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Benutzername: danieleb
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Bewertungen

Insgesamt 53 Bewertungen
Bewertung vom 16.10.2021
Wellenflug
Neumann, Constanze

Wellenflug


ausgezeichnet

Wo kommst du her? Herkunft ist bis heute ein Fluch und Segen in der Biografie von Menschen. Ob Klassenzugehörigkeit oder Abstammung, diese Faktoren binden Menschen ein Leben lang. Dieses Thema hat sich Constanze Neumann in ihrem teilfiktiven Familienroman an Hand zweier Frauenschicksale Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bedient. Anna aus dem Sschtettl, die Karriere als Ehefrau eines sozialen Aufsteigers in der Textilindustrie macht, und deren lebenslang abgelehnte Schwiegertochter Marie, die auch aus elendsten Verhältnissen nach Berlin entflieht um ihre Fähigkeiten auszuleben. Beide Frauen stehen für die Zeit als in Deutschland und der Welt die sozialen wie wirtschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf gestellt wurden. Die eine. Anna, als Frauen eigentlich nur dazu da waren Kinder zu gebären, dem Mann und der Familie zu dienen, die dennoch mutig den Sprung in eine bessere Gesellschaftsschicht schafft. Marie, die der Armseligkeit ihrer Herkunft entflieht ohne soziales Netz und mit einer gehörigen Portion Glück, den ältesten Sohn Annas begegnet und dessen Liebe gewinnt. Ein Parcour durch einhundert Jahre deutsche Geschichte, der mit klarem Blick die Zustände der Gesellschaften schildert, und der heutigen Generation somit ermöglicht zu verstehen warum Menschen handeln wie sie handeln. Gelungen.

Bewertung vom 23.09.2021
Der schwarze Winter
Lindemann, Clara

Der schwarze Winter


sehr gut

Die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland sind ein Thema, dass seit einigen Jahren immer mehr ins öffentliche Bewusstsein drängt. Die Ströme von Flüchtlingen aus den Ostgebieten, die sich durch das ruinierte Land bewegten, werden an Einzelschicksalen dargestellt, wie den zwei Schwestern Silke und Rosemarie, die auf einem Bauernhof zugeteilt bei harter Arbeit keinen Lohn und nur notdürftige Unterkunft und miserabel knappes Essen bekommen. So entscheiden sie sich, nach einem Vergewaltigungsversuch des Bauern an Rosemarie, auf den Weg nach Hamburg zu machen. Sie hoffen dort Arbeit und Unterkunft zu finden, um endlich wieder Fuß zu fassen. Auf ihrem Weg begegnen sie Egon, der sich als möglicherweise hilfreich erweisen könnte. Endlich in der Hafenstadt angelangt, treffen sie auf weitere Menschen wie Hans und Gustav, die einen Haarsalon führen. Mit deren Hilfe und gefälschten Papieren landen sie schließlich in einem Lager in Hamburg. Die Stadt lässt eigentlich keine Flüchtlinge herein, da unter dem Protektorat der Briten Lebensmittel und Wohnraum knapp sind. Es ist der Hungerwinter 1947. Die Autorin beschreibt sehr anschaulich, dass auch die Jahre nach dem Krieg, sehr schwer waren. Sowohl für die schuldigen Deutschen als auch für deren überlebenden Opfer. Dass sich mit Tücke und Persilschein, die alten Nazischergen wieder in Position brachten und es nicht möglich schien aus Deutschland eine Demokratie nach Britisch-Amerikanischem Vorbild zu schaffen. Doch mit beherztem Einsatz gelingt es schließlich den Schwestern und ihren Freunden sich eine neue Existenz im neuen alten Land aufzubauen. Ein unterhaltsames Buch, dass Geschichte in leicht lesbarer Form vermittelt. Gelungen.

Bewertung vom 14.09.2021
Der Mauersegler
Schreiber, Jasmin

Der Mauersegler


ausgezeichnet

In ihrem zweiten Buch beschreibt die Autorin einen Mann, der in bester Absicht eine Katastrophe bewirkt um seinen besten Freund aus Kindertagen das Leben zu retten. Auf der Flucht erinnert sich Prometheus an die wunderbaren Tage die er mit seinem liebsten Freund verbrachte, und die ihrer gemeinsamer Freundschaft Basis bildet. Doch der Freund stirbt, und Prometheus, der als Arzt eine Studie leitete, in die er widerrechtlich den Freund schleuste, muss flüchten um sich einer Verhaftung zu entziehen. Auf seinem Weg landet er schließlich an der dänischen Küste, wo er Unterschlupf bei einem Frauenpaar findet. Diese beiden etwas struppigen Charaktäre helfen Prometheus sich seiner Schuld zu stellen, innerlich wie äußerlich. Jasmin Schreiber hat in ihrem neuen Roman die Lebensfragen Freundschaft, Liebe und Tod aufgegriffen, und miteinander in Kontext gestellt. Ihr Hauptprotagonist ist ein Mann, der nicht vom Glück geküsst ist, es jedoch schafft sich im Leben zu behaupten. Eine große Stütze ist sein Freund Jakob, der jedoch an einer tödlichen Krankheit entgegen aller Bemühungen seines Freundes und Arztes Prometheus stirbt. FÜr Prometheus bricht die Welt auseinander und auf seiner Flucht findet er doch die Kraft sich seiner Schuld zu stellen und weiterzuleben.

Bewertung vom 28.08.2021
Harlem Shuffle
Whitehead, Colson

Harlem Shuffle


sehr gut

Colson Whitehead beschreibt in seinem neuen Roman das Leben der farbigen Bevölkerung im Harlem der sechziger Jahre, den Zeiten von "HAIR" Vietnamkrieg und Hippies. Doch nicht diese Einflüße sind Haupthema sondern die Bemühungen des Hauptprotagonisten Ray Carney, der sein Leben auf ehrliche Weise führen will. Er will raus aus dem Ghetto, ein Leben in Würde führen mit dem Geld, dass er sich ehrlich verdient. Doch er sieht sich immer wieder konfrontiert mit Verbrechen und Rassismus, was ihm schwer macht auf seiner Linie zu bleiben. Der Autor erzählt ein Stück New Yorker Stadtgeschichte, die Geschichte der "Black Community" dieser Stadt, die diese Stadt ebenso prägt wie alle anderen Einwohner des "melting pot". Doch so genau wie Colson Whitehead hat noch niemand hingeschaut und beschrieben. Ray ist ein Mann, der sich geschickt und mit Glück durch das Leben manövriert. Ein stiller Held.

Bewertung vom 17.08.2021
Die Akte Adenauer / Philipp Gerber Bd.1
Langroth, Ralf

Die Akte Adenauer / Philipp Gerber Bd.1


ausgezeichnet

Die Geburtsstunde des BKA schildert der Autor Ralf Langroth in seinem ersten Roman in spannender Weise an Hand der Geschichte des Philpp Gerber, einst Deutscher, der mit seiner Familie Ende der dreissiger Jahre früh genug das Land Richtung USA verließ um dem braunen Terror zu entkommen. Nun acht Jahre nach dem zweiten Weltkrieg wird er kurz vor seinem Ausscheiden aus der US-Armee zu einem neuen Posten kommandiert. Sein Schwiegervater in spe bittet ihn die Stelle eines Hauptkommissars der deutschen Polizei zu übernehmen. Sein Vorgänger wurde ermordet, es gilt heraus zu finden warum und wer die Tat beging. Somit rückt Gerber in die Schusslinie des Mörders und wird hautnah in die Entstehung des BKA Nachrichtendienstes verwickelt. Das Bonn der fünfziger Jahre spielt als Ort des Krimis eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Bundesrepublik wie wir sie noch vor dem Mauerfall kannten. Adenauer einst Kölner Oberbürgermeister, setzte diese Kleinstadt als Hauptstadt durch, da sie nahe seines Wohnortes lag, und entgegen Frankfurt am Main eher konservativ geprägt war. Wenige Tage vor der Wahl des Bundeskanzlers 1953 erzählt der Autor hochspannend bundesrepublikanische Geschichte der fünfziger Jahre die nun knapp 70 Jahre später immer mehr in den Fokus der Gegenwart rutscht. Denn was damals im kalten Krieg geschah, prägt bis heute unsere Gegenwart.

Bewertung vom 12.08.2021
Tiefer Fjord
Lillegraven, Ruth

Tiefer Fjord


ausgezeichnet

Man sollte nie den Rachedurst einer Frau unterschätzen. Der Krimi von Ruth Lillegraven hält sein Versprechen, spannend bis zur letzten Zeile. Die Handlung konzentriert sich zuerst auf den Arzt Haarvard, der durch den Tod eines kleinen Jungen, der an den Verletzungen, die er von seinem Vater zugefügt bekam, schließlich trotz aller Rettungsversuche seitens des Arztes Haarvard und seiner Kollegin Sabiya stirbt. Noch in der gleichen Nacht des Todes des Jungen wird dessen Vater im Gebetsraum der Klinik erschossen. So beginnt eine komplexe Familiengeschichte, die im Laufe der Erzählung mehrere Wendungen nimmt die den Leser auf falsche Spuren führt, wie es sich für einen richtigen Krimi gehört. Haarvards Frau Carla, die als politische Referentin schon seit langer Zeit versucht ein neues Gesetz zum Schutz von missbrauchten Kindern in die Wege zu leiten, führt diesen Kampf, scheint es gegen die Interessen ihrer Vorgesetzten, die sie auch immer wieder ausbremsen. Auf diesem steinigen Weg durch die Instanzen hat sie auch ihre Ehe mit Haarvard geopfert, die zwar immer noch wegen der gemeinsamen Zwillingssöhne besteht, doch eigentlich auf der Kippe ist, da Carla Haarvards Affaire entdeckt. Doch dann bekommt sie ein Angebot , dass sie nicht ablehnen wird, um ihr Ziel letztendlich zu erreichen. Haarvard, der seine Frau eigentlich immer noch liebt rückt im Laufe der polizeilichen Untersuchungen immer mehr in den Verdacht an dem Mord beteiligt zu sein, als schließlich noch zwei weitere Morde geschehen, die mit Misshandlungen an Kindern zusammenhängen. Die Autorin nimmt den Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Geschehnisse, die ihren Ursprung mehr als 30 Jahre zuvor hat, als der Tod eines Kindes durch Missbrauch eine Welle der Gewalt auslöst, die über die Jahre zwar versteckt doch sehr zielstrebig auf ein Ziel zusteuert, und dieses schließlich auch erreicht.

Bewertung vom 09.08.2021
Der Nachlass
Winner, Jonas

Der Nachlass


ausgezeichnet

Abgründe tun sich auf bei der Nachlass. Eine alte Matriarchin holt ihre Kinder und deren Partner und Kinder zu sich nach Hause. Sie liegt im Sterben und will den ganzen Clan nochmals sehen. Vier Kindern, zwei Töchtern und zwei Söhnen hat sie das Leben geschenkt. Mit ihrem Mann und ihrem Zwillingsbruder lebte sie seit Jahrzehnten in einem Anwesen auf einer Insel in einem der Seen bei Berlin. Nun ist sie am Ende und will sich verabschieden. Ihr Testament birgt für alle Beteiligten eine große Überraschung, denn das große Erbe soll derjenige bekommen, der sich bei 29 Aufgaben als würdig erweist. So müssen sich alle Familienmitglieder gegeneinander im Wettbewerb stellen. Tiefe Gräben reißen wieder auf, Erinnerungen meiste der unschönen Art kommen wieder ins kollektive Bewusstsein. Am Ende bleibt nur eine oder einer übrig. Viel Geld und Macht muss man sich verdienen. Der Autor hat hier in die Familienhöllekiste gegriffen. Er hat so gut wie ichts ausgelassen, was man sich so an Gemeinheiten und Grausamkeiten vorstellen und denken kann. Herus gekommen ist ein Thriller der besonderen Art. Zum Teil wirklich gruselig, aber nicht unbedingt abwegig. Das Ende verblüfft. Und eins steht fest: Rache sollte man kalt, sehr kalt genießen. Doch manchmal kann auch das gehörig schief gehen. Dieses Buch ist nichts für zarte Seelen.

Bewertung vom 28.05.2021
Verhängnisvolles Lavandou / Leon Ritter Bd.7
Eyssen, Remy

Verhängnisvolles Lavandou / Leon Ritter Bd.7


ausgezeichnet

Leon Ritter wird in seinem siebten Fall in eine traurige und bittere Geschichte gezogen. Der Mord an einem kleinen Jungen von ca. zehn Jahren, der in eine Mülltüte verpackt und beerdigt, durch ein Unwetter an den Strand von Lavandou gespült wird, löst eine Kette von weiteren Morden aus. Zuerst kann niemand den Zusammenhang erkennen als angesehene Bürger Lavandous unter schrecklichen Umständen zu Tode kommen. Doch der gewitzte Patologe Ritter spricht ja mit seinen Klienten, und die verraten ihm schließlich mehr als dem Mörder lieb ist. Durch schlaue Kombination und zäher Ermittlungsarbeit gelingt es Ritter schließlich eine Reihe weiterer Morde der Vergangenheit und deren Opfer ausfindig zu machen. So schließt sich ein teuflischer Kreis der ihn fast das Leben kostet, doch seine Lebensgefährtin Isabelle Morell kann ihn in buchstäblich letzter Sekunde retten. Der Leser ist wieder sehr gut unterhalten worden, denn Remy Eyssen versteht es Handlungsfäden zu knüpfen die in die Irre führen, und der Leser muss schon sehr genau aufpassen um nicht zu sehr z. B. von heranwachsenden Töchtern und deren Liebschaften abgelenkt zu werden... was wurde eigentlich aus Georges, Lilous Eroberung, nachdem er die Flucht ergriffen hatte? Ein rundum gelungener Krimi, spannend und klug. Bravo.

Bewertung vom 27.05.2021
Letzte Ehre
Ani, Friedrich

Letzte Ehre


ausgezeichnet

Ein Mann schreibt über das Seelenleben einer Frau - und das wirklich gut. Friedrich Ani setzt die Geschichte der Fariza Nasri in seinem neuesten Roman fort. Ein Mädchen ist über das Wochenende verschwunden, die Suche nach ihr wird Kommissarin Nasrin übertragen. Obwohl sie in ihrer Abteilung immer noch angefeindet ist, wird sie diesen Fall, der kein Mord ist, lösen. Doch damit ist es nicht getan, denn einer der ursprünglich Hauptverdächtigen ist der Sohn eines Mannes dessen Fall schon viel früher in einem Tötungsdelikt endete, der nie aufgeklärt wurde. Aus dem Coldcase wird ein Hotcase, dessen Auswirkungen bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Ungesühnte Taten verwickeln viele Menschen in ausweglose Situationen, mittendrin Fariza Nasri, die je tiefer sie gräbt, und je mehr Fäden miteinander verknüpft, in höchste Todesgefahr gerät. Friedrich Ani versteht die Kunst Schicksale zu beschreiben, die den Leser nicht mehr loslassen. Seelennah formt der Autor seine Protagonisten. Es könnte jeder von uns so handeln, so sein. Mancher Kritiker beschreibt Anis Roman als düster, ich finde er ist sehr real, wie das Leben - manchmal heiter manchmal trüb, und es endet immer.
Fazit: Ein ausgezeichneter Roman. Sehr lesenswert. Friedrich Ani wird mit jedem Buch immer noch besser

Bewertung vom 25.05.2021
Dein ist das Reich
Döbler, Katharina

Dein ist das Reich


sehr gut

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland, waren für arme Bauernsöhne und Töchter die Kolonien in Papua Neuguinea, die einzige Möglichkeit aus dem Land zu kommen, und ein Leben freier als zu Hause zu führen. Der Weg führte über die evangelische Mission ausgehend von Neuendettelsau in Mittelfranken. So beginnt die Familienchronik der Autorin Katharina Döbler. Deren Großmutter, immer ein wenig anders und voller Geschichten, führt die Autorin in eine andere sehr fremde, sehr unbekannte Welt. Als junge Braut eines Missionars bekommt sie eine Ausbildung um ihrem Gatten hilfreich zur Seite stehen zu können. Doch wird sie erst nach Ende des ersten Weltkrieges aufbrechen um das Ehegelöbnis einzugehen. Anhand der eigenen Familiengeschichte erzählt die Autorin die unrühmliche Kolonialgeschichte des deutschen Kaiserreiches in Papua Neuguinea. Die Verquickung von armen Deutschen und kolonialisierten sogenannten Wilden mittels Missionierung um an Resourcen zu gelangen, die Europa und Deutschland nur durch Ausbeutung anderer Länder und deren Bewohner erreichen konnte zeigt die fatalen Auswirkungen, die uns Europäer bis heute prägt. Und nicht nur das, denn auch die Nachgeborenen der betroffenen Länder leiden auch heute noch unter diesen teilweise sehr brutalen Einbrüchen ihrer Zivilisationen. Wer sich für diesen Teil unserer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Sicht der Auswanderer und deren Erlebnisse interessiert, ist hier gut bedient. Allerdings sollte man sich auf einen komplexen Roman, mit vielen Zeitsprüngen und Sichtweisen einstellen. Nicht leicht zu lesen, jedoch hoch interessant.