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Benutzername: schreibtrieb
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Bewertungen

Insgesamt 174 Bewertungen
Bewertung vom 26.09.2017
Das Kommunikationsbuch
Krogerus, Mikael; Tschäppeler, Roman

Das Kommunikationsbuch


ausgezeichnet

Was ist Kommunikation? Das einfachste Prinzip besagt dabei, dass es einen Sender gibt, eine Botschaft und einen Empfänger. Wir codieren und decodieren automatisch und nicht immer ohne Bedeutungsverlust. Stille Post geht auch sehr laut. Die Willkürlichkeit von Sprache und dem Verstehen von Sprache lässt uns oft unsicher werden. Was hat der andere gesagt? Was hat er wirklich gemeint? Ist meine Botschaft angekommen? Das Kommunikationsbuch beschäftigt sich genau damit. Kommunikationswissenschaft für jeden, anschaulich und verständlich, im kompakten Format.
Ich nickte und staunte, überlegte und las die Seiten nochmal, denn dieses Buch bietet Vieles, was mir persönlich aus dem Studium, aber auch aus dem Leben bekannt ist. Dabei wertet es nicht. Wie ein „großes“ Fachbuch zeigt es Thesen, Theorien und Überlegungen, ohne sie zu kommentieren. Am Ende jedes Kapitels steht ein Merksatz. Im Grunde lassen sich die einzelnen Theorien auch mit diesen Merksätzen schon erklären, die oft humorvoll gehalten sind. Überhaupt zeigt dieses Buch: nehmt auch die Kommunikationswissenschaft nicht so ernst. Kommunikation passiert täglich. Wir wissen, dass auch Schweigen eine Aussage hat und dass wir oft mehr sagen, als wir müssten.
Es war für mich schön, bekannte Namen und Regeln wieder zu lesen. Und ehrlich: hätte ich dieses Buch im ersten Semester Germanistik oder gar in der Oberstufe bereits gehabt, wäre mir das Lernen und Verstehen vieler Fachbegriffe wesentlich leichter gefallen. Das Kommunikationsbuch bricht sie mit einfachen Mitteln herunter, macht sie greifbar und leicht verständlich. Natürlich entstehen dabei kleine Lücken, die aber erst dann wichtig werden, wenn jemand wirklich Kommunikationswissenschaft studiert.
Mit einer wunderbaren Leichtigkeit bringt dieses Buch näher, was uns alltäglich ist und doch so komplex, dass wir immer wieder darüber stolpern. Kommunikation. Was ist das überhaupt und welche Spezialfälle gibt es? Was ist eigentlich feministische Linguistik und warum ist sie wichtig? Was ist die Arschloch-Methode oder das Harvard-Konzept? Mit kleinen Anekdoten und vor allem einen faszinierenden Wissensschatz beeindruckte mich das Buch immer wieder. Prousts Fragebogen, die Sorry-Matrix, die Salamitaktik oder das Eisbergmodell zeigen allein schon in den Begriffen, dass es hier nicht verkopft zugeht, sondern menschlich und mit Begeisterung.

Bewertung vom 05.07.2017
Eine Kindheit im Nahen Osten (1985 - 1987) / Der Araber von morgen Bd.3
Sattouf, Riad

Eine Kindheit im Nahen Osten (1985 - 1987) / Der Araber von morgen Bd.3


ausgezeichnet

Das Farbschema orientiert sich an den beiden ersten Bänden. Der Junge Riad wächst in Syrien auf, wo alles rötlich ist, leicht bedrohlich, trocken, heiß. Frankreich, das Land, aus dem seine Mutter kommt, ist blau, kalt, nicht wirklich gemütlicher. Ein leichter Kontrast, aber kein absoluter. Und dazwischen Riad, der seinen kleinen Bruder nicht leiden kann. Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden hat der Junge sich hier mehr und mehr von der Mutter abgenabelt. Die Zeit des Vaters ist gekommen.

Riad Sattouf erzählt in der Araber von morgen seine eigene Kindheit. Die Graphic Novel ist dafür ein grandioser Schritt. Denn die Zeichnungen sind immer leicht verzerrt, nie bilden sie die Realität eins zu eins ab. Die Metapher, dass auch unsere Erinnerung unsere Vergangenheit nicht wirklich abbilden kann. Alles ist verzerrt, egal wie sehr wir uns bemühen, Wahrheiten zu finden, wir finden nur Eindrücke. Die depressive Mutter wird wieder schwanger, der Vater jagt träumen hinterher. All das sieht der Junge nicht. Für ihn ist die Mutter müde, der Vater wird zum Held.
Doch neben dieser familiären Struktur erfährt Riad die Formung durch eine Gesellschaft. Er hat Angst, wenn andere Kinder behaupten, er wäre ein Jude. Er versteht nicht, warum seine syrischen Verwandte keine Weihnachtsgeschenke bekommen, er will stark sein, groß. Aber was ist dieses Groß eigentlich. Mit dem Blick auf die uns fremde Gesellschaft erreicht der Zeichner damit auch, dass wir einen kritischen Blick auf unsere eigene werfen. Wann beeinflussen wir unsere Kinder dieses oder jenes zu mögen? Würden wir es überhaupt erkennen?
Hier wird nicht nur die Mutter entmystifiziert, was im zweiten Band bereits angefangen hat, sondern auch Frankreich. Längst ist es nicht mehr das Land der vollen Regale und fantastischen Spielzeuge, in dem Riad als kreatives Kind gelobt wird. Er wird aufgrund seiner „Andersartigkeit“ auch dort ausgegrenzt und erkennt Schattenseiten, auch wenn er sie noch nicht versteht. Es sind Momentaufnahmen, die exemplarisch sind. Die Nachbarin, die die Katzen totschlagt kommen äquivalent zu dem gequälten Hündchen im vorherigen Band.
Es ist die Komplexität des Aufbaus, die mich beeindruckt. Anekdoten sammeln sich zu Eindrücken, die tief greifen und im Ganzen eine große Aussagekraft besitzen. Beispielsweise die Lehrer, die Riad im Laufe der Zeit kennenlernt. War es im letzten Band eine Lehrerin, die von einem Tag auf den anderen verschwand, wird hier gezeigt, unter welcher permanenten Anspannung der christliche Lehrer des Jungen steht. Hier wie dort finden sich Manipulationsstrategien. Dass Der Araber von morgen sie einfach aufzeigt, liegt einmal an der kindlichen Sicht des Protagonisten und daneben an den Kommentaren des Erzählers. Beides steht nebeneinander, greift ineinander und deckt dabei auf, ohne direkt etwas erklären zu müssen. Es ist eine unglaubliche Stärke der ganzen Reihe.

Bewertung vom 05.07.2017
Wenn Männer mir die Welt erklären
Solnit, Rebecca

Wenn Männer mir die Welt erklären


ausgezeichnet

Der Einstieg ist eigentlich mehr oder weniger amüsant. Ein Kerl, der große Töne spuckt. Er meint, der Autorin von einem großartigen neuen Buch erzählen zu müssen, weil sie über das Thema geschrieben hat. Das Buch, das er meint, stammt von ihr, aber er merkt es nicht. Ein Idiot vor dem Herrn, der sich profilieren wollte, der Frau vor seinen Augen nicht zugetraut hat, etwas Großes und Wichtiges geschafft zu haben, und dabei gepflegt auf die Nase gefallen ist. Ja, das kennen viele Frauen. Der Einstieg ist auf den zweiten Blick nicht mehr amüsant, wenn ich daran denke, wie oft Frauen klein geredet werden, ihnen die Chance gar nicht gewährt wird, aus eben den Gründen, die auch jener Mann hatte. Bewusst oder unbewusst, Frauen werden längst noch nicht gleichbehandelt. Und doch ist dieses Beispiel ein harmloses im Vergleich zu denen, die noch kommen.
Rebecca Solnit ist Journalistin und Autorin. Sie beschäftigt sich schon lange mit Umweltschutz und Menschenrechten, dabei auch immer wieder mit Frauenrechten. 2010 war sie eine der 25 Visionäre, die Utne Readers gekürt hatte. Ja, sie ist Feministin. Und dieses Buch zeigt, warum es wichtig ist, dass unsere Welt auch heute noch Feministinnen wie sie kennt.
Im Sammelband steht neben dem lockeren Einstieg ein erschütternder Text über Vergewaltigung, ein grandioser zu Strauß-Kahn. Sie hat zur Ehe für Alle, zu Virginia Woolf, zu Feminismus und Weiblichkeitsbildern geschrieben und diese Texte sind zum Teil hier zu finden. Es sind kleine reale Horrorgeschichten. Es ist Realsatire. Texte, die mich nicht losgelassen haben, die erschütternd waren, faszinierend, bewegend, energetisierend. Denn so wie es ist, kann es nicht bleiben.
Die Absurdität beispielsweise, dass Frauen „zu ihrem eigenen Schutz“ weggesperrt werden, statt die Welt so zu verändern, dass dieser Schutz unnötig ist. Sei es bei jungen Studentinnen, denen geraten wird, bei Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnungen nicht mehr zu verlassen, statt dass den Männern erklärt wird, warum Vergewaltigung falsch ist. Dem krankhaften Machtanspruch der Vergewaltiger wird einer gegenübergestellt, der die Frauen wegsperrt. Diese Welt gehört noch immer dem Mann und er sorgt dafür, dass es so bleibt. Auf die eine oder andere Weise. Die Frau wird zum Objekt, das begehrt wird, beschützt werden muss. Zum Besitz.
Dieser Anspruch wird auch in der Ehe noch immer geführt. Die Öffnung der Ehe für alle ist für Solnit darum auch die Möglichkeit, Gleichstellung innerhalb der Ehe zu erreichen. Die Vorstellung von einem „männlichen“ und einem „weiblichen“ Part in einer Beziehung – die nichts anderes meint, als einen dominanten und einen unterwürfigen Teil – abzulegen. Es ist der Traum von Beziehungen zwischen gleichwertigen Menschen – und nein, der ist leider oft keine Realität.
Solnit schmeißt hier nicht mit angeblich feministischen Kapriolen um sich. Sie zeigt auf. Ihre Essays beschreiben reale Geschehnisse, zitieren Studien, Artikel, Menschen. Sie kommentiert diese auf eine sehr nüchterne, durchdachte Art und Weise. Damit reißt sie mich mit. Sie plakatiert nicht, sie nimmt den Leser mit durch ihre Überlegungen, auf eine Reise, die holprig ist, weil das Ziel ein Kriegsgebiet ist. Im Grunde bleibt sie die ganze Zeit die Autorin, die erzählt bekommt, jemand habe zu ihrem Thema ein bahnbrechendes Buch geschrieben. Ruhig, nachdenklich, fragend. Da sind Selbstzweifel und die Erkenntnis danach, dass es ihr Buch ist. Die Erkenntnis, dass nicht sie falsch ist oder das falsche Geschlecht hat, sondern die Welt. Eine Welt, die bewertet, ohne hinzusehen, aufgrund von Geschlechtsteilen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.07.2017
Anschlag von rechts
Engelmann, Reiner

Anschlag von rechts


sehr gut

Reiner Engelmann ist Sozialpädagoge und arbeitet hauptberuflich mit Kindern. Schwierige Themen sind sein Metier. Er hat bereits über Auschwitz, Kinderrechte, Zivilcourage und Mobbing geschrieben. Das sind so wichtige Themen, weil sie maßgeblich an der Entwicklung und unserer Vorstellung von Moral beteiligt sind. Vergangenheit darf nicht vergessen werden, weil sie uns unlieb ist, weil wir sie verdrängen wollen, weil wir sie für einflusslos halten. Genauso dürfen wir vor Missachtungen der Menschenrechte, die vor unseren Augen geschehen, diese nicht verschließen. Nun also hat Engelmann über den Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft geschrieben.
Das Buch besteht im Grunde aus zwei Teilen. Am Anfang werden die unterschiedlichen Personen eingeführt. Die Täter, aber auch die Opfer. Die einzelnen Geschichten der unterschiedlichen Flüchtlinge sind variantenreich und gleichzeitig haben sie eines gemeinsam: Die Angst ums eigene Leben. Kinder wie Erwachsene werden hier fokussiert. Die traumatisierte Witwe aus Simbabwe, die Familie aus Syrien, der Junge aus Pakistan. Da auf reale Figuren Bezug genommen wird, sind die Schicksale umso bewegender, dabei ohne Kitsch oder Melodram. Engelmann gibt hier den Menschen, die unter „Flüchtlinge“ zusammengefasst werden, Gesichter, Geschichten, Varianzen und zeigt sie als Individuen. Dass ist etwas, was viele Berichtserstattungen nicht vollbringen. Es erzeugt Nähe, aber auch einen authentischen Blick.
Dass Engelmann das gleiche auch bei den Tätern schaffen will, ist die große Stärke des Buches. Der Stil bleibt manchmal oberflächlich, einfach. Wenn ich auch vielen Jugendbüchern nicht anmerke, dass sie für Jugendliche geschrieben wurden, hier merkt man es deutlich. Die Täter sind zu dritt. Sie hauen Stammtischparolen raus, denken es wäre cool, Nationalsozialistischen Symbolen zu nutzen, sehen sich aber nicht als Nazis. Sie kommen, wie der Autor selbst schreibt „der Realität also nah, können dieser aber nicht vollständig entsprechen“ (S. 11). Das Buch pendelt zwischen erzählendem Sachbuch und der Fiktionalisierung realer Begebenheiten. Eine Linie trifft es dabei nicht. Engelmann versucht Einblicke zu gewähren, die er aber selbst nie hatte. Und hier strauchelt das Buch meiner Meinung nach etwas.
Die Täter werden fast etwas zu plakativ dargestellt. Der grobe Anführer, der seinen Fehler nicht sieht, nicht zugibt, rechtsradikal zu sein, aber deutliche fremdenfeindliche Sprüche und nationalsozialistische Symbole nutzt. Sein Freund, der verzweifelt Anschluss sucht, mitzieht, nicht ganz der Schlauste ist. Am meisten bin ich aber über die Frau gestolpert. Ihr werden leicht romantische Gefühle für den Haupttäter nachgesagt, sie ist sich aber nie einer Schuld bewusst, ihr Fremdenhass wird als reine Mitläuferschaft dargestellt. Sie ist hier eindeutig schwach, naiv, ziemlich dämlich. Insgesamt schafft das Buch hier nicht, was es laut Klappentext verspricht, nämlich zu zeigen, dass Fremdenfeindlichkeit in „der Mitter unserer Gesellschaft“ angekommen ist. Hier wird keine Gesellschaftsmitte als Tätergruppe gezeigt, sondern eine bildungsschwache soziale Unterschicht.
Ich glaube durchaus, dass dies ein sehr wichtiges Buch ist. Weil sowohl Täter als auch Opfer menschlich dargestellt werden, weil konturlose Formulierungen Gesichter und Geschichten bekommen. Als Jugendbuch kann dieses Buch zum großen Nachdenken anregen und neue Blickwinkel bieten.

Bewertung vom 12.06.2017
Sommernachtsfunkeln
Gurian, Beatrix

Sommernachtsfunkeln


sehr gut

Katie flieht nach einem Unfall, der sie gezeichnet hat, als Au-Pair nach L.A. Dort trifft sie in einer seltsamen Smoothie-Bar auf Jeff und Lucy, erwachsen gewordene Kinderstars, die mit einem ungewöhnlichen Konzept die Oberklasse Hollywoods begeistern. Auch Katie ist begeistert, vor allem, als Jeff Interesse an ihr zeigt und ihre Träume zu Greifen nahe werden. Doch dann taucht Luke auf, ihr ehemals bester Freund, und erkennt, was Katie nicht sehen kann.
Katie ist zu Beginn eine starke Figur, die nicht nur eine tiefe Verbindung zu den Kindern entwickelt, auf die sie als Au-Pair aufpasst, sondern auch nicht gleich auf jeden Anmachspruch hereinfällt. Damit kaschiert sie auch die Unsicherheit über die Narbe, die sie seit dem Unfall mit sich herumträgt. Sie ist umsichtig und vernünftig, kennt ihre Ziele und wird kein hibbeliges Kleinkind, nur weil plötzlich ein Mann an ihr Interesse zeigt. Das hat mir sehr gut gefallen. Eine starke Figur. Leider bleibt das nicht die ganze Zeit so. Auch Katie lässt sich blenden, um den Finger wickeln, verliert ihre Ziele aus den Augen. Das war mir zu typisch und hat auch nicht mehr mit der reflektierten jungen Frau zusammengepasst, die ich am Anfang kennengelernt habt.
Der Plot ist gut gesponnen. Es gibt immer wieder kleine, mysteriöse Hinweise, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Persönlich mochte ich Jeffs Freund Esra sehr, einen melancholischen Mann im Todeskostüm mit Sense, der immer wieder eine Warnende Stimme ist. Nicht nur für Katie, sondern vor allem auch für den Leser, der so wachsam bleibt und mehr entdeckt, als die Protagonistin. Dieses Rätseln mach einen großen Charme des Buches aus und versetzt es in eine ursprünglich fantastische Ebene, die der ewigen Skepsis, ob es nun so ist, oder so.
Sehr gut gefallen hat mir auch die Mischung aus gegenwärtiger Handlung und Rückblenden, denn immer wieder erfährt der Leser, was vor dem Unfall eigentlich vorgefallen ist und warum Katie wirklich geflohen ist. Hier entwickelt sich ein zweiter Handlungsstrang, der Luke in den Mittelpunkt stellt. Das entwickelt sich nach und nach, so dass er vielleicht nicht als zweite Hauptfigur, aber wohl als wichtigste Nebenfigur zu betrachten ist. Lukes Erkenntnisgeschichte und seine Verbindung mit Katie wird wunderbar deutlich gemacht. Diese Entwicklung, das Ergebnis, auf das sie hinausläuft, haben mir sehr gut gefallen. Ein toller Gegenentwurf zu jeder Hals-über-Kopf-Geschichte.
Ich fand den Stil hier sehr angebracht, weil die Nähe zu den Figuren nicht zu groß wurde und ich als Leserin so mehr über die unterschiedlichen Entwicklungen und Entscheidungen reflektieren konnte. Dieser Einbezug des Lesers hat mir sehr gut gefallen. Es gab immer wieder Stellen, über die es sich – auch im Nachhinein – noch lohn nachzudenken und die das Buch, gerade am Ende, nochmals anders lesen lassen. Dieses Spiel mit den Möglichkeiten fand ich toll.
Eine gute Geschichte für alle, die eine Spur des Mysteriösen mögen, ohne direkt einen Fantasy-Roman zu wollen.

Bewertung vom 01.06.2017
Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch
Erdogan, Asli

Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch


ausgezeichnet

Ich kenne Essays vor alle als Texte, die eine klaren Ursprung haben, eine Frage, einen Moment, dem sie auf den Grund gehen wollen. Sie schweifen mal ab, sind mal sehr fokussiert oder auch mal einfach literarisch. Aber immer bewegen Essays zum Nachdenken, zum Überlegen und Infragestellen. Der Leser arbeitet mit.
So ist es auch bei Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Mit sehr unterschiedlichen Ansätzen berichtet Aslı Erdoğan aus der Türkei, aus ihrer Heimat, die sie liebt, die ihr entgleitet. Sie schreibt über Gräueltaten mit versteckten Worten, die unter die Haut gehen und von eigenen traumatischen Erlebnissen, die bewegen. Sie wird sachlich und nutzt gelungen Argumente. Kurz: Sie zeigt in diesen Essays eine gewaltige Bandbreite an schriftstellerischem Können.
Das beeindruckt und bewegt. Gleichzeitig informiert es. Fußnoten erklären auf welche Ereignisse die Autorin anspielt und selbst in den literarischen Tendenzen zeigt sich vieles, was dem europäischen Beobachter in Bezug zur Türkei nicht klar ist. Einzelfälle, historische Ereignisse, Momente von Aslı Erdoğans Leben, die mit der aktuellen Geschichte der Türkei verwoben sind. Großartig geschrieben.
So berichtet die Autorin vom jüngsten Putschversuch, von Diskriminierungen und den Andenken an Ermordete. Sie zeigt einen sehr persönlichen, liebevollen Blick auf Land und Leute, einen sehr kritischen und wachen auf politische Geschehnisse. Persönlich, also subjektiv und gewiss nicht wertfrei, aber so reflektiert, dass Raum für den Leser und seine eigene Meinung bleibt. Das ist sehr gut gemacht und steigert sowohl das Interesse an den Essays, als auch das spätere Auseinandersetzen mit ihnen.
Cem Özdemir hat die Einführung geschrieben und die biografischen Eckdaten der Autorin eingearbeitet. Ihre Gefangennahme, ihr Ausreiseverbot, ihr kleiner Kampf, der groß geworden ist. Allein das ist schon faszinierend. Nicht einmal das Schweigen gehört noch uns spielt genau darauf an. Dass die Option, mit den Augen zu rollen und stumm zu bleiben, keine mehr ist. Schweigen ist für Aslı Erdoğan unmöglich geworden, so unmöglich wie das direkte Aussprechen. Und damit liefert und dieses Buch aktuelle Zeitgeschichte. Unbedingt lesen!

Bewertung vom 18.05.2017
Namenlos
Sachs, Nika

Namenlos


ausgezeichnet

Namenlos ist der Protagonist, ein schreibender Wirtschaftsmensch, der vor kurzem verlassen wurde. Es ist die Verzweiflung der Einsamkeit, mit der dieses Buch emotional einsteigt. Kein Wort ist Kitsch. Nah an der Figur, vielleicht gerade dadurch, dass kein Name genannt wird. Herr Namenlos trifft eine Frau, sehr klassisch, in einer Bar. Und das ist das einzige klassische daran. Denn die beiden lassen sich auf das Experiment ein, sich ohne Informationen wie Namen kennen zu lernen.
Was ist er eigentlich, dieser Name. Was bedeutet er. Der Erzähler mimt einen personalen, dass er auktorial ist, merkt der Leser, wenn auch die Frau, ihre Gefühle und Gedanken im Mittelpunkt stehen. Hauptfigur aber bleibt der männliche Part der Erzählung. Und der wünscht sich sehr schnell, den Namen der Frau zu wissen, mit der er sich trifft. Und mehr. Doch was ist es eigentlich, was wir wissen müssen, um jemanden zu kennen?
Name, Herkunft, Auto, Wohnort – Informationen, die wenig über unser Inneres aussagen und doch über unsere Prägung. Manche Dinge werden angesprochen, bekannt gegeben. Sehr langsam aber. Stattdessen diskutieren Herr und Frau Namenlos über eben solche sozialen Strukturen, über Philosophie, Musik, Kunst. Eine Argumentationskultur, die viel verrät, ohne sich an den Normen der Statussymbole (Namen, Auto, Wohnung) abzuarbeiten.
Ein interessantes Experiment, dass viel über die eigentliche Basis einer Beziehung aussagt. Frei von Herkunftsmerkmalen (dazu gehört auch der Name), geht es den beiden erst mal um sich. Eben um ihr innerstes. Die Gespräche sind intensiv, tief und voller Inhalte. Statt beschwörend den Namen des anderen zu Hauchen, wird wirklich gesprochen. Ganz ohne den Rest geht es aber doch nicht. Je mehr die beiden unternehmen, desto mehr tauchen sie auch in das Leben des jeweiligen anderen ein. Bis nur noch der Name fehlt, das letzte Rätsel.
Mythologisch gesehen bietet der Name eine Macht über den anderen. Wer den wahren Namen kennt, kann Menschen, Dinge, Dämonen, besiegen. Heute bedeutet der Name auch die Möglichkeit, den anderen zu prüfen. Digital versteht sich. Wir glauben alles zu wissen, weil wir es nachlesen können. Bilder sehen, Kommentare, Lebensläufe. Doch das ist nur ein Abbild des Menschen, nicht der Mensch wirklich. Nika Sachs schafft es, diesen Umstand aufzugreifen.
Der Stil ist wunderbar. Zwischen sehr klaren Debatten wird es geradezu poetisch. Nicht durch Metaphern, sondern durch die Sprache selbst. Die ist hier nicht nur Kommunikationsmedium, sondern Kunstwerk. Darin gehe ich als Lesende auf, verliere mich, tauche ein. Und so werden auch die Argumentationen nicht einfach dahingestellt, sondern dem Leser als Angebot gemacht.
Namenlos ist eine wundervolle Liebesgeschichte, ohne Kitsch, ohne Schnulziges, ohne Übertreibungen. Bitte lesen!

Bewertung vom 15.05.2017
Der kleine Krisenkiller
Förster, Jens

Der kleine Krisenkiller


sehr gut

Jens Förster ist selbst Psychologe und hat bereits einige Krisen hinter sich gelassen. Dass er selbst weiß, wie wichtig und simpel manche Strategien sind, um kritische Lebenssituationen zu überwinden, macht das Buch authentisch. Dennoch dreht sich bei Förster nicht alles um sich. Dieses Buch wird nicht als autobiografische Krisenbewältigung genutzt, sondern bleibt professionell.
Angesichts der Krise reagiert jeder Mensch unterschiedlich. Viele Reaktionen sind bereits Strategien, mit der Situation umzugehen. Sport, Unternehmungen mit Freunden, aber auch künstlerisches Schaffen und das Wahrnehmen von Kulturangeboten.
Schon hier wird sichtbar, dass manche der Wege, die Förster hier präsentiert so häufig ablaufen, dass sie schon an der Grenze zur Verkitschung stehen. Die Schokolade oder der Eisbecher, das Gläschen Wein, eine Zigarette, eine Auszeit. Und genauso wird hier auch klar, dass nicht alle diese „automatischen“ Reaktionen gleich gut funktionieren. Wie schnell wird das Gläschen zur Flasche, die Auszeit zur Ausgrenzung. Wer nicht erkennt, dass die Krise bereits zu groß ist, rutscht in Depressionen, Abhängigkeiten, Folgeprobleme.
Darum zeigt auch Förster die Gefahren auf. Er selbst gönne sich auch mal eine Currywurst, aber eben nur in der akuten Situation der Krise, nicht ständig. Denn wo die Probleme sich nicht mit kleinen Veränderungen beseitigen lassen, müssen große her. Konkrete Umsetzungen von Plänen, Coaching, Therapie. Was in der Öffentlichkeit leider noch immer als unverzeihliche Schwäche gewertet wird, ist für den Einzelnen essentiell. Das Besinnen auf sich selbst, das Erkennen der eigentlichen Krise, das Überwinden dieser.
Jens Förster nutzt einen Stil, der schnell auf Augenhöhe ansetzt. Nicht von oben herab als klassischer Ratgeber mit dem „ihr müsst das so machen“ Prinzip, sondern mit dem Verständnis, dass jedem andere Wege helfen können. Eingängig ist das und sorgt auch dafür, dass auch die fremden Wege erkennbar werden. Die Gründe, warum gerade dieses oder jenes helfen kann, werden aufgezeigt. So stehen die Behauptungen nicht einfach im Raum, sondern lassen sich nachvollziehen. Hin und wieder nimmt es der Autor dabei sehr genau. Nicht nur Kunst als Oberthema wird beispielsweise aufgegriffen, sondern darunter auch die Abzweigungen zur Rezeption von Musik, Malerei, Literatur – um danach zum Schaffen dergleichen zu kommen.
Gut lesbar wird das Buch auch durch kleinere Anekdoten, die immer wieder die einzelnen Wege und Argumentationen unterstreichen. Auch andere Psychologen und Fachkräfte werden genannt. Authentisch und fachlich gut ausgearbeitet ist Der kleine Krisenkiller ein sehr interessantes Buch. Als kleinen Einblick in das, was uns helfen kann, Krisen zu bewältigen, ist das Buch ideal. Gerade zur Vorbeugung oder in kleineren Krisenfällen lohnt es sich, einen Blick hinein zu werfen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.05.2017
Die Weiße Rose
Gebhardt, Miriam

Die Weiße Rose


ausgezeichnet

Die Weiße Rose ist ein Begriff, der aus der deutschen Geschichte nicht mehr wegzudenken ist. Der Mythos dieser Widerstandsgruppe, die mit Flugblättern das Grauen der nationalsozialistischen Herrschaft aufzudecken versuchte, und gleichzeitig andere zum Mitmachen animieren wollten, ist enorm. Zentral dabei die Geschwister Scholl und vor allem Sophie Scholl. Straße, Schulen, Denkmäler wurden benannt. Erst kürzlich hat der Film über die letzten Tage von Sophie Scholl diesen Mythos weiter befeuert. Dabei war die Weiße Rose weit mehr.
Miriam Gebhard setzt früh an. Sie versucht die unterschiedlichen Theorien zum Grund für den Widerstand aufzuarbeiten. Dabei trifft sie auf ganz unterschiedliche Gründe bei den einzelnen Mitgliedern. So unterschiedlich sind die Vorgeschichten der Münchener Widerstandsgruppe, so vielseitig die Hintergründe. So zeigt das Buch, dass ein gemeinsamer Grund ebenso unglaubwürdig ist, wie ein gemeinsames Ziel. Die Münchener Gruppe wollte viele verschiedene Dinge. Sie war sich allein darin einig, dass die nationalsozialistische Regierung weg musste.
Ich fand es unheimlich spannend, tiefer in diese Materie einzudringen. Dass Miriam Gebhard zu Beginn die Mitglieder der Gruppe einzeln fokussiert, fand ich sehr gut. So wurde nicht nur die unterschiedliche Position der Akteure klar. Gleichzeitig wurden Sophie und Hans Scholl eingeordnet, von dem Podest gehoben, das im gleichen Rahmen auch erklärt wurde. Dieser Blick erzeugte eine gewisse Nähe. Und auch der weitere Verlauf, die Geschichten hinter den Flugblättern, war so interessanter und konnte sehr gut verfolgt werden.
Das Buch ist deshalb so gut, weil es relativiert, Unstimmigkeiten in dem bisherigen Mythos um die Weiße Rose aufzeigt und dann entmythologisiert. Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurde heißt auch diese „Normalität“ zu zeigen. Die Verbindungen und Abgrenzungen zum Nazi-Regime. Die individuellen Beweggründe und Verläufe. Das große Problem der Aufklärung um die Münchener Gruppe, da gerade die ersten Berichte maßgeblich von der Schwester von Hans und Sophie geleistet wurden. Es ist, was es sein soll. Ein Sachbuch, das nicht wertet.

Bewertung vom 28.04.2017
Rechts blinken, links abbiegen
Nors, Dorthe

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sehr gut

Sonja will endlich das Autofahren lernen. Mit über vierzig, getrennt, unglücklich mit Job, Wohnort. Beziehungen, spürt sie Sehnsucht. Sie will zurück an den Ort ihrer Kindheit, aber auch in die Einfachheit. Hin zu Momenten, die vergangen sind. Und das ist es auch schon. Im Grunde will Sonja einfach nur Auto fahren lernen. Mehr nicht.
Ich fand es sehr interessant, Sonja in diesem Buch zu begegnen. Sie befindet sich im Stillstand und will so unbedingt heraus, dass es mich immer wieder verwundert. Als eine zutiefst passive Gestalt macht es ihr schon Bauchschmerzen die dominante Fahrlehrerin gegen einen Fahrlehrer einzutauschen. Sonja kann nicht Nein sagen und ihre Meinung ausdrücken traut sie sich schon gar nicht. Das Übersetzten der blutrünstigen Bücher, sie alle so gerne lesen, macht ihr Angst.
Zur Metapher ihrer Sehnsucht nach zu Hause wird einmal die trostlose Landschaft. Sie sehnt sich nach der Weite, den Bergen, den goldenen Feldern, in denen sie sich als Kind versteckt hat. Und ihr wird eine Ebene präsentiert. Sie schwankt zwischen Extremen. Und irgendwie wird klar, sie ist eigentlich ein brodelnder Vulkan. Doch statt auszubrechen, beugt sie sich immer wieder, nimmt Abzweigungen, die es ihr erlauben, weiterhin passiv zu bleiben.
Als ihre Masseurin sie zu einem spirituellen Ausflug überredet, bleibt Sonja nur der Ausweg, sich auf ein Klos zu flüchten und zu warten, bis „die anderen“ ohne sie weiter gehen. „Die anderen“ wird zum kollektiven Übel. Alle, die ihr Zuschreibungen geben, sie mit sich ziehen wollen, um in ihr eine Verbündete zu finden. Der Fahrlehrer, der nicht die erhoffte Wendung bringt, sondern eine ganz andere will. Die beste Freundin, die Sonja von ihrem Liebesleben berichtet. Doch das alles ist Sonja nicht.
Es war herrlich erfrischend, dass dieser Roman so zentriert auf seine Protagonistin ist. Sonjas Passivität wird dadurch zur Möglichkeit, ihre Innensicht, ihre Gedanken bedeutungsschwer werden zu lassen. Es gibt keinen Kerl, in dem Sonja sich verlieren will. Ihr geht es gerade um das Gegenteil. Das Ankommen – das Zurückkommen. Ich bin ehrlich nicht ganz glücklich mit diesem starren Blick in die eigene Kindheit, die kindliche Heimat als räumlicher Ort der Zufriedenheit. Denn natürlich romantisiert Sonja hier. Sie überzeichnet ihre Erinnerungen als Wunschvorstellungen. Ich glaube nicht, dass sie dort glücklich werden kann.
Aber neu anfangen könnte sie. „Back to the roots“ ganz wörtlich. Zurück zu ihren Wurzeln. Und die werden hier großartig mit einem Gegenkonzept aufgezeigt. Mit der Schwester, die Sonja nie sprechen will. Mit dem Lebensweg, den sie nie gegangen ist. Sonja sucht verzweifelt die Nähe zur Schwester. Zu dem Ich, das sie hätte sein können. Diese Metapher wird hier schön gestaltet. Weniger schön ist, dass Sonjas Schwester Klischeecharakter hat. Sie ist verheiratet, Mutter, im Heimatdorf geblieben. Das andere Extrem und ich glaube, dass Sonja das auch nicht glücklich gemacht hätte. Dafür ist sie viel zu zufrieden mit sich selbst – nur ihre Umgebung stört sie.
Sehr schön finde ich auch den Rahmen des Autofahrens. Sonja sucht Anleitung. Jemanden, der ihr erklärt, wie sie ihr Leben zu leben hat. Sie will an die Hand genommen werden. Doch das geht immer wieder schief. Einmal prallt sie mit Figuren zusammen, die sich selbst zu stark einbringen und Sonja damit dominieren wollen. Und auf der anderen Seite kann nur Sonja selbst die entscheidenden Schritte gehen.