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Benutzername: Waschbaerin
Wohnort: Rheinland Pfalz
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Bewertungen

Insgesamt 9 Bewertungen
Bewertung vom 17.12.2016
Kater Anton und das Weihnachtsglück
Troni, Angela

Kater Anton und das Weihnachtsglück


sehr gut

"Kater Anton und das Weihnachtsglück" bereitet dem katzenliebenden Leser nicht nur in der Weihnachtszeit Freude. Dieses Buch gehört in das Genre "leicht und amüsant zu lesender Unterhaltungsroman".

Anton, ein liebenswerter Kater, der besonders auf Thunfisch steht, nimmt den Leser sofort für sich ein. Man muss sich nur das Cover anschauen und schon ist man ihm zugetan und verzeiht ihm alle seine Marotten.

Der Roman beginnt in Deutschland, kurz bevor sich sein Frauchen Ella mit ihm auf den Weg nach Frankreicht macht. Der Liebe wegen! Anfangs tut sich Anton in der neuen Umgebung noch etwas schwer, vor allem wegen diesem Flusenkaninchen, Monsieur Lapin, mit dem er nicht so recht was anfangen kann. Doch wenn man in einer Bäckerei mit liebenswerten Menschen zusammen wohnt, die einem verfressenen Kater auch ab und zu mal ein besonderes Leckerlie zukommen lassen, wie könnte da Kater Anton, bei dem die Liebe schon immer durch den Magen ging, auf Dauer den Beleidigten spielen? Die feinen Pasteten von Madame Bernard verbreiten einfach einen zu köstlichen Duft, als dass er davon unbeeindruckt bleiben könnte.

Ich muss gestehen, an manchen Stellen waren die Leckerein in dieser Honigkuchenbäckerei so intensiv beschrieben, dass ich den Geschmack regelrecht auf der Zunge hatte.

Natürlich muss es auch in einem Katzenroman Spannung geben. Dafür sorgt eine Entführung, die aber Dank der Hilfe des Katers Anton ein glückliches Ende findet.

Besonders gefiel mir, dass Anton immer wieder selbst zu Wort kommt und seine eigenen Katergedanken ausspricht. Was in so einem dickschädeligen Katzenkopf nicht alles vor sich geht! Und erst die verwinkelten Gedankengänge in Bezug auf das ungeliebte Kopftätscheln, das er nun gar nicht mag - aber wenn am Ende ein tolles Fressen rausspringt, dann lässt Kater auch sowas über sich ergehen. Was solls! An all diesen Überlegungen darf der Leser teilhaben!

Die Autorin Angela Troni hat mit Hilfe des Katers Anton und seines Frauchens Ella ein liebenswertes Buch geschrieben, das den Leser schmunzeln lässt und ihm ein paar nette Stunden bereitet. Am Ende hat man die Hoffnung, dass es vielleicht auch ein Osterbuch, Geburtstagsbuch usw. mit Kater Anton geben wird.

Bewertung vom 09.12.2016
Wir kennen uns nicht
Rabisch, Birgit

Wir kennen uns nicht


ausgezeichnet

Bereits auf den ersten Seiten hält man als Leser mal kurz die Luft an, weil einem diese geballten Ladung Wut von Ariane entgegen schlägt, als diese an ihre Mutter Lena denkt und versucht sie zu beschreiben.

Die Autorin Birgit Rabisch lässt wechselweise Mutter und Tochter zur Sprache kommen und dieses seltsame "Familienleben" aus der jeweiligen Sicht darlegen. Die persönlichen Wahrnehmungen dieses Zusammenlebens könnten nicht unterschiedlicher ausfallen. Mutter und Tochter sind in einer Art Hass-Liebe verbunden.

Lena, auf einer einengenden Nordseehallig aufgewachsen, wird in jungen Jahren zur Feministin und kostet diesen Lebensstil voll aus. Sie will frei sein, von niemandem abhängig und Männer sind für sie nur kurzweiliger Zeitvertreib ohne weitere Verpflichtungen. Doch es meldet sich auch das Weibliche in ihr und sie wünscht sich unbedingt ein Kind - aber keinen Vater dazu. Damit beginnt das Verhängnis - was im Mittelpunkt dieses Romans steht.

Kaum ist dieses Kind - Ariane - auf der Welt, da weiß Lena auch schon, dass sie dieser Anforderung nicht gewachsen ist, es auch nicht sein will. Plötzlich spürt sie die Verantwortung und noch schlimmer, ihre Unabhängigkeit ist in Gefahr. Dem entzieht sie sich, indem sie ihre Tochter einer Kinderfrau anvertraut und ihr altes Leben wieder weiterführt.

Zum Glück für Ariane gibt es Ingrid, die beste Freundin ihrer Mutter, mit deren Ehemann Helmut, einem Gynäkologen, die keine eigenen Kinder haben. Was Lena ihrer Tochter Ariane nicht geben kann, bekommt diese von Ingrid und Helmut. Doch das kann nicht ersetzen, wonach sich Ariane sich am meisten sehnt, die Anerkennung und bedingungslose Liebe ihrer Mutter.

Lena führt ein extrovertiertes Leben zwischen Buchdeckel. In ihren Bestsellerromanen lässt sie eine ganze Fangemeinde an dem teilhaben, was man ansonsten privat nennt.

Ariane wird eine anerkannte Wissenschaftlerin und erforscht das Verhalten von Raben. (Sehr faszinierendes Kapitel.) Von allen Seiten bekommt sie Anerkennung, nur ihre Mutter verhält sich reserviert, kann mit ihrer Forschung nichts anfangen.

Als Lena ihrer Tochter am Telefon zum Geburtstag gratuliert, eröffnet sie ihr, dass diese nicht einer unbekannten Samenspende entstammt, sondern dass es einen Vater gab. Schlimmer ging nicht mehr für Ariane.

Doch dann ändert sich das Blatt. Ariane ist schwanger und ihr Freund Nommen hält zu ihr, freut sich, will Verantwortung übernehmen. Als Mitglied seiner einfachen und unkomplizierten Familie beginnt Ariane heil zu werden.

Lena, auf die Hallig ihrer Kindheit geflüchtet, zieht Bilanz ihres Lebens. Plötzlich wird der Leser mit einer anderen Lena konfrontiert, der jungen, zu kurz gekommenen Frau. Als Leser fängt man an zu verstehen, warum sie so ist, wie sie ist. Die Erkenntnisse aus dieser Bilanz sind für Lena ernüchternd: Das Leben hat sie schon vor einigen Jahren zurückgelassen und außer dem Gärtner den sie bezahlt, gibt es niemanden der sie fragt, wie es ihr geht. Sie ist allein. Dies schmerzt besonders. Schon denkt sie an Selbstmord, doch sie wäre nicht Lena, bliebe sie auch da ihrem alten ICH nicht treu.

Seite 159 "... Wieso denkt sie nicht darüber nach, ob und warum sie aus dem Leben scheiden will, sondern über die angemessene Art, es zu beschreiben? .... Sie kann sich vorstellen, nicht mehr zu sein. Aber sie kann sich nicht vorstellen, über ihr Nichtsein nicht schreiben zu können. Sie hat bisher ihr ganzes Leben in Schrift verwandelt. Wenn sie ihren Tod nicht in Schrift verwandeln kann, wozu soll er gut sein?..."

Allerdings, in Lenas Gedanken hat sich während des Aufenthaltes auf der Hallig doch einiges verändert und das will sie zu Papier bringen. Wir lernen eine dritte Lena kennen und ich war davon angetan, welch ein Elan sie plötzlich entwickelt, dieser dritten Lena Genüge zu tun.

Der Roman endet (Lena) mit dem selben Satz, mit dem er beginnt (Ariane): "Sie kennen mich nicht". In diesem Satz treffen sich Mutter und Tochter.

Bewertung vom 29.11.2016
Das Verschwinden der Luft
Kahl, Christian

Das Verschwinden der Luft


sehr gut

Vor wenigen Wochen war ich bei der Lesung eines Krimi-Autors. Zu Beginn seiner Lesung erklärte er erst einmal den Unterschied zwischen einem Krimi und einem Thriller. Demnach muss ein Krimi immer logisch aufgebaut und alles beweisbar sein.

Nach dieser Definition ist der Roman, "Das verschwinden der Luft" eindeutig ein Thriller.

Wir werden entführt in den Regenwald von Borneo. Dort ist der millionenstarke Mat auf Tauchurlaub. Als er einem unvorsichtigen Taucher das Leben rettet, wird er selbst unvorsichtig und begibt sich mit Darlene, einer Mitarbeiterin der Hotelanlage, auf die Suche nach deren Bruder in den Dschungel. Mat besticht sie regelrecht mit seinem Geld, von dem er mehr als genug hat, ihn auf diese Expedition mitzunehmen.

Von da an nimmt der Roman so richtig Fahrt auf und der Leser fiebert mit. Ein Ereignis jagt das nächste, auch wenn es mitunter etwas der Logik entbehren. Aber es handelt sich ja bei diesem Roman um einen Thriller. Da ist dies als Mittel Spannung aufzubauen, erlaubt.

Es geschehen seltsame Dinge, je tiefer sich diese Expedition in den Urwald wagt, bis sich irgendwann die Ereignisse überschlagen.

Was mir besonders gut gefällt, dem Leser werden die Umweltsünden drastisch vor Augen geführt. Natürlich kann man sagen, Urvölker verschwinden nun mal und das ist weit weg und ich habe keinen Einfluss darauf. Aber dass täglich Urwald abgeholzt wird um Ölpalmen anzubauen, ein richtig lukratives Geschäft übrigens, geht uns schon etwas an. Nur das, wofür Verbraucher bereit sind zu zahlen, ist für Firmen tatsächlich lukrativ.

Mich hat dieses Buch dazu gebracht, mich über Palmöle - von dem man schon lange in den Medien hört - besser zu informieren und zu überlegen, wo kann ich es vermeiden. Ich denke, das dürfte auch eines der Anliegen des Autors gewesen sein, dass man nicht nur einen Thriller verkonsumiert, sondern auch als Verbraucher nachdenken.

Was mir weniger gefiel war die eine oder ander Art der Schilderungen von Personen. Allen voran Mat, der nicht einmal seine edle Haltung verlor, als ihm sein Freund beichtet, dass er in seine Kasse, sprich Bankkonto griff und sich ohne zu fragen mal etliche Millionen "ausgeliehen hatte", wie dieser es nannte. Man sagt nicht umsonst, "beim Geld hört die Freundschaft auf". Das war dann doch etwas zuviel Edelmut. Deshalb auch ein Sternchen Abzug.

Ansonsten ist der Roman gut und spannend geschrieben und demzufolge lesenswert.

Bewertung vom 17.11.2016
Die letzte Prinzessin
Prinz, Martin

Die letzte Prinzessin


sehr gut

Wenn man an das Kaiserhaus in Wien denkt, dann fallen einem auf Anhieb Sissi mit ihrem Ehemann Kaiser Franz-Joseph und ihr unglücklicher Sohn Rudolf ein. Das Leben dieser Personen bot Stoff genug für romantische, als auch tragische Filme. Doch die Romantik bleibt tatsächlich dem Film vorbehalten und nicht dem realen Leben.

Von der einzigen Tochter des Kronprinzen Rudolf und seiner Ehefrau Stephanie handelt dieser biographische Roman - "Die letzte Prinzessin". Elisabeth hatte wohl alles, was man mit Geld kaufen kann. Aber wie ich diesem Buch von Martin Prinz entnehme, bekam sie viel zu selten die Dinge, die sie zum Leben brauchte - wie Liebe, Zuneigung oder ein beständiges Zuhause. Zeit ihres Lebens war sie eine Getriebene.

Der Autor beginnt dieses Buch vom Ende her, dem Tod von Elisabeth. Sie hatte im Voraus bestimmt, dass ihre Kinder erst dann ihr Haus betreten durften, nachdem ihr Testament erfüllt war und die Kunstgegenstände dem Staat Österreich übergeben waren. Ihr treu ergebener Diener Mesli war in ihren letzten Willen eingeweiht und sollte mit dafür Sorge tragen, dass alles so kommen würde, wie sie es bestimmt hatte. Da fragt man sich schon, welch seltsames Verhältnis sie zu ihren Kindern hatte. Diese spielen übrigens in diesem Roman so gut wie keine Rolle.

Ihr Vater, Kronprinz Rudolf verabschiedete sich nicht einmal von Elisabeth, bevor er nach Mayerling fuhr und sich dort, zusammen mit seiner Geliebten Mary das Leben nahm. Für dieses kleine Mädchen Elisabeth war dies ein ungeheurer Schock, denn mit dem Vater verband sie von jeher eine tiefe, kindliche Liebe. Die Mutter Stephanie blieb zu ihrer Tochter dagegen immer etwas auf Distanz. Es dürfte so eine unterkühlte Mutter - Tochter - Beziehung gewesen sein, wie dieses ganze Gemäuer, in dem sie lebten.

In einem Schloss geboren, hatte Elisabeth unzählige Zimmerfluchten durch die sie streifen konnte, aber keine Spielkameraden. Erst spät lernt sie eher zufällig eine Freundin kennen und erfährt von dieser, dass es Armut gibt, etwas von dem Elisabeth vorher nie wusste, dass es überhaupt existiert, was darauf hinweist, wie sehr sie in einem goldenen Käfig lebte.

Dass Elisabeth ein sehr verwöhntes Mädchen war zeigt sich besonders daran, als sie sich in Otto von Windisch-Graetz verliebte und darauf bestand, dass er sie heiratete, obwohl er verlobt war. Vom Großvater, dem Kaiser, bekam sie eine großzügige und prunkvolle Ausstattung, die für mehrere Leben gereicht hätte. Doch der ganze Reichtum half nicht. Mit dieser erzwungenen Ehe schaffte sie sich selbst ihr jahrelanges Martyrium. Die Ehe wurde nicht glücklich und es folgte eine lange und hässliche Scheidung mit einem unwürdigen Kampf um die gemeinsamen Kinder. Mit den romantischen Vorstellungen einer Prinzessin hat das ganz und gar nichts zu tun. Im Gegenteil!

Wie der Autor darlegt, war Elisabeth eine recht schwierige und auch bestimmende Person. Aufbrausend den Dienstboten gegenüber, was diese damit quittierten, dass Otto auch während der Jahre der Trennung über jeden Schritt Elisabeths informiert wurde.

Mit unserem heutigen Verständnis ist Elisabeths Leben bis dahin nur schwer zu erfassen. Erst später, als sie Sozialistin und Elisabeth Petznek wurde, wird sie mir als Leser sympathisch. Leider ist mehr von der Potenz ihres Ehemannes Otto die Rede (was mich nicht sonderlich interessiert), als von ihrem Wandel zur Sozialistin.

Wie schon zu Anfang geschrieben, ist es ein biographischer Roman, in dem sich Wahrheit und Dichtung einander ergänzen. Da dürfen geheimnisvolle Andeutungen am Ende des Buches natürlich nicht fehlen.

Bewertung vom 07.11.2016
Golden Boy
Adiga, Aravind

Golden Boy


ausgezeichnet

Falls ich dieses Buch in einer bestimmten Schublade ablegen müsste, würde ich es in der Kategorie Entwicklungsroman einordnen. Die Brüder Manjunath und Radha leben in Mumbai (Indien) in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Schon sehr früh erkannte deren Vater, dass beide großes Talent für den Nationalsport Cricket haben. Das macht ihn auf der einen Seite stolz und zeigt ihm auf der anderen Seite eine Möglichkeit, wie sie den Slums entkommen können

Anfangs ist es nicht einfach, in diesem Roman anzukommen. Das liegt einerseits an den vielen fremden Namen, die man mitunter nur schwer zuordnen kann, auf der anderen Seite an den Eigenarten dieser fremden Kultur. Doch das Lesen lohnt sich! Ich glaube, für jemanden der bereits einen Bezug zu Indien hat, geht das Eintauchen in das Leben, den Alltag der Protagonisten problemloser und schneller. Aber ist es nicht gerade das, was ein Buch soll - den Leser auf eine andere Kultur neugierig machen, das Interesse am Unbekannten wecken und den Wunsch befeuern, sich mit dieser anderen Kultur, dieser unbekannten Lebensform zu beschäftigen, damit man die Welt etwas besser versteht? Nach dem Lesen von "Golden Boy" ist man um viele Gedanken und Erkenntnisse reicher.

Der Autor schreibt in einer sehr schönen, an einigen Stellen fast blumigen Sprache. Doch es finden sich auch Passagen voller Lebensweisheiten. Z. B. Seite 54: "Rache ist der Kapitalismus der Armen: die Art und Weise, wie sie die ursprüngliche Wunde bewahren, unmittelbare Genugtuung aufschieben, die erste Beleidigung mit neuen Beleidigungen mästen, Bosheit investieren und reinvestieren und auf den perfekten Augenblick warten, um zurückzuschlagen." Allein schon über diesen Satz lohnt es sich, intensiv nachzudenken.

Doch im Leben gibt es nichts umsonst. Das Training bestimmt den Tagesablauf von Manjuhta und Radha. Javed, Manjus Freund prophezeit ihm, er werde zum Sklaven des Cricket und der Geldgeber, die seine Ausbildung bezahlen.

Aber es ist nicht nur der Sport, von dem Manju verwirrt ist, sondern auch seine sexuelle Orientierung. Wer ist er? Schwulsein gehört in Indien zu dem Schlimmsten, was einem jungen Mann widerfahren kann und er ist sich nicht sicher, findet sich sein Platz in dieser ausgegrenzten Gruppe oder vielleicht doch nicht?

Der Autor, Aravind Adiga, lässt auf S. 116 Mehta (dieser finanziert die Cricket-Ausbildung der Brüder, erhofft dabei für sich selbst das große Geld, sobald sich die sportlichen Erfolge einstellen) eine bemerkenswerte Aussage über Indien machen: "...Ach, Cricket. Ich sage immer, wir mussten die Engländer erst loswerden, um die Vorteile der englischen Zivilisation genießen zu können".

Einige Zeilen weiter, ebenfalls auf S. 116 wird es richtig provokant, als Metha einem Amerikaner seine recht persönliche und sonderbare Version, weshalb Cricket von der Regierung Indiens per Gesetz vorgeschrieben wurde mitteilt: "...Wissen sie, wir sitzen auf einer Zeitbombe: Weil Mädchen im Mutterleib getötet werden, fehlen unserer Bevölkerung ungefähr zehn Millionen Frauen....... Ich prophezeie ihnen, dass junge indische Männer zunehmend geistesgestört werden, weil sie keine Frauen zum Heiraten finden, und nicht einmal welche, mit denen sie sich paaren können. ...Nur eines kann uns vor diesem geballten bösartigen Hindu-Testosteron schützen: Cricket......".

Dies ist wohl eine der eigenwilligsten Interpretationen in Bezug auf die Beliebtheit dieses Sports, die man sich vorstellen kann.

Wer sich erhoffte, einen Roman mit einem platten Happy end zu lesen, der wird enttäuscht sein. Liebe und Ausbeutung, Leidenschaft und Gewalt gehen Hand in Hand. Auch am Ende sind da sowohl Licht und Schatten zugleich.

Mit dem Vater Mohan Kumar brechen beide Söhne. Doch dieser hat sein Ziel erreicht, seine beiden Jungen sind den Slums von Mumbai entronnen.

Bewertung vom 07.10.2016
Das Leben ist ein merkwürdiger Ort
Ostlund, Lori

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort


ausgezeichnet

Angesprochen wurde ich durch das Cover, mit diesem typischen Foto der Golden Gate in San Francisco im Nebel.

Was mich als Roman erwartete, war jedoch ganz anders als erwartet. Es ist ein Buch der leisen Töne. Wunderschön. Kein Highlight jagt das nächste und die üblichen Protagonisten zeitgenössischer Romane, die sich in ihrem Ruhm und Reichtum sonnen, die sucht man hier vergebens.

Im Mittelpunkt dieses Buches steht Aaron. Es beginnt damit, dass Aaron seinen langjährigen Lebensgefährten Walter verlässt. Auf der Fahrt von Albuquerque (New Mexico) nach San Francisco (Kalifornien) lässt er sein Leben Revue passieren.

Wir lernen dieses Kind Aaron kenne, voller Vertrauen in die Welt der Erwachsenen und brav - um nicht zu sagen unterwürfig. Ein cholerischer Vater und eine schwache Mutter, die ihn immer dann im Stich lässt, wenn er sie dringend bräuchte. Den Vater verliert Aaron schon sehr früh durch einen Unfall und verlässt danach mit seiner Mutter die Stadt und sein Lebensumfeld. Der erste Weggang und Neuanfang. Seine Mutter übernimmt ein Café, in dem er schon als Kind mitarbeiten muss. Später überlässt sie ihren Sohn den unterschiedlichsten Menschen in dem neuen Wohnort, die Hilfe brauchen. Doch die Motivation seiner Mutter ist eine ganz eigene. Sie will Zeit für sich alleine, da auch sie von diesem Leben überfordert ist. Aaron, ein feinfühliger Junge merkt sofort, dass sie Distanz zu ihm sucht. Ihr Wunsch nach Abstand geht später so weit, dass sie ihren Sohn ohne ein Wort des Abschieds verlässt. Die Köchin des Cafés nimmt Aaron mit zu sich nach Hause, weil er nicht weiß wohin. Er hat das Glück, im richtigen Moment die richtigen Menschen zu treffen.

So auch Walter, einen viel älteren Mann, der Aaron später bei sich aufnimmt und ihm die Ausbildung zum Lehrer bezahlt. Zwischen ihnen entwickelt sich eine berührungslose Liebe. Erst nach einigen Jahren werden sie ein schwules Liebespaar und bleiben über 20 Jahre zusammen. Walters sanftes Wesen und seine tiefe Liebe bewirken, dass Aaron, dieser verletzte, in seinem Inneren noch immer kleine Junge, heil wird. Doch irgendwann wird Aaron diese Liebe zu eng, verflüchtigt sich. Zurück bleibt lediglich Dankbarkeit, zu wenig für ein gemeinsames Leben. Er kommt zu der Erkenntnis, das Walter ihm die Wünsche von den Augen abgelesen habe um ihn an sich zu binden, von sich abhängig zu machen.

Ist die Liebe nicht oftmals so, dass der Partner zum Besitz wird? Viele solcher Lebensweisheiten sind immer wieder in diesen Roman eingeflochten. Wie auch auf Seite 212: "... Eines jedenfalls hatte er gelernt, wenn er sich anhörte, was seine Schüler alles wissen wollten: Gar nichts würde je besser werden in diesem Land, wenn die Menschen nicht endlich lernten, all die Fragen zu stellen, die nie zu stellen man ihnen beigebracht hatte."

Im Hinblick auf die Rezi markierte ich jede Seite, die eine erwähnenswerte Stelle enthielt mit einem Stück Papier, bis ich feststellte, dass ich laufend solche Markierungen angebracht hatte und sich der Deckel anfing zu biegen. Danach ließ ich es sein und fand mich damit ab, dass dieses Buch davon überfloss und ich all diese Stellen in der Rezi gar nicht ansprechen kann. Es sind einfach zu viele.

An der Schule in San Francisco gibt Aaron die Menschenfreundlichkeit, die Walter ihm vorlebte, an seine erwachsenen Schüler, die aus aller Welt hierher kamen und ein gutes Leben in den USA erhoffen, weiter.

Am Ende sagt Aaron "Danke" zu Walter, "du hast mich gerettet". Im Alter von 42 Jahren lässt er die Schatten seiner Kindheit und Jugend hinter sich. Er ist bereit, ein neues Leben anzugehen.

Wie schon eingangs erwähnt, es ist ein Buch der leisen Töne in einer wunderschönen Sprache geschrieben. Von der ersten bis zur letzten Seite war ich davon angetan.

Bewertung vom 23.09.2016
Bilder lügen nicht
Schönherr, Elisabeth

Bilder lügen nicht


sehr gut

Das Cover hat mich vom ersten Moment an fasziniert. Dieses Bild mit der extravaganten Damen, dahinter der Herr, nahm sofort meine Aufmerksamkeit ein. Die leuchtenden Farben sind ein Hingucker, nach dem man spontan greift. Passender konnte das Bild nicht gewählt werden, denn es stimmt den Leser sofort darauf ein, was ihn in diesem Buch erwartet.

Es geht um Kunst, Intrigen, Gier und nicht alltägliche Personen.

Allen voran Edith, bei der die Fäden dieses Romans zusammenlaufen. Eher durch Zufall landet sie als Hausmädchen in einer renovierungsbedürftigen Villa bei einer älteren Dame, die das neue Mädchen sofort ins Herz schließt. Ja, sie geht sogar so weit und bietet Edith und ihrem Mann, einem Maler, an, die Wohnung in der oberen Etage zu beziehen, damit Edith immer in ihrer Nähe ist.

In dieses abgelegene Haus in der Nähe Wiens wurde schon mehrmals eingebrochen. Da über dem Klavier ein echter Klimt hängt müssten bessere Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, will der Neffe seine Tante überreden. Vor allem müsse das Bild entsprechend versichert werden. Er empfiehlt ihr, eine von ihm vorgeschlagene Expertin zu kontaktieren. Dass er damit ganz eigene Pläne verbindet, versteht sich von selbst. Doch seine Tante lehnt entschieden ab. Die verwitwete alten Dame weiß, dazu fehlt ihr das Geld. Zudem ist sie eigensinnig.

Es ist schon ein großer Zufall, dass Edith diesen Neffen in dem Café, in dem sie zuvor arbeitete, als einen unangenehmen Zeitgenossen kennengelernt hat.

Als wären das noch nicht verdächtige und eigenartige Leute genug, gibt es auch noch den Gärtner mit seiner Frau, die von Zeit zu Zeit Gegenstände aus dem Haus tragen und diese verkaufen.

Wie sollte es anders sein, eines Nachts kommt die alte Dame durch einen Sturz im Treppenhaus zu Tode und als ihr Testament Tage später eröffnet wird, kommt der Stein erst richtig ins Rollen. Ab da nimmt der Roman richtig Spannung auf.

Soviel zum Inhalt.

Der Zeitrahmen, der Schreibstil (sehr gut zu lesen!) als auch die Handlungsstränge sind gut durchdacht und aufeinander abgestimmt. Der Roman passt genau nach Wien. Für all das würde ich 5 Sterne geben, wenn - ja wenn da nicht die Personen wären, die mir als Leser seltsam fremd bleiben. Es ist, als wäre da eine trennende Wand zwischen Edith, ihrem malenden Ehemann, als auch den übrigen Personen und mir als Leser. Keinen dieser, ansonsten gut beschriebenen Charaktere, kann ich als Persönlichkeit erfassen. Meine Gefühle ihnen gegenüber sind von einer eigenartigen Distanziertheit. Letztendlich empfinde ich weder Sympathie noch Abneigung ihnen gegenüber. Vielleicht liegt es daran, dass in jedem eine ganz eigene Art von Verschlagenheit zu Tage tritt. Mir fehlt etwas der Funke, der überspringt. Das ist auch der Grund, weshalb ich 1 1/2 Punkte abziehe, also auf 3,5 Sternchen gehe. Doch da es das nicht gibt, entscheide ich mich für 4.

Bis auf diesen kleinen "Makel" hat der Roman vieles zu bieten, was das Herz eines Lesers höher schlagen lässt und seine Neugierde weckt.

Bewertung vom 28.08.2016
Lebe Sarajevo!
Carter, Bill

Lebe Sarajevo!


ausgezeichnet

Keine Frage, dies ist ein außergewöhnliches Buch.

Bill Carter nimmt uns in "Lebe Sarajevo!" - der englische Titel "FOOLS RUSH IN" - mit, in eine Welt der Gewalt. Dieser Welt ist auch die Sprache angepasst, in der dieses Buch geschrieben wurde. Es sind derbe Ausdrücke die oftmals brüskieren. Eine äußerst grobe (Männer)Sprache.

Es beginnt schon mit dem prügelnden Vater, der wie ein Damoklesschwert über seiner Familie schwebt. Die Mutter wurde halbtot geschlagen und die Kinder mussten im Nebenzimmer, in Angst erstarrt, ausharren. Für die kleinsten Malheurs wurden die beiden Söhne in völlig sinnloser Gewalt mit Dielenbrettern wild verprügelt. Wahrscheinlich fühlte sich der Vater noch im Recht bei seinem Handeln, hatte vielleicht nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Die Kinder entwickelten eine Überlebensstrategie, die Bill in Sarajevo zu Gute kommt.

Trotz dieser schrecklichen Erfahrungen verlor Bill nicht den Boden unter den Füßen. Er glitt nicht ab, sondern besuchte ein College, machte seinen Abschluss und lebte dann das Leben, das er sich schon als kleiner Junge erträumte, als er jeden Monat die "National Geographic" las: Er reiste durch die Welt und schaute über seinen Tellerrand. An einem seiner vielen Aufenthaltsorte lernte er seine große Liebe kennen und verlor sie nach nur einem Jahr wieder durch einen Unfall.

All diese schlimmen Erfahrungen bewirkten, dass er sich in diesen Krieg ins Ex-Jugoslawien aufmachte. Dass er Graeme und Tony kennenlernte, ist wohl eher ein glücklicher Zufall. Sie nahmen ihn mit auf ihre Hilfstransporte in das belagerte Sarajevo.

Bill Carter führt uns in diesem Buch den Krieg von innen vor Augen, mit den täglichen Ängsten und Nöten ums Überleben, wurde einer der Bewohner von Sarajevo, der wild über die Straße rannte, damit er nicht von einem Tschetnik erschossen wird. Er schreibt von dem sinnlosen Gemetzel, den Schüssen auf Schulkinder, morgens auf ihrem Weg in die Schule. Aber er schreibt auch von der nicht versiegenden Lebensfreude der eingeschlossenen Menschen, die Musik machten, Bilder malten und in Blumenkästen auf der Fensterbank Zwiebeln zogen.

In diesem zivilisierten Europa tobte ein grausamer Kampf. Kaum jemand wusste noch: Wer gegen wen und warum. Politiker, Menschen bei Hilfsorganisationen usw rieben sich verwundert die Augen und konnten es nicht fassen, dass so etwas mitten unter uns möglich sein konnte. Die UN war nahezu machtlos.

Bill Carter beschreibt die Reporter, die im sicheren Hotel wohnten, jeden Tag genügend auf dem Teller hatten um satt zu werden und deren Job es war, über diese Kämpfe zu berichten. Aus seiner Sicht war es deren Job, nicht ihr Mitgefühl, was sie dort hielt.

Es liest sich, als stünde Bill Carter immer unter Dampf, der sich jeden Moment entladen und explodieren könnte. Nur mit diesem Druck etwas bewegen zu wollen, schaffte er es, mit der Gruppe U2 in Verbindung zu treten, diese Schaltungen zu deren Konzerte zu erreichen und die Welt auf das Leid der Eingeschlossenen aufmerksam zu machen.

Dies ist ein Buch voller Kraft und Überlebenswille. Aber immer wieder brechen auch diese vielen schwachen und zermürbenden Momente durch diese Flut von Gewalt. Es ist ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht des Autors über diesen sinnlosen Krieg, als auch über den Überlebenskünstler und Menschen Bill Carter, das ich jedem empfehlen kann.

Nach Beendigung dieses Buches kann man nicht den Deckel zuklappen wie bei einem Schmöker und zur Tagesordnung übergehen, als sei dieser Krieg schon längst Vergangenheit und ginge uns nichts mehr an. Damals war es Sarajevo, heute Aleppo oder... oder... oder...

Bewertung vom 17.05.2016
Der Zaun
Telser, Dietmar

Der Zaun


ausgezeichnet

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen die Flüchtlinge.

Doch im alltäglichen, öffentlichen Leben hört man die Reden von der Flüchtlingsproblematik. Dabei gibt es zwei Seiten. Eine Seite betrifft die Menschen, die von Krieg und Bomben aus ihrem Land getrieben werden und hoffen, in Europa einen Platz für ein friedliches Leben zu finden. Abends ins Ruhe einschlafen können und morgens, ohne dass ihnen das Dach über dem Kopf zerbombt wurde, wieder aufwachen. Keine Angst mehr vor Zwangsrekrutierungen in ihrem Land zu haben, keine Grausamkeiten mehr miterleben und ansehen müssen. Im Grunde ganz verständliche Wünsche.

Doch auf der anderen Seite sind die, zu denen die Flüchtlinge kommen und die Angst vor dem Fremden haben, nicht wissen wie sie mit diesen vielen Menschen anderer Kulturen zusammen leben sollen. Die Angst haben, an den Rand gedrängt zu werden, selbst womöglich zu kurz zu kommen.

Schon bevor die große Fluchtwelle über die Balkanroute auf Europa schwappte, hörte man oft von Flüchtlingsbooten, die es bis Lampedusa geschafft hatten. Im übrigen Europa nahm man es zwar zur Kenntnis, doch man hörte trotzdem nicht richtig hin. Boote kenterten, die Menschen ertranken. Auch das nahmen wir zur Kenntnis.

Erst als die Flüchtlingswelle zu einer Völkerwanderung wurde, wachten wir auf.

Nun soll "Der Zaun" die Festung Europa schützen.

Der Autor lässt im Grunde nette Menschen zu Wort kommen, die ihren Dienst an diesem Zaun verrichten. Auf der einen Seite besorgen sie Windeln für ein Baby und auf der anderen Seite passen sie auf, dass keiner diese Grenze überschreiten kann. Europa investiert zig Millionen in diese Abgrenzung.

Doch es gibt auch andere Wege in dieses "Paradies" Europa zu gelangen. Schlepper erkennen ihre Chance das schnelle, große Geld zu machen und verfrachten Flüchtlinge auf Boote, die für die Überquerung des Mittelmeeres nicht geeignet sind. Die Menschen haben zu Hause alles verkauft, damit sie sich diese gefährliche Überfahrt leisten können. Wieviele bezahlen diese Hoffnung mit dem Leben? Mütter hören nichts mehr von ihren Söhnen die sich aufmachten in ein besseres Leben. Obwohl die Handys, iPhones der Söhne stumm bleiben, geben diese Mütter die Hoffnung nicht auf. Vielleicht können sie auch nur mit dieser Hoffnung weiter leben.

Besonders berührt hat mich, als ein Arzt von einer Leichenschau berichtet die er durchführte. Vor ihm lag ein ertrunkener Syrer, in Plastikfolie seine Papiere eingeschweißt, die ihn als einen Kollegen ausweisen, einen Arzt, der den gleichen beruflichen Werdegang hatte wie er selbst. Nur, dieser Flüchtling hatte das Pech im falschen Land geboren zu sein, auf der falschen Seite des Zauns.

Der Autor schafft es, uns in diesem Buch all diese Menschen nah zu bringen, weit über dieses "zur Kenntnis nehmen" hinaus.

Wir, die wir in Europa geboren wurden, hier aufgewachsen sind und ein friedliches Leben führen, haben einfach nur das Glück gehabt, zur richtigen Zeit auf der richtigen Seite des Zauns das Licht der Welt erblickt zu haben. Ein Privileg - keine Selbstverständlichkeit. Das sollten wir nicht vergessen. Flüchtlinge gehen uns alle an.