf populistische Bewegungen in ihren?

Als britische Autorin konzentriert sich Belton vor allem auf Beziehungen zwischen Ruzssland und Großbritannien und den USA, einschließlich der Verbindungen Trumps. Doch der zeitgeschichtlich interessierte deutsche Leser dürfte schnell auf Parallelen stoßen, seien es die Aktivitäten von "Russia Today" oder die russland/Putin-freundlichen Aussagen der AfD. Nicht zuletzt hilft das Buch beim Verständnis der Rolle, die die Ukraine im Denken der Kreml-Lenker spielt.

"Putins Netz" ist ein Buch, das mit akribischer Recherche, Detailreichtum und ausführlichen Erläuterungen überzeugt. Nicht nur für Kremlinologen ein Muss!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.04.2022
Im Rausch des Aufruhrs
Bommarius, Christian

Im Rausch des Aufruhrs


sehr gut

Geschichte und Geschichtchen eines wilden Jahres
"Tanz auf dem Vulkan" ist eine der Zuschreibungen der deutschen Gesellschaft in den 1920-er Jahren, und das Buch "Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923" von Christian Bommarius macht schnell klar, warum das so ist. In monatlich gegliederten Kapiteln beschreibt der Autor in Geschichte und Geschichtchen das Jahr der Hyperinflation, des Elends auf der einen und des exzessiven Rauschs auf der anderen Seite, von einer blühenden, wilden Kultur, die vieles althergebrachte in Frage stellte, und denen, die die alte Ordnung wiederherstellen wollten.

Der Erste Weltkrieg liegt gerade mal fünf Jahre zurück, die Folgen sind für die deutsche Bevölkerung oft schmerzlich spürbar. Bis die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird es noch zehn Jahre dauern. Doch nicht nur Hitlers gescheiterter Putsch im November ist als Zeichen an der Wand zu sehen. Schilderungen von schwarzer Reichswehr, von Freikorps, von Antisemitismus und Verherrlichung des alten Militarismus machen klar, dass nicht nur der Kaiser im niederländischen Exil auf andere Zeiten hoffte.

Geschrieben in anekdotenhaften Stil, mitunter leicht kalauernd ("Die Deutschen schwimmen nicht nur in Geld, sie ertrinken darin") oder aus heutiger Sicht mit ironischen Seitenhieben ("Flughäfen bauen, das können die Berliner", tauchen nicht nur bekannte Namen aus der Politik auf, sondern auch aus Kultur und Gesellschaftsleben, ob Hans Fallada oder Thomas Mann, George Grosz oder Max Reinhardt, die junge Marlene Dietrich oder der sterbenskranke Frank Kafka mit seiner letzten Liebe. Auch Anita Berber, Femme Fatale und Nackttänzerin darf als Symbol von Rausch, Dekadenz und sexueller Freiheit und Freizügigkeit nicht fehlen.

Wer beim Serien-Binging sehnsüchtig auf den nächsten Teil von "Babylon Berlin" wartet, wird so manches Vertraute wiederfinden, historisch Interessierte finden am Beispiel des Jahres 1923 ein Zeit- und Sittenbild, das eingängig zu lesen und auf unterhaltsame Weise informativ ist. Es schadet sicherlich nicht, zumindest ein bißchen Vorkenntnisse über die Weimarer Republik und Politik, Wirtschaft und Kultur der Zeit zu haben. Ansonsten dürfte das ausführliche Personenverzeichnis am Ende des Buches manche Wissenslücke schließen und das Buch verständlicher machen. "Im Rausch des Aufruhrs" ist gut geschriebenes Infotainment einer spannenden Zeit, in der den einen noch alles möglich schien und die anderen vor dem Nichts standen.

Bewertung vom 05.04.2022
Wo die Wölfe sind
McConaghy, Charlotte

Wo die Wölfe sind


ausgezeichnet

Die Rückkehr der Wölfe

Kaum eine der Neuerscheiungen des vergangenen Jahres hat mich so fasziniert wie "Zugvögel" von Charlotte McConnaghy - da war es ein klarer Fall, unbedingt auch ihren neuen Roman "Wo die Wölfe sind" lesen zu wollen. Eindringliche Naturbeschreibungen, das Überleben bedrohter Tierarten und der leidenschafttliche, auch mal verbissene Einsatz von charismatischen Einzelgängerinnen und starken Frauengestalten prägen auch dieses Buch. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede.

Die Ich-Erzählerin Inty ist die Tochter einer australischen Polizistin und eines kanadischen Aussteigers und "Pferdeflüsterers". Und sie leidet an einem seltenen Phänomen, er Mirror-touch-Synästhesie: Was einem anderen Wesen geschieht, kann sie spüren, wenn sie ihm in die Augen blickt. Durchaus traumatisch, wenn sie etwa als Achtjährige den Tod eines Kanninchens erlebt. Wichtigste Bezugsperson ist Intys Zwillingsschwester Aggie, mit der sie ein symbiotisches Verhältnis hat. Doch während früher Inty die Introvertierte war und die erlebnishungrige Aggie im Vordergrund stand, ist Aggie nun buchstäblich verstummt und so unsichtbar geworden, dass ich mich über lange Strecken des Buches gefragt habe, ob sie tatsächlich existiert, oder nur ein Produkt von Intys Einbildung ist. Schließlich war bereits der Vater psychisch krank.

In der Erzählgegenwart ist Inty Biologin und Leiterin eines Ansiedlungsprojekts für Wölfe im schottischen Hochland. Wer die Diskussionen um die Rückkehr der Wölfe hierzulande verfolgt, weiß: Kaum ein Tier polemisiert so sehr wie der Wolf. Es gibt Menschen, die sind fasziniert von den scheuen Vettern domestizierter Hunde - und es gibt Menschen, die Wölfe buchstäblich verteufeln. Eine Erfahrung, die auch Inty meint. Während sie und ihre Teamkollegen davon überzeugt sind, dass die Ansiedlung der Wölfe gleich mehrere ökologische Probleme und Herausforderungen wieder ins rechte Lot rücken kann, sind die örtlichen Bauern, allen voran die Schafhalter, wenig begeistert von den neuen Mitbewohnern in den Wäldern.

Als ein Farmer tot aufgefunden wird, eskaliert die Situation. Werden die Wölfe jetzt buchstäblich Freiwild? Und wer ist die Bestie - Mensch oder Tier? Dabei muss sich Inty auch eigenen Abgründen aus der Vergangenheit stellen. In ihrer Parteilichkeit für die Wölfe steht sie der aufgeladenen Empörung der Dorfbewohner nicht nach, droht alle professionelle Distanz zu verlieren. Voller Gewalt ist aber nicht nur die Wildnis - das Buch enthält einige harte Szenen, in denen die "Bestie Mensch" ungeschönt gezeigt wird.

Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Spezies - da Seeschwalbe, hier Wolf, dass "Zugvögel" deutlich poetischer wirkt als "Wo die Wölfe sind mit seiner teils sehr düsteren und rauen Stimmung. Überzeugend und beeindruckend sind auch hier wieder die Naturszenen. Auch über die Wölfe und ihre Sozialordnung hat die Autorin ausführlich recherchiert. Spannend, faszinierend, emotional aufgeladen und mit teils gebrochenen, vielschichtigen Figuren.