Er hätte der Jim Morrison unserer Zeit sein können. Ausgestattet mit einer unverwechselbaren Stimme und Charisma, stieg Mark Lanegan Anfang der Neunzigerjahre mit seiner Band The Screaming Trees zu einer der Topbands der Grunge-Ära auf. Um dann umso tiefer abzustürzen. Drogensucht, Obdachlosigkeit und Straßenkriminalität waren die Folge. Doch während viele seiner Freunde wie Kurt Cobain das Jahrzehnt nicht überlebten, gelang Lanegan die Rückkehr auf die Bühne und war bis zu seinem Tod 2022 außergewöhnlich produktiv. Die unveränderte Neuausgabe von Mark Lanegans Autobiografie jetzt unter dem Originaltitel »Sing backwards and weep«.
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Alles Dunkel dieser Welt
Bewertung aus Bietigheim-Bissingen am 04.04.2022
Bewertungsnummer: 1689145
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Natürlich habe auch ich in den 90ern Grunge gehört, weil es neu und anders war, allerdings war ich kein großer Fan und die Destruktivität, die bei vielen Musikern in Drogenabhängigkeit und sogar Tod endete, schreckte mich ab und widerte mich an. Auf Mark Lanegan wurde ich jedoch immer wieder aufmerksam und zuletzt aufgrund eines sehr traurigen Ereignisses, sein Tod mit 57 Jahren. Nein, er ist nicht an einer Überdosis gestorben, sondern an den Folgen einer Covid-Infektion. Erst im Dezember 2021 war "Devil in a Coma" erschienen. Darin berichtet Lanegan über seinen Kampf mit der tückischen Viruserkrankung.
Mark Lanegan ist nicht nur ein großartiger Sänger, dessen Bariton einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, sondern auch ein genialer Songwriter.
Beeindruckt hat er mich mit seiner Interpretation des Dylan's Songs "Man in the long black coat" in der Biopic "I'm not there" oder Gastauftritte bei Nick Cave. Des Weiteren hat er drei bemerkenswert Alben mit der britischen Sägerin Isobel Campbell aufgenommen.
Ich habe die Autobiografie "Sing backwards and weep" in einem Rutsch durchgelesen, so zog sie mich in ihren Band. Lanegan hatte, im Gegensatz zu vielen Kolleg:innen, keinen Ghostwriter. In Interviews berichtet er, wie schwierig das Schreiben für ihn war, weil er diese Zeit, die v.a. von seiner Drogenabhängigkeit geprägt war, noch einmal durchleben musste. Auch der Leserin und dem Leser muss klar sein, dass das Buch v.a. über Lanegans Zeit mit den Screaming Trees handelt und von den wilden Seiten erzählt. Diese Jahre haben nun den größten Teil seines Lebens ausgemacht und er hat vermutlich so viel erlebt, um es auf mehrere Leben aufzuteilen. Das Buch hat nicht umsonst fast 500 Seiten.
Die Biografie ist auch als Hörbuch erhältlich, von Mark Lanegan selbst gelesen. Ich hab einige Kapitel auf audible gehört und kann es empfehlen. Zum einen ist es durch Lanegans Stimme sehr authentisch, zum anderen kommt die Message 1:1 an. Eine Übersetzung, und ist sie noch so gut, hat nie die gleiche Authentizität.
Eine Autobiografie für Insider und Fans, sehr lesenswert und tief beeindruckend.
"I spent my life, tryin' every way to die /
Is it my fate to be the last one standin'?"
Bewertung am 05.07.2022
Bewertungsnummer: 1741701
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Am 22.02.2022 starb der Sänger Mark Lanegan mit gerade einmal 57 Jahren. Wenn man die Autobiografie gelesen hat, die nun nicht mehr den Titel „Alles Dunkel dieser Welt“ trägt, sondern jetzt auch auf dem deutschen Buchmarkt mit dem Originaltitel „Sing backwards and weep“ vertrieben wird, fragt man sich ernsthaft, wie er es überhaupt geschafft hat, so „alt“ zu werden. Und nein, das ist nicht böse gemeint, aber bei den ganzen Drogen und der Menge Alkohol, hätten andere Menschen schon wesentlich früher das Handtuch geworfen, wie er auch selbst im zu Beginn zitierten Song "Skeleton Key" singt.
Am Ende waren es allerdings die Folgen einer Covid-Infektion, die im Februar 2022 zu seinem Tod führten und die Welt beheimatet seitdem einen begnadeten Sänger und Songwriter weniger. Die Stimme ist einfach der absolute Wahnsinn und auch seine Texte sind verdammt kraftvoll. Aber was für ein Mensch steckt hinter dieser Musik?
In seiner Autobiografie nimmt Lanegan kein einziges Blatt vor den Mund und schreibt, wie er am Leben und vor allem sich selbst zerbricht. Zu Beginn liest man oft, wie wertlos er sich fühlt und nicht nachvollziehen kann, dass jemand seine Musik überhaupt im Ansatz mag. Die Alben der "Screaming Trees" bezeichnet er fast durchweg als durchschnittlich und ist unzufrieden mit allem. Er bewundert zwar alle anderen (vor allem seinen Freund Kurt Cobain), hat für sich selbst und die Band aber meistens nur Verachtung übrig (kein Wunder, dass seine ehemaligen Bandkollegen "etwas" angesäuert waren, als das Buch erschien). Er beschreibt seine Sexbesessenheit, sowie seine Drogen- und Alkoholsucht sehr detailliert und schon allein aus diesem Grund ist dieses Buch bei „Heyne Hardcore“ unheimlich gut aufgehoben.
Lanegan nimmt seine Leser mit zurück in eine sehr schwierige Kindheit, die vom Wunsch geprägt war, auszubrechen. Er wollte raus aus dem Örtchen Ellensburg, das von Spießigkeit geprägt war und dafür war ihm jedes Mittel recht. Als Sänger der Grunge-Band „Screaming Trees“, die 1985 gegründet wurde, schaffte er es schließlich, sich aus dem kleinen Ort zu lösen, was allerdings nur dazu führte, dass es mehr Alkohol, mehr Drogen und mehr Frauen wurden. Die Band war kommerziell jedoch nie so erfolgreich wie andere Bands dieser Zeit wie zum Beispiel „Nirvana“ oder „Alice in Chains“.
Lanegan hat nicht nur einiges, sondern verdammt vieles hinter sich und geht sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Obdachlosigkeit, Straßenkriminalität, Drogensucht, Frauen… Eigentlich gibt es nichts, was Lanegan nicht erlebt hat / erleben musste und als Leser wird man mitten hinein gerissen in diesen düsteren Abgrund.
Wenn man sich für die Grunge-Ära und / oder Mark Lanegan begeistern kann, kommt man an diesem Buch nicht vorbei, denn noch nie war man so nah dran an dieser Zeit und der Person, wie hier. Lanegan hat nach eigener Aussage ohne Ghostwriter gearbeitet und wenn man seine Autobiografie gelesen hat, zweifelt man auch nicht daran, denn der Ton ist wie er selbst: rau, düster und mitten in die Fresse! Das ist bisher die heftigste Autobiografie eines Musikers, die ich gelesen habe und ich denke auch nicht, dass es irgendwann noch übler wird. Legen sie zu Beginn eine Platte der „Screaming Trees“ auf, wechseln sie später rüber zu den Soloalben von Lanegan und tauchen sie ab in ein einzigartiges Leben, das jede Grenze überschreitet!
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