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Benutzername: Laura
Wohnort: Dortmund
Über mich: Rezensiert auch auf www.laupezbks.blogspot.de
Danksagungen: 19 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 6 Bewertungen
Bewertung vom 01.02.2017
GREEN NET
Manstein, Wilfried von

GREEN NET


gut

In einer einfarbig gezeichneten Welt, regiert von gegenseitiger Zerstörung, leuchten Heldentum und Hoffnung glänzend aus entlegenen Winkeln hervor. Vermittler zwischen Menschen- und Pflanzenwelt, Mediatoren mit der Funktion, den Frieden wiederherzustellen und somit die Existenz allen Lebens auf Erden aufrechtzuerhalten.
Beinahe seit es den Menschen gibt, treibt er Schabernack mit der Natur, nutzt sie für seine Zwecke, sieht tatenlos zu, wie sie allmählich verwelkt. Nun bietet sich den Pflanzen plötzlich eine Möglichkeit der Rache. Wer könnte es ihnen verübeln? Schaffen sie es, den Spieß umzudrehen und die Menschheit für ihre Taten zu bestrafen?

"Green Net" verkörpert meine persönliche Auffassung von „seiner Kreativität freien Lauf lassen“. Der Roman ist eine Mischung aus Naturschutz-Demo, Science-Fiction-Zeitspiel, Dschungelbuch und Fantasy mit Drachen und sprechenden Pflanzen. Es werden Unmengen unterschiedlichster Ideen häppchenweise eingearbeitet, wobei einige lediglich oberflächlich angerissen werden und manchmal Verwirrung hervorrufen. Dadurch wirkt das Ganze etwas überladen und die einzelnen kreativen Bruchstücke erhalten kaum die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdient hätten.
Die Handlung empfand ich zunächst als vielversprechend, mir gefiel insbesondere das Geheimnisvolle und die Atmosphäre, die ich tatsächlich als „grün“ bezeichnen würde. Mit der Zeit machen diese Komponenten allerdings anderen Platz; es wird hin und wieder theatermäßig komödiantisch, ganz wie in einem Zeichentrickfilm. Dazu unpassend, empfinde ich den allgemeinen Erzählton als hauptsächlich negativ: ein Tadel nach dem anderen, mal mehr, mal weniger subtil, stört die Szenerie. Angeprangert werden häufiges Fluchen, übermäßige Smartphone-Nutzung, Völlerei, Tierversuche, allgemeine Umweltverschmutzung und so weiter. Meiner Meinung nach wäre der Effekt größer gewesen, wären die Leser nicht geradezu mit Vorwürfen an die Menschheit beschossen worden.
Ich hätte mir hier einen objektiveren Erzähler gewünscht, der Handlung das Feld überlassend.

Der Schreibstil an sich ist hingegen relativ zurückhaltend, was mir durchaus gefällt – der Autor bedient sich einiger witziger Wortspielereien, ohne jemals rhetorisch kompliziert zu werden. Allerdings fielen mir, als offenbar bevorzugtes Stilmittel, einige längere Aufzählungen auf. Diese waren augenscheinlich unsortiert und lasen sich eher wie Einkaufszettel, wodurch der Lesefluss ein wenig unterbrochen wurde.

Den Figuren merkt man an, dass sie einer liebevollen Feder entspringen. Sie sind nicht gleichbleibend und hundertprozentig in sich schlüssig, aber das sind auch reale Menschen selten. An dem stereotypisierten Bösewicht Podoll, ein gedanklich und sprachlich auf Fäkalien fokussierter Mann, wird eigentlich kein gutes Haar gelassen. Aus der Intensität, mit der er gezeichnet wird, spricht aber mindestens so viel gestalterischer Spaß wie bei den glorreichen Helden der Geschichte (wenn nicht sogar noch mehr).

Zusammenfassend enthält der Roman einige vielversprechende, teilweise lustige und phantasievolle Ideen, für deren Entfaltung der Platz scheinbar nicht gereicht hat. Die Figuren sind einfach, aber liebenswert gestaltet. Die moralischen Absichten des Autors sind nobel:
Der Mensch sollte auch Pflanzen und Insekten nicht skrupellos und arrogant ausbeuten dürfen. Man sollte die Bedürfnisse der Menschheit nicht so einfach über jene der Natur stellen. Und so weiter.
Insgesamt wirkte die Handlung, die ganze Atmosphäre auf mich jedoch etwas überladen und überfordernd.

Bewertung vom 12.04.2016
Die Kämpferin / Sturmland Bd.2
Wahl, Mats

Die Kämpferin / Sturmland Bd.2


gut

Womöglich steht Schweden in 50 Jahren kurz vor einem Regierungswechsel, noch tobt erbarmungsloser Krieg. Tod und Manipulation machen auch vor Elins Familie nicht Halt, die um ein weiteres Mitglied gewachsen ist: Elins Tochter. Die Protagonistin steht nun vor gänzlich neuen Aufgaben, deren Erfüllung die jüngsten Ereignisse deutlich erschweren. Sie steht vor einer Kette grausamer und lebensverändernder Erfahrungen.

Wie erhofft verdichtet sich die Handlung, jedoch sehr gemächlich; Elin wächst, wegen des Mutterseins und der Tragödien, die sie erlebt, über ihr kindisches Wesen des ersten Bandes hinaus. Auch die anderen Figuren, die schon bekannt waren, erfahren eine realistische Veränderung. Sie wachsen einem beinahe ans Herz, besonders die kleine Schwester Lisa und Gunnar, der Vater.
Eine weitere Intensivierung der Charaktere und Beziehungen ist somit für die Folgebände zu erwarten.
Obwohl die Figur Elin erwachsener geworden ist, hat sie jedoch bisher kaum an Tiefe gewonnen. Es mag an dem Schreibstil liegen, der uns ihre innersten Gedanken nicht mitteilt – ihr Charakter ist noch immer flach und man hat das Gefühl, die Handlung spiele sich weniger mit ihr als um sie herum ab.
Wann immer ein Problem auftaucht, welches ein Eingreifen erfordert: Elin zeichnet sich nicht gerade dadurch aus, auf besonders intelligente oder kreative Weise improvisieren zu können.
Ich frage mich immer wieder, ob solchen – auf dem ersten Blick negativen – Effekten des Erzählens nicht immer auch eine volle Absicht vorangegangen ist. Davon gehe ich einfach aus, weil ich es dem Autor grundsätzlich zutraue.

An Spannung hat die Geschichte an sich bereits zugelegt. Trotz wiederkehrender, langweiliger Situationen wie Verhöre, Stillen des Kindes und weitere, wird es besonders interessant, mehr über den Hintergrund der Geschehnisse zu erfahren. Mit der Zeit erhält man doch den Eindruck, dass auf einen besonderen Nervenkitzel hingearbeitet wird. Jedenfalls entspricht das meinen Hoffnungen.

Die Emotionen, die der Erzählweise gänzlich fehlen, werden nun sekundär über Elins Tochter Gerda vermittelt. Wenn sie schreit, herrscht im Allgemeinen eine gespannte Stimmung, wenn das Kind gluckst, weiß der Leser: alles ist in Ordnung. Mir persönlich missfällt die Präsenz eines ständig schreienden und nach Muttermilch verlangenden Kindes, sowohl in der Realität, als auch in der Lektüre. Es ist wie ein ständiges dröhnendes Rauschen in den Ohren.
Die Handlung schreitet dadurch nur sehr langsam voran, der Fokus wird immer wieder zurück auf Gerda gelegt. Andererseits gibt Elin als Teenie-Mutter immerhin ein ungewöhnliches Bild ab.

Geschickt eingefädelt! Obwohl nicht hundertprozentig zufrieden mit den ersten beiden Bänden, dominiert zumindest bei mir der Wille, zu erfahren, ob die Hoffnungen und Erwartungen und Wünsche im nächsten Buch vielleicht doch noch erfüllt werden könnten. Klugerweise wurde das ganze Potential der originellen und faszinierenden Grundidee noch längst nicht ausgeschöpft.

Bewertung vom 09.04.2016
Die Reiter / Sturmland Bd.1
Wahl, Mats

Die Reiter / Sturmland Bd.1


gut

In fünfzig Jahren sieht das Leben in Schweden nicht sehr rosig aus: radioaktive Wildschweine machen Jagd auf Menschen, ein Bürgerkrieg ist ausgebrochen, die derzeitige Regierung überwacht ihre Bürger mit Drohnen und allerlei technischem Krimskrams. Schon im Kindesalter werden Schwedinnen und Schweden mit pädagogischen Beruhigungsmitteln gezähmt. Das Furchtbarste: es scheint, als könne man niemandem vertrauen; von zahlreichen Naturkatastrophen mal abgesehen.

Der erste Band der Reihe beschreibt das Leben des jungen Mädchens Elin, mit besonderem Augenmerk darauf, wie Gewalt, Gefahr, Angst, aber auch tief empfundene Liebe sie auf besondere Weise erwachsen werden lassen.

Mats Wahl, einer der bekanntesten Jugendbuchautoren Skandinaviens, hat eine sich mit der Zeit immer dichter und glaubwürdiger verstrickende Schreckensvision niedergeschrieben. Dabei lässt er den Leser die Welt selbst erfahren und versteift sich nicht auf allzu erklärende Beschreibungen.

Trotzdem empfinde ich gerade diese, also Beschreibungen, beziehungsweise alles, was nicht Dialog ist, als sehr fad.

Der Autor verzichtet ganz und gar auf innere Monologe, Gedanken, Emotionen. Der Schreibstil ist nicht einfach neutral, er ist gewissermaßen steril. Vermutlich soll auf diese Weise Objektivität gewahrt und die Dramatik und Trostlosigkeit des Lebens verdeutlicht werden. Bei vielen dystopischen Klassikern findet sich diese Methode wieder.
Hier schafft es die Handlung an sich allerdings kaum, durch situationsabhängige Spannung zu überzeugen. Elin wird häufig von Polizisten oder Soldaten abgefangen oder aufgesucht und verhört. Nach einer Weile kann das ziemlich langweilen.
Außerdem wird auch, was natürlich an der Übersetzung liegen kann, kaum mit der Sprache gespielt; stattdessen ist diese mit ständigen Wiederholungen und kaum abwechslungsreichem Erzählen gespickt.

Zum Glück sind die Dialoge dafür umso dynamischer und frischer. So gekonnt umgesetzt, dass sie alles andere beinahe zur Gänze wiedergutmachen. Ich wünschte fast, Wahl hätte ein Theaterstück anstelle einer Romanreihe verfasst.

Die Figuren sind liebenswert, widersprüchlich und dadurch realistisch gestaltet. Dazu passt deren Alltag, den fortschrittliche Technologien ebenso prägen wie vorsintflutlich erscheinende Kämpfe zwischen Nachbarn, Tauschgeschäfte, Isolation von der Außenwelt. Ein wirklich interessantes Zusammenspiel von Gegensätzen.

Ich bin mir sicher, dass die Reihe, je weiter sie fortschreitet, an Dichte und Komplexität gewinnen kann. In jedem Fall sind die Weichen für eine faszinierende Gesamtgeschichte gestellt, auch wenn der erste Teil nicht unbedingt durch Hochspannung oder federleichter Lesbarkeit überzeugen konnte.

Bewertung vom 02.11.2014
Von Männern, die keine Frauen haben
Murakami, Haruki

Von Männern, die keine Frauen haben


ausgezeichnet

Murakami, von einer ganz anderen und doch der altbewährten Seite.

Letztens habe ich in diesem Buch gelesen, während einer Vorlesung, und mir die Frage gestellt: Was für Probleme müssen Männer haben, die frauenlos sind?
Mein Blick wanderte über die vorderen Reihen, von Hinterkopf zu Hinterkopf. Viele maskuline Hinterköpfe beginnen bereits, licht zu werden. Fast schon richtige Glatzen, finde ich, ohne, dass die Kopfbesitzer es auch nur erahnen. Sie haben ja keine Frau, die sie von hinten sehen und darauf aufmerksam machen können. Aber ist das ein Problem, oder ein Umstand, von dem man möglichst lange nichts wissen möchte?

In wenigen Tagen wird Murakami der "Welt"-Literaturpreis 2014 verliehen, nicht nur dafür, dass er ebenso über Haarlosigkeit philosophieren kann, wie ich. Er kann, was man als guter Autor können muss: Welten erschaffen. Das macht er dann auf eine Weise, als sei er der literarische Salvador Dalí unserer Zeit.

Von Männern, die keine Frauen haben: Das klingt ja eher real, weniger surreal. Alltäglich sogar. Das sind beinahe die meisten der Geschichten. Sie handeln von Männern, die es so höchstwahrscheinlich auch gibt. Man liest, dann schaut man sich den Nachbarn an, der sein Bier stets einsam trinkt und nur zu duschen scheint, wenn es unbedingt nötig ist. Egal, wann oder wobei man ihn sieht. Dieser Mensch ist plötzlich ein Spiegel in eine andere Welt. Murakami macht's möglich, aber ich entschuldige mich hiermit bei all den Männern, die auch frauenlos wunderbar funktionieren. Metaphern leben nun einmal von Klischees.

Jede Geschichte ist geheimnisvoll. Man munkelt und will wissen, wie viel von dem beliebten Autor in den Figuren stecken mag, und, wenn überhaupt, welch seltsame, teils erschreckende Erfahrungen der arme Kerl schon gemacht haben muss. Immerhin, umso besser für den Interessantheitsgrad der Handlungen.
Der für ihn typische, düstere Surrealismus ist präsent, sodass ein geübter Murakami-Gernleser nicht von diesem Werk enttäuscht sein kann. Dass die deutsche Version noch vor der englischen publiziert wurde, passt jedoch zu dem einzig negativen Punkt, der mich allerdings nur zu Beginn störte. Die Übersetzung wirkt gewissermaßen gehetzt, es wurde zunächst wenig auf einen abwechslungsreichen Wortschatz geachtet, viele Worte wiederholen sich. So, dass man ein Trinkspiel daraus machen könnte. Das gibt sich jedoch, man muss sich nicht einmal sonderlich dran gewöhnen. (Betrunken ist man dann trotzdem schon. Oder fühlt sich Murakamis Schreibstil wie Betrunkenheit an? Wenn ich so darüber nachdenke, ja.)

Anscheinend wurde die Gelegenheit genutzt, mal eben auch der Literatur, dem Schreiben an sich und Vorbildern zu huldigen. Der Titel bezieht sich auf Hemingways "Men Without Women".

Bemerkenswert ist diesbezüglich auch die Geschichte Samsa in Love, eine Umkehrung der berühmten Kafka-Erzählung "Die Verwandlung": Hier verwandelt sich nicht Gregor Samsa in einen Käfer, sondern ein Käfer in Samsa. Wie würde sich ein Insekt fühlen, wenn es plötzlich mit den schrägen sexuellen Instinkten eines menschlichen Mannes konfrontiert würde? Liebe ist eine seltsame Angelegenheit, soll das heißen. Hinter all dem Alltäglichen, dem Gewohnten der Gefühle und des Körperlichen steckt stets etwas, das Lächerlich ist oder zumindest unbegreiflich. Immer neu. Vor allem kann der Schlag einen auch treffen, wenn die Welt um einen herum zusammenbricht (oder gerade dann). Die wahren Probleme und Interessen der Menschheit sind geschlechtlichen Ursprungs, könnte man meinen.

[Seite 30] „Der zwischenmenschliche Umfang, besonders der zwischen Mann und Frau ist - wie soll ich sagen? - zu komplex. Verschwommen, selbstsüchtig, schmerzhaft.“

Dieses Buch ist Futter, wie ein nicht sättigendes, eher Lust auf mehr machendes Menü aus sieben Gängen. Ein bisschen Liebe zur Literatur, ein bisschen Liebe zur Liebe.

3 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.10.2014
Der Junge muss an die frische Luft
Kerkeling, Hape

Der Junge muss an die frische Luft


ausgezeichnet

Eine Persönlichkeit, das ist nicht gleich eine Person. Das sind alle Personen und alle Orte und jede Luft, die man im Leben jemals aufgesogen hat. Hape Kerkeling würden viele Leute als die Persönlichkeit schlechthin bezeichnet. In seinem neuen Buch erklärt der Entertainer, aus welchem Holz er wirklich geschnitzt ist.

Nach dem riesigen und berechtigten Erfolg des - man könnte es folgendermaßen nennen - Pilgertagebuches "Ich bin dann mal weg", welches nicht zuletzt auch in mir den dringenden Wunsch nach Jakobsmuscheln weckte, handelt es sich bei dem neuesten Werk um ein noch persönlicheres, um ein noch bewegenderes.
Die Reise nach Santiago de Compostela hinterließ Sympathie und Wohlwollen von allen Seiten, die vorliegende Schilderung intimster Anekdoten und Tragödien hingegen verdient zudem größten Respekt. Ich will im Grunde nicht allzu sehr in Bildern sprechen, aber man kann in der Tat behaupten: Dermaßen nackt hat man Hape Kerkeling noch nie gesehen.

Die literarische Qualität halte ich für vollkommen angemessen. Kerkeling ist kein hauptberuflicher Autor, er ist vor allem Entertainer. Nach der Lektüre will ich sogar behaupten, dass er schlicht und ergreifend auf menschlicher, weniger auf literarischer Mission ist. Dazu kann eine eigene Erfahrung kaum literarisch sein, denn literarisch, das heißt manchmal unecht.
Somit handelt es sich hier nicht um nobelpreisverdächtige Kunst im Sinne der Wissenschaft. Es finden sich tatsächlich einige durchaus poetisch anmutende Stellen, die mir glockenhell, aber keineswegs tinnitusartig in den Ohren klangen. Dann aber wiederholen sich Phrasen hier und da, manch ein Dialog hätte noch weiter ausgebaut werden können (aber auch, weil ein Kind, dem Schokolade angeboten wird, nicht mit einem einzigen Riegel zufrieden ist). Insgesamt eine ausgeglichene Leistung.
Geschrieben wird einfach, wie der Schreiber ist, und das macht das Geschriebene umso sympathischer.

Außerdem würde einer Geschichte, die der Untermalung willen ausgeschmückt wurde, Maßgebliches fehlen: Authentizität; jene, die ich besonders an dem Jungen, der an die frische Luft muss, bewundere. Sie zeichnet auch jede einzelne Figur aus, die einem hier mehr oder weniger über den Weg laufen. Häufig meint man, bekannte Gesichter aus seiner Familie in ihnen zu erkennen; spezielle Rollen in der Verwandtschaft gibt es, die werden stets von derselben Art Familienmitglied besetzt.
Als herausragende Eigenschaft veranschaulicht das Ganze dem Leser, dass der Publikumsliebling zwar für ebendieses (das Publikum) geschrieben hat; sei es, um ihm Mut zu machen, Verständnis zu erzeugen, auch zur Unterstützung Kranker und als Hommage an die Menschen, die ihn geprägt haben - jedoch vermute ich auch, dass er das Buch zu keinem geringen Anteil ebenso für sich selbst geschrieben hat. Ein von-der-Seele-Schreiben, gewissermaßen ein sein-Leben-vor-sich-Ausbreiten.

Lustig sein ist eine seelische Bereicherung (und das sage ich, obwohl ich gar nicht lustig bin). Auf bemerkenswerte Art bekräftigt der Autor seine innige Liebe zum menschlichen Humor, die beim Lesen regelrecht Lebenslust verbreitet und glücklich macht.

Nicht zu missachten ist auch etwas, das zumindest ich von Hape gelernt habe: dass ein Mensch, der zur öffentlichen Person gemacht wird, noch immer ein Mensch ist. Mit einer einzigartigen Geschichte, die nur eben diesem Menschen gehört. Jedermanns Geschichte kann erzählt werden und bleibt doch Eigentum dessen, der sie erlebt hat.

Direkt zu Anfang lachte ich, bis meine Sitznachbarn in der Bahn am liebsten den Platz gewechselt hätten. Nicht lang darauf weinte ich, als klebten frische Zwiebelscheiben zwischen den Buchseiten.
Das ist es doch, worum es beim Lesen geht. Geschüttelt werden, und gerührt. Das schafft nicht einmal jeder fiktive Roman, gar nicht erst von Sachbüchern anzufangen, von arroganten Autobiographien selbsternannter Gandalfs. Mit diesem Buch beschenkt Kerkeling sich und die Welt.

29 von 31 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.09.2014
Der beste Roman des Jahres
St. Aubyn, Edward

Der beste Roman des Jahres


ausgezeichnet

Über die Sinnlosigkeit aller Buchpreise.

Den diesjährigen Gewinner des Elysia-Preises, der normalerweise für Literatur vergeben wird, ernennt die wohl kompetenteste Jury überhaupt. Warum nur häufen sich die Probleme? Intrigen und Skandale, Beziehungen und Bindungen, Familiengeschichten und seltsame Zufälle erschweren die Wahl. Befinden wir uns hier in der Literaturbranche oder drehen wir Hollywood-Filme?
Die Autoren sind überzeugt von ihren Werken, bis auf Lakshmi Badanpur, deren Kochbuch es durch ein Missverständnis auf die Longlist geschafft hat. Und wessen Arbeit einfach unbeachtet blieb, der hat mit noch viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen: dem Ego eines jeden Künstlers und dem tödlichen Strudel jeglicher Form von Liebe.

Auf den ersten Blick kommt "Der beste Roman des Jahres" daher wie die mit Abstand eleganteste Schachtel Zigaretten weit und breit. Auch sein Inhalt gleicht einem der schädlichen Zylinder, nur eben, dass er im Grunde vollkommen gesundheitsneutral ist, es sei denn, man vergisst das Essen und Trinken oder gar Atmen beim Verzehr der süchtig machenden Lektüre.

Es handelt sich hierbei um eine unterhaltsame Satire, die mit überraschenden Wendungen, realitätsnaher und glaubhafter Komik, immer aktueller Thematik und zuletzt sogar mit einer gewissen (kriminellen) Spannung aufwartet. Dem Leser drängt sich angenehmerweise eine unbändige Lust auf, zu schreiben - so hielt auch ich selbst mitten in der nächtlichen Atmosphäre stets einen Notizblock bereit, um eventuell die Lektüre zu unterbrechen, weil mir eigene, verrückte Ideen gekommen waren. Verschiedenste Facetten des Leser- und Schreiberdaseins werden beleuchtet, teilweise liest man Texte mit den Protagonisten mit, die (bezieht sich auf Texte und Charaktere zugleich) unterschiedlicher nicht sein können - eine genüsslichere Inspiration kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Beinahe paradox ist die Liebe zum Detail, die raffinierte Handwerkskunst einer wie mit der Pinzette zurecht gerückten Geschichte, wenn man deren komprimierte Form bedenkt. Angemessene Längen, aber auch beabsichtigte Dynamik hängen gänzlich von der jeweiligen Figur ab, aus deren Perspektive der Leser die Welt gerade beobachtet. In dieser Hinsicht erinnert die spezielle Schreibweise fast Koeppens Tauben im Gras, nur in einer sofort verständlichen und bescheideneren Form, jedoch auch mit dem Fokus der Handlung auf ein öffentliches Event, welches außerdem durch die Anwesenheit aller bekannten Personen ein gewisses Chaos beherbergt. Soll heißen, dass an dieser Stelle die Tendenz zur Überforderung gegeben ist.

Der Autor beschäftigt sich mit der Frage nach dem Wesen der Literatur. Ist sie nicht schlicht und ergreifend Kunst? Sind nicht alle wirklich guten Romane Kunstwerke und somit aufgrund ihrer Einzigartigkeit unvergleichbar? Vielmehr spielt scheinbar bei der Erstellung einer Longlist alles andere eine Rolle: Politik, Geld, Macht, Sex, menschliches Versagen, Missverständnisse und nach einer äquatorlangen Kette auch irgendwann, beinahe unbedeutend: der ganz und gar eigene Geschmack.

Über dieses Werk enthusiastisch zu behaupten, es sei der beste Roman des Jahres, käme einer Beleidigung gleich, die dreister nicht ausfallen könnte. Wer solch eine Lektüre für irgendeinen Buchpreis nominieren würde, wäre entweder bodenlos frech, oder aber hätte ihre hauptsächlichen Thesen nicht annähernd verstanden.
Ich wage jedoch zu behaupten, dass ich für mich persönlich feststellen darf, in diesem Jahr nur wenig Vergleichbares gelesen zu haben.