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Bewertungen

Bewertung vom 03.12.2019
Quichotte
Rushdie, Salman

Quichotte


schlecht

Ich gestehe, ich bin ziemlich fassungslos. Ich habe mich in den letzten Wochen durch diesen Roman gequält und stand mehrmals kurz davor, das Buch in die Ecke zu pfeffern – und mir die englische Originalfassung zu besorgen. (Was ich dann schließlich auch getan habe.) Herrje, welch eine miserable Übersetzung setzt uns der C. Bertelsmann Verlag hier vor! Mir ist ja bewusst, dass man über die Qualität von Übersetzungen stets trefflich streiten kann, aber diese deutsche Ausgabe von Salman Rushdies „Quichotte“ sprengt unzweifelhaft jedes Maß von Unwürdigkeit. Sie enthält nicht etwa einige Fehler, sondern sie ist gespickt mit Fehlern, auf nahezu jeder Seite, auf sämtlichen Ebenen: semantische Fehler, grammatische Fehler, Fehler in Orthografie und Interpunktion. Es ist ein Desaster.

Über weite Strecken liest sich der deutsche Text, als wäre bei der Übersetzung ein ambitionierter Mittelstufenschüler mit Hilfe von „Google Übersetzer“ am Werk gewesen. Die deutsche Fassung holpert und rumpelt ungelenk vor sich hin und klebt dabei mitunter so wörtlich am Original, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll:
„Schwester dachte manchmal über ihren Bruder nach, aber für gewöhnlich mit abschätziger Verbitterung. Sie hatte ihn auf den Dachboden ihrer Erinnerungen geboxt, …“ (S. 75) Natürlich heißt es im Original schlicht „She had boxed him away in the attic of her memories, …“, was nichts mit einem Faustkampf zu tun hat, sondern einfach mit Wegpacken. Und so geht es weiter, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel. Aber natürlich lässt sich im Rahmen einer kurzen Rezension durch die Aufzählung einzelner Stellen nicht vermitteln, welch ein verheerender Gesamteindruck dadurch entsteht.

Hinzu kommt, dass der Text auch dann, wenn man Übersetzungsfragen völlig ausklammert, ein armseliges Bild darbietet: An manchen Stellen fehlen einfach Wörter („… keinesfalls verwechseln mit“ – S. 54; „Nur die Leute, ich reich gemacht habe.“ – S. 376) oder auch mal ein ganzer Satz (S. 18), an anderen gerät die Grammatik aus den Fugen („Und – abgesehen von diesen privaten Dingen – hatte er so langsam das Gefühl, …“ – S. 36; „… ein Wohltäter der besten indischen Zeitung in Atlanta und deren Webseite …“ – S. 89), an anderen sind Kommata willkürlich über den Text verstreut oder sie fehlen, an wieder anderen sind Bezüge falsch, sind Wörter falsch geschrieben („zu allererst“ – S. 376), werden die Zeiten falsch verwendet („Der Handelsreisende sah sehnsüchtig … auf Gallups historisches El Rancho Hotel, das in der Blütezeit der Western viele … Filmstars … als Gäste aufnahm“ – S. 19). Insgesamt entsteht der Eindruck, als habe man beim C. Bertelsmann Verlag noch nie etwas von Lektorat oder Korrektur gehört.

Nochmal: Es ist einfach nicht möglich, das ganze Ausmaß des Debakels in einer Rezension greifbar zu machen. Ich würde es vermutlich selbst nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Wer also genau wissen will, ob und inwieweit meine Kritik berechtigt ist, wird das Buch selbst lesen müssen. An alle anderen mein Rat: Sparen Sie sich die 25 € für diese deutsche Ausgabe und kaufen Sie sich lieber die englische Originalfassung. Die ist sogar preiswerter, und selbst wenn Ihr Englisch nicht so gut ist, dass Sie jedes einzelne Wort verstehen, werden Sie, anders als bei der Lektüre der deutschen Übersetzung, wahrscheinlich begreifen können, warum „Quichotte“ in diesem Jahr auf der Shortlist des Booker-Preises stand und Salman Rushdie der WELT-Literaturpreis 2019 für sein Gesamtwerk verliehen wurde. Denn es ist ja tatsächlich so: Rushdie ist auch in alten Tagen immer noch ein großartiger, origineller, kluger Erzähler und hat uns eine Menge zu sagen. Nur bleibt von der Strahlkraft und Wucht seiner Geschichte in der deutschen Ausgabe von „Quichotte“ nichts übrig, weil man sich beim Lesen fortwährend über die erbärmliche Übersetzung ärgert.

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