Leseprobe zu "Wirtschaft - Das sollte man wissen"
VORWORT ZUR DEUTSCHEN NEUAUFLAGE
In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Westdeutschland - die alte Bundesrepublik - das wirtschaftliche Zugpferd Europas. Gemessen an seinem Wirtschaftswachstum wurde es im Kreis der entwickelten Ökonomien nur noch von Japan übertroffen. Doch ab den neunziger Jahren bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts verkehrte sich das Bild: Deutschland wurde zu derjenigen Volkswirtschaft im Verein der Industrieländer, die am langsamsten wuchs, wiederum nur von Japan übertroffen. Die beiden leistungsstärksten Ökonomien hatten sich in die beiden leistungsschwächsten verwandelt.
Bei derartigen Umkehrprozessen sind stets zweierlei Kräfte am Werk. Zum einen verändert sich ganz einfach die Welt, in der wir leben, wodurch alte, bewährte Strategien und Herangehensweisen ihrer Wirksamkeit beraubt werden. Zum anderen verweigern sich diejenigen, die das alte Spiel meisterhaft beherrschten, standhaft der Einsicht, dass sein Regelwerk nicht mehr gilt. Folglich verzichten sie auf die Entwicklung neuer Standardabläufe und -verfahren, obwohl genau dies erforderlich wäre.
Als die erste Auflage von Wirtschaft - Das sollte man wissen in englischer Sprache erschien, war der Kommunismus noch quicklebendig. Die Wende vom Kommunismus zum Kapitalismus nahm 1978 in der Volksrepublik China ihren Anfang, gipfelte aber in dem symbolischen Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989. Mit der politischen Implosion, die den Kommunismus 1991 in der UdSSR hinwegfegte, verschwand er im Wesentlichen von der Landkarte. Nur Kuba gründet seine Volkswirtschaft bis heute auf kommunistischen Prinzipien. Ein Drittel der Menschheit hat somit den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus vollzogen.
Im weltweiten Maßstab nimmt sich der Zusammenschluss der beiden deutschen Teilstaaten in wirtschaftlicher Hinsicht nahezu unbedeutend aus, wenn man ihn an den Entwicklungen misst, die sich in China vollzogen haben. Napoleon tat 1808 den berühmten Ausspruch, wonach China ein "schlafender Drache" sei, bei dessen Aufwachen die Welt erzittern werde. Nun, China ist erwacht und die Welt erzittert, jedenfalls in ökonomischer Hinsicht. Das Land ist ausreichend groß, um das Spielfeld des Kapitalismus weltweit zu verändern. Wie erfolgreich werden sich die konkurrierenden Länder gegen 1,3 Milliarden vergleichsweise gut ausgebildete Niedriglohnkräfte behaupten können, die imstande sind, einen Menschen in den Weltraum zu befördern?
Auch für Deutschland galten nach dem Fall der Berliner Mauer neue wirtschaftliche Spielregeln, doch die Wirtschaftspolitik des Landes blieb davon unberührt. Die politische Wiedervereinigung, welche die deutsche Wirtschaft hätte stärken müssen, trug am Ende zu ihrer Schwächung bei. Um zu erkennen, welche Schritte erforderlich gewesen wären, genügt ein Blick auf die Beziehungen zwischen Taiwan und der Volksrepublik China. Mit der Öffnung des festlandchinesischen Marktes verlagerte Taiwan seine wirtschaftlichen Aktivitäten im Niedrigtechnologiebereich auf das Festland, wo die Löhne viel niedriger und die Gewinnaussichten weitaus günstiger waren. Um die hierdurch verlorenen Arbeitsplätze zu ersetzen, forcierte Taiwan die Entwicklung neuer Aktivitäten auf höherem technologischen Niveau im eigenen Land. Dieses Vorhaben konnte nur mithilfe einer begleitenden expansiven Geld- und Fiskalpolitik gelingen. Inflationssorgen jeder Art ignorierte man daher so lange, bis die wirtschaftliche Integration mit dem Festland vollzogen war. Man hatte erkannt, dass sich die Spielregeln geändert hatten; die Regierung schlug folglich einen neuen Kurs ein, ebenso wie die Unternehmen ihre Strategien korrigierten.
In Deutschland geschah etwas ganz anderes. Anstatt die wirtschaftliche Reintegration beider Landesteile durch eine expansive Geld- und Fiskalpolitik zu erleichtern, verfolgte man weiterhin einen restriktiven wirtschaftspolitischen Kurs, der allein auf das Ziel der Inflationsbekämpfung ausgerichtet war. Dies verhinderte Wachstumsraten in einer Höhe, die zur Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Ostdeutschland und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in Westdeutschland geführt hätte. Die Bundesbank hatte sich der Erkenntnis verschlossen, dass die alten Spielregeln nicht mehr galten. Auch ließ man zu, dass die Löhne in Ostdeutschland schneller anstiegen als die Produktivität, mit der Folge, dass die neuen Bundesländer sich in ein Hochlohngebiet verwandelten, das als Standort für neue Betriebe wenig attraktiv war. Aus der Sicht der Unternehmen bestanden weder Anreize, die Produktion zumindest teilweise nach Ostdeutschland zu verlagern, noch der Bedarf zur Ausweitung der Aktivitäten in Westdeutschland. In der Folge entwickelten sich die neuen Bundesländer zu einer Belastung der staatlichen Transferkassen statt zu einem wirtschaftlichen Aktivposten, der mit niedrigen Kosten lockt.
Die Gründe für die Umkehr der japanischen Wirtschaft sind an ganz anderer Stelle zu suchen.[...]