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amara5

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Insgesamt 130 Bewertungen
Bewertung vom 26.11.2025
Hertmans, Stefan

Dius


sehr gut

Mit allen Sinnen
In seinem neuen lesenswerten Roman „Dius“ entfaltet Stefan Hertmans eine faszinierende Geschichte einer unkonventionellen sowie zerbrechlichen Männerfreundschaft – Anton ist Dozent für Kunstphilosophie und ist fasziniert von dem jüngeren, aufgeweckten Studenten Egidius De Blaeser (Dius), der ihm seine Gesellschaft anbietet.

Anfangs noch skeptisch, wird Anton schnell süchtig nach den langen Spaziergängen und Gesprächen mit Dius in dessen Landhaus in der flämischen Polderlandschaft – sie philosophieren über die Kunst, Musik, über das Leben, die Veränderungen und Naturzerstörung. Am Schreibtisch im Dorfhaus ist Anton weit weg von der Stadt und das Zuhause mit seiner Freundin – die Beziehung scheint langsam in die Brüche zu gehen, auch aufgrund einer Affäre. Der intellektuelle Kopfmensch Anton lässt sich inspirieren von Dius' Gefühlen, Kraft und Impulsivität, doch beide sind auch ambivalent und Dius, der eine schwierige Kindheit hatte, zudem undurchsichtig.

„Dius“ ist ein sehr feinsinniger, poetischer Roman, der sich langsam entwickelt und weniger von der Handlung, sondern von der sinnlich-bewegenden Beschreibung der fragilen Freundschaft getragen wird. Mit wunderschönen einprägsamen Landschaftsbildern verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und das Betrachten von Kunstgemälden – Stefan Hertmans lässt unzählige Verweise auf Kunst, Musik und Philosophie einfließen und vertieft so die Gefühlswelten seiner Protagonisten. Aus der reflektierenden Perspektive blickt der Ich-Erzähler Anton im etwa 340 Seiten starken Roman auf seine Vergangenheit und Zeit mit Dius zurück – auch einige unterhaltsame Anekdoten fließen mitein sowie eindringliche Gedanken, verpackt in präzise treffenden Sätzen, über verpasste Chancen und Verluste.

Kunstvoll verwebt Stefan Hertmans sinnlich beschriebene Ausflüge in die Kunstgeschichte und in die flämische Natur mit dem feinfühligen Sinnieren seines Ich-Erzählers. Ein gelungener Roman, der zwar zwischendurch Längen aufweist, aber mit vielschichtigen Sinnen und Emotionen anspricht.

Bewertung vom 17.11.2025
Tidhar, Lavie

Adama


sehr gut

Alte Geister
In seinem neuen schonungslosen Krimiroman „Adama“ verknüpft Lavie Tidhar packend und intensiv die generationsübergreifende Geschichte Holocaust-Überlebender, die sich in Palästina ein neues Leben im Kibbuz aufbauen wollen, mit verschiedenen historischen Ereignissen in der Gründungsgeschichte Israels. Die Protagonisten sind einerseits seelisch traumatisiert und suchen nach einer Identität in einem neuen Land, auf der anderen Seite scheuen sie vor keiner Gewalt oder Rachetat zurück.

Zeitlich verschachtelt zwischen den Jahren 1946 bis 2009 erzählt Tidhar auktorial und vielschichtig, wie die mutige Jüdin Ruth sich im Kibbuz einen Namen macht – während des Holocausts aus Ungarn geflohen, weiß sie noch nicht, was aus ihrer Schwester Sosh geworden ist und sinnt nach gnadenloser Rache nach dem Denunzierer ihrer Familie. In Palästina ist sie nicht nur im Widerstand gegen die britischen Besatzer, sondern hält auch mit nicht legalen Mitteln den Kibbuz finanziell am Laufen. In einem anderen Erzählstrang schildert Tidhar das Leben von Sosh, die in einem deutschen Lager für Displaced Persons gelandet ist, eigentlich in die USA auswandern möchte, aber dann doch im Kibbuz von Ruth landet. Auch sie hat Traumatisches erlebt, Rache geübt und findet sich anders als Ruth nur schwer im Kibbuz mit den strengen Regeln zurecht. Als ein Film von US-Produzenten im neuen Staat Israel im Kibbuz gedreht wird, sieht sie ihren Traum vom Auswandern näher rücken.

Eindringlich, teils düster und stets mit knappen, präzisen Sätzen erschafft Lavie Tidhar eine soghafte, dichte Atmosphäre sowie gnadenlose Spannung – während Israels Geschichte mit Kriegen und blutigen Auseinandersetzungen passiert, lässt der Autor bewegend noch weitere Familienmitglieder und Liebhaber auftauchen und teils tragisch wieder verschwinden. Alle kämpfen mit Geistern aus der Vergangenheit, Unerzähltes in der Familie und um Liebe – wie der bewegende Schluss mit der mittlerweilen betagten Ruth deutlich macht. In unterschiedlichen Zeiten und an mehreren Orten passiert sehr viel in Lavie Tidhars lesenswertem Roman – viel Gewalt, kriminelle Machenschaften und Blutvergießen um ein Land, aber auch unendlicher Zusammenhalt innerhalb einer Familie, die eine neue Heimat sucht.

Bewertung vom 24.08.2025
Gestern, Hélène

Rückkehr nach St. Malo


sehr gut

Welle um Welle
Die französische Autorin Hélène Gestern verwebt in ihrem neuen Roman „Rückkehr nach St. Malo“ auf großartige Weise die wilde Naturgewalt am Meer der Bretagne mit einer generationsübergreifenden Familiengeschichte.

Yann de Kérambrun ist Geschichtsprofessor in Paris und steht mit Ende 40 an einem Wendepunkt in seinem Leben – die Ehe ist gescheitert, der Sohn nach Deutschland gezogen und der Vater, mit dem er nie ein enges Verhältnis hatte, gestorben. Er beschließt, seine Arbeit vorerst an den Nagel zu hängen und nach Saint-Malo in das leerstehende, ehemalige Elternhaus zu ziehen. Dort stößt er auf ein umfangreiches Archiv, das nicht nur Geschäftsunterlagen des prestigeträchtigen Unternehmens Kérambrun enthält, sondern auch Briefe und Notizbücher, die ihn auf ein Geheimnis stoßen. Vor vielen Jahrzehnten vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat Urgroßvater Octave die Reederei gegründet – ein visionärer Mann, der innerlich mit Zweifeln zu kämpfen hatte. Während Yann seine Notizen liest, reflektiert er sein eigenes Leben.

Atmosphärisch dicht schildert Hélène Gestern die Gezeiten, die Welle für Welle kommen und gehen, Spuren verwischen und neue auftauchen lassen. Geschickt spiegeln die Naturschauspiele das Innenleben des Ich-Erzählers und Protagonisten Yann wider – nie konnte er sich zu Lebzeiten mit dem anspruchsvollen Vater und Geschäftsmann versöhnen und vor einigen Jahren ist zudem sein geliebter Zwillingsbruder bei einem tragischen Verkehrsunfall gestorben.

Stück für Stück blättert sich Yann durch die Archivpapiere, durch seine Familiengeschichte, die ihn zudem auf die sagenumwobene Insel Cézembre führen wird – schon immer hatte diese eine geheimnisvolle Anziehung auf ihn ausgeübt. Jahrzehntelang war sie für Publikumsverkehr gesperrt, nun ist sie wieder geöffnet.

Hélène Gestern schreibt sehr bewegend-sinnlich und schafft es, einen packenden Lesesog aufzubauen – nie rutscht sie ins Kitschige ab, obwohl sich auch eine feinfühlige Liebesgeschichte entwickelt. Im Vordergrund steht die Versöhnung mit der eigenen brüchigen Biografie samt Verletzungen und mit verstorbenen Familienmitgliedern. Ein Familienstammbaum am Ende des Romans dient zur Orientierung. Ein empfehlenswerter, fesselnder Roman, der gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit changiert, persönliche und historische Ereignisse einflechtet und bei allem den unzähmbaren, getakteten Verlauf der Gezeiten grandios als emotionale Kulisse einfängt.

Bewertung vom 07.08.2025
Fonthes, Christina

Wohin du auch gehst


sehr gut

Sprache des Schweigens
Die britisch-kongolesische Schriftstellerin Christina Fonthes verflechtet in ihrem gelungenen und lesenswerten Debüt „Wohin du auch gehst“ auf sehr eindringliche, berührende Weise den miteinander verwobenen Lebensweg zweier kongolesischer Frauen auf verschiedenen Zeitebenen und Kontinenten. Dabei thematisiert sie authentisch, intensiv und bewegend, was es heißt, queer und PoC zu sein sowie die stille Macht jahrzehntelangen Schweigens und von weitergebenen Traumata.

Die junge Mira wächst unter wohlhabenden Umständen in Gombe, Kinshasa auf – als sie sich in den 1980er-Jahren in einen Straßenmusiker verliebt, versucht die angesehene Familie diese Liebe unter allen Umständen zu verhindern. Anfang der 2000er-Jahre lebt Bijoux in London bei ihrer nun streng religiösen Tante Mireille (Mira), nachdem sie mit 12 Jahren den Kongo verlassen musste. Als sie sich in eine Frau verliebt, ist Mireille sowie die traditionelle Kirchengemeinde empört und Bijoux soll mit einem Mann verheiratet werden.

Feinfühlig und gekonnt wechselt Christina Fonthes zwischen den Zeiten und Innenwelten ihrer Protagonistinnen, die abseits ihrer Heimat ihre afrikanische Identität nur innerlich zerrissen und bruchstückhaft integrieren können. Packend bis zum Schluss schildert sie den Ausbruch aus familiären Verstrickungen, Konventionen sowie strengen Glaubensgemeinschaften und zeigt mit vielen zeithistorischen Rückblenden auf, wie aus Mira die verbittere Mireille geworden ist. Und wie kraftvoll es sein kann, einen Weg aus dem Schweigen in eine gemeinsame Sprache zu finden. Ein kraftvolles, soghaftes und empfehlenswertes Debüt!

Bewertung vom 03.06.2025
Vuong, Ocean

Der Kaiser der Freude


ausgezeichnet

Die Abgehängten
Nach seinem weltreich erfolgreichen Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ veröffentlichte Ocean Vuong ein Gedichtband – nun hat er seinen zweiten Roman „Der Kaiser der Freude“ geschrieben, in dem er seinen jungen Protagonisten Hai zwischen Hoffnung, Tristesse und menschlichen Zusammenhalt in einer trostlosen US-Provinzstadt pendeln lässt.

Der junge Studienabbrecher mit vietnamesischen Wurzeln Hai will sich eigentlich von einer Brücke in der fiktiven Kleinstadt East Gladness in Connecticut stürzen – da halten ihn die Rufe der 82-jährigen Grazina auf. Sie ist vor längerer Zeit aus Litauen eingewandert, an Demenz erkrankt, braucht allerhand Medikamente und sucht in ihrem Haus Unterstützung im täglichen Ablauf. Kurzerhand bilden die beiden ein Gespann und Hai zieht ein – seiner Mutter gaukelt er am Telefon vor, noch zu studieren, aber er sucht sich einen Job im nahegelegenen Schnellrestaurant. Dort trifft er auf weitere von der Gesellschaft „abgehängten“ Menschen, die zwar alle vom Leben gebeutelt sind und ihre Schrullen haben, aber gemeinsam ein stützendes Team bilden. Bei Grazina kommen nachts die Geister der Vergangenheit halluzinatorisch zutage, die sich mit ihrer Demenzkrankheit vermischen – hier versucht Hai zu beruhigen und gemeinsam bilden sie ein Gespann, das Halt im Gegenüber und im Geschichten erzählen findet. Denn auch Hai kämpft mit den Traumen seiner Vergangenheit, die von Opioidsucht und dem Verlust eines nahen Freundes geprägt ist – bewegende Rückblenden bringen ihn zudem in sein Heimatland zu der schizophrenen Großmutter.

Ocean Vuong ist sehr sprachgewandt und lyrisch – einzigartige Metaphern, in denen sich die Natur und die Stadt gleichsam spiegelt, treffen auf menschliche Zerrissenheit. Dass die Geschichte nicht ins Kitschige überdriftet, meistert der Autor mit seinem klugen Humor und seiner einfühlsamen Poesie – gekonnt navigiert er durch tiefe Traurigkeit und absurd-komischen Erlebnissen. Auf knapp über 500 Seiten hat Ocean Vuong einen sehr lesenswerten Bildungsroman entworfen, der neben der facettenreichen Selbstfindung des Protagonisten im Außen zahlreiche Themen aufgreift: die Opioidkrise in den USA, der harte Arbeitsmarkt im Kapitalismus, Einwanderung in die USA, industrielle Tierschlachtung, Mental Health, Queerness, Kriegstraumata, Abnabelung von der Familie, ohne die Wurzeln zu verlieren.

Zwischen viel Hoffnungslosigkeit in prekären Verhältnissen leuchtet immer wieder die Freude über das Leben in diesem empfehlenswerten Roman – und Ocean Vuong jongliert bravourös und mit viel Erzählfreude durch die scharf beobachtenden Augen seines Protagonisten durch diese Höhen und Tiefen in der amerikanischen Provinzstadt.

Bewertung vom 09.04.2025
Lorenz, Sarah

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken


sehr gut

Dear Mascha
Sarah Lorenz verwebt in ihrem eindringlichen Debütroman „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ die schmerzhafte Vergangenheit ihrer jungen Ich-Erzählerin Elisa mit der zauberhaften Lyrik der Dichterin Mascha Kaléko. Intensiv, poetisch und ergreifend zeichnet sie dabei einen brüchig-traumatischen Lebenslauf auf, der durch die Liebe zu Büchern und Sprache am Ende Heilung sowie Lebensmut erfährt.

Elisa war lange eine Getriebene auf der Flucht vor ihrem lieblosen Elternhaus und kalten Mutter – nach Stationen im Jugendheim obdachlos, gerät sie an die falschen Menschen, an Drogen und Alkohol. Ihre Seele ist verwundet sowie innerlich zerrissen und in assoziativen Rückblicken schildert Sarah Lorenz einfühlsam-emotional den Leidensweg von Elisa, ohne rührselig zu werden. Die Kombination aus Gedichten von Mascha Kaléko mit den packenden Monologen der Protagonistin, die sie gedanklich an Mascha richtet, entfaltet einen bewegenden Sog in die turbulente Gefühlswelt einer Frau, die hart und zugleich sanft auf ihr jüngeres Ich schaut und ausgiebig reflektiert.

Auch wenn viele schwierige Themen wie Missbrauch, Mental Health und Gewalt direkt zum Ausdruck kommen, versprüht der Roman in rhythmischer Sprache viel Tröstliches und macht große Lust, das Werk der verstorbenen Dichterin zu erkunden. Ein empfehlenswerter, gefühlsbetonter Roman, der die Kraft von Freundschaft und Büchern feiert.

Bewertung vom 08.12.2024
Biringer, Eva

Unversehrt. Frauen und Schmerz


sehr gut

Die verletzte Frau
Die Journalistin Eva Biringer gibt in ihrem essayistischen Sachbuch „Unversehrt“ den Schmerz ihrer Großmutter, ihrem eigenen, aber vor allem den Frauen an sich eine profund recherchierte und bewegende Stimme zum Thema Schmerz – dabei wird beim eindringlichen Lesen klar, dass die Geschichte des weiblichen Schmerzes bis heute von vielen Verletzungen und patriarchalischem Übergehen geprägt ist. Unversehrt und ernst genommen bleiben die wenigsten Frauen – eher werden sie in die psychosomatische (früher gar hysterische) Schublade gesteckt, bevor eventuell nach vielen Jahren eine weiterführende, ärztliche Diagnostik erfolgt.

Mit der persönlichen Geschichte der schmerzgeplagten und mit Benzodiazepinen ruhig gestellten Großmutter beginnt das packende Buch und sie dient auch als roter Faden – daneben spannt Eva Biringer einen weiten, lehrreichen Bogen um die Betrachtung des Phänomens Schmerz aus gesellschaftlicher, kultureller, wissenschaftlicher Sicht und sogar im kunsthistorischen Kontext: Von der leidenden Maria Mutter Gottes bis hin zur Performancekünstlerin Marina Abramović.

Strukturiert und klar im sprachlichen Ausdruck arbeitet die Autorin mit vielen Quellen, Studien und Verweisen auf andere Autor*innen, welche am Ende im umfangreichen Anhang aufgelistet werden. So dienen beispielsweise die essayistischen Schriftstellerinnen Elinor Cleghorn und Leslie Jamison als Vorbilder und Verfasser wichtiger Werke in diesen Themengebieten.

Die Vielzahl an Betrachtungsweisen, Themen und Reflexionen packt Biringer in eine flüssig-unterhaltsame Sprache – stellenweise ist diese wütend, humorvoll oder einfach analystisch, aber immer intensiv, feministisch und scharfsinnig.

„Unversehrt“ ist eine kluge, gesellschaftskritische Analyse und macht am Ende nachdenklich bis wütend. Überfällig und sehr lesenswert!

Bewertung vom 13.10.2024
Sanyal, Mithu

Antichristie


sehr gut

Komplexe Zeitreise
In Mithu Sanyals neuem vielschichtigen und Buchpreis nominierten Roman „Antichristie“ wird mit zahlreichen Dialogen und Diskursen die Kolonialisierung Indiens durch die Engländer sowie die Auswirkungen in der Gegenwart auf allen Seiten beleuchtet – dabei geht es humorvoll, diskussionsfreudig sowie zeitübergreifend zu.

Die 50jährige, deutsch-indische Drehbuchautorin Durga will im Jahr 2022 die Asche ihrer Mutter Lila, die zeitlebens ihr Leben dem indischen Befreiungskampf verschrieben hat, verstreuen, als der Wind sie wieder zurückweht und knirschend zwischen ihren Zähnen landet. Noch in diesem Augenblick spricht sie sich mit dem Drehbuchkollektiv in London ab – ein Agatha-Christie-Film soll politisch korrekt umgeschrieben werden. Durga reist nach London und erlebt den Tod der Queen Elizabeth, während die Crew eine geeignete PoC-Person des Detektivs Poirot sucht und heiß über das postkoloniale Drehbuchschreiben diskutiert.

Auf einer zweiten Zeitebene wird Durga magisch als junger Mann in das Jahr 1906 katapultiert und erlebt im India House hautnah den gewaltvollen indischen Widerstands gegen die britische Kolonialmacht: Zwischen den Revolutionären Mahatma Gandhi sowie seinen weniger bekannten Kontrahenten tobt ein bitterer Kampf, der am Ende einen Toten fordert und Sherlock-Holmes-mäßig aufgeklärt werden muss.

Mithu Sanyal packt eine lehrreich-unterhaltsame Mixtur an Diskursen und Spielorten in ihren 500-Seiten starken Roman – ein ausführliches Personenregister schafft den nötigen Überblick und das Nachwort zeugt von einer immensen Recherchearbeit der realhistorischen Personen. Und doch wirkt der Plot mit seinen facettenreichen Erzählsträngen voller Bezüge und Verweisen stellenweise überfrachtet und der Erzählstil leicht belehrend-didaktisch. Sanyals Stärke liegt darin, immer wieder schwarzen Humor und erhellenden Witz aufblitzen zu lassen, damit die unterhaltsam-sprudelnde Lehrstunde über Kolonialismus, Erinnerung und Geschichtsschreibung trotzdem lesenswert bleibt und der zeitgenössische Roman in seiner Gänze sehr außergewöhnlich und einfallsreich geworden ist.

Bewertung vom 01.10.2024
Oskamp, Katja

Die vorletzte Frau


sehr gut

Ein ungleiches Paar
Die Autorin Katja Oskamp schöpft in ihrem neuen lesenswerten Roman „Die vorletzte Frau“ autobiografisch geprägt aus ihrem eigenen Leben – ehrlich, schonungslos und intensiv beschreibt sie in fünf pointierten Kapiteln ihre 19 Jahre währende Liebe zu ihrem Lebensmenschen Tosch, dem berühmten, vielfach ausgezeichneten Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann.

Die Ich-Erzählerin und junge Mutter von Tochter Paula steckt in einer kaputten Ehe mit einem selbstverliebten Generalmusikdirektor, putzt sich zwanghaft die Zerrissenheit vom Leib und besucht wöchentlich eine Psychoanalytikerin, als sie im Literaturinstitut auf ihren 19 Jahre älteren Dozenten Tosch und ihre große Liebe trifft – auch er steckt in einer unglücklichen Beziehung und beide erleben ein sexuelles Erwachen, das Oskamp eindringlich schildert. Auch intellektuell inspirieren sich die beiden, tauschen sich tiefgehend über Literatur und das Schreiben aus, beschließen einen Zumutungspakt und verbringen von nun an ihr Leben mit „Sex und Text“ am Wochenende zusammen. Doch Tosch ist nicht nur wichtiger Mentor und Lektor, er ist auch freiheitsliebend, hat dominante Seiten und erkrankt später schwer an Prostatakrebs – ein noch stärkeres Ungleichgewicht entsteht, als Oskamp mehr und mehr zur Pflegerin ihres Mannes wird und sich selbst verliert.

Die Krankheit und ihre Auswirkungen auf den Alltag seziert Oskamp unbeschönigt sowie en détail und mutet ihren Leser*innen dabei viel zu – auf der anderen Seite versteht sie es auch, Humor sowie Lebensweisheit miteinzubinden und den Text flüssig-unterhaltsam zu halten. Bewegend erzählt sie von ihrem persönlichen Wendepunkt, als das pendelnde Dreieck Mutterschaft, Schreiben und Liebe langsam in sich zusammenbricht: Paula geht selbstständig ihren Weg und eine tiefe Schreibblockade taucht auf. Oskamp wird Fußpflegerin in Berlin, schreibt bittersüße Kolumnen über ihre Kundschaft und legt den Startschuss für ihren späteren erfolgreichen Roman „Marzahn, mon amour“.

Das Aufflammen und Abbrennen einer großen Liebe, eine lebensbedrohliche Krankheit mit ihren Zumutungen, der Weg einer unterwürfigen Frau zur selbstbewussten Schriftstellerin – ergreifend, selbstironisch und mit viel mutig-explizitem Klartext, der unter die Haut geht, stülpt Katja Oskamp offenherzig ihr Innerstes nach Außen und erzeugt viele intensive, lebensnahe Momente, die länger in Erinnerung bleiben.

Bewertung vom 29.08.2024
Thomae, Jackie

Glück


sehr gut

Formen der Zufriedenheit
Die Bestseller-Autorin Jackie Thomae erkundet mit ihrem neuen gelungenen Roman „Glück“ auf vielschichtige Weise die Frage, ob eine Frau auch ohne Kind ein zufriedenes, glückliches Leben führen kann. Dabei taucht sie tief in die Gedanken- und Gefühlswelten ihrer zwei weiblichen Protagonistinnen aus Berlin, die beide selbstbewusst im Leben stehen und dennoch mit dem tiefgreifenden Zweifel hadern, ob sie noch Kinder möchten. Kommt dieser Druck von Außen oder der inneren Stimme und was bedeutet für den Einzelnen Glück?

Marie-Claire (MC) Sturm ist Radiomoderatorin und Podcasterin, Ende Dreißig, Single und eigentlich zufrieden mit ihrem Leben – trotzdem schleicht sich immer wieder ein Schmerz in ihr Leben, der sie in kritisierenden Gedankenspiralen drängt: Möchte ich ein Kind? Anhand ihres Alltags, ihren Reflexionen und Charakteren aus ihrem Bekanntenkreis sowie ihrer Frauenärztin, die eine Pille zur längeren Fruchtbarkeit verspricht, gelingt Jackie Thomae ein eindringliches Porträt einer modernen Frau und ihrer Kinderfrage. Dabei verwebt sie noch die Biografie von Anahita Martini, einer erfolgreichen Politikerin und Familiensenatorin, die an der selben existenziellen Wegegabelung in der Mitte des Lebens steht und auf Marie-Claire trifft. Auch in ihr Leben und ihren Wünschen gibt die Autorin einen feinfühligen Einblick und spickt die beiden Lebensläufe noch mit anderen weiblichen Perspektiven aus dem näheren Umfeld.

Erfrischend, authentisch und humorvoll-scharfsinnig stellt die Autorin Frauen vor, die der biologischen tickenden Uhr gegenüberstehen und eröffnet gleichzeitig klug ein Panorama an Facetten, warum Frauen keine Kinder bekommen möchten oder eben doch – während Männern eine erheblich längere Spanne zur Reproduktionsfähigkeit zusteht. Unterhaltsam, tiefgründig und pointiert erörtert sie anhand ihrer weiblichen Figuren gesellschaftliche Normen, innere Glaubenssätze und vielschichtige Emotionen rund um die Kinderfrage. Ein lesenswerter Roman mit viel zeitgenössischen Themen, die Thomae lässig, präzise und erzählfreudig verbindet.