Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: dear_fearn
Wohnort: Dresden
Über mich:
Danksagungen: 3 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 18 Bewertungen
12
Bewertung vom 13.11.2019
Thees Uhlmann über Die Toten Hosen
Uhlmann, Thees

Thees Uhlmann über Die Toten Hosen


ausgezeichnet

Ist das schamlos? Dieses Buch habe ich nicht wegen der Toten Hosen, sondern wegen Thees Uhlmann gekauft. Und ich habe es nicht bereut. Sein Schreibstil ist so, als würde er einfach drauflos quasseln. Beim Lesen musste ich entweder laut lachen oder heulen, dazwischen gab es nicht viel. Bei Thees ist immer alles doll und das ist gut: Volle Kanne Pathos, volle Geschwindigkeit ins Herz. Er erzählt aus seiner Jugend, von seinem ersten Konzert, seinen wilden Phasen, seinem Erwachsenwerden, seinen Freundschaften und das alles ist so echt, so ehrlich, bescheiden und liebevoll, dass mir ganz herzwarm wird. Klar geht's auch um Die Toten Hosen, logisch. Aber nicht als Bandbiografie oder sowas, sondern als Geschichte der Annäherung aus Sicht von Thees Uhlmann, der sich als kleines Licht neben den großen Künstlern versteht, mit ihrer Musik im Ohr erwachsen geworden ist, der sich angenommen und großzügig beschenkt fühlt, über die Jahre zusammengewachsen, verständnisvoll in allen Lebensabschnitten und einfach dankbar für alles.

Bewertung vom 13.11.2019
Der Store
Hart, Rob

Der Store


sehr gut

Der Markt bestimmt

Das gebundene Buch kommt bereits wie ein Paket daher: Brauner Papiereinband, recht dick und schwer, bereit zum auspacken bzw. loslesen. Die Hände, die sich auf dem Cover aus dem Barcode recken, lassen schon vermuten, dass es keine besonders glückliche Story sein wird, sondern Menschen im System untergehen und Hilfe suchen.

Los geht es mit der Vorstellung der drei Hauptcharaktere: Gibon Wells, der Erfinder von "Cloud", DEM Onlinehandel, der mittels Drohnen die ganze Welt beliefert und eine absolute Monopolstellung hat, schreibt Blogeinträge, da der Krebs ihn bald dahinraffen wird und er sich verabschieden möchte. Paxtons Erfindung wurde von Cloud abgekupfert und günstiger verkauft, wodurch er pleitegegangen und nun auf eine Arbeitsstelle bei seinem ärgsten Konkurrenten angewiesen ist. Und dann ist da Zinnia, die werweißwoher kommt und andere Pläne hat, als sie vorgibt. Die beiden überstehen das Bewerbungsverfahren bei Cloud und beginnen ihre Arbeit, in einem riesigen Klotz, inmitten von unter dem Klimawandel verdorrender Landschaft.

Die drei Charaktere wechseln sich im Buch ab. Jeder bekommt seine eigene Erzählperspektive, die durch Kapitel mit ihren Namen in der Überschrift angekündigt wird. Das macht das ganze übersichtlich. Anfangs fand ich die Typo recht verwirrend, da die Texte aus den Cloud-Werbevideos in einem anderen Font dargestellt sind.

Der Schreibstil an sich ist gut verständlich, schön leicht zu lesen und vor allem langsam. Die Story plätschert so dahin und wird immer mal von spannungsvolleren Passagen unterbrochen, die jedoch kein Gänsehaut-Thriller-Gefühl aufkommen lassen, bei dem die Hände schwitzen. Die Beschreibungen der Anlage sind bildhaft und beklemmend, die Eintönigkeit der Tage bei Cloud kommt sehr gut rüber, was die Story manchmal langatmig werden lässt. So richtig spannend wird es eigentlich erst auf den letzten 30 Seiten.

Die Charakterentwicklung von Paxton ist sehr interessant. Er ist ein plumper, aber sympathischer Typ, der mit seinem Wertesystem hadert. Zu Zinnia habe ich absolut keinen Zugang finden können, weil sie sich anders gibt, als sie ist, und dadurch immer unnahbar bleibt. Gibson Wells fand ich auch sehr interessant, da er nach Außen als Weltverbesserer auftritt und man seine Aufrichtigkeit in den Blog-Beiträgen kaum anzweifeln kann. In den letzten Kapiteln darf man dagegen schon tiefer unter die Maskerade blicken.

Hübsch finde ich wiederkehrende Hinweise, z.B. der wackelnde Barhocker und die Personalisierung der Cloudbänder. Manchmal finde ich aber, dass umständliche Beschreibungen einer flotteren, spannungsgelandeneren Handlung ziemlich im Weg stehen. Hier wurde viel Potential nicht genutzt.

Insgesamt war es aber ein Abtauchen in eine Welt, die so gruselig realistisch ist, dass es umso mehr ein Ansporn ist, mehr gegen den Klimawandel zu tun, sich nicht nur Konzernen hinzugeben, sondern auch mal wieder in kleinere Läden zu gehen und öfter die regionale Wirtschaft zu unterstützen. Aus diesem Buch lässt sich viel über unser Handeln in der heutigen Zeit lernen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten. Aufrüttelnd!

Bewertung vom 29.10.2019
Das Geheimnis von Shadowbrook
Fletcher, Susan

Das Geheimnis von Shadowbrook


ausgezeichnet

Clara Waterfield leidet an der seltenen Glasknochenkrankheit "Osteogenesis imperfecta" - ein schöner Name für ein ungeheuerliches Leiden, bei dem selbst kleine Erschütterungen Knochenbrüche auslösen können. Claras Mutter und ihr Ziehvater polsterten deshalb das Haus, um zu verhindern, dass sie sich stieß. Rausgehen durfte sie nie, stattdessen verbrachte sie die langen Tage mit Lesen und Lernen und entdeckte für sich Anatomie und Geografie. Ihre Mutter erzählte ihr außerdem von ihren Reisen und Erlebnissen, wie es sich anfühlt im Regen zu stehen oder barfuß im frühmorgendlich taunassen Gras. Die Beschreibungen könnten schöner und bildlicher kaum sein.
Als Clara volljährig wird, erlaubt der Arzt ihr Ausgänge, da ihre Knochen inzwischen kräftiger und widerstandsfähiger geworden sind. Die sind allerdings geprägt von Unsicherheit, da ihr Körper durch falsch zusammengewachsene Knochenbrüche entstellt ist und ihr das Wort "Krüppel" überallhin folgt. Ihre Besuche im Tropenhaus eines Botanischen Gartens wecken ihr Interesse an Botanik und bescheren ihr den Auftrag, ein Gewächshaus auf Shadowbrook zu bepflanzen. Angekommen in Shadowbrook begegnet sie einer verängstigten Haushälterin, da es im Haus offenbar spukt. Daran glaubt die tapfere und durch Wissenschaft geprägte Clara nicht - oder doch?

Das Buch besticht bereits in der Optik, denn das Coverdesign und die Veredelung sind wirklich atemberaubend umgesetzt. Anfangs konnte ich mich kaum sattsehen. Wer dieses Buch einmal zur Hand nimmt, wird es nicht wieder weglegen können. Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen, am Sonntag, unter einer Decke versteckt.

Die Erzählweise ist gemächlich, fordert zwischendurch immer mal etwas Geduld, ist aber dabei gut strukturiert. Die Sprache ist der Zeit entsprechend, sehr bildhaft und bei Beschreibungen exakt. Susan Fletcher hat meiner Meinung nach ein unglaubliches Erzähltalent. Sie lässt den Leser zu Anfang Claras Gefängnis, Sehnsüchte und Schmerzen spüren, später ihr Aufblühen in der neuen Tätigkeit. Die Beschreibungen von Shadowbrooks Gärten sind unfassbar gut gelungen und die von Claras Beobachtungen in den Spuknächten im Haus sogar noch besser. Ein ums andre Mal habe ich beim Lesen die Decke ein Stück höher gezogen und vor Spannung Gänsehaut im Nacken kribbeln gespürt - stark! Selbst die schnellen Handlungsszenen, die für den Leser oft unübersichtlich werden können, hat Susan Fletcher fabelhaft geschildert. Am Ende des Buches hat man als Leser das Haus und die Gartenanlage so gut vor Augen wie das eigene Heim. Dabei wird es nicht eine Minute langweilig, denn die Geschichte bedient sich sehr vieler Themen, die perfekt zusammenspielen, unter anderem das damalige Frauenbild, den Ausbruch des 1. Weltkrieges, dörfliche Atmosphäre voller Vorurteile und Familienzwist.

"Das Geheimnis von Shadowbrook" ist für mich eins der Lesehighlights 2019. Klare Empfehlung!

Bewertung vom 18.10.2019
Ernte mich im Winter
Palme, Wolfgang

Ernte mich im Winter


gut

Schmackhaftes im Schnee

Optik und Haptik dieses Buchs haben mich gleich von Anfang an gefangen genommen. Tolles Naturpapier, hochwertige Prägungen, großflächige Fotografien von fröhlichen Menschen im Winterwunderland mit buntem Gemüse, das aus dem Schnee herausguckt, dazu verspielte Typo und niedliche Illustrationen - einfach schön anzusehen und zu fühlen!

Nach dem Prolog hatte ich große Hoffnungen an das Buch, war schon richtig kribbelig vor Vorfreude, weil ich den im Sommer erworbenen Garten über den Winter nicht brach liegen lassen, sondern üppig bepflanzen wollte, also habe ich einfach alles gekauft, was ab Mitte September noch ausgesät werden kann. Vieles davon kann man im Buch wiederfinden, also erstmal alles richtig gemacht, puh! Meine Erwartungen ans Buch waren nun nützliche Tipps, sinnvolle Übersichten, was man wann auf welchen Boden und mit welchen Voraussetzungen pflanzen / stecken / säen kann, Pflegehinweise, Erntezeiten, Bodenvor- / -nachbereitung und mehr.

Hier wurde ich enttäuscht. Zwar gibt es viel zu lernen, z.B. dass gefrorenes Gemüse besser nicht angefasst werden sollte, sondern erst nach dem Auftauen durch die Sonne, damit die Eiskristalle nicht die Zellen beschädigen, aber wirklich praktische Tipps gab es wenige bzw. wenn, dann nur im Text versteckt.

Eine Auswahl an Wintergemüse stellt sich im Buch in Steckbriefform quasi selbst vor, das ist ein bisschen albern, aber insgesamt ganz niedlich und aufschlussreich, leider aber unübersichtlich. Rezepte gibt es auch noch zu entdecken, wirklich lecker, werde ich ausprobieren.

Gesamtfazit ist, dass das Buch wirklich inspiriert und Lust auf eine Nachsaison macht. Eigener Mangold zu Weihnachten? Das klingt ja auch wirklich toll. Die Bilder führen allerdings in die Irre, denn schon jetzt im Oktober sehe ich meinen Garten nach der Arbeit nur noch im Dunklen mit Stirnlampe, auch haben wir weniger Schnee als Regenmatsch. Aber gut, wird ausprobiert.

Der Schreibstil des Buchs ist bisschen für Dummies, sehr kindlich, aber immerhin ausgesprochen gut verständlich. Schade, dass nun doch so viele Fragen offen bleiben und mein Wunsch nach einer Übersicht, wann welche Gemüse gesät werden müssen, um sie im Winter ernten zu können, nicht erfüllt wurde. Die werde ich mir wohl selbst mal erstellen. Schön anzuschauen ist es aber allemal - eben mehr ein Inspirations- / Einführungs- und weniger Praxisbuch.

Bewertung vom 16.10.2019
Wir sind das Klima!, 5 Audio-CDs
Foer, Jonathan Safran

Wir sind das Klima!, 5 Audio-CDs


ausgezeichnet

Es ist schwer, dieses Buch zu bewerten. Anders als bei einem fiktiven Roman geht es hier um uns, unsere Zukunft, unsere Heimat und was als Bedrohung immer näher rückt, ob wir es noch leugnen oder längst akzeptiert haben: die herannahende Klimakatastrophe. Deshalb ist es auch so schwer, dieses Buch als Buch zu bewerten und nicht die zugrundeliegende Problemstellung, der wir uns widmen sollten, der ja aber auch eigentlich bereits der Autor fachlich begegnet ist und seine Auswertung sprachlich sehr gut aufgearbeitet an uns weitergibt.

Schon mit "Tiere essen" hat Jonathan Safran Foer bewiesen, was er kann: Fakten sammeln, recherchieren, seine Ergebnisse in einem lesenswerten Werk, fernab jeder öden Schullektüre, bündeln, und für alle Menschen verständlich machen. Mit "Wir sind das Klima" ist ihm dies nun ein zweites Mal geglückt.

Unser Umgang mit dem Klima ist ein komplexes Thema und obwohl 97% aller mit dessen Untersuchung betrauten Wissenschaftler zum selben Ergebnis gekommen sind, und zwar dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern, gibt es dennoch Leugner. Dazu zählen Trump oder Konzernchefs aus Öl- und Kohlelobbies, aber eben auch Menschen aus unser aller Bekanntenkreis. JSF nutzt Ereignisse aus seiner eigenen, jüdischen Familiengeschichte, um dem Leser dieses Phänomen begreifbar zu machen - dass zwischen verstehen und begreifen ein Unterschied liegt. Das ganze Ausmaß kann dem Menschen auch unmöglich begreifbar werden, da wir doch von den unmittelbaren Ausmaßen unserer menschengemachten Klimaveränderung gar nicht betroffen sind - die Folgen dessen treten weit weg auf, also fällt es schwer, daran zu glauben.

Was es braucht, um den entscheidenden Stoß in die richtige Richtung zu geben, ist kein Einzelfall von "hysterischer Kraft", sondern eine "Welle", die alle mitreißt, die die gemeinsame Kraft aller Menschen zusammenschließt, um ein höheres Ziel zu verfolgen: Unseren Planeten zu schützen und für kommende Generationen lebenswert zu erhalten. Und das muss gar nicht so schwer sein. JSF führt viele Faktoren auf, die das Klima beeinflussen und gegen welche wir ganz einfach sogar selbst etwas unternehmen können.

Es war ein Schlag für mich, die konkrete Prozentzahl noch einmal zu hören: 51%. Ganze 51% der Schadstoffemissionen entstehen aus Massentierhaltung, wow. In diese Zahl ist sowohl die abgeholzte Fläche von Regenwald für den Futteranbau, der Ausstoß der Tiere selbst, die dadurch verdrängte Anbaufläche und der vermehrte Lastverkehr eingerechnet. Krass, was wir für Fleisch, Käse und Ei auf uns nehmen - die Erde zu vergiften. Es ist ein Luxus, in dem wir leben, und wir können der Gefährdung, die davon ausgeht, eigentlich so einfach entgegenwirken, bei jeder Mahlzeit. Natürlich wird das nicht komplett ohne staatliche Eingriffe möglich sein, aber auch wir, jeder Einzelne, können ein Teil davon sein und bereits jetzt, bevor es zu irreversiblen Folgen des Klimawandels kommt, etwas tun: viel weniger Fleisch, Milch, Käse, Ei essen, dafür mehr Gemüse, mehr Hülsenfrüchte, mehr Getreide. Sachen, die sich leichter, klimafreundlicher und nachhaltiger anbauen lassen. Seltener das Auto nutzen, Flugstrecken vermeiden.

JSF beschreibt sehr bildlich, wie jede Generation darauf aus ist, mehr Besitztümer und Luxus als die vorherige Generation zu erwirtschaften. Aber ist es das denn wert, wenn wir es auf Kosten unserer einzigen Heimat tun? Wie sich unsere Handlungen verändern, wenn wir einen Blick auf unsere Erde umringt vom dunklen All oder auf unser gealtertes Ich blicken, all das sind Aspekte, die im Buch aufgearbeitet werden, um uns selbst zu verstehen und unser Verständnis für die Zukunft zu erweitern.

Das Buch ist durch Christoph Maria Herbst sehr lebendig geworden, nie langatmig oder langweilig, sehr akzentuiert und verständlich eingesprochen, insgesamt wirklich sehr gut! Einzig die Zahlen sind mir schwergefallen, ich bin ein bildlicher Typ, hätte sie gern vor mir gesehen, konnte mir aber trotzdem einige merken.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 16.10.2019
Die Ewigkeit in einem Glas
Kidd, Jess

Die Ewigkeit in einem Glas


sehr gut

Bridie Devine ist im viktorianischen London aufgewachsen und hatte schon mit einigen zwielichtigen Typen zu tun. Sie wurde in ihrer Kindheit von einem Vormund zum nächsten gereicht und arbeitet nun, inzwischen erwachsen, als unabhängige Privatermittlerin, zusammen mit ihrem zwei Meter großen Hausmädchen Cora und dem Geist des Boxers Ruby, der ihr seit einem Besuch auf dem Friedhof auf Schritt und Tritt folgt. Im Buch wird ein ganz spezieller Kriminalfall behandelt: Das Verschwinden der Tochter des Baronets. Bei Bridies Ermittlungen stößt sie auf Hinweise, dass die kleine Christabel kein gewöhnliches Mädchen ist und man wohl weniger von Verschwinden als von Raub sprechen muss. Als dann noch ihr totgeglaubter Feind aus Kindheitstagen wieder auftaucht, wird die Sache ernst.

Der Erzählstil im Buch ist sehr wechselhaft. Zwar zieht sich als Erzählform Präsens durch, jedoch gibt es mehrere Zeitsprünge zwischen Bridies Kindheit und dem Jetzt und zusätzlich auch noch Perspektivwechsel. Jess Kidds Schreibstil lebt von Beschreibungen, Vergleichen und noch mehr Beschreibungen. Meiner Meinung nach macht es das Lesen insgesamt zäh und auch verwirrend.

Die Story an sich ist durchaus interessant, sehr düster, herrlich fantasievoll und spannend, auch der Bezug zum Titel ist toll, allerdings finde ich, dass hier das Potential nicht in Gänze ausgeschöpft wurde. Der Erzählstil hat oftmals spannende Passagen einfach verpuffen lassen und die Charaktere sind mir auch seltsam unnahbar vorgekommen, vielleicht fehlten mir da tiefere Betrachtungen der Gefühlswelt. Insgesamt sind mir für einen runden Abschluss zu viele Fragen offen geblieben, u.a. warum Ruby nun eigentlich da war und woher die beiden sich kannten.

Bewertung vom 29.09.2019
Jane Austen
Sanchez Vegara, Isabel

Jane Austen


ausgezeichnet

Die Idee der Buchreihe finde ich richtig toll - Kindern die Leben der ganz großen Persönlichkeiten näher bringen. Mir gefällt auch die Gestaltung und die generelle Aufmachung des Ganzen. Über Jane Austen wusste ich vorher nichts, fand es daher erhellend über ihr Leben zu lesen und sogar herauszufinden, dass Stolz und Vorurteil ein Stück weit ihre eigene Geschichte zugrunde liegt. Das wissenswertere ist aber auf der letzten Seite in einem Textblock verfasst. Teilweise finde ich es für Kinder auch schwierig zu verstehen, hier muss man als Elternteil noch einige Erklärungsarbeit leisten und über unterschiedliche Stände und Verheiratungen sprechen, denn die Kinder kennen ihre Romane sicher nicht und auch nicht den geschichtlichen Hintergrund. Natürlich geht es um das Leben von Jane, aber etwas mehr historischer Hintergrund wäre nicht verkehrt gewesen.

Bewertung vom 29.09.2019
Wer im Himmel auf dich wartet
Albom, Mitch

Wer im Himmel auf dich wartet


ausgezeichnet

Als Annie ihre Jugendliebe Paulo an diesem Tag heiratet, ahnt sie nicht, dass ihnen bald ein Unglück widerfahren wird. Auf dem Weg in ihre Flitterwochen halten sie am Straßenrand, um dem Ballonfahrer Tolbert mit seinem geplatzten Reifen zu helfen. Er steckt Paulo seine Visitenkarte zu und damit nehmen einige unheilvolle Entscheidungen ihren Lauf. Voll Überschwang arrangieren sie mit Tolberts jungem, unerfahrenen Kollegen bei aufziehendem Wind eine Ballonfahrt, die in einem Absturz endet, der die Leben der drei Insassen für immer verändert. Annie will im Krankenhaus Gutes tun, erwacht aber nun selbst im Himmel.

Ich wusste vorher nicht, dass es eine Vorgeschichte zu diesem Buch gibt und kann allen künftigen Lesern versichern, dass es diese nicht braucht, um das Buch zu genießen.

Als Annie im Himmel erwacht, stehen ihr fünf Begegnungen bevor, die sie bestimmte Dinge lehren und ihre Ankunft im Himmel verstehen lassen sollen. Sie begegnet Personen, an die sie sich teilweise nicht erinnert oder nur schwer erkennt. Sie alle halten Lektionen für sie bereit.

Annies Geschichte im Himmel wechselt sich mit Abschnitten zu ihren "Fehlern", Rückblicken in ihr bisheriges, recht trauriges Leben und Tolberts Geschichte in der Gegenwart ab, in der er erfährt, was geschehen ist und der Leser auf dem aktuellen Stand in der realen Zeit gehalten wird. Alles endet in einer herzbrechenden Wendungen, die man als Leser nicht kommen sieht.

Mitch Albom bedient sich einer leichten Sprache, mit vielen Dialogen, der Ausschmückung der Gefühlswelt der Charaktere und zahlreichen, sehr schönen Beschreibungen, die die Bilder vor dem inneren Auge nur so vorbei rauschen lassen. Selbst die abstrakten Passagen im Himmel werden von ihm bildhaft beschrieben, sodass sich der Leser zu keiner Zeit orientierungslos fühlt.

Die grafische Gestaltung lässt alles ein wenig kitschig wirken, Sternchen unterteilen die Kapitel, immer wieder taucht das tanzende Paar auf. Das wird der Tiefgründigkeit der Story m.E. nicht ganz gerecht. Aber was im Nachhinein von der Geschichte bleibt, ist die Gewissheit, dass alles seinen Grund hat und wir alle miteinander verbunden sind und aufeinander aufbauen.

Bewertung vom 29.09.2019
Bell und Harry
Gardam, Jane

Bell und Harry


ausgezeichnet

Wer beschließt, dieses Buch zu lesen, sollte keinen Abenteuerroman zweier Freunde wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn erwarten. Was dieser Roman von Jane Gardam verspricht und hält, ist pure Entschleunigung, aber mehr als nur eine Sommergeschichte.

Die Familie Bateman pachtet das Haus Light Trees während der Ferienmonate von der Familie Teesdale, die im benachbarten Haus wohnen. Benachbart im weitesten Sinne, da es im ländlichen Gebiet von Feldern, Wiesen und Moor umgeben ist. Die Häuser stehen auf dem sogenannten "hohlen Land", da es im Untergrund vom Bergbau zerfurcht ist, der jedoch eingestellt wurde. Harry Bateman und Bell Teesdale trennen ein paar Jahre Altersunterschied, aber das hält sie nicht davon ab, Freunde zu werden und gemeinsam die Umgebung unsicher zu machen. Dabei stellen sie einige abenteuerliche Dinge an und die gewonnene Freundschaft begleitet sie ein Leben lang. Die Familie Bateman, eigentlich Londoner und den Dorfbewohnern anfangs suspekt, bringen sich nach anfänglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken gut in die Gemeinde ein und sind bald immer herzlich willkommen, gehören dazu.

Anders als erwartet beschreibt Jane Gardam nicht nur einen Sommer, sondern viele Sommer, auch Winter, mit großen Zeitsprüngen dazwischen. Dabei lernt der Leser in der Kürze des Buchs nicht nur die beiden Jungen, sondern auch Familienmitglieder, Nachbarn und verschrobene Gestalten aus der Umgebung kennen. Als Leser fliegt man nur so durch die Jahre.

Was dem Leser aber in Erinnerungen bleibt, ist die anhaltende Freundschaft der beiden Jungen, ihre Ausflüge in die Natur, ihr jugendlicher Leichtsinn und die dörflich-ländlichen Charaktere, die liebenswürdiger nicht sein könnten.

Im Nachhinein bin ich an Astrid-Lindgren-Idylle und den Löwenzahnwein von Ray Bradbury erinnert.

Bewertung vom 22.09.2019
Das flüssige Land
Edelbauer, Raphaela

Das flüssige Land


gut

Als Ruth nach dem Tod ihrer Eltern erfährt, dass es deren Wunsch war, ein Groß-Einland beerdigt zu werden, das offiziell gar nicht existiert, gerät sie in eine Art Rausch, fährt ziellos und verzweifelt umher, um schließlich zwei Herren zu belauschen, die von diesem Ort sprechen, ihnen durch einen Waldpfad dorthin zu folgen und ihr Auto dabei vollständig zu demolieren.

In Groß-Einland angekommen widmet sie sich jedoch nicht der Ausrichtung der Beerdigung, sondern verplempert ihre Zeit, steht unter ständigem Einfluss von Kodein und verliert völlig ihr Zeitverständnis, wobei doch gerade das der Inhalt ihres langjährigen Studiums und ihrer Habilitation ist, an der sie seit Jahren arbeitet.

Ihr Medikamentenwahn wird nur noch umso bildlicher, als das große Loch ins Spiel kommt, das unter der Ortschaft verläuft und die ganze Stadt in die Tiefe zu reißen droht. Darum ranken sich Geschichten, die weder fundiert noch recherchierbar sind. Ruth verwendet den Großteil ihrer Zeit dafür auf, alte Bücher zu durchforsten und abstrusen Geschichten hinterherzuforschen. Das alles wird von einer Gräfin überschattet, die das Erinnerungsvermögen des Ortes manipuliert und das Loch zu vertuschen zu versucht, statt eine gute Lösung für ein Auffüllen zu finden.

Mit dem Schreibstil hatte ich sehr zu kämpfen, vor allem, weil auch viele österreichische Begriffe drin sind, die ich so im Deutschen nicht kenne. Darüber stolperte ich immer wieder und kam schwer voran. Der Handlung musste ich erstmal ein paar Seiten Zeit geben, weil ich sie anfangs recht unlogisch fand. Was vor allem im Gedächtnis bleibt, sind Beschreibungen von Natur, Stadt und Einwohnern, die ein großartig klares Bild des Ortes hinterlassen.

Das ist meiner Einschätzung nach aber auch schon alles, was dem Leser von dieser Geschichte bleiben wird. Sämtliche Spannungsbögen verlaufen im Nichts, Fährten in Ruths Recherchen verlieren sich einfach, ungeklärte Fragen bleiben genau das: ungeklärt. Interpretationen sind hier womöglich völlig Fehl am Platz, dennoch komme ich nicht umhin, das alles als eine Art Drogenrausch zu empfinden, in dem die Zeit verschwimmt, Halluzinationen entstehen, die Gebäude ins Wanken geraten und sich in Ruth selbst ein unendlicher Abgrund auftut, der schwer zu füllen ist. Fantasystory, ok, aber etwas Sinn hätte ich mir doch gewünscht.

12