Tintorettos Engel - Mazzucco, Melania G.

Melania G. Mazzucco 

Tintorettos Engel

Roman

Aus d. Italien. v. Birte Völker
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Produktbeschreibung zu Tintorettos Engel

'Die Schriftstellerin Melania Mazzucco hat das Schicksal Mariettas erforscht und aufgeschrieben. (...) 'Tintorettos Engel' basiert ausschließlich auf historischen Fakten und Details, die Mazzucco über Jahre fundiert recherchiert hat.' ZDF aspekte "Für Mazzucco erwies sich Tintoretto als Tor, als Schlüssel zu Venedig." -- Der Tagesspiegel

'Mit ungeheurem Einfühlungsvermögen und reich an bestens recherchierten Details erzählt Melania G. Mazzucco die dramatische Geschichte dieses Malergenies. (...) ein ganz besonderes Leseereignis.' -- liesmalwieder.de

Der erste Roman über Tintoretto - Malergenie aus Venedig und Mensch der Renaissance Tintoretto, der geniale venezianische Maler der Renaissance, legt auf dem Sterbebett Gott Rechenschaft ab über sein Leben - als Mensch, als Sünder, als Künstler, der alles und jeden herausfordert, als Vater mit besonderer Nähe zur Tochter.

"Von Michelangelo die Zeichnung, von Tizian die Farbe", so lautete das Credo des Färbersohns Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, der sich in seinem Leben alles erkämpfen musste, weil er - anders als sein Rivale Tizian - niemals ein Liebling der Venezianer war. Und trotzdem hat er seine Heimatstadt künstlerisch geprägt wie kaum ein anderer. Ungestüm und voll überbordender Schaffenskraft tritt er dem Leser aus dem Roman entgegen. Tintoretto berauschte sich daran, mit den Traditionen zu brechen und sich selbst immer neu zu erschaffen, für ihn war Malen wie Träumen. Sein unbändiges Streben nach Freiheit in der Kunst teilte er mit seiner Tochter Marietta, der ersten Künstlerin der Renaissance. Sie war das uneheliche Kind mit seiner großen Liebe Cornelia, einer deutschen Hure.Mit ungeheurem Einfühlungsvermögen und reich an bestens recherchierten Details erzählt Melania G. Mazzucco die dramatische Geschichte dieses Malergenies des 16. Jahrhunderts. Es ist nicht zuletzt die Art, wie die Autorin diese außergewöhnliche Geschichte von Vater und Tochter erzählt und in den Mittelpunkt von Tintorettos Lebensbeichte stellt, die diesen Roman zu einem ganz besonderen Leseereignis werden lässt.

Produktinformation


  • Verlag: Knaus
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 540 S.
  • Seitenzahl: 544
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 146mm x 46mm
  • Gewicht: 747g
  • ISBN-13: 9783813503586
  • ISBN-10: 3813503585
  • Best.Nr.: 27949057
"Die Schriftstellerin Melania Mazzucco hat das Schicksal Mariettas erforscht und aufgeschrieben. ( ) Tintorettos Engel basiert ausschließlich auf historischen Fakten und Details, die Mazzucco über Jahre fundiert recherchiert hat." (ZDF aspekte)

"Für Mazzucco erwies sich Tintoretto als Tor, als Schlüssel zu Venedig." (Der Tagesspiegel)

"Mit ungeheurem Einfühlungsvermögen und reich an bestens recherchierten Details erzählt Melania G. Mazzucco die dramatische Geschichte dieses Malergenies. (...) ein ganz besonderes Leseereignis."

"Mit ungeheurem Einfühlungsvermögen und reich an bestens recherchierten Details erzählt Melania G. Mazzucco die dramatische Geschichte dieses Malergenies. (...) ein ganz besonderes Leseereignis."
Melania Mazzucco, geboren 1966 in Rom, wurde schon mit ihrem ersten Roman berühmt. Alle ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

Leseprobe zu "Tintorettos Engel" von Melania G. Mazzucco

Es ist dunkel geworden. Der Vorhänge sind zugezogen, jemand muss die Kerzen angesteckt haben, da es nach Wachs und Rauch riecht, bis zu mir gelangt jedoch nicht der kleinste Schimmer. Die Finsternis hat meinen Leib verschlungen, ich weiß, dass ich liege, aber ich finde nicht zu mir, ich fühle meine Hand, doch ich spüre sie nicht. Ich bin verloren. Solltest du hier irgendwo sein, ich sehe dich nicht. Jemand hält sich zwar im Zimmer auf, ich kann seine Bewegungen wahrnehmen, selbst die Schwingungen seiner Seele - doch ich weiß, du bist es nicht. Hörst du mich? Du bist es, an den ich mich wende. Ich rief nach dir, und nun rufe ich dich wieder. Komm her, ich will nicht nur mit mir selbst reden.

Ich kann nicht schlafen. Vierzehn Tage ist es her, dass mich der Schlaf das letzte Mal mitgenommen und in das Land geführt hat, in dem alles Verlorene gegenwärtig, alles Zukünftige schon geschehen ist. Erst habe ich aufgehört zu träumen, ich fiel in meine Nächte wie ein Stein in einen Brunnen ohne Grund - dann habe ich aufgehört zu schlafen. Alles Erlebte flackert in der Dunkelheit auf. Und dennoch starre ich in eine entsetzliche Leere, in die alles hineingesogen wird. Alles erlischt - nur ich liege hier gefesselt, allein mit den Erinnerungen, die nur ich kenne und mitnehmen werde.

Es heißt, die Medikamente seien wirkungslos geblieben und die Aderlässe hätten mir die letzte Kraft geraubt. Die Kräuter konnten die quälenden Schmerzen in meinem Magen nicht lindern, das Fieber ist gestiegen und der Schlaf nicht zurückgekehrt. Der Priester muss noch in der Nähe sein. Weihrauch vermischt sich mit dem Duft von Kiefernharz, Aloe und Myrrhe, das in den Fackeln verbrennt. Nun ist es spät, mit niemandem werde ich mehr sprechen, außer mit dir.

Da du mir nicht die Zeit gelassen hast zu sagen, was ich sagen muss, werde ich dir diese Zeit stehlen. Bevor alles wie Asche verweht, werde ich dir all meine Sünden aufzählen, und du wirst überrascht sein, wie viele ich begangen habe. Ich meine aber nicht jene, die du dir vorstellst. O ja, ich bin arrogant gewesen, überheblich, ungestüm, ein Lügner, fanatisch, ungerecht, unredlich, voller Neid. Ich war unmoralisch, sinnlich, verzweifelt. Ich kenne die erhebende Banalität des Fleisches wie auch die beschwerliche Schönheit des Geistes. Ich werde von Eitelkeit erzählen, von Ehrgeiz und Selbstsucht, von Versuchung, Verrohung und Groll. Doch meine schwerste Sünde ist eine andere.

Ich erhebe keinen Anspruch, verstanden zu werden, ein jeder von uns ist ein Rätsel. Das Geheimnis meiner Taten, meiner Laster und Tugenden behalte ich für mich. Ich will mich weder rechtfertigen noch losgesprochen werden - dies wäre unmöglich, denn gelebt zu haben ist bereits eine unverzeihliche Sünde. Ich möchte mich lediglich erinnern - und durch die Erinnerung leben und wieder lebendig werden. Ich werde dir nichts verschweigen - wie ich auch mir nichts verschweigen werde. Das Recht, über mich zu richten, hast du immer schon gehabt. Ich habe an dich geglaubt. Ich habe mich sowohl als verschwindend kleines Etwas als auch als dein Ebenbild verstanden, als winziges, bedeutungsloses und gemeines Staubkörnchen sowie als freier Herr des Universums. Ich habe deine Gaben empfangen und dir meine dargeboten. Du weißt, was ich dafür erbeten habe. Ich habe mich an unsere Abmachung gehalten, du hast sie nicht erfüllt. Und noch vermag ich nicht zu beurteilen, ob dein Schweigen Zeugnis deines Verrats oder deiner Anteilnahme ist.

Hilf mir, Klarheit zu schaffen, denn alles ist so verworren - es herrscht keine Ordnung mehr in diesem Getümmel. Alles Wichtige erscheint mir unwesentlich, alles Unwesentliche bedeutungsvoll. Die Erinnerungen geraten durcheinander, weil mein Gedächtnis so arbeitet, wie ich es einst getan habe. Es stampft, rattert und berichtigt unentwegt, erfindet, verbessert, sodass ich nicht mehr weiß, was ich tatsächlich getan und was ich hätte tun sollen, was mir gesagt und was verschwiegen wurde, was gewesen ist und was nie geschehen wird - aber zumindest hat die Zeit am Ende alles begrenzt und zusammengefügt. Der Schlüssel der wahrheitsgetreuen Erinnerungen ist irgendwo abhanden gekommen, und ich kann ihn nicht wiederfinden.

Wie viele nur in mein Zimmer getreten sind! Sie haben das Fenster geöffnet, unbekannte Stimmen vermischen sich mit den mir vertrauten. Unten auf den Kähnen ist Markt - die Rufe der Obsthändler und das Geschwätz der Mägde dringen zu mir herauf. Auch das Wasser kann ich hören, wie es gegen das Ufer schwappt - die Flut beginnt zu steigen, jede Welle ein Atemzug. Die Schritte, Geräusche, Körper, Farben, die Verlockungen, sie waren das Leben und werden es bleiben - eine ewig währende, immer wiederkehrende Bewegung, Vorstoß und Rückzug, Flug und Fall. Und doch, Herr, lag es weder am Fieber noch am Schlafentzug. Du hast sie wie eine Legion Teufel auf mich losgeschickt, nur will ich sie nicht bekämpfen. Im Gegenteil, wiederfinden will ich sie.

17. Mai 1594 Erster Fiebertag Mein Ende hat mit ihrer Rückkehr begonnen, es ging gar nicht anders, war sie doch der Gast, auf den ich gewartet habe. Sie ist gekommen, um mich zu holen, und ich, Herr - gleichwohl seit Jahren bereit -, habe gezaudert. Es begann, als ich den alten Schrank auf dem Dachboden öffnete und dieses rote Kleidungsstück in meinen Armen niedersank. Da bist du ja, mein Funke, wollte ich fast zu ihr sagen. Lach du nur, Herr. Sanft habe ich sie auf den Boden gelegt, mich hingekniet, ein Staubkörnchen von ihrem Ärmel gepustet und die Finger in den roten Samtzipfel gedrückt, als könnte der Stoff meine Liebkosung spüren. In jener Nacht habe ich - zum ersten Mal - keinen Schlaf mehr gefunden.

Ich bin ausgestreckt auf dem Bett liegen geblieben, meine Lider wogen schwer auf den im Dunkel weit aufgerissenen Augen - im Mund, fest zwischen den Lippen, mein süßes Mittel gegen den Schmerz: das Stöckchen. Jedes Mal, wenn ich den Drang verspürte zu schreien, biss ich kräftig zu, bohrte die Zähne tief ins Holz. Den Geschmack habe ich noch immer im Mund. Der Schatten des Mondes wanderte über die Decke hinweg. Er war längst untergegangen, als mein guter Dominico aus dem Atelier heraufkam; die Treppe knarrte unter seinen Schritten, und die Tür quietschte in den Angeln, und ich hörte, wie er die Fensterblenden schloss. Die Diener in der Küche plauderten und lachten - gedämpft vernahm ich ihre Stimmen in der immer tiefer werdenden Stille des Hauses. Marco war noch nicht heimgekehrt. Er vertrieb sich wohl mit ein paar anderen Tagedieben beim Würfeln im Spielsaal die Zeit. Meine Frau hatte eine Weile wach im Bett gelegen und auf ihn gewartet, bis schließlich auch sie aufgab und ihr Atem neben mir langsam und schwer wurde. Bis von der Sensa und vom Platz kein einziger Laut mehr einen Riss in die Hülle der Nacht machte.

Nach und nach erloschen in den Häusern die Lichter. Adelige wie Arbeiter legten sich zur Ruhe, in seinem Marmorpalast der überaus berühmte Gasparo Falier und im grünen Haus gegenüber Piero, der Färber. Auch die Mäuse im Keller schliefen ein, die Tauben unterm Dach, die Schwalben auf dem First, die Katze am Ofen, die Flöhe im Schrank und selbst die Wanzen in der Matratze. Ebenso die Gemüsehändlerin vom Ponte dei Mori, die Tuchweber des Corte Cavallo, Angelo Schietti, mein Nachbar vom gegenüberliegenden Ufer, im Palazzo Cammello mein Rechtsanwalt Belloni und in ihren Klosterzellen die Mönche von Madonna dell'Orto. Und alle Nachbarn: Bootsführer, Kalfaterer, Wollhändler, Gemüsegärtner und Bootsschreiner. Außerdem meine Köchin, mein Diener Nastasio, die Malerin Donna Jacoma, die Brillenmacherin Zanetta von Ormesini und der Drucker Marco Liaba. Seine Druckerei grenzt an den Raum, der mir seit fast einem halben Jahrhundert als Werkstatt dient, die Höhle meiner Phantasie. Venedig versank im Schlaf - das ruhige Schnaufen des Wassers trug alle hinfort. Nur das Kreischen einiger Möwen, die auf dem Schornstein landeten, erfüllte die Nacht. Schließlich aber schwiegen auch die Vögel, und ich war allein mit mir selbst.

Ich lauschte dem Odem des Wassers, Venedigs, meiner Frau und meinem eigenen, und während die Stunden in der nächtlichen Sanduhr scheinbar stecken geblieben waren, biss ich auf das Stöckchen und fragte mich, ob ich noch einmal die Möglichkeit bekäme, meinen Funken wiederzusehen. Nicht nur im trügerischen Land der Träume, in die sie mir, ohne sich auch nur zum Abschied umzudrehen, wie ein nebliger Schatten entgleitet. Jetzt, da ich wüsste, was ich täte, da ich keine Antwort fürchte, jetzt kann ich sie nichts mehr fragen. Diese Fragen werden zwischen uns bleiben, uns voneinander trennen wie eine Mauer, die ich nicht zu bezwingen vermag.

An diesem Morgen war ich auf, noch bevor die Glocke des Arsenals läutete. Schweißüberströmt wachte ich plötzlich mitten aus einem qualvollen Traum auf, in dem ich durch die engen Gassen des Rialto rannte, wo ich lange nicht gewesen war. Hinter mir die Schritte einer Person, die ich nicht sehen, aber auch nicht abschütteln konnte. Ich wusste nicht, welche Schuld ich auf mich geladen hatte, doch mir war klar, dass ich nicht stehen bleiben durfte. Ich rannte, das Herz schlug mir bis zum Hals. Mein Körper war jugendlich, meine Beine flink. Ich musste mich verlaufen haben, denn auf einmal befand ich mich in einer Sackgasse. Nur noch ein unheimliches Funkeln vor mir. Der Schatten meines Verfolgers - oder meiner Verfolgerin - bildete auf der Fassade des Palazzo einen dunklen Fleck. Ich stürzte mich ins Wasser, und erst da merkte ich, dass es kein Wasser, sondern eine dicke und klebrige rote Flüssigkeit war. Blut. Die Strömung trieb mich weit weg vom Ufer, der Fluss mündete in einen Kanal, Wellen von Blut rauschten unter den Brücken und zwischen den Häusern hindurch, wovon eines mir gehörte. Ich schlug um mich, doch ich schaffte es nicht, gegen den Sog anzuschwimmen. Ich war leicht wie eine Seifenblase, und als wäre ich es gewesen, der dieses Blut verlor, verließen mich meine Kräfte. In diesem Moment wachte ich auf. Ich hatte zum letzten Mal geschlafen, doch das konnte ich nicht wissen.

Auf der Staffelei in meinem Atelier erwartete mich die Grablegung Christi. Für mich gab es nun nichts mehr zu tun: Das Gemälde war fertig. Wenn du feststellst, dass dein Werk dir nicht mehr gehört, erlebst du einen Moment der Enttäuschung. Wenn es absolut nicht das ist, was es hätte werden sollen - nicht einmal ein müder Abklatsch deiner Absichten -, wenn es nichts anderes mehr werden kann. Als junger Mensch, der am Beginn seines Arbeitslebens steht, hegst du noch - frei und unbedarft - so viele Hoffnungen. Du spürst einen inneren Drang, Leidenschaft spornt dich an, aus Launen geborene Ideen ermutigen dich. Erschaffen ist für dich so natürlich wie atmen. Die Fülle an Stoffen verführt dich, deine Willenskraft gibt dir Sicherheit. Dann aber kommt die Notwendigkeit zu leben. Erschaffen wird zur Pflicht und gleichzeitig so selbstverständlich wie sich entleeren müssen. Allmählich behindert dich dieser unerkannte Ballast, vergällt dir die Freude, verwandelt die Liebe in Gewohnheit. Und wenn du standhaft bleibst, deine Ideale nicht verrätst, wenn du überlebst, dann tritt der Wahn ein, kommen Schall und Rauch und die Anmaßung, wissend zu sein. Früher oder später stellst du fest, dass die Reise zu Ende ist und du wieder an dem Ufer stehst, von dem du abgelegt hast. Wenn du ein Mensch bist und keine aufgeblasene Sackpfeife, bleibt dir einzig die Erkenntnis, gescheitert zu sein.

Also habe ich nach meinen Söhnen geschickt und ihnen aufgetragen, eine Gondel zu besorgen, um nach San Giorgio Maggiore zu fahren. "Jetzt?", fragte Marco und rieb sich die blutunterlaufenen Augen. Er war noch nicht zu Bett gegangen. "So bald wie möglich", antwortete ich. "Bist du sicher, dass ich mitkommen muss?", fragte er verwundert. Ich bitte ihn nie, mich zu begleiten. Ich vertraue ihm nicht, lasse ihn nicht einmal mein Atelier betreten, weil ich fürchte, dass er meine Bilder klaut, um die Betrüger zu bezahlen, denen er auf den Leim gegangen ist. "Ich will euch alle beide", sagte ich.

"Guten Morgen, Maestro", flüsterten Dominicos Gesellen und beäugten mich mit einer Hochachtung, die ihr Entsetzen nicht verbarg. Sie waren bereits früh in der dämmrigen Werkstatt damit beschäftigt, Paletten abzuschaben und Farbe zu zerreiben. Ich selbst habe nie die Geduld gehabt, mich mit Schülern zu umgeben, ihre Anwesenheit war mir stets eine Last, ich glaube nicht an die Schule - in meinem gesamten Leben gibt es nur eine Person, die zu unterrichten ich nicht müde geworden bin. "Lass deine Gehilfen etwas Nützliches tun, Dominico", rief ich meinem Sohn zu. "Die Grablegung muss verpackt werden."

Nachdem ich an meinem Bart herumgeschnitten hatte, trat mir im Spiegel ein furchterregender Übeltäter entgegen, der aussah, als wollte er mich umbringen. Meine Augen sind zwei hohle Schatten, mein Bart ein weißes Büschel. Drei Falten zerteilen in tiefen Furchen meine Stirn. Es heißt, dass das Gesicht, das die Zeit uns schafft, Ähnlichkeit mit unserem Leben habe, und wir in den Lippenfalten, in jedem einzelnen Leberfleck das ablesen könnten, was uns widerfahren ist. Aber ich wollte mich nicht lesen. Ich weiß, dass die anderen mich fürchten: Auch ich fürchte mich bisweilen vor mir.

Meine Frau wartete mit dem Frühstück auf mich. Die Tage verliefen für mich nunmehr so gleichförmig wie die eines im Käfig eingesperrten Papageis. Es sollte ein Tag wie all die anderen werden, und hätte es nicht das rote Kleid gegeben, er wäre mir nicht in Erinnerung geblieben. Er wäre in der eintönigen Abfolge der Tage, auf die sich mein Leben reduziert hat, untergegangen. Wer die Vorzüge des Alters preist, der hat vergessen, wie langweilig das Leben eines alten Menschen sein kann. Gerne würde ich, wenn ich noch einmal jung sein könnte, auf die Erlösung durch den Tod verzichten. Doch das Glas der Gewohnheit hat einen Sprung bekommen, der Übergang hat sich aufgetan: Das Jetzt hat sich wie ein Lichtschimmer auf dem Wasser aufgelöst, und ich habe plötzlich nachgegeben.

Faustina bat mich, Erkundigungen einzuholen, ob der Kaiser tatsächlich die notwendige Unterstützung für den Kreuzzug gegen die Ottomanen erhalten habe - und ob wieder einmal ein Krieg in Vorbereitung sei. Jedes Mal, wenn ein Krieg ansteht, bekommt meine Frau Herzrasen, fürchtet sie doch, dass unser Marco sich melden und auf dem Schlachtfeld eines Landes, dessen Namen wir nicht einmal kennen, umkommen könnte. Ich beschwichtigte sie. Auch wenn es einen Krieg geben sollte, wir Venezianer würden ihn nicht austragen, wir haben unsere Lektion gelernt: Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, musst du mit ihm in Frieden leben. Alle Staaten und auch alle Menschen sollten sich so verhalten.

Jedenfalls war mir nicht danach, mich mit meiner Frau zu unterhalten. Ich knabberte am Käse herum und spuckte das Brot wieder aus. Noch habe ich alle meine Zähne, und ich wollte sie nicht an diese Kruste verlieren. "Ich gehe jetzt, werde spät zurück sein", sagte ich zu Faustina. "Es ist brüllend heiß draußen, du wirst noch in Ohnmacht fallen", protestierte sie. Hätte es doch nur einen Tag gegeben, an dem meine Frau mich ermutigt, mir einfach blind recht gegeben hätte, ohne dass ich jedes Mal ihre Zustimmung abringen musste! "Um punkt eins bin ich wieder zurück", erklärte ich ihr. "Und dann möchte ich, dass mein langer, schwarzer Satinumhang, den du irgendwo hingestopft hast, für mich bereitliegt." "Er ist dort, wo du ihn hingestopft hast, Jacomo!", gab sie murrend zurück. "Du trägst ihn ja doch nicht mehr! Die Motten werden ihn zerfressen haben. Was willst du eigentlich mit diesem langen Mantel?", fragte sie plötzlich neugierig. "Ich muss auf eine Beerdigung", antwortete ich so schroff, dass meine Frau keine weiteren Fragen mehr stellte.

"Vater, geht es Euch gut?", fragte Dominico besorgt, als er merkte, dass ich in der Hitze nach Luft rang. Er hat Angst, mich zu verlieren. Mit knapp vierunddreißig Jahren sieht er in mir noch immer seine Leitfigur. Eilig schob ich die Schuld für meinen kleinen Schwächeanfall auf den glühend heißen Wind, diesen verdammten Schirokko, der die ganze Stadt peinigte. Meine Frau winkte mir zum Abschied vom Fenster der Loggia zu. Das macht sie jeden Tag, als stünde ich kurz davor, in irgendein fernes Land aufzubrechen. Dabei habe ich Venedig seit Jahren nicht mehr verlassen. "Ruft mich, wenn das Bild verpackt ist und das Boot bereitsteht", ermahnte ich meine Söhne, die mir auf den Fondamenta hinterherliefen und überaus elegant aussahen in den bunten Seidenjäckchen, den strahlend weißen Halsbändern und Mützen aus Tobin auf dem dunklen Haar. Sie kehren einen Reichtum und einen Rang nach außen, den sie nicht besitzen. Das habe ich mir allerdings selbst zuzuschreiben. Ich habe ihnen Dinge erlaubt, die ich mir nie gegönnt hätte. "Papa, wo willst du hin?", fragte Dominico verunsichert. "Wo soll er schon hingehen", raunzte ihn Marco mit gedämpfter Stimme an, "dem werden vom vielen Rumsitzen die Eier schwer, er hat doch nichts zu tun."

Es stimmte. Ich hatte keinerlei Verpflichtung. Seitdem ich befürchten muss, Aufträge nicht mehr einhalten zu können, habe ich keine mehr übernommen. Ich teilte mir mein restliches Leben nicht mehr in Jahre oder gar Jahreszeiten ein. Tage waren alles, was es noch gab, sowie die Nächte - und davon war jede einzelne so riskant wie die Überquerung des Atlantiks. Mit verblüfften Gesichtern starrten mir meine Söhne hinterher, während ich mich zum Friedhof aufmachte - behutsam und würdevoll setzte ich einen Fuß vor den anderen, geriet ich doch in letzter Zeit häufig ins Straucheln und Stolpern. Dominico sprang mir in seiner fürsorglichen Art zur Seite und fasste mich unter den Arm.

Mein Sohn meint, das Alter sei das Einzige, das mir zu schaffen macht, und leider gebe es dafür kein Heilmittel. Ich hingegen fühle mich so kräftig wie an dem Tag, als mir zum ersten Mal bewusst wurde, ich selbst zu sein. Mein Körper mag müde, meine Knochen gebrechlich und mein Herz noch so abgehetzt sein, das aber, was sich nicht verändert hat und nicht verändern kann, ist mein innerstes Wesen, meine Identität, nennen wir es ruhig meine Seele, die nicht an die Zeit und ihre Launen gebunden und daher unzerstörbar ist. Lass Fieber mich befallen, Herr, entreiß mir alle Kraft, fessle mich ans Bett: Ich werde dich in wachem Zustand empfangen, mit jenem hellen, furchtbaren Geist, den du mir geschenkt hast. Verärgert hakte ich mich wieder aus. "Kümmre dich um deine Angelegenheiten", sagte ich zum wiederholten Male zu Dominico, "und lass mich in Frieden, verschwinde." In sich hinein lächelnd nahm mein guter Sohn schweigend die Zurechtweisung entgegen und gehorchte, wie immer.

Zur Madonna dell'Orto gehe ich jeden Morgen. Diese Kirche ist meine Zuflucht, mein Museum: In der Kapelle und an den Wänden, in jedem Winkel habe ich eine Seite aus meinem Leben hinterlassen. Hier habe ich wie in ein Buch meine Geschichte niedergeschrieben. Zu dieser frühen Stunde hielten sich in der Kirche nur der Bäcker vom Campo dei Mori, der kniend eine Litanei betete, und ein Laienbruder vom Kloster nebenan auf, der mit einem Reisigbesen Staub fegte. Die Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster fielen, zeichneten eine klare Linie auf den Boden - hier Licht, dort Schatten. Ach, wäre doch unsere Seele auch so klar und eindeutig, Herr. Könnte ich nur das Gute vom Bösen trennen, das, was ich getan, von dem, was ich erhalten habe. Aber leider ist es nicht so, leider gibt es nur einen einzigen, großen Strudel, in dem sich alles vermischt. So weiß ich nicht mehr, was richtig und was falsch gewesen ist.

Die Sonnenstrahlen brachen sich an den Scheiben wie an einem Bollwerk und zersplitterten in einzelne grelle Lichtfetzen, die an den Wänden und auf dem Boden kleine Pirouetten drehten und mich blendeten. Als wüsste ich nicht mehr, wo sie stand, suchte ich nach der großen Orgel. Jeden Tag bin ich in diese Kirche gegangen, beinah dreißig Jahre lang. Und nun taperte ich einen Moment verwirrt im leeren Kirchenschiff umher. Meine Erinnerung an alles Naheliegende verschwimmt wie die dunkle Erinnerung an einen Traum im Nebel. Alles Vergangene erscheint mir näher als meine Gegenwart.

Vor der schmutzig weißen Statue der Madonna dell'Orto verbrannte ein ganzer Wald von Kerzen und flehte stellvertretend um Gnade. Ich wollte gerade eine Altarkerze anzünden, als mich etwas ablenkte. Ein weißer Schatten huschte über mich hinweg.

Sich an der Treppe des Gerüsts festhaltend, das um einen Seitenaltar aufgebaut war, schwang sich ein kleines Mädchen durch die Luft. Es war vollständig in Weiß gekleidet. "Pass auf, mein Fünkchen", sagte ich zu ihm. "Wenn du fällst, tust du dir weh. Komm herunter." Das Mädchen gehorchte, stellte seine kleinen Füße wieder auf festen Boden und kam zögernd herbei. Sie war etwa sieben Jahre alt, hatte kastanienbraunes Haar und dunkle Augen, wie eine Türkin. "Ich heiße nicht Fünkchen", sagte sie aufgebracht. "Nein? Wie denn?" "Ich heiße Marietta", antwortete sie ernst und klopfte sich den Kreidestaub vom Kleid. An ihrem Mund klebte noch ein Rest fettigen Schmalzgebäcks. "Marietta", seufzte ich, "mein Kind heißt auch Marietta."

"Du hast ein Kind?", rief sie ungläubig. "Du bist doch viel zu alt!" Alt. Das klingt fast wie ein Schimpfwort. Ich weigere mich, die Vorstellung zu akzeptieren, das geworden zu sein, wovor allen graust - ein mit hauchdünner, faltiger Haut überzogenes Skelett, ein Körper, dem jegliche Schönheit abhanden gekommen ist, ein abstoßendes Etwas, das niemand mehr ansehen mag. Obwohl ich stets die Alten geliebt habe. Ich mochte jene, die dem Tod in die Augen schauten, lieber als die, die das Leben noch vor sich hatten. Denn jene hatten es nicht mehr nötig zu lügen. Zumindest glaubte ich das.

"Und wie heißt du?", fragte das Mädchen weiter, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, mich beleidigt zu haben. Sie trat näher. Neugierig betrachtete sie meinen stacheligen Bart und den schneeweißen Anhänger, der um meinen Hals baumelte. "Jacomo", antwortete ich. "Und weiter?", wollte sie wissen. "Meine Mama sagt, ich soll nicht mit Männern sprechen, die keinen Nachnamen haben, die seien nämlich arm." Ich lächelte. Ihre Mutter wusste, mit wem man Geschäfte machte. Das Mädchen trug Perlenohrringe, die so groß wie Murmeln waren. Viel zu kostbar für ein Geschöpf ihres Alters. "Alle nennen mich Tintoretto, das Färberlein", erklärte ich ihr. Marietta lachte laut los. Sie hatte noch nie von mir gehört. Ob jemand auf der ganzen Welt berühmt war oder nicht, interessierte Kinder so wenig wie das Wetter. "Das ist doch kein Nachname", rief sie. "Du bist keine bedeutende Person! Mit dir darf ich nicht sprechen!"

Ehe sie sich umdrehen und weglaufen konnte, bekam ich sie an einem Zipfel zu fassen, doch sie unternahm keine Anstalten, sich loszureißen. Sie trug ein schwarzes Lederbändchen mit einem Chalzedonanhänger. Der Chalzedon hilft, Begierden zu zügeln, und vertreibt trübselige Gedanken und Ideen. Seltsamerweise sah ihr Anhänger genauso wie meiner aus. Obwohl ich zu keiner Zeit an die Kraft der Steine geglaubt habe, lege ich diesen Anhänger nie ab, selbst wenn ich schlafen gehe. "Du solltest nicht so allein herumlaufen, Fünkchen", ermahnte ich sie. Da ihre Söckchen bis zu den Knöcheln heruntergerutscht waren, zog ich sie wieder hoch. Über Jahre hinweg habe ich diesen Bewegungsablauf Tag für Tag ausgeführt. Meine Hände erinnerten sich noch gut an ihn, aus meinem Gedächtnis ist er dagegen verschwunden. Schmale Kinderfesseln, mit Kreidestaub verschmierte Waden, nach Orangenwasser duftende Haut. "Aber ich bin gar nicht allein!", entgegnete sie. "Mein Bruder kommt zum Unterricht hierher, und Mama ist den Prior bezahlen gegangen. Wo ist eigentlich dein Kind?" Sie schaute sich fragend um. Doch da war niemand. Selbst der Laienbruder mit seinem Besen war gegangen. "Ich hab sie verloren", antwortete ich.

"Sollen wir sie suchen?", schlug sie reumütig vor. Mein betrübter Anblick machte ihr Sorgen. Kleine Kinder ertragen es nicht, uns leiden zu sehen. Da sie mir tatsächlich helfen wollte, ließ ich mich von ihr an die Hand nehmen. Sie zog mich durch das Kirchenschiff, vor jede einzelne Kapelle, lugte in jede Nische, jeden dunklen Spalt. Alle Türen, die sich öffnen ließen, sperrte sie weit auf. Als würde sich meine Marietta tatsächlich in der Sakristei versteckt halten. Nachdem wir einmal durch die ganze Kirche gelaufen waren, blieb ich vor der großen Orgel stehen. Die Flügel, die ich Jahre zuvor mit einem Gemälde versehen hatte, waren geschlossen. Eine schmale, blonde Person stieg eine steile Treppe zu einem Tempel hinauf. Ihr helles Gewand - voll goldener Staubtupfer - glänzte im Halbdunkel. Ich deutete mit dem Zeigefinger auf sie und sagte: "Meine Marietta".

Erstaunt war die andere Marietta einen Schritt zurückgewichen. Doch sie glaubte mir, Kinder vertrauen dem gesprochenen Wort. "Bist du ein Zauberer, der Menschen in Farben verwandelt?", wollte sie ernsthaft wissen, als hätte ich ihr erzählt, ich wäre Tischler oder Schiffskapitän. "Ja, auch." "Oh", raunte sie voller Bewunderung. "Und warum tust du das?" "Weiß ich nicht, mein Funke", antwortete ich ihr, "vielleicht weil ich sie immer in meiner Nähe haben möchte." Doch schon hatte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie ließ meine Hand los und hockte sich hin. Auf dem Boden unter ihren Schühchen hatte sie eine Marmorplatte entdeckt. Vorsichtig pustete sie die dicke Staubschicht von der Inschrift. Sie zu entziffern gelang ihr jedoch nicht. Möglicherweise konnte sie nicht lesen. "Marietta!", rief eine Frauenstimme. "Marietta!" Das Mädchen rührte sich nicht vom Fleck. Wie gebannt starrte sie auf die strahlend weiße Platte unter sich. Es war ein Grabstein. Der Kirchenboden ist übersät mit Grabsteinen. Unter unseren Füßen lagen Tausende von Toten.

Marietta aber beachtete den Tod einfach nicht: Sie lachte und polierte mit ihrer Schuhspitze die Platte. Ein Wappenrelief kam zum Vorschein - ein Bischof mit einer Mitra. Das Familienwappen meiner Frau. "Marietta!", rief die Stimme, diesmal erzürnt und viel näher. Erst trat ein fettleibiger kleiner Junge neben mich, dann eine Frau in einem malvenfarbenen Umhang. Im Arm hielt sie ein kleines Kind, das auf ihrer Schulter eingeschlafen war. Ich hatte sie kein einziges Mal mehr wiedergesehen, allerdings hätte ich sie ohnehin nicht wiedererkannt. Aber diesen Umhang habe ich einst anfertigen lassen. In der Hand hielt sie einen Fächer aus Federn, die in allen Regenbogenfarben schillerten, ihre Ohrläppchen zierten zwei tropfenförmige Smaragde, um den Hals trug sie einen violetten Schal aus persischer Seide und am Finger einen Diamantring. Dieser Umhang, der Fächer, die Ohrringe, Schal und Ring hatten meiner Marietta gehört. Es war Zanetta, die Brillenmacherin von den Fondamenta Ormesini. Auch sie hat mich erkannt, doch ihre südländischen, dunklen Augen haben durch mich wie durch Glas hindurchgesehen. Sie tat so, als wüsste sie nicht, wer ich bin.

"Was machst du da, Marietta?", fuhr sie das Kind an und zog es am Handgelenk vom Boden hoch. Das Kind klammerte sich um ihre Hüfte und vergrub sein Gesicht in ihrem Schoß. Herr, es kam mir so unerhört vor, es schien mir ein solch arger Verstoß gegen deine Gebote zu sein, dass diese Frau hier auftauchte und sich am Wohlergehen ihrer Familie ergötzte, während mein Funke nur noch ein einziger Haufen Lumpen in der Finsternis war. Wie lautet dein Plan, wo ist deine Gerechtigkeit? Du warst mein Gebieter und ich dein Instrument. Wie konntest du es wagen, die Liebe, die ich dir gab, mit Blut zu bezahlen? Die Brillenmacherin trug den Seidenumhang meiner Tochter, ihren veilchenblauen Schal, ihren Fächer und ihren Hochzeitsring. Das Kind hatte ihre Perlenohrringe, ihren Chalzedonanhänger - und ihren Namen. Es wollte mich seiner Mutter zeigen und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Brillenmacherin aber drehte stur den Kopf weg und zog das Mädchen hinter sich her. Marietta nahm all ihre Geheimnisse mit sich und ließ mir nur einzelne, unbedeutende Erinnerungsfetzen zurück, die ich nicht zusammenfügen kann, ohne sie zu verdrehen und durch meine Verblendung Unwahrheiten und Fehler hervorzubringen.

Wie erstarrt stand ich mitten im Kirchenraum. Ich hoffte, der Organist würde kommen und spielen. Dann hätte ich mich auf eine Kirchenbank gesetzt und wieder beruhigt. Immer wieder stellte ich mir vor, dass mich, wenn ich nur dort zur Ruhe käme, wo auch Marietta war, unsere Musik zu ihr führen würde, und dass ich einfach den Tönen folgen würde, in der Gewissheit, sie wiederzufinden - wo immer sie auch war. Beim Verlassen der Kirche gingen Zanetta und das Mädchen dicht an mir vorbei. "Auf Wiedersehen, Jacomo", sagte Marietta und winkte mir zu, "vielleicht ist dein Kind, das du verloren hast, auf dem Turm, es ist schön da oben, man kann ganz Venedig sehen, sogar die Berge und das Meer am Horizont." "Auf Wiedersehen, Fünkchen." Als sie an mir vorbeiging, konnte sie ihre Neugier nicht zurückhalten und streichelte mir mit ausgestreckter Hand über den Bart. Seit Jahren - vielleicht einer Ewigkeit - hatte niemand mehr meinen Bart gestreichelt.

Erneut schaute ich zu dem Gemälde auf. Im Halbdunkel steigt die kleine Maria - zögerlich - die steilen Stufen zum Tempel hinauf, wo ein bärtiger Priester sie erwartet. Das Kind scheint sich seines besonderen Schicksals bewusst zu sein, das es verwundbar und glücklich zugleich macht. Dieses Kind trägt ihren Namen. Für Marietta malte ich dieses Bild. Meine Liebe für sie war schon immer grenzenlos, Herr.

Meine Frau hatte den langen Mantel nicht gefunden. Ich durchwühlte sämtliche Kisten. Zwar wollte ich an jenem Tag tatsächlich Giovannis Beerdigung feierlich gedenken, doch sollte es niemand aus meiner Familie erfahren. Sobald meine Gemahlin den Namen Zuane hört, weint sie - sie nimmt sich ein Taschentuch und schnäuzt sich leise die Nase, weil sie weiß, dass ich dieses Geheule nicht ertrage. Giovanni hat es verdient, dass ich als hoher und von allen respektierter Staatsbürger an sein Grab trete. Er selbst wollte nie einer sein, diese Last hat er mir übertragen. Mehr konnte ich für meinen Sohn nicht tun. Ich kramte zwischen meinen Hemden, seidenbestickten Jäckchen und den Arbeitskitteln und wurde immer nervöser. Mein Diener Nastasio, der mir seit einigen Minuten gleichmütig über die Schultern schaute, riet mir, es in den Koffern und Schränken auf dem Dachboden zu probieren, wo ich nicht nur die Festroben für immer und ewig verstaut hatte, sondern auch den Adelstalar und die langen Überröcke mit den weiten Ärmeln, die mir mein Schneider für meine aberwitzigen Auftritte angefertigt hatte und die ich seit Jahren nicht mehr trug.

Und so schleppte ich mich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder die steilen Stufen hinauf. Herr, im Laufe der Jahre hatte ich mir die Strategie der Vandalen angeeignet und alles, was von ihr erzählte, aus meinem Blickfeld geräumt. Ich habe die Schmuckstücke verteilt, die Partituren zerstört, die Puppen, Figürchen und Wachstiere verschenkt oder im Ofen in Flammen aufgehen lassen - denn selbst ein winziges, unbedeutendes Kamel aus Glas vermochte mich tödlich zu verletzen. Am Ende habe ich sogar ihr Bild in meinem Atelier zur Wand gedreht. Nun schaute man auf die Rückseite, auf das Zettelgewebe der Leinwand. Dieses dichte Fadennetz, an dem mein Blick zuweilen stundenlang hängen blieb, sah aus wie das Labyrinth, in dem ich sie verloren habe. Zwischen dem Türflügel und dem Dachbalken hing ein Spinnennetz. Ein erstaunliches Geflecht feinster Seidenfäden vibrierte unmerklich im fahlen Sonnenlicht. In der Mitte saß regungslos eine dicke goldene Spinne auf der Lauer. Ich fragte mich, seit wie vielen Jahren sie bereits auf mich wartete.

Das Holz war von der Feuchtigkeit aufgequollen, der Schlüssel ließ sich nicht drehen, das Schloss klemmte. Fast hätte ich die Tür aushebeln müssen. Als sie endlich nachgab, stand ich vor einer Reihe Gespenster, auf denen eine feine, weiße Staubschicht lag. Die hölzernen Formen, die dem menschlichen Körper nachgebildet sind und monate-, ja zuweilen jahrelang unsere Kleider tragen, damit sie nicht aus der Form geraten, schwankten aufgrund des Rucks beim Türöffnen hin und her, und auf einmal plumpste mir ein Haufen Stoff in die Arme. Instinktiv fing ich ihn auf.

Welch ein gestörter, abergläubischer Idiot, wirst du jetzt denken, zweifelt an der Existenz Gottes, aber glaubt an Geister.

Leseprobe zu "Tintorettos Engel" von Melania G. Mazzucco

"25. Mai 1594 (S. 277-278)

Neunter Fiebertag


Mein letztes Abendmahl hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit den von mir gemalten. Um die Nacht fernzuhalten und den Tod zu verscheuchen, ließ ich sämtliche Kandelaber, Öllampen und Fackeln auf den Fenstersimsen anzünden. Tausende von Abendessen habe ich in meinem Leben ausgerichtet.

Die geselligen Runden entschädigten mich für die Einsamkeit, die mich beim Malen befiel, und die Gegenwart meiner Freunde vermittelte mir den Eindruck, ich könnte meine Entrücktheit - mein Leben im Anderswo, in meinen Erfindungen und Träumen - durch ein Lied, ein Lachen und gutes Essen überwinden. Dieses Abendessen jedoch war nicht wie die anderen. Ich servierte den Wein aus unseren Weinbergen, Hühner und Schinken von unserem Land, Steinbutt und Flunder, Hummer, Drachenkopf und Muscheln aus unserem Meer und als süßen Abschluss Apfelsinen und Quittenbrot.

Nicht einen Bissen bekam ich hinunter. Aber auch ich wollte meine Familie und meine Jünger um einen Tisch versammeln. Ich ahnte, dass es das letzte Mal sein würde - denn wo ich hinging, würde mir keiner folgen können. Ich wollte von allen Abschied nehmen und wissen, wer von ihnen mich wirklich liebt und mir treu bleiben wird - und wer mich betrügen wird oder womöglich schon betrogen hat. Ich sprach die Einladung unter dem Vorwand unserer bevorstehenden Abreise nach Carpenedo aus, die Faustina und ich auf Anraten des Arztes für den nächsten Tag geplant hatten; wir würden den ganzen Sommer im Landhaus verbringen.

Vielleicht trieb mich auch das Verlangen um, meiner Frau in guter Erinnerung zu bleiben. Das Gezeter unserer Auseinandersetzung vor dem Laden des Wurstmachers hallte noch immer leise nach: Jedes Mal, wenn ich fiebrig und vom Opium niedergeschlagen im Bett lag und sich meine geliebte Gemahlin über mich beugte, selbst wenn sie nur mein Kissen ausschüttelte und die Laken umschlug, konnte ich ihren Augen ablesen, wie leid es ihr tat, mich beleidigt zu haben. Kein Schatten aber darf zwischen uns verbleiben.

Vierunddreißig Jahre lang haben wir Seite an Seite gelebt: Unstimmigkeiten, Zank und Streit und Eifersuchtsszenen - ich wegen ihr und sie wegen mir - hat es immer wieder gegeben. Das alles hat uns jedoch nicht nur nicht getrennt, sondern uns vielmehr einander nähergebracht. Weder wäre ich ohne sie noch sie ohne mich zurechtgekommen. Sie wird tun, was sie für richtig hält. Faustina weiß, was ihr und unseren Kindern guttut. Ich, Herr, habe das dagegen wahrscheinlich nie richtig verstanden. Die Fenster der Loggia im großen Saal des ersten Stocks standen offen und gaben die Sicht frei auf den mit Myriaden von Sternen übersäten Himmel. Frische, nach Basilikum und Jasmin duftende Luft strömte herein. Um meinen Sohn Dominico hatten sich meine Assistenten, Schüler und Mitarbeiter gesellt - Palma und Albert der Holländer, beide inzwischen selbst anerkannte Meister, und auch Marchio Colonna und Cesare Dalle Ninfe, die sich noch keinen Namen gemacht haben und wahrscheinlich auch nie machen werden. Außerdem waren der griechische Maler"

Leseprobe zu "Tintorettos Engel" von Melania G. Mazzucco

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