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Benutzername: Andreas Melchior Essig
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Bewertung vom 04.11.2012
BLUFF!
Lütz, Manfred

BLUFF!


weniger gut

Nach den Bestsellern Gott und Irre! Hat Dr. Lütz nun einmal wieder einen ein-schlägigen Titel geschaffen. Die Theorie, dass die Menschen dieser Gesellschaft durch die Medien, neue Wissenschafts-bilder und die Globalisierung von sich selbst abgelenkt werden, ist zwar nicht neu. Dennoch gelingt es Dr. Lütz einfach und gut verständlich die Problematik der heutigen Scheinwelt aufzudecken. Wis-senschaften zerlegen die Erlebniswelt in „Wellen und Elementarteilchen“ und Hirnforscher erklären der Geliebten ihre Gefühle über die „Aktivitäten eines be-stimmten Hirnareals“. Die Finanzwelt proklamiert ewig steigende Gewinne für jeden und die „Reality-Shows“ sind leider nur eine „künstliche Wirklichkeit“, eine „Realität vor der Kamera“.
Dabei ist die Darstellungsweise des Prob-lems aber genau betrachtet recht einseitig. Die Welt der Täuschungen wird der Welt existentieller, wirklicher Erfahrungen gegenübergestellt. Auch wenn dies ei-gentlich Sinn macht, so wäre dem inte-ressierten Leser geholfen, wenn nicht nur die Scheinwelt, sondern auch die von Dr. Lütz pathetisch angebetete Existentialwelt genauer beschrieben wäre.
Von ganzen 188 Seiten fallen auf die „eigentliche“ Welt gerade einmal 10 Seiten. Statt einer genauen Erklärung, was die „wahre Welt“ wirklich ist, kommen gebetsmühlenartig immer wieder die gleichen Schlagworte zur Sprache: Liebe, Tod, Gott, intensive Momente, ursprüng-liche Erfahrung, Geschmack von Wirk-lichkeit usw. Was hinter diesen Begriffen stehen kann, überlasst der Autor der Phantasie des Lesers.
Schon der Titel: „Die Fälschung der Welt“ wirft Fragen auf. Was ist denn eine Fälschung? Ein Bild zum Beispiel kann man fälschen. Dann gibt es das Original und die Fälschung, die dem Original optimaler Weise sehr ähnlich ist. Andernfalls verfehlt die Fälschung ihren Sinn.
Der Gesundheitswahn unserer Zeit soll eine große Fälschung der Welt sein. Sie bewirkt, dass wir „ausschließlich auf den Body starren“ und nicht „den Blick auch mal nach oben oder überhaupt irgendwo anders hin“ richten. Ebenso stören der Fußballwahn, die esoterischen Egoismen, die atheistischen Evolutionstheorien und der Weihnachtsmann den Bezug zu sich selbst. Die Einflüsse all dieser Dinge bewirken, dass „das wirkliche, das echte Leben“ verpasst wird. Das mag sein, nur was ist das echte Leben?
Wenn die Welt gefälscht ist, dann müsste das Original, die wirkliche Welt recht ähnlich sein. Was Dr. Lütz aber ausdrücken möchte ist, dass die wirkliche Welt ganz anders ist, eben essentieller. Hätte daher der Untertitel nicht besser „Die Verfälschung der Welt“ geheißen?
Lassen wir einmal diese Spitzfindigkeiten außer Acht, dann bleiben am Ende des Buches nach der Aufdeckung aller Ver-fälschungen der Welt die „Entdeckungen – Das wirkliche Leben und die wahre Welt“.
Was ist das? „Der Tod bricht ein. Und der Tod ist real.“ In der verfälschten Welt komme der Tod nach Dr. Lütz überhaupt nicht vor. Zwar ist der Tod in zahllosen Aktionfilmen zumindest darstellerische Realität, jedoch zwingt der Tod im Schauspiel nicht dazu, sich die eigene Sterblichkeit bewusst zu machen. Die Bewusstheit der eigenen Sterblichkeit aber ist für den Autor der eigentliche Schlüssel zur Erfahrung der wahren Welt. Was bleibt, wenn man sich diese erschütternde Tatsache klar macht?
Vielleicht die Erkenntnis, dass „das Leben und der Tod, Liebe und Hass, Gut und Böse“ in Wirklichkeit nur Sinn machen, wenn man an „Gott“ glaubt. Das ist zumindest die Auffassung von Dr. Lütz. Was dieser Gott sein soll, und wir wir uns in Bezug zu diesem bestimmen könnten, lässt der Autor offen.
Zum Glück: „Dieses Buch versucht nicht, Gott zu beweisen. Aber es versucht, die Scheinsicherheiten in Frage zu stellen und hinter die Pappkulissen zu schauen, es versucht, die absichtlichen und unab-sichtlichen Fälschungen zu entlarfen und zu ermutigen, das eigene, wirkliche, existentielle Leben bewusst zu leben.“

www.anthropon-consult-berlin.com

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