Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Kantasiak
Wohnort: Würzburg
Über mich:
Danksagungen: 6 (erhaltene)


Bewertungen

Bewertung vom 21.02.2010
Limit
Schätzing, Frank

Limit


gut

Wie bereits in "Der Schwarm" greift der Autor ganz verschiedene aktuelle Themen auf und läßt sie Teil der Handlung werden. Im Zentrum (oder einem der Zentren, das Buch ist eher ein Geflecht mit mehreren Hauptthemen) steht z.B. die eigentlich alte Idee eines Weltraum-Fahrstuhls, die aber in den letzten Jahren mit der Entwicklung der Kohlenstoff-Nanoröhren zum ersten Mal in den Bereich des Möglichen gerückt ist.
Und hier liegt auch eine der Stärken des Buches: Es macht den Raumlift und alles andere mit Raumfahrt Verbundene, wie Mondshuttles, eine grosse Orbitalstation, ein Hotel auf dem Mond und die geringe Schwerkraft dort wunderbar detailliert erlebbar. Als würde es bereits existieren, so realistisch sind die Beschreibungen. Also wer noch nie auf dem Mond war - nach dem Buch glaubt man dort gewesen zu sein...;)

Verbunden mit dem Raumlift ist eine Entwicklung, die durch das Ende des Kalten Krieges erst möglich geworden ist, im Buch in Gestalt von Julian Orley und seiner Firma: Private Firmen, die die Raumfahrtentwicklung vorantreiben. Einige Rezensenten meinten in Julian Orley den britischen Unternehmer Richard Branson wiederzuerkennen, der mit SpaceshipTwo momentan im Begriff ist, Raumfahrtgeschichte zu schreiben. Abgesehen von einer ähnlichen Vorreiterrolle gibt es aber wesentliche Unterschiede: Richard Branson würde nie einen Unternehmens-Elefanten wie Orley Enterprises gründen, der im Roman dabei ist, den gesamten Rohstoffmarkt des Planeten umzukrempeln. Branson beschreibt in "Business stripped bare" eingehend seine Unternehmensphilosophie. Danach ist Virgin eine Venture-Kapital Firma aus vielen kleinen Unternehmen, die für sich viel flexibler sind als es ein Unternehmen wie Orley wäre, das ganz am Weltraum-Fahrstuhl und der Helium-3 Produktion auf dem Mond hängt. Hier ist mir "Limit" auch zu eindimensional gedacht: Ein einziger neuer Rohstoff als Komplettlösung der Energieprobleme der Erde? Unwahrscheinlich erscheint mir auch der Zeitraum: Innerhalb von 5 Jahren werden durch Helium-3 reihenweise grosse Ölfirmen an den Rand der Pleite gebracht. Und der Raumlift als Flaschenhals der Weltwirtschaft - naja.

Den Spannungsbogen über das gesamte Buch fand ich zwar gut, aber es gab grenzwertige Stellen. Nach etwa der Hälfte des Buches hatte ich den Tiefpunkt beim Lesen: Die Erklärungen waren immer wieder sehr langatmig, so dass ich mich gefragt habe, ob ich überhaupt weiterlesen will. Hier meine ich auch: Weniger wäre mehr gewesen. Grob 500 Seiten hätte der Roman ruhig kürzer sein dürfen. Aber ich habe durchgehalten und es hat sich gelohnt: Im letzten Drittel nimmt die Handlung deutlich Fahrt auf und nimmt viele unerwartete Wendungen - Kategorie Actionthriller. Wendungen kündigen sich immer schon ein paar Seiten vorher in Form kleiner Hinweise an, so dass sie für den Leser Sinn ergeben, auch das ist eine Reminiszenz an Kino-Krimis.
Ausserdem gibt es u.a. interessante Einblicke in die Welt privater Sicherheitsfirmen, die in den letzten 20 Jahren einen Boom durchgemacht haben und zur Sammelstelle für Privatkrieger und ehemalige Agenten geworden sind.

Nicht so recht weiss ich, was ich von der Schilderung von Geisteskrankheit (soll wohl manisch-depressiv sein) bei Lynn Orley halten soll. Zu Beginn fand ich es sehr einfühlsam und realistisch, aber als die Situation im Mondhotel eskaliert, zunehmend klischeehaft und wie mir scheint, ohne wirklichen Einblick. Besonders Lynns Verhalten, während sie angeblich den "Verstand verloren" hat, kommt mir wie Effekthascherei vor.
An anderen Stellen dagegen spielt der Autor mit Klischees: Der Blick auf das Ehepaar Rogaschow ändert sich gegen Ende des Buches unerwartet.
Ansonsten sind mir im Buch immer wieder Versatzstücke aus Filmen aufgefallen, Bilder, die man schon mehrmals gesehen hat. Zum Beispiel der Kampf in der Raumstation, bei dem die Aussenschleuse geöffnet wird und die Luft entweicht, woraufhin sich einer am anderen festhält.

13 von 18 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.