aufgeben. Und Hebräisch zu lernen schien ihm auch wichtig. Den Habitus eines Gebildeten hatte er nicht abgestreift.
Nach den Maßstäben anderer syrischer oder ägyptischer Asketen, von denen viele nachgerade stolz waren auf ihre Bildungsferne und die immer neue Formen der Kasteiungen ersannen, war seine Verzichtsleistung lasch, und nicht einmal sie hielt er durch. Hieronymus fand Gründe, die Wüste zu verlassen und Kirchenpolitik zu betreiben. Erfolgreich war er damit nicht, doch sein Weg führte ihn nach Rom. Dort, im Westen, wo das Mönchtum eben erst Fuß fasste, bewunderte man ihn für seine Askeseerfahrung (zumindest für die Berichte darüber), was sich seit dem Spätmittelalter auch in zahlreichen Darstellungen des Hieronymus in der Wüste niederschlägt. So verhärmt hätte er gewiss gerne ausgesehen.
Neugierig öffneten die immens reichen Aristokraten Roms dem interessanten Mann ihre Häuser, mussten aber mit wachsendem Verdruss beobachten, wie Hieronymus die gramerpressten Frauen als Asketinnen und Finanziers gewann - wollten die vornehmen Herrschaften doch diese Töchter und Witwen eigentlich nutzbringend an andere reiche Familien verheiraten. Zudem war die schiere Radikalität, zu der er Gläubige anstiftete, vielen nicht geheuer. Als Blesilla, eine junge Frau senatorischer Herkunft, entkräftet starb, wurden die Proteste gegen seine Fastenlehre lauter. Hieronymus hingegen empörte sich darüber, dass seine Asketin wie eine Aristokratin bestattet wurde, in diesem Sinne unstandesgemäß.
Lange konnte er sich in der Kapitale nicht mehr halten und reiste 385 wieder in den Osten des Römischen Reiches. Dort unternahm er eine lange Pilgerfahrt, begleitet von verschiedenen Anhängern, darunter Paula, der Mutter Blesillas, und ihrer überlebenden Tochter Eustochium, die ihm unbeirrt treu blieben. Zu Bethlehem gründeten Hieronymus und Paula schließlich klösterliche Gemeinschaften, die die Römerin bis zur Zahlungsunfähigkeit finanzierte. Hier herrschte ein strenges Regiment. Zeigte etwa eine Frau Hang zur Fleischeslust, wurde doppeltes Fasten verhängt. Und dennoch war der Andrang groß. Hieronymus arbeitete derweil weiter theologisch und verfasste viele lebendige Briefe. Bei aller Askese träumte sein Herz noch vom Genießen, und so kam er von Cicero nicht los, was seinem Stil nur guttat.
Dürers berühmter Kupferstich des Hieronymus im Gehäus scheint die Stimmung stiller Gelehrsamkeit einzufangen, doch sie prägte Hieronymus' Leben am Geburtsort Jesu keineswegs. Trotz gelegentlicher Anflüge von Versöhnlichkeit stritt er mit seinem alten Weggefährten Rufinus und dem Ortsbischof Johannes, aber auch mit vielen anderen, darunter Augustinus. Dieser war zunächst Priester, dann Bischof von Hippo im heutigen Algerien. Obwohl jünger, nahm er es sich heraus, Zweifel an Hieronymus' Schriften anzumelden. Der Angegriffene verweigerte unter Verweis auf sein Alter die Antwort. Augustinus aber ließ nicht locker, bis der pikierte Hieronymus noch einmal das Arsenal seiner Streitkunst in Stellung brachte und seinen Herausforderer als Häretiker verdammte. Kleinlicher Gelehrtenzank war den Kirchenvätern nicht fremd.
Entsetzen ergriff Hieronymus, als er hörte, dass Rom von Goten erobert worden sei. Anders als Augustinus fand er darauf keine Antwort mehr. Sein Rom zerfiel, seine Welt war zerschlagen. So lebte er, immer müder, doch weiterhin ingrimmig arbeitend, bis zu seinem Tode etwa 420. Nie bekleidete er ein kirchliches Amt, das über ein formelles Priestertum hinausging; er blieb vielmehr ein Einzelgänger, wenngleich erfolgreich darin, vermögende Förderer und Förderinnen zu finden. Auf späteren Gemälden trägt er dennoch oft die Robe eines Kardinals - eine Würde, die es zu seiner Zeit nicht einmal gab.
Drei Sprachen beherrschte Hieronymus, durchaus staunenswert in seinem Umfeld. Vom römischen Bischof Damasus (366 bis 384) fühlte er sich beauftragt, den in vielen Punkten strittigen lateinischen Bibeltext seiner Zeit zu revidieren. Daraus entstand die Vulgata, die später gebräuchliche lateinischen Übersetzung der Bibel, die in weiten Teilen auf seine Arbeit zurückgeht. Die Revision der Evangelien entwickelte sich zum Projekt der Neuübersetzung der gesamten Bibel, wobei Hieronymus die Schriften des Alten Testaments aus dem Hebräischen übertrug, nicht aus der den meisten Christen heiligen griechischen Übersetzung, der Septuaginta.
Dafür hagelte es Kritik, unter anderem von Augustinus. Hieronymus hingegen verwies auf die sprachliche Kompetenz von Juden, mit denen er sich austauschte, und betonte zugleich, dass Juden den Text teilweise verfälscht hätten und ohnehin nicht richtig verstehen wollten, so dass gerade Christen das Original kennen müssten. Nicht aus dem Respekt vor der jüdischen Tradition erwuchs mithin der Rekurs auf den Originaltext, sondern aus einem tief sitzenden Misstrauen - und das teilte er mit den meisten Christen seiner Zeit.
Feinsinnig und quellennah, in einem gepflegten Stil zeichnet der Saarbrücker Althistoriker Heinrich Schlange-Schöningen diesen windungsreichen Lebensweg nach und stellt an einigen wichtigen Punkten die herrschende Meinung in Frage, wenn er etwa bestreitet, das Hieronymus in Trier eine Bekehrung erlebt habe. Sein Anliegen ist es indes nicht, ein ganz neues Bild zu malen - ein solcher Anspruch wird ja ohnehin viel öfter erhoben als eingelöst. Vielmehr will er eine nuancierte Darstellung geben, vor dem Hintergrund einer souveränen Kenntnis der Spätantike, wobei bisweilen theologische Differenzierungen nötig wären - hier sei auf Alfons Fürsts Studien zu Hieronymus verwiesen.
Getragen wird das Buch von einer umfassenden historischen wie kunsthistorischen Bildung, so dass die Wirkungsgeschichte des Hieronymus stets im Blick ist. Der breite Horizont des Autors schlägt sich auch in der klugen Auswahl der Abbildungen nieder - die der Verlag unverständlicherweise in erbärmlicher Qualität darbietet. Dieses lesenswerte Buch hätte eine weniger lieblose Behandlung verdient.
HARTMUT LEPPIN.
Heinrich Schlange-Schöningen: "Hieronymus". Eine historische Biografie.
Philipp von Zabern Verlag, Darmstadt 2018.
320 S., Abb., geb., 29,95 [Euro].
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