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Benutzername: Helga
Wohnort: Worms
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Danksagungen: 90 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 29 Bewertungen
Bewertung vom 02.02.2014
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Musso, Guillaume

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weniger gut

Die Kurzbeschreibung dieses Buches klang sehr vielversprechend. Ich erwartete eine Liebesgeschichte mit Hindernissen, a lá „Schlaflos in Seattle“, bei der die beiden Protagonisten ein Band aus der Vergangenheit verknüpft, von dem sie nichts ahnen. So etwas wie eine Seelenverwandtschaft. Was ich nicht erwartet habe, ist ein Krimi, noch dazu einer, der so an den Haaren herbei gezogen ist, dass mir zeitweise MEINE Haare zu Berge standen. Und offen gestanden, hatte ich auch keine Lust, einen Krimi zu lesen, noch dazu ohne „Vorwarnung“.

Was mir gut gefallen hat, ist das Cover: Die beiden Hauptpersonen durch die fortlaufend verbundenen Silhouetten von San Francisco und Paris miteinander verbunden und doch getrennt durch die Darstellung auf den beiden Deckblättern. Eine schöne Idee!

Auch wunderschön: Die Einleitung der einzelnen Kapitel mit Zitaten verschiedenster Persönlichkeiten, und immer irgendwie zum folgenden Kapitel passend. Für mich als großen Zitatefan... Schööööön!

Mussos Schreibstil riss mich nun nicht gerade vom Hocker, aber daran auszusetzen habe ich auch nichts. Er liest sich flüssig und leicht, aber besonders aufgefallen ist er mir nicht, weder im positiven noch im negativen Sinne. Solides Schriftstellerhandwerk, würde ich sagen.

Bisher also alles positiv. Aber das, was einen Roman ausmacht, ist die Geschichte. Und hier sammelt Musso leider kräftig Minuspunkte.

Die Charaktere des Buches sind mir zu sehr konstruiert. Die beiden Ehemaligen! Der ehemalige Sternekoch. Die ehemalige Polizistin. Und jeder läuft vor seiner Vergangenheit davon, in der sie zuuuufällig und das obwohl sie Tausende von Kilometern trennen, den Schlüsselfiguren in entscheidenden Phasen deren Lebens begegnen….

Schon die Besessenheit, mit der die beiden – anstatt sich einfach ihre Handys zuzuschicken – in den SMS, in den Fotos, in der Vergangenheit des jeweils anderen schnüffeln, sich ganze Nächte um die Ohren schlagen, um ein Passwort zu knacken (das sich dann auch noch gaaaaanz zufällig als das Bindeglied zwischen den beiden erweist)... Das allein war schon ziemlich weit hergeholt.

Und dann wird es wirklich krass: Musso führt seine verschiedenen Fäden am Schluss zwar zusammen, aber das Ganze wirkt derart konstruiert und unwahrscheinlich, dass es mir richtig gegen den Strich ging. Sorry, aber viel mehr hätte man in eine einzige Geschichte wirklich nicht mehr reinpacken können. Zu viele Zufälle, um glaubwürdig zu sein. Um dieses genauer zu begründen, müsste ich nun zu viel von der Geschichte verraten.

Fazit: Ganz unterhaltsame Lektüre, wenn man von der Geschichte nicht erwartet, dass sie glaubwürdig und nachvollziehbar ist.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.02.2014
Fünf / Beatrice Kaspary Bd.1
Poznanski, Ursula

Fünf / Beatrice Kaspary Bd.1


ausgezeichnet

Ursula Poznanski macht aus einem zuerst nicht besonders außergewöhnlich erscheinenden Mordfall eine spannende und sehr gelungene „Schnitzeljagd“ nach dem Prinzip des Geocaching.

Das Privatleben der Ermittlerin wird genau in dem Maße mit eingebunden, dass es die Hauptperson menschlich und sympathisch erscheinen lässt, aber nicht so breit getreten, dass es die Geschichte unnötig aufbauscht. Scheinbar nebensächliche Details tauchen immer mal wieder auf und meistens wird ihre tatsächliche Bedeutung erst später klar. Das kommt meinen Vorlieben sehr entgegen, denn ich hasse es, wenn ein Buch zu großen Teilen aus „Gelaber“ besteht, das die Geschichte nicht voranbringt und mir die Zeit stiehlt.

Ursula Poznanski lässt den Leser auch immer gerade so viel wissen, wie auch den Ermittlern bekannt ist. Aus anderen Krimis kennt man es, dass die Erzählperspektive wechselt und der Leser oft schon lange vor dem Ende ahnt, wer der Täter ist. Anders hier, die Spannung bleibt bis zum Ende erhalten. Die Auflösung ist zwar in sich schlüssig, aber dennoch unvorhersehbar und auch der Grund für das Geocaching erklärt sich am Ende von selbst. Perfekt konstruiert!

Auch für jemanden, der Geocaching nicht kennt, wird schnell klar, worum es dabei geht. Da die Ermittlerin selbst keine Ahnung davon hat und sich erst mit dem Thema auseinandersetzen muss, wird auch der Leser nach und nach in die Materie eingeführt und kann dem Geschehen leicht folgen.

Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist die Schilderung der Taten selbst. Ursula Poznanski beschreibt zwar anschaulich den Tatort und wie die Opfer vorgefunden werden, verzichtet aber auf allzu blutrünstige und abstoßende Details. DAS ist für mich schriftstellerisches Können, nicht die Beschreibung von Blutlachen und Hirnfetzen an den Wänden bis ins kleinste Detail.

Auch wenn einige Fragen unbeantwortet blieben bzw. nicht wirklich völlig schlüssig erklärt wurden: Das ist der beste Thriller, den ich seit langem gelesen habe!

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.02.2014
Die Bibel & ich
Jacobs, A. J.

Die Bibel & ich


gut

Was für eine verrückte Idee: Ein Jahr lang alle Gebote der Bibel zu befolgen. Ich bin nun wirklich nicht sehr bibel-belesen, aber das erschien mir schon bei dem Gedanken sehr schwierig – und da wusste ich noch gar nicht, mit welch bescheuerten Regeln die Bibel aufwarten kann. Da stößt auch A.J. Jacobs, bzw. sein biblisches Alter Ego mehr als einmal an seine Grenzen. Vom Unverständnis seiner Umwelt gar nicht erst zu reden.

So gesehen ein ziemlich mutiger Selbstversuch, denn A.J. Jacobs hat mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Sei es, dass er sich unsicher ist, wie ein Gebot zu verstehen ist oder wie er es befolgen soll ohne im Knast zu landen, sei es, dass ihm Unverständnis und Anfeindungen entgegenschlagen oder sei es nur, dass er die Blicke aller auf sich zieht, wenn es mit Quasten am weißen Gewand, Vollbart und seinem Hocker durch die Gegend zieht.

Irgendwie schafft er es immer, einen Weg zu finden, selbst die absurdesten Gebote zu befolgen. Indem er den bereits erwähnten Hocker mit sich herumschleppt, den Hüttenbau mal eben ins Wohnzimmer verlegt, seinen Sohn mit einem – war es ein aufblasbarer oder ein Schaumstoff (?) – Baseballschläger (?) züchtigt oder einen Ehebrecher steinigt, indem er ihm kleine Kieselsteinchen auf die Füße wirft. Steinigung in der Light-Version sozusagen.

Interessant auch die Begegnungen mit den unterschiedlichsten religiösen Gruppierungen, die alle für sich in Anspruch nehmen, nach der Bibel zu leben, sich aber eigentlich nur jeweils „ihre“ Rosinen heraus picken.

Es sieht so aus, als ob die Bibel von vorne bis hinten mit Absurditäten gespickt ist, aber man darf nicht vergessen, wie die Bibel entstanden ist und dass hierin unendlich viele Fehlerquellen und Möglichkeiten zu Fehlübersetzungen und Fehlinterpretationen liegen und ganz sicher auch geschehen sind. Wenn A.J. Jacobs versucht, Regeln und Gesetze, die vor Hunderten oder gar Tausenden von Jahren gültig waren in unsere moderne Welt zu übertragen, muss das scheitern und lächerlich wirken.

Mit all diesen Absurditäten konfrontiert, wird jenen, die die Bibel ohnehin ablehnen, wohl mehr als einmal ein Grinsen über das Gesicht gehuscht sein. Der „Normalgläubige“ mag verunsichert werden, ob der teilweise ekelerregenden Monstrositäten, die ihm da serviert werden. Tiefgläubige werden das Buch sicher ablehnen und nicht wahrhaben wollen, was die Bibel so alles zu bieten hat. Wie auch immer...

Mir hat dieses Buch nur bestätigt, was ich ohnehin denke und oben schon angesprochen habe: Dass nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Bibel ein zensiertes Sammelsurium von mehrfach übersetzten Texten ist, die zum größten Teil erst nach Jahrhunderte langer mündlicher Überlieferung niedergeschrieben wurden. Dass die vielen Wunder und wundersamen Geschichten wahrscheinlich auf wissenschaftlich HEUTE erklärbaren Phänomenen beruhen, die sich die Menschen vor 2000 und mehr Jahren eben nicht erklären konnten und die dann mit jeder Erzählung weiter gesponnen wurden. Dass man die biblischen Geschichten als solche nicht für bare Münze nehmen darf, sondern vielmehr die Wahrheit und Weisheit HINTER den Geschichten sehen muss.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.02.2014
Die Stadt der Träumenden Bücher / Zamonien Bd.4
Moers, Walter

Die Stadt der Träumenden Bücher / Zamonien Bd.4


weniger gut

Eines kann man Walter Moers bestimmt nicht vorwerfen: Mangelnde Phantasie. Aber reicht das aus, um ein wirklich gutes Buch zu schreiben? Ich denke nicht!

Sprachlich gesehen kann man an dem Werk nichts aussetzen. Aber auch nichts hervorheben. Es bewegt sich auf einem ordentlichen Niveau, aber eben auch nicht mehr. Da ändern auch die phantasievollen Wortschöpfungen nicht wirklich etwas.

Was die Geschichte angeht, fehlt mir eine stringenter roter Faden, ein Spannungsbogen. Die Story basiert weitgehend auf einer bloßen Aneinanderreihung von Szenen in der Art von „Erst passierte das, dann geschah dies, dann ging er dorthin und dann passiert dieses....“ Leicht und flüssig zu lesen, aber langweilig.

Die Anagramme: Eine schöne Idee, aber ebenso wie die Ausgestaltung der im Labyrinth lebenden Figuren einfach zu viel des Guten und eher wie ein hilfloser Versuch anmutend, die infantile Geschichte upzugraden als tatsächlich einen Anspruch verleihend. Ist es also ein Kinderbuch? Mitnichten, denn dazu wiederum ist es einerseits viel zu blutrünstig, andererseits würden diese nun wiederum auch die Anspielungen auf die Literatur nicht verstehen. Nicht Fisch, nicht Fleisch, eher so etwas wie ein Hermaphrodit.

Richtig gut gefallen haben mir ein paar Stellen im Buch, die ich so schön finde, dass ich sie hier zitieren möchte:

Seite 353:
Mein Freund der Dichter beschrieb nun die einfachsten Dinge, die er finden konnte... und stellte fest, dass es das Schwierigste überhaupt war. Es war leicht, einen Palast aus Eis und Schnee zu beschreiben, aber unsäglich schwer, dasselbe mit einem einzelnen Haar zutun. Oder einem Löffel. Einem Nagel. Einem Zahn. Einem Salzkorn. Einem Holzsplitter. Einer Kerzenflamme. Einem Wassertropfen.

Seite 367:
Das Problem ist: Um Geld zu verdienen – viel Geld! – brauchen wir keine grandiose makellose Literatur. Was wir brauchen ist Mittelmaß. Ramsch, Schrott, Massenware. Mehr und immer mehr. Immer dickere, nichtssagendere Bücher. Was zählt, ist das verkaufte Papier. Und nicht die Worte, die darauf stehen.

Seite 384:
Es ist völlig egal, wie gut oder schlecht sich ein Buch verkauft, wie viele oder wie wenige Leute einen Dichter wahrnehmen. Das ist unbedeutend, von viel zu vielen Zufällen und Ungerechtigkeiten abhängig, um eine Maßstab zu sein.


Fazit: Will man denn eine Hommage an die Literatur schreiben, dann reicht es dafür bei Weitem nicht aus, ein paar Anspielungen und Anagramme in eine fade Geschichte zu verpacken. Für mich ein enttäuschendes Buch.

3 von 7 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.02.2014
Ich bin der Herr deiner Angst / Albrecht & Friedrichs Bd.1
Rother, Stephan M.

Ich bin der Herr deiner Angst / Albrecht & Friedrichs Bd.1


schlecht

Was ich mir von diesem Roman alles erwartet hatte..... Ja, was eigentlich? Schwer zu sagen, aber auf jeden Fall wenigstens etwas Spannung, vielleicht sogar Schaudern, Gänsehaut.... Obwohl ich schon nach dem Interview mit dem Autor große Zweifel hat, dass dieser solch einem Thema gerecht werden könnte. Mein Gefühl hat mich nicht getrogen! Das war ja wohl mal nix!

Dabei hätte man so viel aus dem Thema machen können, aber wenigstens bei mir ist nichts von dem großen Anspruch, nämlich dem Umgang mit der Angst und dem damit verbundenen Schaudern angekommen. „Der Seelenbrecher“ ist ähnlich gestrickt, aber wie grandios wurde das dort umgesetzt. Und wie stümperhaft hier! Der ganze psychologische Aspekt - Manipulation, Gehirnwäsche, Experimente mit den Ängsten der Menschen – wird hier in langweiligen, eintönigen und pseudowissenschaftlichen Erörterungen abgehandelt. Subtiler Horror? Fehlanzeige!

Die Figuren sind derart klischeebeladen dargestellt, dass es fast schon wehtut. Der geschiedene Hauptkommissar, dessen Ehe scheiterte, weil er zu sehr in seinem Beruf aufging. Der aber – so wird behauptet – über ein schier unglaubliches Charisma verfügen muss. Nun ja, will man seine Hauptperson mit solchen Eigenschaften ausstatten, reicht es aber nicht, das zu erzählen, man muss seine Figuren diese auch glaubhaft leben lassen, Herr Rother! In diesem Buch passen Personenbeschreibung und Agieren derselben aber so was von gar nicht zusammen.

Die Kollegin, die aus einer vor sich hin dümpelnden Ehe ausbricht und wilde Sexnächte mit demjenigen verbringt, den sie für verdächtig hält. Die verschrobene Sekretärin, die den entscheidenden Zusammenhang herstellt, auf den der Herr Superkommissar partout nicht kommen will....

Zu viele Fragen bleiben offen, zu vieles wird nicht aufgeklärt und gelöst. Im Verlaufe des Romanes werden viele Aspekte angerissen und wieder vergessen, Fragen gestellt und nicht beantwortet. Denkt der Autor, wenn er den Täter präsentiert, interessiert das sowieso keinen mehr?

Da wird die „Auffindesituation“ des Ole Hartung mit viel Liebe zum Detail beschrieben und es folgt der Hinweis, dass in seinem Anus ein.... Ja, was denn?... steckt. Nicht, dass mich das wirklich interessiert hätte, aber so, wie Rother diese Stelle schreibt, lässt das darauf schließen, dass dieses Detail eine entscheidende Rolle spielt. Und dann „vergisst“ er es einfach wieder.....

Hannah Friedrichs wird beim wilden Sex im Park gefilmt. Schön! Und weiter? Warum? Wieso? Was hat das mit der Geschichte zu tun? Wer war das und wozu?

Kerstin Dingensda stirbt an der Strahlenkrankheit. Fein. Und wie hat Maja-Lena bzw. haben ihre Helfershelfer das bitteschön bewerkstelligt? Wie die Maden der Dasselfliege in den Körper von – Wie hieß der gleich? – bekommen? Wo hatten sie die Viecher überhaupt her? Woher kriegt man kurzentschlossen einen Sarg? Sorry, aber die ganze Story ist derart an den Haaren herbeigezogen, dass sich meine im Nacken aufstellen!

Was sollen diese ständigen Verweise auf Sokrates? Will der Autor sich damit intellektuell darstellen? Nervig!

Und das Ende? Lässt Schlimmes befürchten. Nämlich, dass der Autor noch eine Fortsetzung schreibt. Na ja, ich muss sie ja nicht lesen.

Sprachlich gesehen ist das Buch zwar halbwegs ordentlich, aber was uns Rother da an sprachlichen Konstrukten zumutet, ist dann doch etwas „too much“. Da hätte er besser etwas mehr in die Ausgestaltung der Geschichte investiert. Stattdessen beschreibt er im Nachrichtenstil, dass ja alles so Horror ist und dass alles voll Psycho ist und dass man sich JETZT bitte gruseln möge. Stümperhaft! Ständige Wiederholungen machen das ganze auch nicht besser.

Fazit:
Die Story nicht nachvollziehbar, wirr, abstrus, unlogisch, unrealistisch, nicht durchdacht und nicht zu Ende gedacht, sprachlich auch nicht gerade ein Highlight. Nicht empfehlenswert.

0 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.02.2014
Das verborgene Wort / Hilla Palm Bd.1
Hahn, Ulla

Das verborgene Wort / Hilla Palm Bd.1


gut

Ein Buch, bei dem ich vollkommen hin und her gerissen bin. Hin und her gerissen zwischen der Faszination der Geschichte und den für mich nervigen Stilelementen der Autorin.

Hauptkritikpunkt ist: Der Gebrauch des für die meisten Ohren grauenhaften rheinischen Dialektes in der wörtlichen Rede. Ist dieser schon akustisch für das ungeübte Ohr schwer zu verstehen, wird es zur mühsamen Buchstabiererei, soll man solchen auch noch lesen. Die teilweisen Übersetzungen in den Fußnoten machen es nicht unbedingt besser, stören sie doch ebenso sehr den Lesefluss.

In aller Regel mag ich viel wörtliche Rede in Erzählungen, da diese die Geschichte lebendiger gestalten. Hier jedoch war ich froh um jeden Satz, der ohne auskommt.

Zweiter großer Kritikpunkt sind die ausschweifenden und langatmigen Beschreibungen, in denen sich die Autorin gerne ergeht. So schafft sie es z.B. einmal über eine halbe Seite im Detail die Einrichtung eines Wohnzimmers zu beschreiben. Möglicherweise ist es ja das, was man Ulla Hahn als großes lyrisches Talent zuspricht. Vielleicht habe ich einfach keinen Sinn für Lyrik, aber auf mich wirken Ulla Hahns Ausschweifungen einfach wie ein krampfhafter Versuch, lyrisch zu sein, was aber in zähes Geschwafel abdriftet. Auch das macht das Lesen des Buches nicht unbedingt kurzweiliger.

Weiterhin hat mich gestört, dass öfter mal der Satzbau schlicht und ergreifend falsch ist. Und hier kann man das nicht mal auf den Übersetzer schieben. Oft genug werden hierdurch Ulla Hahns Aussagen missverständlich und man weiß nicht so genau, was sie eigentlich will. Ich habe die Stellen dann immer wieder gelesen, in der Hoffnung den Sinn doch noch zu erfassen, aber manche Sätze bleiben auch nach dem 5. Lesen einfach falsch.

Die Geschichte, die Ulla Hahn erzählt, hat mir sehr gut gefallen, wenngleich mich die teilweise doch überzogen dargestellte Glorifizierung der Protagonistin etwas abgestoßen hat – umso mehr, da der Roman ja stark autobiografisch geprägt sein soll.

Ähnlich wie in „Tannöd“ wird übertriebener Katholizismus aufs Korn genommen und die Identifikation und Rechtfertigung der angeblichen Gutmenschen durch ihren Glauben kritisiert. Auch hier wird gezeigt, dass Glauben und Ein-guter-Mensch-sein nicht gleichzusetzen ist mit blindem Glaubenseifer, Festhalten und stumpfen Ausführen an und von festgelegten Ritualen und der Verurteilung Andersdenkender. Christliche Nächstenliebe und Toleranz vom Feinsten....

Hillas Verständnis von Sexualität ist für uns aufgeklärte Menschen heute nicht mehr vorstellbar. Unglaublich, dass man früher junge Menschen so sich selbst überlassen hat. Hillas Naivität in dieser Frage ruft ein verwundertes Kopfschütteln hervor. Ich fragte mich andauernd, ob sie wohl irgendwann wissen wird, worum es geht?

Ausgesprochen gut gefallen hat mir, wie die Autorin den Kreis schließt: „Lommer jonn“. Das hätte aber für meinen Geschmack an rheinischem Dialekt vollkommen ausgereicht.

Noch ringe ich mit mir, ob ich den zweiten Teil der Geschichte „Aufbruch“ lesen soll. Einerseits interessiert mich schon, wie es mit Hilla weitergeht, aber ein zweites Mal möchte ich mir diesen Mix aus Möchtegern-Lyrik und Gruseldialekt eigentlich nicht antun. Mal sehen....

Fazit:
Das wäre ein durchaus empfehlenswertes Buch, würde sich Ulla Hahn einfach auf die durchaus erzählenswerte Geschichte beschränken, ihre lyrischen Ausschweifungen auf ein Minimum reduzieren und auf diesen unverständlichen Dialekt verzichten.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.01.2012
So was von da
Hanekamp, Tino

So was von da


sehr gut

Was für ein Buch! Gelesen hat es sich wie Butter. Auf den ersten Blick. Locker-flockig geschrieben, frisch von der Leber weg, wie es dem Autor in den Sinn kam. Sollte man meinen. Dass es nicht so war, merkt man viel später. Oder war es so, dass Tino Hanekamp genau das getan hat und gerade dadurch eine Tiefe erreicht hat, die richtig spürbar wurde? Man hatte das Gefühl dabei zu sein...

Zwei Dinge haben mich ganz besonders beeindruckt:

Zum ersten die Beschreibung der Liebe Oskars zu Mathilda. Ganz anders als als in anderen Büchern beschrieben: Die unstillbare Liebe und Sehnsucht zu einer Frau. Dort oft ausgeschmückt in schmalztriefender Groschenroman-Manier, romantisch verklärt, erdacht, unwirklich, hier in nüchterner Umgangssprache gelebt. Und doch ist Oskars Liebe glaubwürdiger, ehrlicher, nachvollziehbarer, erlebbarer. In anderen Romanen erscheint oft eine erdachte, erzählte wirkende Liebe, schmalzig überzeichnet und aufgesetzt erzählt. Diese Liebe hier, Oskars Liebe zu Mathilda ist authentisch und fühlbar!

Das Zweite war Oskars Schock über die Krankheit einer nahestehenden Person (Ich will hier nicht zuviel verraten), der sich immer wieder, teilweise vollkommen unvermittelt in seine Gedanken stiehlt und genauso unvermittelt und ungefiltert aufgeschrieben wurde. Auch hier hatte man das Gefühl, das ist echt, so fühlt sich das an, wenn man erfährt, dass einem nahestehenden Menschen solche schlimmen Dinge widerfahren.

Fazit:
Ein ehrliches, erlebbares Buch, tiefsinniger als es auf den ersten Blick erscheint. Empfehlenswert und ganz klar kein Fall für booklooker!

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.01.2012
Der Junge, der Träume schenkte
Di Fulvio, Luca

Der Junge, der Träume schenkte


sehr gut

Ein Buch, das sich superleicht und flüssig lesen ließ, das keine Längen hatte, in das man sich verlieren konnte. Ein richtiger „Page-Turner“, wie man so schön neudeutsch sagt. Schade, dass es nicht mehr Aussagekraft hatte, dann wäre es fast perfekt gewesen.

Di Fulvio erzählt die Geschichte des amerikanischen Traumes am Beispiel des Natale Luminita, genannt Christmas. Vom Tellerwäscher zum Milllionär oder hier vom italienischen Einwanderersohn aus der Lower East Side zum gefeierten Radiostar und Theaterautor.

Di Fulvio bedient sich einer flüssigen, lebendigen und eingängigen Sprache ohne langatmige Beschreibungen, ohne opulente Ausschmückungen, aber dennoch mit allen nötigen Informationen. Seine Geschichte erzählt er in erster Linie dadurch, dass er seine Figuren agieren lässt. Ein Bild der einzelnen Personen gewinnt der Leser durch die Sprache der Figuren, durch ihr Handeln und ihre Reaktionen. Auf trockene Personenbeschreibungen verzichtet er fast völlig und schafft durch seine Darstellung der Darsteller ein lebendiges Bild der Protagonisten. Schön!!!!

Parallel zur Beschreibung der Karriere des Christmas wird die Liebesgeschichte zu dem jüdischen Mädchen Ruth erzählt. Offen gestanden hätte ich darauf verzichten können. Das war mir zu kitschig und klischeehaft, zu sehr Schema F, zu wenig kreativ. Armer Schlucker rettet reiches Mädchen, Standesdünkel der Eltern trennen die Liebenden, usw. usw.

Was mir ebenfalls nicht gefallen hat, war die „Lösung“ des Problems Bill. Die Ansätze di Fulvios fand ich genial: Bill verfällt mehr und mehr dem Wahnsinn. Daran hätte man anknüpfen und die Idee weiterspinnen können. Stattdessen löst der autor diese Part a la Hollywood. Unglücklich....

Zur Person des Christmas: Ein echter Sympathieträger ist er zweifellos und er versteht es meisterlich, Geschichten zu erzählen. Ebenso perfekt ist er jedoch auch darin, Menschen zu beeinflussen, indem er ihnen seine Geschichten erzählt und diese so geschickt ausgestaltet, dass die Menschen genau das herauslesen, was er möchte und was seinen Zwecken dient. Auch wenn Christmas sich dadurch nur eigene Vorteile verschafft, aber nie einem anderen Menschen geschadet hat, war mir an dieser Stelle doch etwas unbehaglich. „Ich habe nicht eine einzige Lüge erzählt, Sir.“ Das hat er wohl nicht, dennoch hat er seine Zuhörer durch geschicktes Weglassen entscheidender Details zu Rückschlüssen genötigt, die ihm dienten und ihnen dadurch suggeriert, was sie glauben wollten. Er hat sie zu seinem eigenen Vorteil manipuliert.

Fazit: Kein literarisches Meisterwerk, aber ein wunderschönes Buch zum „Einfach lesen und genießen“ und zum Weiterempfehlen“!

75 von 145 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.01.2012
Sieben verdammt lange Tage
Tropper, Jonathan

Sieben verdammt lange Tage


weniger gut

Die Familientreffen der Foxmans enden stets mit zuschlagenden Türen und quietschenden Reifen. So schnell wie möglich versuchen die vier erwachsenen Kinder, einen Sicherheitsabstand zwischen sich und ihr Elternhaus zu bringen. Doch nun ist ihr Vater gestorben – und dessen letzter Wunsch treibt seinen Lieben den Angstschweiß auf die Stirn: Sie sollen für ihn Schiwa sitzen, sieben Tage die traditionelle jüdische Totenwache halten. Das bedeutet, dass sie auf ausgesprochen unbequemen Stühlen in einem kleinen Raum gefangen sind und nicht davonlaufen können. Nicht vor dem, was zwischen ihnen passiert ist, und nicht vor dem, was die Zukunft für sie bereithält.....

So weit die Buchbeschreibung, die gewisse Erwartungen weckte. Ich erwartete entweder eine Familientragödie, die damit endet, dass am Ende durch die erzwungene Nähe alle komplett zerstritten sind und schlimmstenfalls das nächste Familienmitglied zu betrauern ist. Oder aber die mögliche Versöhnung aller Familienmitglieder, die durch den gemeinsamen Verlust eines wichtigen Menschen in ihrem Leben und der Verarbeitung dieser Erfahrung zueinander finden. Oder aber – und das wäre absolute Minimalanforderung gewesen – wenigstens eine witzige Schilderung des erzwungenen Zusammenseins.

Ich wurde bitter enttäuscht. Was ich vorfand war eine Kakophonie von Selbstmitleid, haarkleiner Schilderungen der Lebensgeschichte von Judd, lüsterner sexueller Gier und wildes Bäumchen-wechsel-dich. Nicht todlangweilig, aber eben nicht das, was man nach der Buchbeschreibung hätte erwarten dürfen. Keine Spur davon, dass die Geschwister „ in einem kleinen Raum gefangen sind und nicht davonlaufen können.“ Ständig ist einer unterwegs in Sachen Prügeleien, Sex und anderen netten Beschäftigungen. Ansatzweise ist eine Auseinandersetzung Judds mit der Beziehung zu seinem Bruder erkennbar, aber das war es auch schon. Stattdessen dürfen wir auf über zwei Seiten erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man als Mann einen Tritt in die Weichteile bekommt. Toll! Wollte ich schon immer mal wissen!

Fazit: Ein eher durchschnittliches Buch, das man nicht gelesen haben muss. Nicht schlecht, eher enttäuschend. Unterhaltsam, aber anspruchslos. Die Buchbeschreibung hält leider nicht, was sie verspricht. Wobei ich natürlich zugestehen muss: Das Buch kann nichts dafür, dass ich zu hohe Erwartungen hatte, aber so ist das nun mal.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.