Leseprobe zu "Hitlers Heerführer" von Johannes Hürter
4. Zwischenergebnis (S. 196-197)
Der Querschnitt durch die Biographie von 25 Generalen und durch die deutsche Militärgeschichte von der Kaiserzeit bis in den Zweiten Weltkrieg hinein konnte nicht jedes Detail einer Gruppenbiographie sichtbar werden lassen, wohl aber verdeutlichen, in welcher professionellen, politischen und geistigen Landschaft sich diese Offiziere bis zu ihrem exponierten Einsatz im deutsch-sowjetischen Krieg bewegten. Dass ausgerechnet sie mit der Aufgabe betraut wurden, die Heeresgruppen und Armeen im ersten Jahr des gewaltigsten und gewalttätigsten aller von Deutschen geführten Kriege zu befehligen, war weder Zufall noch gezielte Personalpolitik eines Diktators. Vielmehr war die Zusammensetzung dieser kleinen, aber bedeutenden Positionselite das Ergebnis eines sehr langen und konventionellen Ausleseprozesses, der im Kaiserreich begann. Sowohl die Gruppe der Oberbefehlshaber vom Juni 1941 als auch ihr bis zum Januar 1942 auf neun Positionen verändertes und geringfügig verjüngtes Personal bestand durchgehend aus sehr erfahrenen Berufsoffizieren. Die Homogenität dieser konservativen Generalselite ermöglichte die Analyse von Grundzügen gemeinsamer Prägungen und Entwicklungen.
Bereits die Herkunft, Bildung und Ausbildung dieser Offiziere wiesen kaum gravierende Unterschiede auf. Sie kamen fast alle aus den „erwünschten Kreisen" der höheren Beamten und Akademiker, auf die sich die Monarchie stützte – auffallend häufig sogar aus der „zuverlässigsten" aller Schichten, aus Offiziersfamilien. Sie besuchten Humanistische Gymnasien oder Kadettenanstalten, die eine elitäre Schulbildung und nationalkonservative „Charaktererziehung" boten. Sie schlugen unmittelbar nach der Schule den Offiziersberuf ein und legten als Adjutanten, Kriegsakademiker oder Generalstäbler meist schon vor dem Ersten Weltkrieg die Grundlage für eine hervorragende Laufbahn. Zum exklusiven Sozialpro- fil und einem entsprechend konservativen Erziehungs- und Bildungsprofil kam ein sehr gutes Ausbildungs- und Berufsprofil, das diesen Offizieren mehrheitlich wohl auch ohne Krieg und Diktatur zu Karrieren bis in die Generalsränge verholfen hätte. Die späteren Oberbefehlshaber des Ostheeres wurden aus dem besten Teil des alten Offizierkorps rekrutiert.
Die Verwurzelung in der sozialen und politischen Ordnung des Kaiserreichs hätte stärker nicht sein können. Sie vermittelte den jungen Offizieren das Selbstbewusstsein, zu den staatstragenden Schichten einer starken und aufstrebenden Monarchie zu gehören. Ein weiteres Fundament war ein Standesethos, das die feudalen Traditionen von Ehre, Treue und Gehorsam bewahrte. Die Geborgenheit dieser geordneten Welt ließ die Offiziere in geradezu „kindlicher Passion" ihrem Beruf nachgehen. Die Nervosität der Jahre vor 1914 und die zahlreichen Widersprüche dieser Zeit werden nur die wenigsten beunruhigt haben. Das Selbstgefühl einer bevorzugten Kaste unterdrückte die Zweifel. Der Gegensatz von Tradition und Moderne gerade auch im militärischen Bereich wurde kaum wahrgenommen.
Das Militärwesen des Industriezeitalters verlangte zugleich den Spezialisten und Generalisten, da die militärischen Aufgaben im Kleinen immer detaillierter und komplizierter, im Großen immer komplexer und immer abhängiger von nichtmilitärischen Faktoren wurden. Die zunehmende Arbeitsteiligkeit im Offi- ziersberuf förderte jedoch die einseitige Konzentration auf das militärische Fachgebiet und drohte die ursprünglich weiter angelegten Ehrbegriffe wie Pflicht und Gehorsam auf das bloße „Funktionieren" von professionellen Experten zu verengen. Der Einklang mit dem monarchischen System minderte das politische Interesse und die Sensibilität für die Gefährdungen einer gleichermaßen rückständigen und fortschrittlichen Gesellschaft. Soziale Abgeschlossenheit, konservativreaktionäre Gesinnung, Autoritätsglauben und einseitiges Spezialistentum erleichterten den Weg von Soldaten, die in einer Ära unterdrückter Spannungen und ungelöster Widersprüche sozialisiert wurden, zu militärischen Handlangern der NS-Diktatur. Dieser Weg war allerdings noch weit und keineswegs zwangsläufig.
Das feste Weltbild des königlichen Offiziers geriet ins Wanken, als sich das Kaiserreich weder der äußeren noch der inneren Herausforderung gewachsen zeigte. Die Erfahrungen in den dramatischen Jahren von 1914 bis 1920 hatten wenig mit der professionell und politisch so „heilen Welt" der Vorkriegszeit gemein. Der moderne Krieg zeigte eine Zerstörungskraft, auf die selbst der Berufssoldat nicht gefasst war.
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