Zahllose Gräber wurden bereits in der Antike wieder geöffnet, um
etwas zu entnehmen. In der Archäologie hat sich hierfür der
populäre Begriff "Grabraub" eingebürgert, der eine
bestimmte Interpretation vorwegnimmt: die Deutung der Eingriffe als
kriminelles Verhalten. Die Forschung konzentrierte sich bisher fast
ausschließlich auf die Rekonstruktion der Grabinhalte, nicht auf
die Grabmanipulationen als Eigenäußerung der zu untersuchenden
Gesellschaft selbst. Diesem vernachlässigten Aspekt ist die Studie
gewidmet und untersucht Form und Hintergrund ur- und
frühgeschichtlicher Manipulationen an Gräbern. Als Methode dient
die Konstruktion von Indizienbeweisen auf der Basis eines
systematischen Kulturvergleichs. Erstmals wird nicht nur die
bisherige Forschung detailliert analysiert, sondern es werden eine
geeignetere Terminologie und Ansprachekriterien neu entwickelt und
auch weiterführende, ethnographisch und historisch begründete
Erklärungsmodelle erarbeitet. Eindeutig zeigt sich, dass
verbreitete Schlagworte wie das "Tabu der Graböffnung"
die Forschung eher behindert haben. Statt "unberührbare"
Grabstätten waren im Kulturvergleich allenthalben Übergänge und
Fragmentierungen zu sehen, in deren Zusammenhang verschiedenste
Grabmanipulationen auftreten. Die abschließend in drei Fallstudien
erprobten Begriffe und Erklärungsmodelle sind als Werkzeuge zu
sehen, die die Deutung archäologischer Befunde in feste Bahnen
leiten und in ihrem Ablauf kontrollieren können. Damit trägt die
Untersuchung dazu bei, die theoretischen und methodischen
Bedingungen kulturgeschichtlicher Interpretationen, die sich auf
archäologische Quellen stützen, auch im allgemeinen zu
systematisieren und in wichtigen Punkten zu verbessern.
Tübinger Schriften zur Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie Bd.9
Deutsch
Abmessung: 303mm x 211mm x 28mm
Gewicht: 1058g
ISBN-13: 9783830922056
ISBN-10: 3830922051
Best.Nr.: 27810691
Christoph Kümmel studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Geologie in Marburg, Tübingen und London und promovierte an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen (2007). Er nahm - zum Teil in leitender Position - an zahlreichen Ausgrabungen im In- und Ausland teil und war in mehreren Großprojekten (Syrien, Türkei) für die Datenverarbeitung verantwortlich. Seine Interessenschwerpunkte umfassen Methoden und Theorien der Archäologie, gesellschaftliche Entwicklung früher Gesellschaften, Gräberarchäologie und Informationsmanagement.