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Benutzername: j.h.
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Bewertungen

Insgesamt 13 Bewertungen
12
Bewertung vom 30.08.2015
Verschwörung / Millennium Bd.4
Lagercrantz, David

Verschwörung / Millennium Bd.4


ausgezeichnet

Stockholm im November. Die Presse-Krise hatte auch das zeitkritische Magazin MILLENNIUM nicht verschont, das nun anteilsmäßig zu einem norwegischen Verlagsimperium gehört. Gleichzeitig wurde in den sozialen Medien Mikael Blomkvist gezielt als "Relikt aus alten Zeiten" verspottet. Eine Neuausrichtung des Blattes scheint unvermeidlich, wenn es nicht endlich eine große Story gibt. Der schwedische Wissenschaftler Frans Balder war nach nur 11 Monaten Tätigkeit bei dem US-Internet-Unternehmen Solifon nach Schweden zurückgekehrt, um den bei seiner geschiedenen Frau lebenden autistischen Sohn August (8 Jahre) zu sich zu nehmen. Gleichzeitig war es auch eine Flucht vor der Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, die er nicht mehr verantworten wollte. Balder, der einst Kontakt mit der Hackerin Lisbeth Salander hatte, will über ein Gespräch mit Blomkvist die Wahrheit in die Öffentlichkeit bringen, da er sich zunehmend bedroht fühlt. Doch zu den Enthüllungen soll es nicht mehr kommen ...

Der engagierte Journalist Stieg Larson (1954-2004), der sich selbst als Kommunist bezeichnete, hat den überragenden Erfolg seiner neben der Tätigkeit für das antifaschistische Magazin EXPO entstandenen und ursprünglich auf 10 Bände angelegten "Millennium-Trilogie" nicht mehr erlebt. Die ab 2005 postum veröffentlichten Kriminalromane (deutsche Titel: VERBLENDUNG, VERDAMMNIS, VERGEBUNG) wurden weltweit bisher in 63 Millionen Exemplaren verkauft. Daran hatten die erfolgreichen Verfilmungen einen erheblichen Anteil. Für den vierten Band hinterließ Larsson ein 200-seitiges Manuskript, das wegen seit Jahren schwelender Erbschaftsstreitigkeiten zwischen Larssons Erben (Vater und Bruder) und dessen Lebensgefährtin Eva Gabrielsson nicht zur Verfügung stand. Im Auftrag der Erben schrieb David Lagercrantz (*1962) die lange erwartete und ebenso hart umstrittene Fortsetzung nun unter freier Verwendung der bekannten Akteure und im Exposé überlieferter Inhalte. DET SOM INTE DÖDAR OSS (Was uns nicht umbringt) wurde am 27. August 2015 in 26 Ländern veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Ursel Allenstein erschien im HEYNE Verlag unter dem Titel VERSCHWÖRUNG.

David Lagercrantz hat die Handlung geschickt in die schwedische Gegenwart geholt, die von Zeitungskrise, übermächtigen Internetfirmen und NSA-Enthüllungen geprägt ist. Dabei entwickelt er die Hauptfiguren Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander glaubwürdig weiter. Blomkvists Affäre mit Chefredakteurin Erika Berger wird fortgeschrieben und zahlreiche bekannte Personen aus Redaktion und Polizei sind wieder dabei. Eine besondere Rolle hat die bisher nur am Rande erwähnte Zwillingsschwester von Lisbeth. Die Geschichte handelt - nach einem Vorspiel Anfang November - in der kurzen Zeit vom 20. bis 25. November und endet mit einer Art Epilog am 3. Dezember. Immer wieder gibt es auch Rückblicke in die Vergangenheit. Es mag an der durch die persönliche Sozialisation andere Sicht liegen, dass die schwedische Gesellschaft bei Langercrantz nicht so hoffnungslos düster wie bei dem engagierten Linken Larsson erscheint. Der Autor versucht nicht, den teils hektischen Reportagen-Stil des Workaholics Larsson zu kopieren und setzt zahlreiche eigene Akzente.

VERSCHWÖRUNG ist ein Roman von David Lagercrantz und bietet eine bis zur letzten Seite spannende Fortschreibung der Geschichte von Larssons Figuren - nicht mehr und nicht weniger. Auf eine weitere Fortsetzung ist zu hoffen, denn entsprechende Ansätze sind vorhanden.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.05.2015
Herbstblond
Gottschalk, Thomas

Herbstblond


ausgezeichnet

Es ist kaum zu glauben: Thomas Gottschalk wird 65! Man merkt es ihm gewiss nicht an, wird aber unwillkürlich an das eigene Alter erinnert, wenn man an seine frühen Auftritte oder die Anfänge bei "Wetten, dass ..." zurückdenkt.

In Teil 1 des Buches erzählt Thomas Gottschalk von seiner behüteten Kindheit im fränkischen Kulmbach in eher bescheidenen Verhältnissen, wobei insbesondere der frühe Tod des Vaters ein wesentlicher Einschnitt war. Nach knapp bestandenem Abitur begann er mit wenig Elan ein Germanistik-Studium in München - weil dort der vor dem Beginn privater Rundfunk- und Fernsehaktivitäten noch nahezu monopolistische Bayerische Rundfunk seinen Sitz hatte. Gottschalk konnte einige Verantwortliche von seinem Talent überzeugen und mit ungewohnter frischer Art bald zahlreiche Stammhörer für "Pop nach 8" gewinnen. Soviel Kreativität wäre bei der einfältigen Vielfalt heutiger Radiostationen und ihrer sprachlichen Textbausteine ("die besten Hits von gestern und von heute") kaum mehr möglich. "Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu der Generation, die statt mit Laptops und Handys mit mir groß geworden ist. Sie hatten nichts anderes und vermissten auch nichts. Ich bin für sie der Mann, der den Soundtrack ihres Lebens geliefert hat. Mein Anblick erinnert sie an die Zeit, als sie jung waren und verliebt, an eine musikalische Ära, zu der ich die verbindenden Worte fand." (S. 96) Nach ersten TV-Erfolgen kam im Herbst 1987 die große Chance mit der Übernahme von "Wetten, dass ...", mit der Gottschalk zum unbestritten erfolgreichsten deutschen TV-Entertainer wurde. Auch dieser Aufstieg wäre in der heutigen Zeit nicht mehr denkbar: "Ich habe den größten Dampfer der deutschen Unterhaltungsgeschichte zu einer Zeit gesteuert, als alle noch Schiffsreisen machen wollten." (S. 142)

Teil 2 nimmt sich Zeit für Ergänzungen - gewissermaßen die Randnotizen der in Teil 1 umfassend dargestellten Karriere. Gottschalk erzählt von seinen Freundschaften mit Gunther Sachs, Hans Riegel jr., Udo Reiter (dem das Buch gewidmet ist), Marcel Reich-Ranicki und Günther Jauch, über Geld und Ruhm sowie seine Filmkarriere in den 1980-er Jahren an der Seite von "Supernase" Mike Krüger. "Zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz verläuft ein schmaler Grat. Auf dem stehe ich, rudere mit den Armen und versuche, die Balance zu halten." (S. 255) Gottschalk, der sein Privatleben stets eher unter Verschluss gehalten hat und seit 1976 glücklich verheiratet ist, erzählt auch davon einiges. Über das Leben der Familie in Kalifornien, wo seine Söhne aufwuchsen, ist ebenso etwas zu erfahren wie zu Gottschalks Einschätzung der medialen Allmacht in den Zeiten des Internets.

Thomas Gottschalk hat - wie er bereits im Einstieg betont - seine Autobiographie ohne den heute nahezu obligatorischen Ghostwriter selbst geschrieben. Und das merkt der Leser dem in einem sympathischen Plauderton verfassten Werk auch an. HERBSTBLOND - erschienen im HEYNE-Verlag - nimmt den Leser mit auf die Reise durch eine heute so nicht mehr mögliche Karriere und fasziniert bis zur letzten Seite.

Happy Birthday, Thomas Gottschalk - und danke für dieses lesenswerte und unterhaltsame Buch!

4 von 8 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 21.04.2015
Das Sexleben siamesischer Zwillinge
Welsh, Irvine

Das Sexleben siamesischer Zwillinge


ausgezeichnet

Ein ganz normaler Abend in Miami Beach. Fitnesstrainerin Lucy Brennan hat keine Lust, die Nacht bei ihrem langweiligen Freund zu verbringen und fährt mit dem Auto heimwärts. Dabei rettet sie zwei Männer vor einem bewaffneten Verfolger, den sie per Frontkick mit geübtem Griff außer Gefecht setzt. Die Heldentat wird von Augenzeugin Lena Sorenson per iPhone gefilmt und an die Medien weitergegeben. Am nächsten Tag ist Lucy eine TV-Heldin und bekommt umgehend Angebote für eine eigene TV-Fitness-Reality-Show: "Ich soll mich irgendeiner übergewichtigen, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten Schwabbeltrulla annehmen, die in diesem Jahrhundert noch kein Rendezvous hatte oder von ihrem Ehemann seit Jahren nicht mehr gevögelt wurde, dafür sorgen, dass sie Gewicht verliert, und so ihr Selbstvertrauen stärken. Wenn ich sie in Form gebracht habe, reiche ich sie an irgendeine Designer-Schw... weiter, die Phase 2 beaufsichtigt, den Schmink- und Klamottenteil." (S. 28) Doch in Anbetracht der Persönlichkeit der Geretteten ist der Ruhm schnell vergänglich und kehrt sich ins Gegenteil. Mit Augenzeugin Lena - einer fresssüchtigen Übergewichtigen - hat Lucy nun eine neue Klientin. Diese wird sie zum Abnehmen zwingen - um jeden Preis ...

Irwin Welsh (*1958) erlangte gleich mit seinem ersten Roman TRAINSPOTTING (1993) sowie dessen 1996 aufgeführter Verfilmung von Danny Boyle Kultstatus, worin er der britischen Gesellschaft der späten 1980-er Jahre negativ-satirisch den Spiegel vor hielt. Auch seine folgenden Romane beleuchteten vorwiegend die Schattenseiten der britischen Gesellschaft. Mit THE SEX LIVES OF SIAMESE TWINS verlässt Welsh nun erstmals das Vereinigte Königreich und nimmt sich mit Fitnesswahn/Körperkult, Fastfood und Medienhysterie gleich eine ganze Palette uramerikanischer Themen vor. Die beiden Heldinnen könnten verschiedener nicht sein: Lucy Brennan ist nicht nur Fitnesstrainerin, sondern in dieser Hinsicht nahezu fanatisch. Ihre Bi-Sexualität lebt sie sehr offen aus. Die Künstlerin Lena Sorenson erscheint zunächst nur als verschüchtertes, Fastfood-süchtiges Mauerblümchen mit starkem Übergewicht - doch so harmlos ist sie nun auch nicht. Der ungewöhnliche Zweikampf wird zunächst vorwiegend aus der Sicht von Lucy und später auch (biographische Hintergründe integrierend) aus der Sicht von Lena geschildert. Die siamesischen Zwillinge aus dem Titel sind - um hier einmal Hitchcock zu zitieren - in Betreff auf die Handlung eher ein "McGuffin". Ein Fall von 16jährigen siamesischen Zwillingen und deren möglicher Trennung spielt sich im Hintergrund in diversen Boulevard-Meldungen ab, wozu beide Heldinnen konträre Meinungen haben. Zugleich erscheinen vor dem Hintergrund der Schlussszene Lucy und Lena gewissermaßen als siamesische Zwillinge im Geiste.

Wie gewohnt ist Irwin Welsh's Sprache schonungslos direkt und damit auch dieses Buch für zart besaitete Leser eher ungeeignet. Dem "American Way of Life" - hier Brennglas-artig fokussiert auf das hedonistisch-oberflächliche Miami-Beach - hält Welsh gnadenlos den Spiegel vor: "Von plüschigen Cocktail-Lounges über stillose Pubs bis hin zu heruntergekommenen Spelunken findet man in South Beach geeignete Etablissements für Vertreter sämtlicher gesellschaftlicher Schichten. Das Einzige, was sie zusammenhält, ist ihre Leidenschaft für lupenreinen, unverfälschten Schund. Cabrios rollen vorbei, die dudelnden Stereoanlagen häufig teurer als das Auto selbst, und protzen vor dem Pöbel, weil sich auf dem Ocean Drive oder der Collins Avenue niemand für sie interessiert, sondern alle mit ihren eigenen narzisstischen Angelegenheiten beschäftigt sind." (S. 25)

Der HEYNE-Verlag legt das stilistisch nicht unkomplizierte und dennoch bis zur letzten Seite faszinierende Buch nun erfreulich schnell in einer hervorragenden Übersetzung von Stephan Glietsch in der innovativen HARDCORE-Reihe vor. Der Schutzumschlag des stabilen Hardcovers ist sehr ansprechend gestaltet.

Sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 21.04.2015
Es hat sich so ergeben
Depardieu, Gérard

Es hat sich so ergeben


ausgezeichnet

"Mein Traum ist nicht, Schauspieler zu werden. Die Kerle haben das wohl nicht kapiert. Mein Traum heißt Überleben. Ich wurde Schauspieler, um aus dem Analphabetismus rauszukommen, ich hätte genauso gut etwas anderes machen können. Es hat sich so ergeben - der Zufall - ich habe nichts gewählt." (S. 102)
Er hätte einiges anderes machen können - auch eine Karriere als Autodieb wäre eine Option gewesen. Gérard Depardieu (*1948) wuchs in einem Milieu auf, das man heute wohl als Unterschicht und bildungsfern bezeichnen würde. Sein Vater war Alkoholiker und Analphabet, die Mutter wollte seine Geburt eigentlich verhindern - selbst Stricknadeln waren im Einsatz. Seine Geschwister lebten später ihr Leben so, wie sie es von den Eltern kannten. "Ich bin mehr auf der Straße aufgewachsen als in der Schule. Dort habe ich kaum mehr als lesen und schreiben gelernt. Die Straße aber lässt dir nichts durchgehen, du musst an deinen guten Stern glauben, dich nur auf dich selbst verlassen." (S. 29) Mit eisernem Überlebenswillen boxt sich Depardieu durch, begeht kleinere und größere Diebstähle und landet mit 16 wegen Autodiebstahls im Gefängnis.

Mit einem einige Jahre älteren Freund geht der 16-jährige nach Paris, beginnt eine Schauspielausbildung und bemüht sich um kleinere Rollen. Mit 21 heiratet er die aus gutem Hause stammende Élisabeth, deren Eltern seine Herkunft mit bemerkenswerter Vorurteilslosigkeit akzeptierten. Der Beginn eines scheinbar endlosen Aufstiegs, dem nach dem großen Erfolg von DIE AUSGEBUFFTEN (1973) auch eine geradlinige Karriere folgte. Doch der Ruhm hat seine Schattenseite: Für seine beiden Kinder hat der Star kaum Zeit, die Ehe scheitert und Alkohol spielt wohl eine immer größere Rolle. Depardieu thematisiert noch einige wenige Filme (beispielsweise die Gagen-Verhandlungen mit Bernardo Bertolucci für 1900), seine folgenden Beziehungen und den Beginn als Winzer. Hinsichtlich seiner teilweisen Übersiedelung nach Russland geht er auf die Anfänge der Freundschaft zu Wladimir Putin ein: "Ich habe Putin aufmerksam zugehört und verstanden, dass auch er von ganz unten gekommen ist und niemand einen Cent auf ihn gesetzt hätte, als er fünfzehn war." (S. 152) Da von Putin allerdings bekannt ist, dass er sehr viel Wert auf Fitness legt, enden an dieser Stelle wohl auch die Gemeinsamkeiten.

In dem 2014 unter Mitarbeit von Lionel Duroy entstandenen Buch erinnert sich Gérard Depardieu im Plauderton an einige Episoden seines ereignisreichen wie dramatischen Lebens - untergliedert in 39 kurze Unterkapitel. Das Buch bedient durchaus einen gewissen Voyeurismus des Lesers, wenngleich die Selbstentblößung gelegentlich etwas an die Nieren geht. Etwa dann, wenn detailliert beschrieben wird, wie der siebenjährige Gérard mit seiner Mutter gemeinsam die Entbindung durchführt - während der Vater saufen ist.

Unter dem deutschen Titel ES HAT SICH SO ERGEBEN sind Depardieus Erinnerungen nun in sehr guter Übersetzung von Véronique Grosjean im Verlag DAS NEUE BERLIN erschienen. Für Fans des Ausnahmeschauspielers eine interessante Lektüre!

Bewertung vom 14.04.2015
Flammenwerfer
Kushner, Rachel

Flammenwerfer


ausgezeichnet

Reno - deren Spitzname auf ihren Geburtsort in Nevada zurückgeht - liebt die Geschwindigkeit ebenso wie ein ungebundenes Leben. Leichtfertig nimmt die Hobby-Motorradrennfahrerin an einem Landgeschwindigkeits-Rekordversuch auf den großen Salzseen teil: "Geschwindigkeit war ein Fahrdamm zwischen Leben und Tod, und man konnte nur hoffen, auf der Seite des Lebens herauszukommen." (S. 25) Ein Jahr zuvor war sie spontan von Reno nach New York gezogen, um ihren künstlerischen Neigungen folgend kurze Amateurfilme über die pulsierende Metropole zu drehen. Sie findet im legendären Künstlerviertel SoHo eine Bleibe und lernt zufällig den als Konzeptkünstler aktiven Sandro Valera kennen, der sich als reicher Erbe einer italienischen Firmendynastie (Reifen und Motorräder) um seine Zukunft nicht sorgen muss. Zusammen mit Sandro besucht sie dessen Familie in der Sommerresidenz am Lago di Como und gerät mitten in die römischen Unruhen des Jahres 1977 ...

Die Geschichte von Reno wird von einigen Rückblenden in der Familiengeschichte der Valeras unterbrochen, deren Bedeutung für die Handlung erst in der Gesamtsicht deutlich wird. Sandros Vater - das wird erst spät klar - war während des Ersten Weltkriegs ein Arditi, wie die italienischen Sturmtruppen genannt wurden, die auch mit Flammenwerfern kämpften: "Die Flammenwerfer hätten aus einem anderen Jahrhundert stammen können, sie waren brutal und altertümlich, zugleich aber schrecklich modern. ... Der Flammenwerfer diente nie der Verteidigung, niemals. Er war eine reine Offensivwaffe, etwas zum Überrennen der feindlichen Linien." (S. 508)

Rachel Kushner (*1968) begibt sich in ihrem zweiten Roman auf einen spannenden zeitgeschichtlichen Diskurs in die 1970-er Jahre, deren Proteste noch elementare Hintergründe hatten und die insbesondere in der zweiten Hälfte in offene Gewalttätigkeit mündeten. Noch vor dem "Deutschen Herbst" mit Schleyer-Entführung und Mogadischu eskalierte in Italien der Terror der Roten Brigaden. Reno, die eben noch die sorglose Dekadenz der Fabrikantenfamilie Valera erlebt hatte, gerät nun eher zufällig in Streiks und Straßenkämpfe im vom Klassenkampf brodelnden Rom. Ebenso anschaulich wird die vor Kreativität sprühende New Yorker Künstlerszene samt einer historisch verbürgten Anarcho-Protestgruppe und deren Aktionen dargestellt. Der Roman zieht den Leser unweigerlich in seinen Bann, fordert ihm insbesondere bei den sprachlich geschliffenen Beschreibungen jedoch eine hohe Konzentration ab. In einem kurzen Nachwort benennt die Autorin nochmals die eingeflossenen authentischen Ereignisse und berichtet auch über die Rolle der vereinzelt eingestreuten Fotos für ihre Inspiration beim Schreiben.

THE FLAMETHROWERS erschien bereits im April 2013 in den USA und wurde zu einer literarischen Sensation. Der ROWOHLT VERLAG legt unter dem Titel FLAMMENWERFER nun die deutsche Ausgabe in einer sprachlich hervorragenden Übersetzung von Bettina Abarbanell vor. Das Cover-Motiv wurde von der Originalausgabe übernommen und zeigt jenes Foto, das die Autorin zur Inspiration zuerst an ihre Wand pinnte.

Ein erregender und spannender Roman, der vor allem für zeitgeschichtlich interessierte Leser empfehlenswert ist!

Bewertung vom 14.04.2015
Low
Pofalla, Boris

Low


ausgezeichnet

Sie kamen gemeinsam zum Studieren nach Berlin: Moritz und der Ich-Erzähler (dessen Namen wir nie erfahren) waren schon während der Schulzeit irgendwo in der deutschen Provinz (wir erfahren nie den Ort) befreundet. Beide kamen in der gemeinsamen Wohnung wohl einige Jahre gut zusammen aus. Der Gesellschaft und ihren Normen versuchen sie sich weitgehend zu entziehen, indem man die Nacht zum Tag macht und alle gängigen Drogen (mit denen Moritz inzwischen auch handelt) probiert. "Es war unser Traum gewesen, hier zu wohnen. Doch vor einiger Zeit, vor ein paar Wochen hatte Moritz zu mir gesagt, dass wir ja schließlich nach Berlin gekommen seien, um nicht in Deutschland leben zu müssen. Und nun müsse er zusehen, wie dieses Deutschland langsam aber sicher in die Stadt hineinkrieche, wie Schimmel in eine feuchte Wohnung." (S.89) Und eines Tages im Sommer verschwindet Moritz nach einer Partynacht spurlos. Der Ich-Erzähler sucht in völliger Verlorenheit mit wachsender Verzweiflung an allen denkbaren Orten nach Moritz, wobei sein Leben völlig aus den Fugen gerät ...

Boris Pofalla (*1983) macht in seinem Debüt-Roman das Lebensgefühl einer jungen Generation (seiner Generation) zum Thema, dass von Narzissmus und Oberflächlichkeit geprägt scheint. Der blanke Hedonismus treibt sie von Event zu Event, wobei Drogen insbesondere zur Verstärkung der Erlebnisse und der Durchhalte-Fähigkeit von erheblicher Wichtigkeit sind. Der Prolog nimmt das Ende eigentlich schon vorweg: "Wenn man was will, sagte Moritz, dann muss man vor allem erst mal brennen. Wie ein Streichholz. Reibung, sagt er. Hitze. Und dann verglüht man, irgendwann." (S. 9) Nur wird dieses irgendwann im Exzess deutlich schneller erreicht - und vor dem körperlichen Verglühen kommt das geistige. Als passende Allegorie ist eine Beschreibung markanter Szenen aus Michelangelo Antonionis ZABRISKIE POINT (1969) als Moritz Lieblingsfilm enthalten, dessen teils psychedelische Szenen für die jugendliche Protestkultur über Jahre prägend waren. Das Verschwinden von Moritz (vielleicht ja einfach in ein anderes Land) scheint für den Ich-Erzähler eine letzte Rettung zu sein, da er in seiner Verlorenheit die Leere seines Lebens und seiner Umgebung mit den immer gleichen Partys zu erkennen beginnt.

Der Roman ist in einem flüssigen, sehr gut lesbaren Stil geschrieben und zieht den Leser in seinen Bann. Die Gegenwartsebene wird im Präsens erzählt, Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse mit Moritz stehen in der Vergangenheit. Das im Berliner METROLIT-Verlag erschienene Buch ziert ein hervorragend gestalteter Schutzumschlag mit einem Motiv des amerikanischen Starfotografen Ryan McGinley, das wie ein Kommentar zur Handlung erscheint.

Ein hervorragendes Debüt, das auf mehr hoffen lässt. Sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 14.04.2015
Berlin Feuerland
Müller, Titus

Berlin Feuerland


ausgezeichnet

Berlin 1848. Hannes Böhm ist 24 und lebt in jenem Viertel Berlins, das als FEUERLAND berühmt-berüchtigt ist. In dieser Gegend nördlich des Oranienburger Tores hatten sich zahlreiche Betriebe der aufstrebenden Metallindustrie und des Maschinenbaus angesiedelt, die durch eingesetztes Feuer große Mengen an Rauch produzierten und in deren Umfeld sich die Elendsviertel der dort beschäftigten Proletarier befanden. Hannes will diesem Milieu entfliehen und verdient sich als "Stadtführer" für auf das Antlitz der Armut neugierige Reiche etwas dazu. So lernt er Alice Gauer kennen, die als behütete Tochter bürgerlicher Eltern im Berliner Schloss aufgewachsen ist. Beide verbindet bald mehr als eine unverbindliche Freundschaft und Hannes muss sich entscheiden, ob er sich an der Seite seines Freundes Kutte für die Revolution engagieren oder seinen Gefühlen für Alice nachgeben soll ...

Titus Müller (*1977) entwirft ein faszinierendes historisches Panorama vom Berlin des Jahres 1848 am Rande der Unruhen um den 18. März, an dem der Konflikt zwischen dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. und den aufständischen Bürgern von Berlin zur Eskalation kam. "Eine richtige Revolution wie im Februar in Paris war in Berlin undenkbar. Dafür war man zu nüchtern. In Frankreich verstiegen sich die Menschen ins Philosophische und kämpften um Ideen. Der Berliner dagegen war stupide und dem irdischen zugewandt. Er teilte Abschätzigkeiten aus, biss nach allen Seiten. Und doch liebte er sein kleines Zuhause, liebte es so sehr, dass er es niemals für umstürzlerische Wagnisse aufs Spiel setzen würde." (S. 24) Die ersten Kapitel lassen ein nahezu greifbares Erleben der bedrückenden Zustände in den proletarischen Wohngegenden zu, wobei der Leser schon fast die zugehörigen Gerüche wahrnimmt. Ähnlich intensiv beschrieb beispielsweise Patrick Süskind in "Das Parfum" das Pariser Umfeld seines Helden. Es gelingt Titus Müller, das abseits der Liebesgeschichte um Hannes und Alice authentische Geschehen mit zahlreichen historisch bedeutsamen Personen in einer Art erlebbar zu machen, als sei er dabei gewesen. Bei entsprechender Berlin-Kenntnis verdichtet sich das ERLEBEN dadurch, dass zahlreiche Straßennamen den heutigen entsprechen und der Leser den Schauplatz damit sehr konkret vor Augen hat. In einem 25-seitigen Anhang erläutert der Autor zusätzlich einige historische Hintergründe.

Der BLESSING VERLAG veröffentlicht mit FEUERLAND BERLIN nach dem 2013 vorgelegten Tatsachenroman NACHTAUGE um die Bombardierung der deutschen Talsperren durch die britische Luftwaffe 1943 einen weiteren spannenden und präzise recherchierten Historienroman des talentierten Leipziger Autors Titus Müller. Das Bild auf dem Schutzumschlag gibt die Stimmung des Buches sehr gut wieder. Vor- und Nachsatzbild zeigen den Hof einer Lokomotiv-Fabrik um 1840 und die Fassade des Berliner Schlosses.

Insbesondere für historisch interessierte Leser sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 14.04.2015
Wo war ich noch mal?
Cleese, John

Wo war ich noch mal?


ausgezeichnet

Mit John Cleese (*1939) verbindet wohl jeder sofort die Anarcho-Comedy-Truppe MONTY PYTHONS mit ihren ebenso legendären wie unerreichten TV-Shows und den erfolgreichen Kinofilmen. Auch die Hauptrolle des Archie Leach in A FISH CALLED WANDA (Ein Fisch namens Wanda, 1988) ist unvergesslich. Dass Cleese ursprünglich in Cambridge Jura studierte und dies mit einer Promotion erfolgreich abschloss, ist hingegen weniger bekannt.

In seiner 2014 unter dem Titel SO, ANYWAY vorgelegten Autobiographie erinnert sich John Cleese im Plauderton anhand zahlreicher Anekdoten an seinen langen Weg zum Ruhm. Als Einzelkind in einem typischen Mittelschicht-Elternhaus wuchs er im kleinen Ferienort Weston-super-Mare (North Somerset) mit autoritärer Mutter und gütigem Vater (Versicherungsvertreter) behütet auf. Erst der Studienbeginn 1960 in Cambridge brachte - trotz Ausbildung im Schulinternat - die endgültige Trennung vom Elternhaus: "Heute, da ich dies niederschreibe, empfinde ich Mitleid mit meinem trauernden Dad. Ich war so lange der Mittelpunkt seines Lebens gewesen, vielleicht sogar der einzige Sinn und Zweck seines ganzen Daseins, dass es ein sehr schmerzlicher Moment für ihn gewesen sein muss, als er mich so davonmarschieren sah. Für meine Mutter war es weit weniger schmerzhaft, sie hatte ja noch sich selbst, um die sie sich kümmern konnte. Dad litt unter meiner Abwesenheit, Mum hatte unter meiner Anwesenheit gelitten. Ich glaube, ihre Beziehung war ziemlich eng gewesen, bevor ich zur Welt kam." (S. 152)

Bereits während seines Studiums war Cleese Mitglied der erfolgreichen Cambridge Footlights Revue, wo er erstmals auf das spätere Monty-Pythons-Mitglied Graham Chapman (1941-1989) traf. Und er lernte ein wichtiges Prinzip erfolgreicher Comedy: "Stelle den witzigen Schlüsselbegriff immer an das Ende eines Satzes, denn nur so wird er maximale Wirkung erzielen; jedes Wort, das sich ihm noch anschließt, wird den Effekt schwächen, weil es das Publikum veranlasst, sein Lachen noch einen Moment zurückzuhalten, um den Rest des Satzes nicht zu verpassen." (S. 226) Prägend wurde die Arbeit als Autor für den legendären TV-Moderator David Frost (1939-2013), der einen ganzen Stab von Talenten ohne schlechtes Gewissen für den eigenen Ruhm verbrauchte: "Es muss wohl etwas damit zu tun gehabt haben, dass wir ihn wirklich alle mochten und ihm jeder dafür dankbar war, Teil dieses unterhaltsamen Trupps und seiner Pseudofamilie sein zu dürfen." (S. 314)

In 15 Kapiteln erzählt John Cleese lebendig seinen Weg bis zur ersten Monty-Pythons-Sendung 1970 und lässt dabei auch einige frühe Sketche Revue passieren. Ein gewissermaßen als Epilog angelegtes 16. Kapitel erzählt von der legendären "Wiedervereinigung" der verbliebenen Montys 2013. Darin nimmt er auch auf die Entwicklung der Comedy bis heute Bezug: "Doch während sich die Einstellungen zu Flüchen und Obszönitäten in den vergangenen vierzig Jahren in die eine Richtung verschoben haben, scheint die Comedy inzwischen von einer ganz anderen Werteordnung bedroht und dabei in die entgegengesetzte Richtung gezerrt zu werden. Ich spreche hier natürlich von dieser lebensverleugnenden Kraft namens Political Correctness. Angefangen haben mag die ganze Sache ja mit wohlgemeinten Absichten, aber dann haben sich ein paar Leute ihrer bemächtigt und das ganze ohne jeden Sinn und Verstand für Verhältnismäßigkeit ad absurdum geführt." (S. 477) Der Humor der Pythons wäre damit wohl heute an der Zensur der Gutmenschen gescheitert.

Der BLESSING-Verlag legt die Autobiographie von John Cleese nun unter dem Titel WO WAR ICH NOCHMAL? (diese gängige Floskel kommt im Text einige Male vor) in sehr guter deutscher Übersetzung von Yvonne Badal vor.

Eine für Fans von John Cleese sehr empfehlenswerte Veröffentlichung, wobei eine Weiterführung über die erfolgreichen Jahre der MONTY PYTHONS sicher sehr spannend wäre!

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