Benutzername: Miss Marple
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Bewertungen

Insgesamt 37 Bewertungen
Bewertung vom 17.09.2017
SOG / Kommissar Huldar Bd.2
Sigurdardóttir, Yrsa

SOG / Kommissar Huldar Bd.2


ausgezeichnet

Kommissar Huldars 2. Runde

Der Titel „SOG“ ist Programm für den zweiten Teil der Reihe um Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja. Nicht nur die handelnden Personen werden wie in einem Sog in die Geschehnisse hineingezogen, auch der Leser, der dieses Buch nicht zur Seite legen wird. Glaubt man am Schluss dann doch einmal Luft holen zu können, setzt die Autorin noch auf der vorletzten Seite eins drauf.
Huldar, nach seinem letzten Fall degradiert, wird mit der Aufgabe betraut, alten Briefen, die sich aus einem Schulprojekt in einer Zeitkapsel befanden, auf die Spur zu kommen, weil darunter eine erschreckende Botschaft über zukünftige Morde gefunden wurden. Als kurz darauf zwei abgetrennt Hände, aber noch keine Leiche, auftauchen, beginnt die Jagd nach dem vermeintlichen Mörder. Weit zurück in die Vergangenheit führen die Spuren, die scheinbar ihren Anfang bei der Entführung und Ermordung eines kleinen Mädchens hatten.
Die Autorin schickt ihre Ermittler auf eine spannende Suche, deren Sog sich der Leser nur schwer entziehen kann. Erleben wir doch ein starkes Ermittlerteam, das realistisch und mit all seinen persönlichen Stärken und Schwächen gezeichnet ist und einen Fall, der uns tief in menschliche Abgründe führt.
Alles in allem finde ich den vorliegenden Band eine gelungene Fortsetzung der Reihe aus Island, der aber auch ohne die Kenntnis des ersten Band für spannende Lesestunden sorgt.

Bewertung vom 10.09.2017
Der Frauenchor von Chilbury
Ryan, Jennifer

Der Frauenchor von Chilbury


ausgezeichnet

Von der Kraft der Frauen
England 1940-immer mehr Männer gehen nach London oder werden in die Kriegshandlungen auf dem Kontinent hineingezogen- in Chilbury, einem kleinen Dorf im Südosten Englands, bleiben nur die ganz jungen und alten zurück und schon bald hat der Kirchenchor keine passenden Männerstimmen mehr. Der Vikar sieht sich gezwungen, den Chor aufzulösen. Warum eigentlich? Es sind doch noch die Frauen da, die große Freude am Singen haben. Und so entschließt sich Primrose Trent, eine Musikprofessorin aus London, den Frauenchor von Chilbury zu gründen, nicht ohne Skepsis aus den eigenen Reihen. Gemeinsam gehen sie sogar die Vorbereitung für einen Chorwettbewerb an.
Die Autorin lässt den Leser Anteil nehmen an den persönlichen Schicksalsschlägen der Bewohnerinnen des Dorfes, das zunehmend in den Krieg hineingezogen wird durch eine in der Nähe gelegene Militärbasis. Durch Briefe und Tagebucheinträge der verschiedenen Protagonistinnen wird das Erlebte lebendig. Liebe, Trauer, Enttäuschung aber auch Zuversicht, Mut und der Bruch mit althergebrachten Traditionen verändern das Leben von fünf ganz unterschiedlichen Frauen und jungen Mädchen innerhalb weniger Monate. Alles, was die Gemeinschaft zusammenhält, ist das gemeinsame Singen, das ihnen Kraft gibt, die Herausforderungen der Kriegszeit anzunehmen.
Es ist ein Buch, das berührt und dessen Charaktere den Leserinnen lange in Erinnerung bleiben werden. So wie auch die Autorin von den Erinnerungen ihrer eigenen Großmütter berührt wurde und diese in den Roman einfließen ließ.

Bewertung vom 09.09.2017
Ermordung des Glücks / Jakob Franck Bd.2
Ani, Friedrich

Ermordung des Glücks / Jakob Franck Bd.2


ausgezeichnet

Jakob Francks zweite Runde
Eigentlich sollte der ehemalige Kommissar seine Pension genießen, doch ihn lassen die Fälle seiner Kollegen keine Ruhe, zumal er in besonderer Mission von ihnen gerufen wird- er übermittelt den Hinterbliebenen der Opfer eines Verbrechens die traurige Nachricht. So auch im aktuellen Buch von Friedrich Ani. Ist dieser Gang zwar immer schwer, ist er es diesmal umso schwerer, da das Opfer ein kleiner Junge ist, der 11-jährige Lennard Grabbe, der erst vermisst wird und nun Ex-Kommissar Franck den Eltern die Nachricht vom Tod ihres Kindes überbringen muss. Eine Sonderkommission stürzt sich in die Ermittlungen, die Familie in den verzweifelten Versuch, mit dem Verlust fertig zu werden und Jakob Franck verbeißt sich bis zur Erschöpfung in die Suche nach dem Täter. Akribisch liest er wieder und wieder die Vernehmungsprotokolle, befragt nochmals die Zeugen, geht bei Wind und Wetter die Straßen und den Tatort ab und versucht so den Abend des Verschwindens Lennards noch nach Monaten zu rekonstruieren. Nach und nach zieht er die Kreise enger.
In Friedrich Ani Manier bleibt bis zum Schluss für den Leser alles offen, auch wenn wir schon zeitig in ein dunkles Familiengeheimnis eingeweiht werden, welches Franck zwar erahnt, es aber selbst nicht erfassen kann.
Den Leser erwartet ein Krimi jenseits des Mainstreams, findet er doch hier nicht nur etwas Besonderes in der Handlung, sondern auch in Sprache und Stil des Autors. Darin zeigt sich Anis literarischer Anspruch.

Bewertung vom 21.08.2017
Ein Gentleman in Moskau
Towles, Amor

Ein Gentleman in Moskau


ausgezeichnet

Der stille Beobachter
Nachdem er durch das Volkskommissariat zu Hausarrest verurteilt wurde, bezieht Graf Rostov ein kleines Zimmer im Dachgeschoss seines geliebten Domizils - Hotel Metropol, in dem er seit seiner Rückkehr in seine Heimat aus dem französischen Exil 1918 eine geräumige Suite bewohnte und muss sich nun aus Platzgründen von manch liebgewonnen Gegenstand verabschieden. Ihm bleibt nur der Blick aus dem Fenster über die Dächer Moskaus, der schon freundschaftlich zu nennende Umgang mit einigen Hotelangestellten und seine bemerkenswerte Beobachtungsgabe, die den Leser dreißig Jahre russische Zeitgeschichte erleben lässt. Gemeinsam ziehen wir mit Rostov Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts unter das Dach des Hotels, richten uns auf beengtem Raum ein, gehen mit ihm in die Hotellobby und beobachten dort neu ankommende Gäste. Detailliert und brillant beschrieben, erfahren wir viel über seiner Familiengeschichte, die uns zurück ins zaristische Russland auf sein Gut führt. Immer wieder wird er durch alltägliche Beobachtungen oder Begegnungen, zum Beispiel mit seinem alten Studienfreund Michael Fjodorowitsch, dazu angeregt, in Rückblicken sich an Vergangenes zu erinnern. Die Veränderungen in der neu gegründeten Sowjetunion machen auch nicht am Hoteleingang halt und so führt uns Rostov in galanter Weise immer verbunden mit seinem täglichen Leben durch wichtige geschichtliche Ereignisse, in die er mehr oder weniger hineingezogen wird und mutige Entscheidungen treffen muss.
Keine Frage, dass der Autor selbst über eine unbeschreibliche Beobachtungsgabe verfügt und diese in eine kunstfertige Sprache umzuformen versteht. Der Roman lebt von einer solch großen Detailfülle, dass der Leser am Schluss erst einmal innehalten muss, um das Gelesene einzuordnen. „Ein Gentleman in Moskau“ ist kein schnelles Buch, es fordert sich die Zeit des Lesers ein, der immer wieder angeregt wird, auch das kleinste Detail, sei es sprachlich oder auch inhaltlich, zu erfassen.
Nicht zuletzt verdanken wir einer brillanten Übersetzung durch Susanne Höbel ein bleibendes Leseerlebnis, das noch lange nachwirkt.

Bewertung vom 15.08.2017
Kein guter Ort
Stäber, Bernhard

Kein guter Ort


gut

Arnes 3. Runde
Arne Eriksen-Psychiater aus Deutschland- lebt nun schon seit einigen Jahren in Norwegen. Im Land seines Vaters versucht er einen beruflichen und privaten Neuanfang. Schon in den beiden vorherigen Büchern lässt der Autor ihn „kriminalisieren“- durch seine eigenen Fälle als Psychiater und seine freundschaftlichen Beziehungen zu Kari Bergland, einer Kommissarin aus Bergen, wird er mehr oder weniger schnell in gefährliche Situationen gezogen.
Aktuell verfolgen Kari und ihre Kollegen einen flüchtigen Drogenhändler, der einen Kollegen niedergestochen hat und dessen Tod die Polizisten zu beklagen haben. Eng verbindet sich dieser Fall mit Jane, einer jungen Drogenabhängigen und Tochter von Karis Vorgesetzten, als die junge Frau eine Therapie gegen ihre Sucht bei Arne beginnen soll. Beide interessieren sich schnell für einen 10 Jahre zurückliegenden Fall –einen unaufgeklärter Mord in einem nahegelegen Hotel. Doch sehr bald merken sie, dass die Rabenschlucht kein guter Ort ist.
Zu den handelnden Personen wird vom Autor vieles vorausgesetzt, was in den ersten beiden Bänden ablief. Das erschwert teilweise das Verständnis für jemanden, der jetzt erst in die Reihe einsteigt.
Meiner Meinung nach wäre bei den vielen Fäden, die der Autor in der Handlung spinnt, weniger mehr gewesen. Er legt den Schwerpunkt auf Arnes Detektivspielen und die beiden Fälle, die Kari Bergland bearbeitet- der Drogenhändler und ein weiterer Mord- werden wenig beachtet und nur angerissen. Janes Therapie wird ganz aus dem Blick verloren. Dass Arne versucht, durch alte Riten der Samen zu einer Art Bewusstseinserweiterung zu kommen und dadurch Erkenntnisse zum Fall gewinnt, ist zwar mal ein spannendes Detail, jedoch gelingt es dem Autor in meinen Augen nicht, den Spannungsbogen beizubehalten.
Auf eine Fortsetzung darf der interessierte Leser wohl hoffen, denn der Autor lässt die private Beziehung zwischen Arne und Kari noch immer offen.

Bewertung vom 08.08.2017
Der Sandmaler
Mankell, Henning

Der Sandmaler


sehr gut

Erste Afrikastudie

Als Henning Mankell 1971 das erste Mal nach Afrika reiste, muss ihn das tief beeindruckt und bewegt haben. Im Anschluss schrieb er einen ersten kleinen Roman, wohl eher eine längere Erzählung, in dem er seine Eindrücke in dem namentlich nicht erwähnten Land verarbeitete. Wer seine späteren Afrika- Romane kennt, wird wichtige Themen bereits hier wiedererkennen- allen voran die Auswirkungen des Kolonialismus, die Ausbeutung der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart, den Umgang mit Krankheit und Elend. Mankell zeigt sich hier schon in frühen Jahren als großer Beobachter, so gibt er detailliert eine Marktszene wieder, lässt seine Figuren Elisabeth und Stefan hautnah die Atmosphäre dort erspüren mit allen Gerüchen und Geräuschen. Elisabeth wird auf einer ihrer Erkundungstouren Zeugin eines rituellen Tanzes, dessen Wirkung sie sich kaum entziehen kann. Mankell sensibilisiert diese junge Frau und lässt sie hinter die Kulissen eines schon Anfang der 70er Jahre gut entwickelten Tourismus schauen, lässt sie teilhaben am armen Leben der Einheimischen, indem er ihr und Stefan einen kleinen Jungen zur Seite stellt, der ihr „Freund“ werden möchte, sich ihnen als Fremdenführer anbietet, anstelle zur Schule zu gehen und der davon träumt, nach Schweden zu gehen, um da zu arbeiten. Selbst aus weniger privilegierten Verhältnissen stammend, erkennt sie nach und nach, dass es nicht nur das Urlaubsparadies mit seinen schönen Landschaften und traditionellen Tänzen gibt, sondern auch die Kerrseite der Medaille. Dieses Verständnis wird ihr auch durch Sven, einen mitreisenden Lehrer vermittelt, der ihr historische und politische Hintergründe erläutert. Mit Stefan setzt Mankell einen jungen Mann ins Bild, der zwar auch von den Zuständen vor Ort betroffen ist, wie z.B. beim zufälligen Besuch eines Lepradorfes, wo die Menschen wie zu Kolonialzeiten von der Gemeinschaft ausgesperrt sind, aber es berührt ihn nicht so sehr, als dass er nicht im nächsten Augenblick mit einem afrikanischen Mädchen ins Bett gehen würde, nur um damit prahlen zu können. Er ist oberflächlich, nur auf sein Wohl bedacht und steht auf der Sonnenseite des Lebens.
Der Leser merkt am Schluss, hier ist noch etwas nicht fertig. Dass Mankell später seine Eindrücke über Afrika, wo er ja selbst über viele Jahre in Mosambik lebte und arbeitete, wort-und bildgewaltiger auszudrücken vermag, wissen wir oder empfehlen dem noch unwissenden Leser dieses nachzuholen, denn es gibt einen Autor jenseits der Wallander-Romane.

Bewertung vom 28.07.2017
In tiefen Schluchten / Tori Godon Bd.1
Chaplet, Anne

In tiefen Schluchten / Tori Godon Bd.1


gut

Viel Geschichte, wenig Krimi
Wer bei diesem Büchlein einen klassischen Krimi erwartet, wird enttäuscht sein. Den Leser erwarten zwar im Laufe der Geschichte einige Tote und ein Vermisster, aber seine „kriminelle Fahrt“ nimmt der Roman erst nach der Hälfte auf. Bis dahin erfahren wir viel über die Geschichte und Landschaft der Cevennen, die schon seit der Hugenottenverfolgung Hochburg der Rebellen waren und ihr Erbe bis ins Heute tragen. So findet sich auch Tori, eigentlich Victoria, wieder in einem Dorf, was voll von Geheimnissen aus der näheren und fernen Vergangenheit (beginnend mit der Steinzeit über die Religionskriege bis hin zur Zeit des Widerstandes während des 2. Weltkrieges- weniger wäre hier eindeutig mehr) ist. Gemeinsam mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann wollte sie sich eigentlich auf die Suche nach seinen hugenottischen Vorfahren machen. Um ihre Trauer zu verarbeiten, möchte sie an dieser Aufgabe wieder anknüpfen, wird jedoch schnell in den Strudel von Geheimnis und Verrat, Schuld und Sühne hineingerissen. Jedoch gelingt es der Autorin nicht, die kurzzeitig entstandene Spannung für den Leser aufrechtzuerhalten. Immer wieder verliert sie sich in ausschweifenden Beschreibungen der Landschaft, in kulturhistorische und historische Exkurse. Wer nicht so sehr an kriminalistischer Raffinesse und Detektivkunst, sei es durch einen interessanten Ermittler oder auch eine wissbegierige Privatperson, interessiert ist, findet eventuell kurzweilige Lesestunden, ansonsten wird der Leser diese Buches hier nur wenig gewohnte Krimiunterhaltung finden.

Bewertung vom 24.07.2017
Und Marx stand still in Darwins Garten
Jerger, Ilona

Und Marx stand still in Darwins Garten


sehr gut

Kleiner Exkurs in das Leben zweier großer Männer
Die Autorin lässt den Leser teilhaben an den letzten Lebensmonaten zweier großer Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, die maßgeblich an den Grundfesten der damaligen Gesellschaft gerüttelt haben.
Darwin, bereits Anfang 70, lebt zurückgezogen in seinem Haus im Kent, ist vertieft in letzte Forschungen an einer Studie über Regenwürmer. Nur wenige Meilen entfernt lebt Karl Marx unter weniger komfortablen Umständen, schwer lungenleidend in einer Mietskaserne in London. Schwer trägt er an der Aufgabe, nun endlich mit dem 2. Teil seines „Kapitals“ zu beginnen.
Zwischen beiden gibt es ein Bindeglied, nämlich ihren Hausarzt Doktor Beckett, der Darwin bereits über mehrere Jahre betreut und nun durch Friedrich Engels, Marx‘ wohlhabenden Freund, in Marx einen neuen Patienten findet. Mit beiden spricht er über ihre Forschungen und Lehren und übermittelt dem jeweils anderen auch die entsprechenden Meinungen darüber. Gerne würde er beide einmal zu einem Diskurs zusammenbringen, welcher sich dann aber auf andere Weise anbahnt.
Das Treffen zwischen Marx und Darwin gab es so nicht. Die Autorin verwendet ihr umfangreiches Quellenstudium, um diese Idee auf Papier umzusetzen. Sie lässt den Leser teilhaben an interessanten wissenschaftlichen und philosophischen Gesprächen und regt ihn an, ggf. sich weiter auf die Spuren der beider zu begeben, denn der Text ist eher ein kurzer Roman oder eine längere Erzählung, in dem sie viele interessante Aspekte aus beider Leben anreißt, wie z.B. Darwin Reise nach Südamerika, auf der er sich schwört, zeitlebens die Naturgesetze zu erforschen oder die Hintergründe benennt, warum Marx in England im Exil ist.
Inhaltlich hätte ich mir von dem Buch mehr erhofft. Der Schwerpunkt der Erzählung liegt auf Darwins Seite. Der interessierte Leser wird bei Bedarf weitere andere Texte lesen müssen. Das ist auch sicherlich gut so, denn es handelt sich ja um einen fiktionalen Text, der sich sprachlich seinen Figuren und ihrer Lebenszeit anpasst und auch hier und da mit Humor und Ironie aufwartet.

Bewertung vom 19.07.2017
Die Morde von Morcone / Robert Lichtenwald Bd.1
Ulrich, Stefan

Die Morde von Morcone / Robert Lichtenwald Bd.1


sehr gut

Lichtenwalds erste Runde

Der Autor verlangt dem Leser schon im Prolog viel ab, werden wir doch Zeuge des Mordes an einer jungen Frau. Wenig später lernen wir Robert Lichtenwald kennen, ein ehemaliger Strafverteidiger aus München, der sich in die Toskana zurückzog, um sich nach einer schwierigen Zeit wieder zu sammeln und neu zu finden. Doch alles, was er in seiner neuen Heimat- in der er ein kleines Bauernhaus auf dem Gut des Conte di Montecivetta sein eigen nennt- findet, ist auf einem gemeinsamen Ausflug mit dem Conte in den Naturpark Maremma die Leiche jener jungen Frau aus dem Prolog. Schnell erkennen beide, dass sie oder auch er, denn sie haben es hier mit einem Hermaphroditen zu tun, wohl von dem Straßenstrich stammen muss, an dessen nächtlichen Überresten sie gerade vorbeigekommen sind. Schnell entspinnen sich in den kleinen Ort Marcone Gerüchte über den möglichen Täter. Schon bald gerät Lichtenwald mitten hinein in die Ermittlungen und folgt gemeinsam mit der Lokalreporterin Giada Bianchi, die das Schreibwarengeschäft ihrer Eltern im Ort führt, den Spuren des vermeintlichen Täters.
Die Geschichte ist spannend geschrieben, wird doch der Leser lange im Ungewissen gelassen und ermittlungstechnisch auf Irrwege geführt. Stefan Ulrich führt uns aus verschiedenen Blickwinkeln an die Lösung des Falles heran, denn er stellt nicht nur die ermittelnden Beamten in den Mittelpunkt, sondern lässt Laien-wie Lichtenwald und Giada- die Ermittlungen mit beeinflussen. Das gefällt mir persönlich sehr gut. Trotzdem wünsche ich mir bei einer möglichen Fortsetzung, dass die Figuren noch stärker gezeichnet werden und für den Leser in ihrer Person noch charakteristischer werden. Außerdem sollten eventuell in einem Glossar die verwendeten italienischen Wörter erklärt werden-denn nicht jeder Leser verfügt über dementsprechende Sprachkenntnisse, zumal der Autor sie unverhältnismäßig oft verwendet.
Bleibt für den Leser zu hoffen, dass Lichtenwald bald wieder in seinem Bauernhaus in der Maremma kocht und guten Wein genießt, seinen neu angelegten Garten pflegen kann und vielleicht mit Giada einem neuen Verbrechen auf der Spur ist. In der Zwischenzeit könnte ja der reisebegeisterte Leser vor Ort die wunderschöne und geschichtsträchtige Landschaft der Südtoskana besuchen.

Bewertung vom 11.07.2017
Glaube Liebe Tod / Martin Bauer Bd.1
Gallert, Peter; Reiter, Jörg

Glaube Liebe Tod / Martin Bauer Bd.1


ausgezeichnet

Martin Bauers erste Runde
Mit Gottvertrauen stürzt sich der Polizeiseelsorger Martin Bauer in den Rhein, darauf hoffend, dass ihn der eigentliche Selbstmörder, der Polizist Walter Keunert, zu dem er gerufen wurde, rettet. Gelingt dies noch, muss er wenige Stunden später verstellen, dass sein „Retter“ tot ist. Jedoch kann er den scheinbar offensichtlichen Selbstmord des Beamten vom Dach eines Parkhauses nicht so schnell akzeptieren und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.
Die Autoren schaffen mit ihrer Figur Martin Bauer einen neuen Blick auf dem Ermittleralltag- ist doch Bauer Polizeiseelsorger. In dieser Funktion überschreitet er schon mal die Grenzen seines Berufes, weil dieser für ihn eine Berufung ist und er durch gute Menschenkenntnis und eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe oft den polizeilichen Ermittlungen einen Schritt voraus ist. Der Leser begleitet ihn auf seinen Runden durchs Duisburger Milieu, wo er mit denen, die am Rande der Gesellschaft leben-Alkoholiker, Obdachlose, Prostituierte- ins Gespräch kommt und so wichtige Informationen für „seine“ Ermittlungen erhält. Martin Bauer ist dem Leser sympathisch, verbeißt er sich doch wie ein Terrier in den Fall, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Jedoch ist er nicht frei von Fehlern- denn er bringt entgegen eines festen Vorsatzes, nie die Arbeit in sein Haus zulassen, am Ende seine Familie und sich selbst in Gefahr.