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Benutzername: annatat
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Bewertungen

Insgesamt 4 Bewertungen
Bewertung vom 18.10.2020
Mein Familienkompass
Imlau, Nora

Mein Familienkompass


sehr gut

Ambitionierter Erziehungsratgeber mit Feingefühl

Nora Imlau vermittelt in diesem Buch gleich, dass sie schon viele Erfahrungen beim Schreiben von Erziehungs - und Familienratgebern gesammelt hat. Sie drückt sich sehr verständlich aus und vermittelt vor allem komplizierte Sachverhalte auf einfach zu verstehende Weise. Denn im ersten Teil des Buches geht sie vor allem auf Erziehungsgeschichte und wissenschaftliche Erkenntnisse ein, die schnell trocken werden können. Mir wurde aber auf keiner der Seiten langweilig oder es entstanden keine Fragen in meinem Kopf.

Besonders toll an dem Buch ist, dass es Eltern vermittelt, dass sie nicht perfekt sein müssen und man Fehler gern machen darf - wenn man dann darüber nachdenkt und arbeitet. Es wird vor allem deutlich, dass viele Probleme keine einfache Lösung haben und jedes Kind auch andere Bedürfnisse hat. Imlau gibt hier viele verschiedene Ansatzpunkte, die man reflektieren kann.

Häufig kommen auch konkrete Beispiele zur Unterstützung der Argumentation hinzu, die sehr hilfreich und praxisnah sind. Ich hätte mir aber ein bisschen mehr Beispiele aus ihrem eigenen Leben gewünscht. Insgesamt ist das Buch auch sehr lang für einen Ratgeber. Um später noch einmal schnell die Aspekte zu finden, die einem im Kopf schwirren, muss man gleich von Beginn an markieren und Notizen machen. Das hilft dann, später wieder einen Überblick zu haben.

Bewertung vom 20.09.2020
Der letzte Satz
Seethaler, Robert

Der letzte Satz


sehr gut

„Selbst der Tod war nur eine Idee der Lebenden. Solange man ihn sich vorstellen konnte, war er noch nicht da.“

Gustav Mahler weiß, dass er sterben wird. Er sitzt an Deck eines Schiffes von New York zurück in die Heimat und blickt auf sein Leben zurück. Ein gefeierter Dirigent und Musiker, so ist ihm sein Erfolg im Rückblick nicht sonderlich wichtig. Er war ein Arbeitstier, das nur für seine Kunst – die Musik - lebte.

„‚Was ist das für Musik, die sie machen? Erzählen Sie mir etwas darüber?‘ ‚Nein. Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.‘“

Sein Leben lang war er geplagt von Krankheiten und Schmerzen, sowohl körperliche als auch seelische. Er war unsterblich verliebt in seine Frau Alma und erkennt, dass sie nicht immer glücklich war, schafft es aber auch nicht, etwas daran zu ändern. Und letztendlich ist er schon länger lebensmüde, aber ebenso nicht bereit, zu gehen.

Robert Seethaler verschafft dem Leser in diesem Buch mit der Retrospektive den Eindruck, als hätte man in Mahler's Kopf geschaut, als würde man selbst seinen Gedanken folgen. Und diese Gedanken enthalten sowohl bedeutende Momente und große Gedanken als auch unbedeutende Kleinigkeiten. Mit Authentizität und einem zur selben Zeit poetischem und wortgewaltigem Schreibstil kreiert Seethaler ein Portrait eines Künstlers, der mit Bedauern, aber auch auf glückliche Erinnerungen zurückblickt. Leider konnte ich die Rückblicke, die manchmal ohne Vorwarnung im nächsten Absatz begannen, erst nach ein paar Sätzen zuordnen und auch mit der Chronologie der Ereignisse kam ich einige Male wegen verschiedener Zeitsprünge durcheinander. Alles in allem aber eine hervorragende Hommage an den Künstler und die Schönheit seiner Kunst!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.09.2020
Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
Ferrante, Elena

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen


sehr gut

Giovanna wächst in behüteten Verhältnissen auf, ihre Eltern sind Akademiker und schenken ihr Aufmerksamkeit und Liebe. Als ihr Vater sie jedoch mit seiner verhassten Schwester vergleicht, ist das ein tiefer Schlag für das junge Mädchen, das von nun an mehr über diese ihr unbekannte Schwester und die Vergangenheit ihres Vaters erfahren möchte. Mit neuen Begegnungen lernt Giovanna eine gänzlich andere Welt kennen und weitere Enthüllungen stellen alles, was sie kennt und liebt, auf den Kopf.

Mit dieser Coming of Age Geschichte ergründet Elena Ferrante die Entdeckungen, Sorgen und Abgründe eines Teenager-Lebens mit einer Ungeschminktheit und Unbarmherzigkeit, die nichts schönmalt und schmerzhaft intensiv und realistisch ist. Ihre Charaktere sind komplex und vielschichtig, bewegen sich durch ein Auf und Ab von schönen und hässlichen Entwicklungen und kämpfen alle mit ihren eigenen Dämonen.

Das Lügenhafte Leben der Erwachsenen beschäftigt sich vor allem mit der Selbstfindung auf dem Weg zum Erwachsenwerden und der Enttäuschung, die damit einhergeht, wenn man realisiert, dass die Erwachsenenwelt voller Lügen und Unvollkommenheit sein kann. Giovannas Gedanken, Gefühle sind Handeln sind so lebensnah, dass ich mich beim Lesen diverse Male an Gemütszustände aus meiner Pubertät erinnert fühlte (besonders die, an die man sich nicht gern erinnern möchte).

Mit Sicherheit ist Ferrantes neues Buch ein Werk, das noch lange nachwirken wird und den Weg zurück in die Gedanken findet. Zwar war der Anfang ein wenig langsam und die Geschichte brauchte etwas, um Fahrt aufzunehmen, doch das ist es dann vollkommen wert!

Bewertung vom 20.09.2020
Being Young
Skåber, Linn

Being Young


ausgezeichnet

„Jung sein ist einfach zum Kotzen“ – aber manchmal auch ganz schön!

Wow, wow, wow! Das muss ich zu Beginn einmal sagen, denn dieses Buch war von Anfang bis Ende ein Genuss!
Erwachsene hören nicht auf junge Menschen – zumindest meistens. Schließlich sind sie ihrer Meinung nach noch ungebildet und unerfahren. Dieses Buch lehrt uns, dass sie manchmal sehr viel weiser sind, als wir denken.

Mit Authentizität und mit viel Herz lässt die Autorin hier eine Bandbreite von Jugendlichen zu Wort kommen, die alle eine Zeit der Veränderung und Selbstentdeckung durchleben. Wir erleben hier junge Menschen, die sich anders fühlen als andere, die wenig haben, die jemanden verloren haben, aber auch junge Menschen, die träumen und hoffen. Die Geschichten sind allesamt wunderschön erzählt, mit einer Nüchternheit aber auch Verträumtheit, und einer Reinheit, die mich mal zum Lächeln, mal zum Weinen und vor allem zum Erinnern gebracht haben an eine Zeit, die sowohl unvollkommen als auch unbekümmert war. Jeder kann sich in einigen dieser kleinen Lebenseinblicke wiederfinden und in schönen und auch nicht so schönen Erinnerungen schwelgen.

Was das Buch nochmal auf eine neue Ebene gehoben hat, waren die wundervollen Illustrationen von Lisa Aisato, die die Geschichten so unfassbar großartig und durchdacht eingefangen hat. Jedes Bild war so voller Gefühl und Verspieltheit und hat den Geschichten so viel Lebendigkeit gegeben. Ich würde mir am liebsten ein paar der Illustrationen aufhängen, so begeistert bin ich davon!

Sicherlich sind die Aussagen der Jugendlichen zu einem Großteil von der Autorin in eine sinnvolle und poetische Erzählung zusammengestrickt worden und der kreative Beitrag der Jugendlichen bestand in Impulsen und Aussagen, die Skaber aufgegriffen hat. Trotzdem ist es toll, wie sie einer oft ungehörten Generation eine Stimme gegeben hat. Viele Referenzen in dem Buch beziehen sich auf das Leben in Norwegen, die man als Deutsche/r nicht unbedingt kennt, aber das spielt für das Verständnis kaum eine Rolle

Eine absolute Weiterempfehlung!