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LichtundSchatten

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Insgesamt 344 Bewertungen
Bewertung vom 21.01.2026
Hüttel, Simeon Elias

Die Geburt des Vampirs


ausgezeichnet

„Die Geburt des Vampirs“ ist ein kulturgeschichtliches Sachbuch, das der Frage nachgeht, wie die Figur des Vampirs in der europäischen Vorstellungswelt überhaupt entstehen konnte und warum sie bis heute so wirkmächtig geblieben ist. Es verbindet Analyse mit erzählerischen Passagen und entfaltet so eine Art Biografie des Vampirs – von vormodernen Mythen bis zu Popkultur und Streamingserien.

Der Autor interessiert sich weniger für einzelne Vampirgeschichten als für den historischen Moment, in dem „der Vampir“ als wiedererkennbarer Typus auftaucht. Er fragt, welche religiösen, medizinischen und sozialen Deutungsmuster zusammenkommen mussten, damit aus diffusen Erzählungen über Wiedergänger die klar umrissene Figur des blutsaugenden Untoten werden konnte.

Ausgangspunkt sind alteuropäische Mythen und Volksglauben, in denen bereits körperliche Wesen beschrieben werden, die das Grab verlassen, Lebende heimsuchen und Unheil stiften. Der Autor zeigt, wie sich diese Gestalten von namenlosen Wiedergängern zu dem spezifischen Vampirbild verdichten, das im 18. und 19. Jahrhundert in Reiseberichten, Traktaten und Zeitungsartikeln greifbar wird.

Ein wichtiges Moment des Buches ist die Verfolgung der Transformation vom Schrecken des Dorfes zur internationalen Kulturikone. Hüttel rekonstruiert, wie literarische Texte, Theater, später Film und Serien den Vampir ästhetisieren, sexualisieren und psychologisieren, bis er zum festen Stammpersonal moderner Grusel- und Fantasystoffe gehört.

Zugleich liest der Autor den Vampir als Spiegel gesellschaftlicher Ängste: Krankheit, Seuchen, sexuelle Devianz, Fremdheit und soziale Ordnungskrisen verdichten sich in dieser Figur. Der Vampir erscheint so als Projektionsfläche für das Unheimliche der Moderne – ein Körper, an dem sich verhandeln lässt, was eine Gemeinschaft ausschließt, verdrängt oder tabuisiert.

Stilistisch verbindet das Buch wissenschaftliche Genauigkeit mit essayistischen Passagen, die auch für literarisch interessierte Leser gut zugänglich bleiben. „Die Geburt des Vampirs“ lässt sich daher als kompaktes, reflektiertes Grundlagenwerk zur Kulturgeschichte des Vampirs betrachten, das sowohl Genrefans als auch geisteswissenschaftlich Neugierige anspricht. Eine gelungene Mischung.

In der Vampir-SF galt Blut oft als Träger von Wissen – wer es trank, eignete sich die Fähigkeiten des Anderen an. Heute fließt dieses „Blut“ als Daten und Modelle durch KI-Systeme, ein Wissensstrom, der nicht tötet, sondern verteilt. Während Trump z.B. symbolisch als Vampir dämonisiert und emotional vernichtet wird – Pfahl, Knoblauch, Gelächter –, geschieht im Hintergrund das Gegenteil: Wissen wird beschleunigt, vervielfacht, entgrenzt. Die Dämonisierung liefert Bilder, die KI liefert Wirkung. Der Vampir wird medial verbrannt – aber das Wissen zirkuliert frei und entzieht sich jeder Personalisierung.

Vampire kehren heute in anderer Form zurück – nicht mit Umhang, sondern als Energievampire, die Aufmerksamkeit, Empörung und moralische Erregung aussaugen. Für mich ist das vor allem eine skandalisierende, moralisch woke aufgeladene Presse, die von Dauerempörung lebt und sich aus Angst, Schuld und Aufregung speist. Sie tötet nicht, sie erschöpft: durch Übertreibung, Personalisierung und endlose Moralisierung. Der moderne Vampir saugt kein Blut mehr – er saugt Nerven, Zeit und Urteilskraft. Seine Lust, anderen den Vampirmantel umzuhängen, wie man am Beispiel Trump sieht, kennt keine Pause und keinen Feierabend.

Bewertung vom 21.01.2026
Müller, Silke

Schule gegen Kinder


ausgezeichnet

„Schule gegen Kinder“ ist eines der seltenen Bücher, die nicht um den heißen Brei reden, sondern das benennen, was viele Eltern, Lehrer und Schüler seit Jahren erleben: Das deutsche Bildungssystem arbeitet nicht mehr für Kinder, sondern gegen sie.

Im Zentrum steht die föderale Bildungszersplitterung, die hier nicht als liebenswerte Vielfalt, sondern als das beschrieben wird, was sie faktisch ist: ein Gerechtigkeitsproblem. Wenn jedes Bundesland seine eigene Bildungsideologie pflegt, jeder Ministerpräsident „seine“ Schule erfindet und Leistungsmaßstäbe politisch weichgespült werden, dann entsteht kein Wettbewerb um Qualität, sondern ein Abwärtssog. Dass ein Abitur in Bayern deutlich mehr wert ist als eines in Bremen, ist kein Vorurteil, sondern empirisch belegte Realität – und ein Skandal für ein Land, das Chancengleichheit predigt.

Das Buch zeigt präzise, wie Noten entwertet, Leistungsanforderungen abgesenkt und Defizite rhetorisch zu „Kompetenzen“ umdeklariert werden. Wer scheitert, gilt nicht mehr als jemand, der Unterstützung braucht, sondern als Opfer eines angeblich unfairen Systems – und das System senkt lieber die Maßstäbe, als Kinder tatsächlich zu fördern. Das Ergebnis ist eine pädagogische Schonung, die in Wahrheit Vernachlässigung ist.

Besonders überzeugend ist die Kritik an der Ideologisierung von Bildung. Schule wird zunehmend zum Ort moralischer Erziehung, politischer Projekte und sozialpädagogischer Experimente, während Lesen, Schreiben, Rechnen, Denken in den Hintergrund treten. Das Buch macht klar: Kinder brauchen keine Haltungsschulungen, sondern Können. Wer ihnen Leistung ausredet, nimmt ihnen Zukunft.

„Schule gegen Kinder“ ist sachlich, kritisch, unbequem, weil es die Verantwortlichen nicht schont: Kultusministerien, Bildungsforscher, Teile der Lehrerausbildung – alle kommen vor, alle werden geprüft. Und das Buch stellt eine simple, aber explosive Frage: Warum akzeptieren wir ein System, das Mittelmaß verwaltet und Leistung misstraut?

Dieses Buch ist kein nostalgischer Ruf nach der „Schule von früher“, sondern ein Plädoyer für Verlässlichkeit, Vergleichbarkeit und Anspruch. Es zeigt, dass Bildungsföderalismus ohne gemeinsame Standards nicht Vielfalt schafft, sondern Ungerechtigkeit. Wer Bildung ernst nimmt – und Kinder erst recht –, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Wichtiges Zitat aus dem Buch: „Schule muss der Ort sein – oder besser werden – , an dem die Werkzeuge für Souveränität, Orientierung und Gestaltungswillen in die Hände der nächsten Generation gelegt werden. Der Ort, an dem Kinder den Mut entwickeln, Fragen zu stellen, kritisch zu denken, Verantwortung zu übernehmen.“

Wie man das Ganze bewältigen kann? Silke Müller plädiert für die Chaostheorie und bringt dafür ein Beispiel aus Schweden. Am 3. September 1967 wurde dort von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt, ohne die befürchteten Probleme. Einen solchen Dagen H braucht das deutsche Bildungssystem, dessen woker, vielfältiger Linksdrall dringend durch eine ausgewogene Balance von Links und Rechts reformiert werden muss. Schule darf nicht Haltungen vermitteln, sondern sachliche Grundlagen, mit denen freie Menschen freie Entscheidungen treffen können. Dabei spielen auch der Bürokratieabbau und das Subsidiaritätsprinzip eine wichtige Rolle.

Bewertung vom 15.01.2026
Herrmann, Ulrike

Das Ende des Kapitalismus


schlecht

Das Buch überzeugt weder ökonomisch noch argumentativ. Es ist weniger Analyse als moralische Erzählung, weniger Wissenschaft als pädagogischer Appell – und genau darin liegt sein grundlegendes Problem.

Das Buch behauptet, der Kapitalismus stehe aufgrund ökologischer Grenzen zwangsläufig vor dem Ende. Diese These wird jedoch nicht entwickelt, sondern gesetzt. Wachstum erscheint als monolithischer Zerstörungsmechanismus, Kapitalismus als historisch starres System ohne Lern-, Anpassungs- oder Innovationsfähigkeit. Dass marktwirtschaftliche Ordnungen sich in den letzten 200 Jahren gerade durch technische Effizienz, Substitution, Entkopplung und institutionellen Wandel verändert haben, wird weitgehend ignoriert oder abgetan. Komplexe ökonomische Debatten werden auf eine binäre Moralformel reduziert: Wachstum gleich schlecht, Verzicht gleich gut.

Besonders schwach ist der Umgang mit Alternativen. Technologischer Fortschritt, marktwirtschaftliche Klimapolitik, Preissignale, Innovation oder internationale Arbeitsteilung werden nicht ernsthaft geprüft, sondern als unzureichend verworfen, oft ohne empirische Tiefe. Stattdessen präsentiert Herrmann eine staatlich organisierte Kriegs- und Mangelwirtschaft als vermeintlich realistische Lösung. Dass dieses Modell historisch nur unter Zwang, politischer Repression und extremen Freiheitsverlusten funktionierte, wird bagatellisiert. Der Ausnahmezustand wird zur Norm erklärt, ohne dessen politische Risiken zu reflektieren.

Ökonomisch besonders problematisch ist die implizite Geringschätzung von Märkten. Preise erscheinen bei Herrmann nicht als Informations- und Koordinationsinstrumente, sondern als moralisches Übel. Damit verkennt sie, dass Knappheit ohne Preise nicht verschwindet, sondern lediglich unsichtbar und politisch verteilt wird – mit allen bekannten Folgen: Ineffizienz, Machtkonzentration, Willkür. Die Vorstellung, staatliche Planung könne komplexe Gesellschaften besser steuern als dezentrale Entscheidungen, wirkt nicht nur historisch widerlegt, sondern erstaunlich unreflektiert.

Hinzu kommt ein widersprüchliches Menschenbild. Einerseits setzt das Buch auf eine umfassende moralische Einsicht der Bevölkerung, andererseits scheint diese Einsicht ohne Zwang nicht erreichbar. Freiheit erscheint nicht als Voraussetzung für Verantwortung, sondern als Störfaktor. Der Bürger wird nicht als handelndes Subjekt ernst genommen, sondern als Objekt politischer Lenkung.

Am Ende bleibt ein Buch, das Gewissheiten verkauft, wo Zweifel angebracht wären. Es arbeitet mit apokalyptischem Ton, normativem Druck und suggestiver Vereinfachung. Wer ohnehin skeptisch gegenüber Marktwirtschaft ist, fühlt sich bestätigt. Wer nach offenen, realistischen und freiheitlichen Antworten auf ökologische Herausforderungen sucht, findet hier keine überzeugende Analyse, sondern eine intellektuell dürftige Rechtfertigung für Verzicht, Zwang und moralische Überlegenheit.

Bewertung vom 13.01.2026
Daub, Adrian

Was das Valley denken nennt (eBook, ePUB)


weniger gut

Das Buch erhebt den Anspruch, das Denken des Silicon Valley zu erklären, konstruiert dabei aber ein homogenes ideologisches Gebilde, das es so kaum gibt. Das Valley ist kein kollektiver Denkapparat, sondern ein ökonomischer Möglichkeitsraum, in dem sehr unterschiedliche Interessen, Motive und Weltbilder nebeneinander existieren. Die Zusammenfassung dieser Vielfalt zu einer kohärenten Ideologie wirkt vereinfachend und verzerrt den Gegenstand.

Statt die ökonomischen Mechaniken zu analysieren – Geschäftsmodelle, Anreizstrukturen, Wettbewerb, Risikokapital –, verlegt sich das Buch stark auf Narrative, Selbstbeschreibungen und kulturkritische Deutungen. Das ist literarisch und intellektuell anregend, bleibt aber analytisch unvollständig. Technologie entsteht nicht primär aus Ideologie, sondern aus Machbarkeit, Marktchancen und Kapitalallokation. Diese Ebene wird zwar gestreift, aber nicht systematisch durchdrungen.

Auffällig ist zudem der moralische Grundton. Silicon Valley erscheint weniger als ambivalenter Innovationsraum denn als ideologisch vorbelastetes Gefahrenfeld. Zwar wird Ambivalenz beschworen, doch die Lektüre kippt häufig in eine implizite Schuldzuweisung. Technik wird stärker als Ausdruck problematischer Weltbilder gelesen denn als Werkzeug, dessen Wirkung vom konkreten Einsatz abhängt.

Hinzu kommt eine selektive Fallauswahl. Extreme Positionen, provokante Vordenker und prominente Milliardäre werden als repräsentativ herangezogen, während der alltägliche, pragmatische Innovationsbetrieb – das mühselige Testen, Scheitern, Verbessern – weitgehend ausgeblendet bleibt. Dadurch geraten Randphänomene ins Zentrum der Erklärung, was das Gesamtbild weiter zuspitzt.

Was schließlich fehlt, ist eine reflektierte Selbstkritik des europäischen Blicks. Die eigene Skepsis gegenüber Markt, Risiko und unternehmerischer Freiheit wird stillschweigend als neutraler Maßstab gesetzt. Dass genau diese Haltung zu Innovationsschwäche, Regulierungsüberhang und politischer Bequemlichkeit beigetragen haben könnte, bleibt unerörtert.

Unterm Strich ist das Buch eine gut geschriebene Kulturkritik, aber keine überzeugende Erklärung des Silicon Valley. Das Buch analysiert Erzählungen, nicht die Mechanik. Es zeigt, wie man über das Valley denken kann – erklärt aber nicht, warum es funktioniert. Wer das Valley verstehen will, muss weniger über Ideologien und mehr über Anreize, Märkte und Risiko sprechen.

Bewertung vom 13.01.2026
Kaczmarczyk, Patrick

Kampf der Nationen


weniger gut

Das Buch baut auf der zentralen Prämisse, dass wirtschaftlicher Wettbewerb primär zerstörerisch wirke. Diese Annahme ist theoretisch einseitig. Wettbewerb ist historisch nicht nur Quelle von Ungleichheit, sondern vor allem von Innovation, Produktivität und Wohlstand. Das Buch behandelt negative Wirkungen, blendet aber systematisch die Wohlstandsgewinne aus, ohne die moderne Gesellschaften nicht existieren würden.


Der Titel suggeriert einen „Kampf der Nationen“. Tatsächlich findet wirtschaftlicher Wettbewerb zwischen Unternehmen, Technologien und Ideen statt – nicht zwischen homogenen Nationalstaaten. Die Rückführung komplexer globaler Prozesse auf nationale Konkurrenz wirkt analytisch grob und politisch aufgeladen. Statt sauber zwischen Marktversagen, politischem Versagen und institutionellen Fehlern zu unterscheiden, moralisiert das Buch ökonomische Dynamiken. Wettbewerb wird zur Schuldfigur erklärt, während staatliche Fehlsteuerung, Regulierungsmissbrauch oder politische Anreizsysteme unterbelichtet bleiben.


Zwischen den Zeilen plädiert das Buch für mehr globale Abstimmung, Regulierung und politische Steuerung. Was fehlt, ist eine realistische Antwort auf die Frage: Wer koordiniert – und mit welchen Machtmitteln? Die Risiken zentraler Steuerung werden kaum thematisiert.


Wirtschaftlicher Wettbewerb hat reale Schattenseiten – das bestreitet niemand. Doch die größten Zerstörungen des 20. Jahrhunderts gingen nicht von Märkten, sondern von politisch-ideologischen Projekten aus. Diese historische Dimension bleibt auffällig unterbelichtet. Dieses Buch ist weniger eine Analyse als eine wirtschaftsethische Anklage. Das Buch spricht ein reales Unbehagen an, liefert aber keine tragfähige Alternative, sondern verschiebt Verantwortung vom politischen Handeln auf ein abstraktes Feindbild „Wettbewerb“. Wer Wettbewerb abschaffen will, sollte zuerst erklären, wie Fortschritt ohne ihn entstehen soll.

Bewertung vom 20.12.2025
Weimer, Wolfram

Das konservative Manifest


weniger gut

Wir schreiben wohl alle ab und zu.

Aus diesem Buch S. 47 f:

"Solche Hinweise verdeutlichen, dass die Identität Europas nicht allein durch wirtschaftliche Interessen definiert und auch nicht allein durch politische Institutionen verbürgt werden kann. Die Frage nach den tragenden Kräften Europas ist auch nicht durch den Hinweis auf die Pluralität der regional verwurzelten Kulturen in Europa zureichend beantwortet. Denn es geht gerade um die Frage, wie diese unterschiedlichen Kulturen sich miteinander verbinden und aufeinander beziehen können. Mit der europäischen Pluralität kann für den Konservativen nicht das gleichgültige Nebeneinander unterschiedlicher Weltanschauungen gemeint sein. Denn das würde faktisch die Rücknahme der geistigen Orientierung in den Bereich des Privaten und die Preisgabe des öffentlichen Raums an einen nichtssagenden Relativismus bedeuten."

Und so lautet die Stelle im Original von Bischof Wolfgang Huber, Theologe, 2001, Europa als Wertegemeinschaft - Seine christlichen Grundlagen Gestern, Heute, Morgen

"Solche Hinweise verdeutlichen, dass die Identität Europas nicht allein durch wirtschaftliche Interessen definiert und auch nicht allein durch politische Institutionen verbürgt werden kann. Die Frage nach den tragenden Kräften Europas ist auch nicht durch den Hinweis auf die Pluralität der regional verwurzelten Kulturen in Europa zureichend beantwortet. Denn es geht gerade um die Frage, wie diese unterschiedlichen Kulturen sich miteinander verbinden und aufeinander beziehen können. Mit der europäischen Pluralität kann nicht das gleichgültige Nebeneinander unterschiedlicher Weltanschauungen gemeint sein. Denn das würde faktisch die Rücknahme der geistigen Orientierung in den Bereich des Privaten und die Preisgabe des öffentlichen Raums an einen nichtssagenden Relativismus bedeuten."

Schluss-Satz in diesem Buch:

"Der Konservative wird sich selber daher nur finden, wenn er bis zur untersten Tiefe seiner eigenen Prinzipien hinabsteigt und aus dieser seiner alten Brunnenstube religiöses Wasser herausholt."

Wer die Tiefe eigener Prinzipien anmahnt, während er sich ungeniert aus den Brunnenstuben fremder Denker bedient, betreibt kein Manifest, sondern intellektuellen Etikettenschwindel unter dem Deckmantel der Tradition. Konservativ zu sein hieße hier vor allem, die geistige Leistung anderer anzuerkennen, indem man sie ehrlich und klar als Quelle benennt.

Bewertung vom 10.12.2025
Graeber, David;Wengrow, David

Anfänge


gut

Graeber, Anthropologe und anarchistisch geprägter Denker, und Wengrow, Archäologe, dem man die materialistische Nüchternheit zutraut, setzen bei einem Punkt an, den kaum jemand infrage stellt: der angeblich linearen Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Sie rollen alles neu auf, alles anders, alles noch verwirrender als man es schon kennt. Dazu ein Hörbuch-Sprecher, der gerne Kindergeschichten vorliest.

Im Kern plädieren Graeber und Wengrow für eine anthropologische Neubestimmung. Der Mensch ist für sie weder ein von äußeren Zwängen geschobenes Tier noch ein Kulturprodukt, das auf seine Struktur determiniert ist. Er ist ein Wesen, das auf Autonomie reagiert – das Optionen erschafft und wählt. Diese anthropologische Annahme erinnert verblüffend an jene Denker, die eine marktwirtschaftliche Anthropologie verteidigen: Adam Smith, Schumpeter, McCloskey, Hayek. Bei allen Unterschieden verbindet sie die Überzeugung, dass der Mensch ein schöpferisches, gestaltendes Wesen ist.

Diese Nähe ist ironisch, weil der politisch linksstehende Graeber sicherlich niemals dem Kapitalismus das Wort reden wollte. Doch indem er die menschliche Kreativität ins Zentrum stellt, bestätigt er genau jene Vorstellung, die den produktiven Kapitalismus trägt: dass Menschen aus innerem Antrieb handeln, Neues schaffen und Gesellschaftsformen erfinden. Anfänge ist somit – ungewollt – auch eine philosophische Verteidigung des Unternehmerischen.

Die Autoren ziehen daraus jedoch nicht die Konsequenzen, die ein marktwirtschaftlich denkender Leser ziehen könnte. Sie argumentieren, Ungleichheit sei nicht Natur, sondern bewusste Entscheidung – und damit potenziell aufhebbar. Aber damit akzeptieren sie implizit die Grundfigur des schöpferischen Menschen, der seine Welt nicht erleidet, sondern produziert. In der Sprache des Kapitalismus heißt das: Der Mensch ist ein Unternehmer seiner Lebensform.

Bewertung vom 09.12.2025
Amrhein, Thorsten

'Kann ich den Typen nicht hier im Taxi lassen?'


ausgezeichnet

Mitten aus dem verrückten Leben. So empfinde ich dieses Buch, ein Potpourri der skurrilen und unglaublichen Erlebnisse. Wann immer ich Taxi fahre, bleibe ich ruhig und höflich, damit sich der Fahrer auf die Arbeit konzentrieren kann: mich sicher irgendwo hin zu befördern.

Andere allerdings behandeln Taxifahrer wie Roboter, sie ignorieren diese oder wickeln sie in ihre Probleme bzw. Erlebnisse ein. Davon handelt dieses spannende Buch von der Straße, dem Abholen, Kutschieren und Hinbringen.

Ein Pärchen ist entsetzt, als es auf der Quittung eines feinen Restaurants den Hinweis findet, dieses Etablissement nicht mehr zu beehren. Warum? Thorsten Amrhein hört belustig mit: weil diese die Speisen des jeweils anderen probiert haben. Dankbar resümiert der Autor, dass er sich diese Restaurants schenken und viel Geld sparen kann.

Der Autor hört zu, wundert sich oft belustigt und vernimmt z.B. das: „Ich mache das, was ich schon beim Militär gelernt und mir in mein Berufsleben als Beamter hinübergerettet habe: Ich trete engagiert auf der Stelle.“ Der andere einer fröhlichen Männergruppe antwortet darauf: „Wisst Ihr, was das Einzige ist, worin ich noch schnell bin?“ Antwort: „Im Müdewerden“.

Als Taxifahrer hört man auch Frauengesprächen zu. Eine junge Dame möchte einen Verehrer abblitzen lassen, sofort, weil sie weiß, sie würde ihm später sehr weh tun. Die andere darauf: „Also so weit denke ich nicht. Ich lasse erst mal alles auf mich zukommen und schaue dann, wie es weitergeht…Er braucht nicht schön sein, nur erfolgreich und spendabel. Hübsch bin ich für uns beide.“

Das Buch erinnert mich an ein anderes, das ich soeben mit viel Spaß und Staunen gelesen habe: „Deutsche Originalität“ von Heinrich Stader. Er gibt dort 5000 und ein paar zerquetschte Phrasen, Sprüche und Sentenzen zum Besten. Sie könnten auch aus diesem Buch von Herrn Amrhein stammen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 08.12.2025
Hoeres, Peter

Rechts und links


ausgezeichnet

Peter Hoeres analysiert die historische Entwicklung der Begriffe „rechts“ und „links“ von biblischen Wurzeln über die Französische Revolution bis zur Gegenwart. Er argumentiert, dass „rechts“ kulturell lange positiv besetzt war und warnt vor der normativen Zuspitzung des Schemas als Gefahr für den Rechtsstaat.

Erhellend für mich war die Tatsache, dass ab 1909, also noch im Kaiserreich, von der SPD der „Kampf gegen Rechts“ aufgenommen wurde und bis heute weiter geführt wird. Kennzeichnend bleibt dies: „Der rechte Gegner war nicht scharf umrissen, eine genaue Abgrenzung fehlte.“

Wie diffus der auch von Gerhard Schröder betitelte Aufstand der Anständigen gegen Rechts grundiert war, zeigt die damalige Tat. Am 2.10.2000 wurde ein Anschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge verübt, von 2 arabischstämmigen Männern. Paul Spiegel ordnete diese Tat damals umstandslos sofort dem Rechtsextremismus zu.

Rechts ist heute alles, was Linken nicht gefällt und adressiert mithin alle Probleme, die sie nicht lösen können oder wollen. Selbst Gerhard Schröder wollte 20 Jahre nach diesem Vorgang, der ihn damals im Kampf gegen Rechts weiter bestärke, nicht korrigieren.

Besonders interessant aktuell: der Kulturstaatsminister, ein Konservativer, nutzt den Kampf gegen Rechts auch zur Vermeidung von Problemen, die ihm von Links bis Rechts vorgehalten werden. Alles sei eine Kampagne, die von der AfD orchestriert gegen ihn geführt werde.

Der Autor fordert, dass „rechts“ wieder als legitime politische Orientierung anerkannt wird — also nicht automatisch moralisch verdächtigt — und warnt vor der sozialen und politischen Wirkung des pauschalen „Kampfes gegen Rechts“. Damit möchte Hoeres, polarisierende Debatten wieder versachlichen.

Ein gutes Ziel, Ich glaube allerdings nicht mehr an diese Chance. Der Begriff Rechts scheint mir von der SPD und den Linken, auch Grünen, völlig verbrannt. Dies hängt auch mit ideologischen Angriffen gegen den Begriff Kapitalismus zusammen, die von Linken geführt werden. Ein wachsender Teil der Bevölkerung bemerkt aber diese universellen Angriffe ohne Substanz und wendet sich angewidert ab. Links wird stehen bleiben und bald die eigene Unfähigkeit für jeden nachvollziehbar demonstrieren.

Tatsächlich stehen Linken heute jene Menschen gegenüber, die den Laden am Laufen halten, die Unternehmer oder Angestellte, Handwerker und Gewerbetreibende sind. Sie sind es leid, als Rechte diffamiert zu werden und werden den Scheiternden vermitteln, wie es geht. Durch Kreativität und Erschaffen neuer Freiräume - gegen einen vereinnahmenden, Steuern verschlingenden Staat.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.11.2025
Ruhs, Julia

Links-grüne Meinungsmacht


ausgezeichnet

Julia Ruhs erinnert daran, dass demokratische Kultur vom Austausch lebt und nicht vom Konsens. Linke glauben immer, dass irgendwann Friede, Freude, Eierkuchen sei, ein grundlegendes Missverständnis. Demokratie ist vor allem Streit, Auseinandersetzung und der Kampf darum, die besseren Argumente zu haben. Sozialisten glauben immer, umfassend recht zu haben und fühlen sich gestört, wenn Sachargumente vorgebracht werden.

Ein ehrliches, aufrüttelndes und zugleich klug reflektiertes Buch über die Machtstrukturen unserer Meinungslandschaft – und darüber, warum Freiheit des Denkens das höchste Gut bleibt. Die Aufklärung gegen heuchelndes Gerechtigkeits-Getue und hochmoralisches Gutmenschentum hat soeben begonnen und dieses Buch ist dafür ein wichtiger Beitrag.