Leseprobe zu "Imperium der Zukunft" von Alan Posener
Der Kommissar entwirft gerade eine Zukunft für Europas schmuddeligen Hinterhof. Wir sitzen in seinem bescheidenen, hellen Büro im zehnten Stock des Berlaymont-Gebäudes in Brüssel, das die Brüsseler "Berlaymonstre" nennen. In diesem Gebäude am Place Schuman, nicht hübscher und nicht hässlicher als irgendeine andere Firmenzentrale, residiert die Europäische Kommission, die Regierung der Europäischen Union. Erweiterungskommissar Olli Rehn spricht über den Balkan.
Der Finne ist ein freundlicher Mittvierziger, dessen Allerweltsgesicht seine formidable Intelligenz nur mühsam kaschiert. Mit bürokratischer Unauffälligkeit verwaltet er einen Prozess von epochaler Bedeutung. Was weder Napoleon, Trotzki noch Hitler geschafft haben, wovon katholische Reaktionäre und 1848er Revolutionäre träumten, das vollzieht sich heute gewissermaßen hinter dem Rücken der Geschichte: die Europäisierung Europas, die Einigung des Kontinents. "Das Ziel", sagt Olli Rehn, "besteht darin, aus dem Balkan einen stinknormalen, langweiligen Ort zu machen, wie der Rest Europas."
Ein großes Ziel. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt waren auf dem Balkan Serben, Kroaten, Bosniaken und Albaner, Katholiken, Orthodoxe und Muslime dabei, sich gegenseitig abzuschlachten. 300 000 Menschen starben, zwei Millionen wurden vertrieben, während Europas Devise lautete: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.
Jetzt sind die Europäer da. Slowenien ist bereits Teil der Europäischen Union. Kroatien ist Kandidat. Mazedonien wurde von EU-Truppen befriedet. Serbien wird zerlegt: Montenegro, ein potenzielles Ferienparadies an der Adria, durfte sich selbständig machen, das UN-Protektorat Kosovo wird bald folgen, ganz gleich, was die Serben davon halten und ohne Rücksicht auf das Prinzip der territorialen Integrität: "Wir erwarten hier einen gewissen Realismus", sagt Rehn trocken. Den Serben wird das Ende ihrer Vorherrschaft im Westbalkan schmackhaft gemacht mit der Aussicht auf eine gemeinsame grenzenlose Zukunft in der Europäischen Union. Südtirol ist dabei das Vorbild. Dort, wo vor einem Menschenalter noch die deutschsprachige Mehrheit unter der brutalen Italienisierung litt und heimattreue Terroristen für den Anschluss an Österreich Strommasten sprengten, genießen nun die Gewinner der Europäischen Einigung das Beste beider Welten, fahren zum Einkaufen nach Innsbruck, zum Urlauben ans Mittelmeer und müssen nirgendwo Geld wechseln oder einen Pass zeigen.
"Das Problem Serbien ist lösbar", sagt Rehn. "Denn die Serben haben einen Staatsapparat. Sicher, er ist noch durchsetzt von Elementen der alten Ordnung, aber das Problem kennen wir von den osteuropäischen Staaten. Wir wissen inzwischen, wie man eine solche Staatsmaschinerie für unsere Zwecke in Gang setzt und zugleich nach und nach verändert. Was aber machen wir dort, wo es keinen Staatsapparat gibt, der diesen Namen verdient? Was machen wir zum Beispiel mit Bosnien?"
"Bosnien ist schlicht und einfach unregierbar", sage ich.
"Im Gegenteil", erwidert Rehn. "Bosnien hat dreizehn Regierungen mit dreizehn Premierministern, drei Präsidenten, 180 Ministern, 700 Parlamentariern - und das alles bei nur vier Millionen Einwohnern. Würden Sie das unregierbar nennen?"
Rehn grinst, und seine Sprecherin Krisztina Nagy, eine attraktive junge Frau aus Ungarn, seufzt hörbar. Zusammen mit ihrer schwedischen Assistentin muss sie dafür sorgen, dass die öffentlichen Äußerungen des Kommissars mit dem diplomatischen Jargon des Berlaymont kompatibel bleiben. Bei einem Visionär wie Olli Rehn eine unmögliche Aufgabe. Jetzt zum Beispiel überhört er geflissentlich Krisztinas Seufzer: "Sie haben natürlich Recht. Das Zuviel an Regierungen ist Ausdruck eines Zuwenig an Staatlichkeit. Das Problem ist Folgendes: Bosnien-Herzegowina hat nie als selbständige Nation funktioniert. Es funktionierte immer als Territorium im Rahmen eines Imperiums. Da gab es Rom, Byzanz, die Ottomanen, die Habsburger, das Klein-Imperium Jugoslawien, und jetzt ist es seit über zehn Jahren faktisch ein internationales Protektorat mit einem Hohen Repräsentanten der Europäischen Union, der nach Belieben Gesetze machen und gewählte Politiker absetzen kann. Und danach ..."
"Danach wird es eben Teil des europäischen Imperiums", sage ich.
Der Kommissar denkt über die Formulierung nach. "A benevolent empire", sagt er. Ein mildes, aufgeklärtes Imperium. Dem Kommissar gefällt die Phrase. "Europa als 'benevolent empire' - ja, wenn Sie so wollen." Krisztina vergräbt den Kopf in ihre Hände. Im Eurosprech sind solche Gedanken nicht vorgesehen. Sie sind zu nah an der Wirklichkeit.
Der Kommissar redet nicht gern von Europas Grenzen. "Let's not talk about borders, let's talk about frontiers", sagt er. "Frontier" ist ein Wort, für das es bezeichnenderweise im Deutschen keine eindeutige Entsprechung gibt. Es meint eine bewegliche Grenzzone, die aktuelle Reibefläche zwischen expandierender Zivilisation und Barbarei. Das Heilige Römische Reich verwendete dafür das Wort "Mark" oder "Grenzmark".
Im 19. Jahrhundert kämpften britische Truppen an der "North-Western Frontier" Indiens, um die Zivilisation des Empire gegen die Paschtunen zu verteidigen und nach Afghanistan auszudehnen. Im 21. Jahrhundert kämpfen dort Europäer und Amerikaner in einer Mission, die so unähnlich nicht ist. Amerikas "Frontier" war der Wilde Westen, zu George Washingtons Zeiten noch das Gebiet unmittelbar hinter den Appalachen. John F. Kennedy forderte mit dem Schlagwort "New Frontier" ein neues, globales Selbstbewusstsein des Westens. Für Rehn - geboren 1962, als Kennedy Präsident war - liegt Europas "Frontier" heute auf dem westlichen Balkan, morgen im Wilden Osten.
Im Berlaymont reden die Beamten unterhalb der Kommissarsebene in Eurosprech von Zieldaten und Rahmenvereinbarungen, von ENP (Europäische Nachbarschaftspolitik) und SAA (Stabilitäts- und Assoziationsabkommen), vom Acquis Communautaire (dem 80000 Seiten starken gemeinsamen Gesetzes- und Regelwerk der Europäischen Union), vom Beitrittsparagrafen 49, von Maastricht, Nizza, Kopenhagen und Barcelona - und meinen eine permanente Revolution: "Es geht darum, die europäische Zone des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands auszudehnen - besonders durch den Beitrittsprozess", sagt Rehn. 2010 könnte Kroatien so weit sein, haben seine Beamten errechnet, 2015 "der Rest des Balkans", 2020 die Türkei.
"Und dann?", frage ich. "Hat denn dieses expandierende Europäische Imperium überhaupt eine Grenze?"
Rehn springt auf und läuft zum Bücherregal. Krisztina verzieht das Gesicht. Sie weiß schon, welches Buch er jetzt zitieren wird. Rehn blättert und hat schnell die Stelle gefunden, die er sucht. Er zitiert: "Geografisch hat Europa, wie jeder weiß, keine östliche Grenze. Der Kontinent existiert also ausschließlich als intellektuelles Konstrukt." Er schlägt das Buch triumphierend zu. "Eric Hobsbawm", sagt er.
Ein englischer Marxist als Kronzeuge für Europas expansive Ostpolitik? Es klingt ein wenig surreal. Aber in Brüssel, wo die deutschen Exilanten Karl Marx und Friedrich Engels im Winter 1847/48 das "Kommunistische Manifest" schrieben, kennt man sich mit der Begrifflichkeit des Marxismus aus. Rehn ist imstande, unvermittelt Sätze zu sagen wie: "Europa ist die Antwort auf den Grundwiderspruch des Kapitalismus, nämlich den zwischen ökonomischem Internationalismus und politischer Abschottung, also zwischen Weltwirtschaft und Nationalstaat." Und er ist Mitglied einer Kommission, an deren Spitze mit dem Portugiesen José Manuel Barroso ein Mann steht, der sich dazu bekennt, in seiner Studentenzeit Maoist gewesen zu sein. Brüssel ist wieder zu einer Stadt geworden, in der Revolutionäres gedacht wird. Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Imperiums.
"Die Ost-Erweiterung der Union wird von geopolitischen, weltwirtschaftlichen, zivilisatorischen und ideologischen Bedingungen bestimmt", sagt Rehn, "vor allem aber von den sich entwickelnden politischen Ambitionen der Europäischen Union." Er könnte auch sagen: Der Appetit kommt beim Essen. Er sagt: "Deshalb sollten wir Europa funktional, nicht geografisch definieren. Alles andere würde unseren Manövrierspielraum einengen und unseren wohlverstandenen Eigeninteressen schaden." Er könnte auch sagen: Wir spielen mit beim geopolitischen Machtpoker, und wir lassen uns nicht in die Karten gucken. Er sagt: "Europas Werte definieren Europas Grenzen. Diskussionen a priori über geografische Grenzen und Aufnahmefähigkeit sind schlicht und einfach theologisch." Er könnte auch sagen: Mögen andere uns Grenzen setzen. Wir setzen uns keine.
Es ist Januar 2007. Einige Wochen zuvor habe ich in Jerusalem auf einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Israels Außenministerin gesprochen. Welches Ziel Israel denn bei seinen Beziehungen zu Europa verfolge, frage ich Tsipi Livni, und bekomme zur Antwort: "The sky's the limit." Alles ist möglich. Als ich den Kommissar darauf anspreche, ist Krisztinas warnendes Hüsteln unüberhörbar. Pointiert blickt sie auf die Uhr. Unsere Zeit läuft ab. "Wissen Sie, ich bin nur Kommissar bis 2009", sagt Olli Rehn und steht auf. "Ich kann und will nicht darüber spekulieren, mit welchen Herausforderungen meine Nachfolger es zu tun haben könnten." Krisztina nickt zufrieden. So wimmelt man Fragen ab. In der Tür sagt der Kommissar aber noch: "Spekulationen müssen natürlich erlaubt sein. Kann Europa einer demokratischen Ukraine, einem demokratischen Weißrussland die Tür vor der Nase zuschlagen? Wie sieht eine europäische Nachbarschaftspolitik aus, wenn die Türkei Vollmitglied ist? Bekommen wir da nicht zwangsläufig den Kaukasus ins Blickfeld? Aber wie gesagt, darauf kann und darf ich keine Antworten geben."
Als ich aus dem "Berlaymonstre" in einen eiskalten Brüsseler Regen trete, habe ich das Gefühl, aus einer Zeitmaschine auszusteigen. Ja, ich bin in der Gegenwart. Französische Lobbyisten eilen über den Place Schuman zu einer Anhörung über Agrarsubventionen. Ich fühle mich wie in der Vergangenheit.
Den Imperialismus neu denken
Das Imperium der Zukunft findet sein Urbild in der Vergangenheit. Europa beginnt mit Rom. Die geistigen Grundlagen Europas erschafft Rom durch die Synthese von Hellenismus und Judentum in Gestalt der katholischen Kirche. Und mit dem Imperium erschafft Rom den Traum und den Raum Europa. Seit zwei Jahrtausenden fesselt diese Ordnungsmacht der Antike die Phantasie des Westens. Bis 1806 geht in Gestalt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation das Gespenst des Imperiums in Europa um. Und als Napoleon diesem Spuk ein Ende macht, schmückt er sein revolutionäres europäisches Kaisertum mit den Insignien Roms.
Deutsche Kaiser und russische Zaren verballhornen den imperialen Ehrentitel Cäsar. Amerikas Senatoren tagen heute, wie einst die Senatoren Roms, im Capitol. Lorbeer und Liktorenbündel gehören ebenso wie die mehr oder weniger gelungene Anverwandlung römischer Architektur in der gesamten westlichen Welt zur Ausstattung staatlicher Macht, ob monarchisch oder republikanisch, demokratisch oder faschistisch.
Roms eigentliche Leistung zeigt sich aber nicht in den Bauten des Forum Romanum, den Triumphbögen und Tempeln, dem Kolosseum oder dem Hippodrom. Wer diese Bauten heute betrachtet, muss unwillkürlich auch an Brot und Spiele, Gladiatoren und Märtyrer, die Dekadenz der Patrizier und die Verrohung des Pöbels denken. Nein, Roms Leistung zeigt sich auf andere Weise und an anderen Orten. Sie ist nicht Ruine, sondern Utopie. Sie heißt Pax Romana. Sie ist die Verheißung eines ewigen Friedens, einer gerechten Ordnung und eines zivilisierten Lebens. Sie zeigt sich vor allem an der Peripherie, in der Provinz, an den Grenzmarken, an der Frontier, im Wilden Westen und im Wilden Osten des Weltreichs. Zum Beispiel in der Unruheprovinz Palästina.
In der biblischen Apostelgeschichte bewahrt das Christentum einen Bericht auf, der diese zivilisatorische Leistung Roms gerade deshalb überzeugend dokumentiert, weil die Verfasser keine offiziösen Historiker oder Panegyriker der Imperatoren waren, sondern Angehörige einer den imperialen Behörden höchst suspekten religiösen Sekte.
Nehmen wir daraus zum Beispiel den Bericht von der Festnahme des Apostels Paulus in Jerusalem. Beim Reinigungsopfer "sahen ihn die Juden aus Asien im Tempel. Sie brachten das ganze Volk in Aufruhr, ergriffen ihn und schrien: Israeliten! Kommt zur Hilfe! Das ist der Mensch, der in aller Welt Lehren verbreitet, die sich gegen das Volk und das Gesetz und diesen Ort richten ..." Der aufgepeitschte Mob ergreift Paulus, drischt auf ihn ein und will ihn lynchen. Der Vorfall wird dem Kommandeur der römischen Truppen in der Burg Antonia gemeldet, von wo man den Tempelvorplatz überblicken kann - heute Standort der al-Aqsa-Moschee, und immer noch ein Hort des religiösen Fanatismus.
Der Oberst stellt eilig eine Truppe zusammen und versperrt der Lynchtruppe den Weg. "Als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. Der Oberst trat hinzu, verhaftete ihn, ließ ihn mit zwei Ketten fesseln und fragte, wer er sei und was er getan habe. In der Menge schrien die einen dies, die anderen das. Da der Oberst bei dem Lärm nichts Sicheres ermitteln konnte, befahl er, ihn in die Kaserne zu führen. Als Paulus an die Freitreppe kam, mussten ihn die Soldaten wegen des Andrangs der Menge tragen ..."
So handelt eine imperiale Ordnungsmacht. Sie sorgt dafür, dass auch verdächtige Individuen dem Recht des Reichs und nicht der Willkür des Mobs unterworfen werden.
So hatte die Ordnungsmacht auch gehandelt, als Paulus nicht mit den Juden in Jerusalem, sondern in Ephesus mit Anhängern der offiziellen Reichsreligion in Konflikt geriet. Dort, in der Hauptstadt der römischen Provinz Asia, stand der gewaltige Tempel der Göttin Artemis, einer der vielen Inkarnationen der Magna Mater, der großen Muttergottheit der antiken Welt. Die Stadt lebte von der Göttin. Der Artemiskult bescherte ihrem Tempel viele Spenden, so dass er zur vornehmsten Bank des Altertums aufstieg. Der schon damals an Pilgerorten übliche Devotionalien- und Kitschhandel ernährte auch seinen Mann.
So kam es, dass ein Silberschmied namens Demetrius, der kleine Artemistempel als Andenken herstellte, die anderen Handwerker zusammenrief und sagte: "Männer, ihr wisst, dass wir unseren Wohlstand diesem Gewerbe verdanken. Nun seht und hört ihr, dass dieser Paulus nicht nur in Ephesus, sondern fast in der ganzen Provinz Asien viele Leute verführt und aufgehetzt hat mit seiner Behauptung, die mit Händen gemachten Götter seien keine Götter. So kommt nicht nur unser Geschäft in Verruf, sondern auch dem Heiligtum der großen Göttin Artemis droht Gefahr, nichts mehr zu gelten, ja, sie selbst, die von der ganzen Provinz Asien und von der ganzen Welt verehrt wird, wird ihre Hoheit verlieren." Die Menge geriet in Zorn, ergriff zwei griechische Begleiter des Paulus und schleppte sie ins Theater. "Dort schrien die einen dies, die anderen das, denn in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander, und die meisten wussten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammengekommen war." Doch schließlich setzte sich ein Ruf durch, den die Anwesenden zwei Stunden lang riefen: "Groß ist die Artemis von Ephesus!"
Die Meute will Blut sehen. Da ergreift der Stadtschreiber als Vertreter der römischen Zivilmacht beherzt das Wort: "Männer von Ephesus! Wer wüsste nicht, dass die Stadt der Epheser die Tempelhüterin der Großen Artemis und ihres vom Himmel gefallenen Bildes ist? Dies ist unbestreitbar; ihr müsst also Ruhe bewahren und dürft nichts Unüberlegtes tun. Ihr habt diese Männer hergeschleppt, die weder Tempelräuber noch Lästerer unserer Göttin sind. Wenn also Demetrius und seine Zunftgenossen eine Klage gegen irgendjemanden haben, so gibt es dafür Gerichtstage und Prokonsuln; dort mögen sie einander verklagen. Wenn ihr aber noch etwas anderes vorzubringen habt, so kann das in der gesetzmäßigen Volksversammlung geklärt werden. Sonst sind wir in Gefahr, dass man uns nach dem heutigen Vorfall des Aufruhrs anklagt, weil kein Grund vorliegt, mit dem wir diesen Volksauflauf rechtfertigen könnten." Lakonisch fügt die Apostelgeschichte hinzu: "Nach diesen Worten löste er die Versammlung auf."
Der Stadtschreiber von Ephesus, der Oberst in Jerusalem: diese namenlosen Kolonialbeamten sind die wahren Helden Roms. Sie verkörpern das, was das Imperium groß macht. Sie verteidigen die Ordnung, ohne die es keine Freiheit geben kann, und die Freiheit des Individuums, ohne die jede Ordnung zur Despotie wird.
Diese Erfahrung ist dem Christentum von Anfang an eingeschrieben. Die Kirche hat zwar die Geschichte ihrer Unterdrückung und ihrer Märtyrer überliefert und hat sich für deren Opfer mit der rücksichtslosen Auslöschung aller heidnischen Kulte gerächt, als sie selbst zur Reichsreligion wurde. Aber wo, außer im römischen Imperium, hätte es eine solche Toleranz für eine Sekte wie jene des Nazareners Jesus gegeben? Wo, außer im römischen Imperium, hätte ein Prediger wie Paulus ungehindert von einem Ende der bekannten Welt zur anderen reisen können? Wo sonst als in diesem multikulturellen, kosmopolitischen Reich hätte er in jeder Stadt eine jüdische Diaspora-Gemeinde und eine Synagoge gefunden, wo er als Rabbiner den "neuen Weg", wie er es nannte, verkünden konnte? Ohne Rom hätte es kein Christentum gegeben.
Der Zeltmacher und Rabbiner Saulus aus Tarsus, der sich als Apostel Paulus nannte, weiß die imperiale Ordnungsmacht zu schätzen. Schließlich ist er römischer Staatsbürger, wie er den verblüfften Soldaten enthüllt, die ihn in Jerusalem in Schutzhaft nehmen und der Meinung sind, ein paar Peitschenhiebe könnten der Wahrheitsfindung dienen. "Der Oberst kam zu Paulus und fragte ihn: 'Sag mir, bist du Römer?' Er antwortete: 'Ja.' Da antwortete der Oberst: 'Ich habe für dieses Bürgerrecht ein Vermögen bezahlt.' Paulus sagte: 'Ich bin sogar als Römer geboren ...'" Damit darf er weder gefoltert noch der religiösen Gerichtsbarkeit der Juden überantwortet werden. Der römische Statthalter haftet für sein Leben.Nur einer wie Saulus/Paulus, der als Römer geboren wurde, der also von Kindesbeinen an mit der Vorstellung einer universalen Herrschaft, eines universalen Rechts, einer die Enge jeder Rasse und Religion überwindenden, an jedem Ort und zu jeder Zeit gültigen Reichsbürgerschaft vertraut war, konnte das Christentum aus einer jüdischen Sekte in eine Weltreligion verwandeln. Das Universalreich Roms nimmt das Reich Gottes vorweg.
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