The Descendants - Hemmings, Kaui Hart
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The Descendants

Familie und andere Angelegenheiten. Der Roman zum Kinofilm

Kaui Hart Hemmings 

Aus d. Amerikan. v. Adelheid Zöfel
 
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The Descendants

Berührend, klug, unvergesslich - eine großartige Entdeckung

Für Matthew bricht eine Welt zusammen, als seine Frau nach einem Unfall nicht mehr aus dem Koma erwacht. Joanie war seine große Liebe - sein Leben. Nun steht er seinen beiden Teenager-Töchtern allein gegenüber, muss Trost spenden, für sie da sein. Oder ist es umgekehrt? Es sind Scottie und Alex, die ihrem Vater beistehen, als er erfährt, dass Joanie ihn jahrelang betrogen hat. Mit Verstand und Gefühl meistern sie es zu dritt, in einer Welt anzukommen, die nicht mehr dieselbe ist ...

Für alle Leserinnen von Anita Shreve, Anna McPartlin und Marc Levy.

'Ein Roman, der direkt ins Herz geht.' The New York Times Book Review

'Unsentimental und doch voller Gefühl erzählt. Ein wahrhaft grandioses Debüt.' San Francisco Chronicle


Produktinformation

  • Verlag: Diana
  • 2009
  • 3. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 381 S.
  • Seitenzahl: 381
  • Diana-Taschenbücher Nr.35277
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 120mm x 31mm
  • Gewicht: 305g
  • ISBN-13: 9783453352773
  • ISBN-10: 3453352777
  • Best.Nr.: 23816412
"Ein Roman, der direkt ins Herz geht." -- The New York Times Book Review

"Unsentimental und doch voller Gefühl erzählt. Ein wahrhaft grandioses Debüt." -- San Francisco Chronicle

"Ein Roman, der direkt ins Herz geht." -- The New York Times Book Review

"Unsentimental und doch voller Gefühl erzählt. Ein wahrhaft grandioses Debüt." -- San Francisco Chronicle
Kaui Hart Hemmings wuchs in Hawaii als Stieftochter eines einflussreichen Politikers auf. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in San Francisco. Ihr Debütroman 'Mit deinen Augen' wurde 2007 von San Francisco Chronicle und L.A. Weekly als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet.

Leseprobe zu "The Descendants" von Kaui Hart Hemmings

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Erster teil

Der Husarenritt

Die Sonne scheint, Hirtenstare singen, Palmen wiegen sich im Wind, aber es hilft alles nichts. Ich bin im Krankenhaus, und ich bin gesund. Mein Herz schlägt genau so, wie es soll. Mein Gehirn verschickt blitzschnell klar verständliche Botschaften. Meine Frau sitzt aufrecht in ihrem Krankenhausbett, wie jemand, der im Flugzeug schläft: starr und reglos, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Hände im Schoß.

"Sollen wir sie nicht hinlegen?", frage ich. "Warte", sagt meine Tochter Scottie und macht mit ihrer Polaroidkamera ein Foto von ihrer Mutter. Sie fächelt sich mit dem Foto Luft zu. Ich drücke den Knopf seitlich am Bett, damit sich der Oberkörper senkt. Als sie fast flach auf dem Rücken liegt, lasse ich den Knopf wieder los.

Joanie liegt seit dreiundzwanzig Tagen im Koma, und in absehbarer Zeit, sobald ich das endgültige Urteil unseres Arztes gehört habe, muss ich gewisse Entscheidungen treffen. Das heißt, eigentlich brauche ich nur zu erfahren, was er über Joanies Zustand zu sagen hat. Entscheiden muss ich nichts, denn Joanie hat eine Patientenverfügung. Wie immer trifft sie ihre Entscheidungen selbst.

Heute ist Montag. Dr. Johnston sagte, am Dienstag würden wir alles besprechen, und dieser Termin macht

mich so nervös, als wäre es ein Rendezvous, ein Date. Ich bin völlig ratlos - wie soll ich mich verhalten, was soll ich sagen, was soll ich anziehen? Ich übe meine Fragen und Antworten, aber der Text passt nur für die positiven Szenarien. Plan B habe ich noch nicht geprobt.

"Da", sagt Scottie. Sie heißt tatsächlich Scottie. Joanie fand es cool, sie nach Scott, Joanies Vater, zu nennen. Ich bin da etwas anderer Meinung.

Ich betrachte das Foto. Es sieht aus wie eins dieser Witzbilder, die man gern von Schlafenden macht. Keine Ahnung, wieso wir solche Aufnahmen so lustig finden. Wenn du schläfst, kann man alles mit dir anstellen. Das ist die Botschaft, glaube ich. Siehst du, wie schutzlos du bist? Du kriegst überhaupt nichts mit. Allerdings ist es so, dass Joanie auf dem Bild nicht einfach nur schlafend daliegt. Da ist der Tropf und noch etwas, was man Endotrachealtubus nennt, so ein dünner Plastikschlauch, der vom Mund zu einem Beatmungsgerät führt, zur Sicherung der Atemwege. Sie wird auch über einen Schlauch ernährt und bekommt auf diesem Weg ihre Medikamente, so viele, dass sie für ein ganzes Fidschi-Dorf reichen würden. Scottie dokumentiert unser Leben für den Sozialkundeunterricht. Hier ist Joanie, im Queen's Hospital, die vierte Woche im Koma, einem Koma, das auf der Glasgow-Skala bei 10 liegt und auf der Rancho-Los-Amigos-Skala bei III. Sie hat an einem Motorbootrennen teilgenommen und wurde bei achtzig Meilen in der Stunde vom Boot katapultiert, aber ich glaube, sie kommt durch.

"Sie reagiert auf Stimuli nicht gerichtet, sondern nur mit ungezielter Abwehr. Gelegentlich sind ihre Reaktionen allerdings spezifisch, wenn auch abgeschwächt." Das hat mir ihre Neurologin erklärt, eine junge Frau, deren linkes Auge zuckt und die so schnell spricht, dass man kaum Fragen einschieben kann. "Ihre Reflexe sind begrenzt und gleichförmig, unabhängig davon, welche Schmerzreize sie erreichen", sagt sie. In meinen Ohren klingt das alles nicht gerade positiv, aber man hat mir versichert, dass Joanie sich gut hält. Wie gesagt, ich denke ja auch, dass sie es schafft und eines Tages wieder normal funktioniert. Bei solchen Dingen habe ich in der Regel recht.

"Warum hat sie an dem Rennen teilgenommen?", wollte die Neurologin wissen.

Die Frage verwirrte mich. "Um zu gewinnen, nehme ich an. Um als Erste ins Ziel zu kommen."

"Stell das bitte ab", sage ich zu Scottie. Sie klebt das Foto in ihr Heft und macht dann mit der Fernbedienung den Fernseher aus.

"Nein, ich meine das da." Ich deute auf die Szenerie jenseits des Fensters - Sonne und Bäume und Vögel, die auf dem Rasen von Krümel zu Krümel hüpfen, die ihnen Touristen und überspannte alte Damen hinwerfen. "Bitte, stell das ab. Es ist grauenvoll." In den Tropen darf man nicht jammern. Ich wette, in den Großstädten kann man mit grimmiger Miene durch die Straßen trotten - und niemand fragt einen, was los ist, kein Mensch sagt, man soll doch lieber lächeln. Aber hier finden alle, wir müssen froh und dankbar sein, dass wir auf Hawaii leben, denn Hawaii ist das Paradies. Zurzeit kann mir das Paradies gestohlen bleiben.

"Ekelhaft", brummt Scottie. Sie zieht den Lamellenvorhang zu, sodass die ganze Schönheit draußen bleiben muss.

Hoffentlich merkt sie nicht, dass ich sie prüfend mustere und dass mir das, was ich da sehe, große Sorgen macht. Scottie ist hektisch und seltsam. Sie ist zehn. Was tun Menschen tagsüber, wenn sie zehn Jahre alt sind? Jetzt fährt sie mit dem Finger unten am Fenster entlang und murmelt: "Davon könnte ich die Vogelgrippe bekommen", und dann formt sie mit der Hand einen Kreis um den Mund und gibt einen Trompetenstoß von sich. Sie ist verrückt. Wer weiß, was in ihrem Kopf vor sich geht. Apropos Kopf - sie müsste dringend zum Friseur oder sich wenigstens mal kämmen. Ihre Haare sehen aus wie wild wucherndes Unkraut. Wer schneidet ihr die Haare?, überlege ich. War sie überhaupt schon mal beim Friseur? Sie kratzt sich auf der Kopfhaut, inspiziert anschließend ihre Fingernägel. Sie trägt ein T-Shirt, auf dem steht: ICH BIN NICHT SO. ABER ICH KÖNNTE SO SEIN! Nur gut, dass sie nicht superhübsch ist, aber ich weiß, das kann sich schnell ändern.

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Joanie hat sie mir geschenkt.

"Die Zeiger leuchten, und das Zifferblatt ist aus Perlmutt", sagte sie.

"Wie viel hat sie gekostet?", fragte ich.

"Wieso wusste ich bloß, dass du das als Erstes fragen wirst?"

Ich sah, dass sie gekränkt war. Bestimmt hatte sie sich das Geschenk lang überlegt. Joanie macht gern Geschenke und bemüht sich immer, vorher herauszufinden, was die Leute mögen, damit sie mit ihrer Wahl zeigen kann, dass sie sich die Zeit genommen hat, ihnen zuzuhören und sie näher kennenzulernen. Jedenfalls erweckt sie diesen Eindruck. Ich hätte nicht nach dem Preis fragen dürfen. Sie wollte doch nur demonstrieren, dass sie mich kennt.

"Wie spät ist es?", fragt Scottie.

"Halb elf."

"Noch ziemlich früh."

"Ich weiß", sage ich. Was soll ich tun? Wir sind aus zwei Gründen hier: einerseits, um Joanie zu besuchen, in der Hoffnung, dass sich ihr Zustand über Nacht gebessert hat und sie jetzt auf Licht, Geräusche und Schmerzreize anspricht, aber andererseits auch, weil wir nirgendwo anders hingehen können. Sonst ist Scottie den ganzen Tag in der Schule, und dann holt Esther sie ab, aber ich dachte, diese Woche sollte sie öfter hier im Krankenhaus sein, mit mir zusammen, also habe ich sie von der Schule befreien lassen.

"Was möchtest du jetzt machen?", frage ich sie.

Sie schlägt ihr Notizheft auf. Das Sozialkundeprojekt nimmt anscheinend ihre gesamte Zeit in Anspruch. "Keine Ahnung. Etwas essen."

"Was würdest du normalerweise machen?"

"Ich wäre in der Schule."

"Und am Samstag? Was würdest du samstags machen?" "Ich wäre am Strand."

Ich überlege, wann ich das letzte Mal allein für sie verantwortlich war und was wir gemeinsam unternommen haben. Ich glaube, sie war damals ein Jahr alt oder vielleicht anderthalb. Joanie musste zu Aufnahmen nach Maui fliegen und hatte keine Babysitterin gefunden, und aus irgendeinem Grund konnten ihre Eltern nicht einspringen. Ich steckte mitten in einem Prozess und war zu Hause, musste aber unbedingt arbeiten, also packte ich Scottie mit einem Stück Seife in die Badewanne. Ich wartete ab, was passieren würde. Sie planschte herum und wollte das Wasser trinken, aber dann entdeckte sie die Seife und griff danach. Die Seife glitt ihr aus der Hand, also versuchte sie es noch einmal, mit einem verblüfften Ausdruck auf dem kleinen Gesichtchen, und ich ging leise hinaus auf den Flur, wo ich mir meinen Arbeitsplatz eingerichtet hatte, mit einem Babyfon. Ich hörte sie lachen, deshalb wusste ich, dass sie nicht am Ertrinken war. Ob das immer noch klappen würde? Könnte ich sie wieder in die Badewanne setzen, mit einem glitschigen Stück Irish-Spring-Seife?

"Gut, fahren wir an den Strand", schlage ich vor. "Würde Mom mit dir in den Club gehen?"

"Ja, klar. Wohin sonst?"

"Dann machen wir das. Nachdem du mit Mom geredet hast. Anschließend schauen wir bei der Krankenschwester vorbei, dann kurz zu Hause, und dann ab an den Strand."

Scottie reißt ein Foto aus ihrem Heft, zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. Ich wüsste gern, welches Foto sie weggeworfen hat, ob es das Bild von ihrer Mutter auf dem Bett war, das ja nicht gerade einen erfreulichen Zustand unserer Familie darstellt. "Ich wünsch mir was", sagt Scottie. "Was wünsche ich mir?"

Das ist eins unserer Spiele. Ab und zu nennt sie einen Ort, an dem sie jetzt lieber wäre als hier.

"Ich wäre gern beim Zahnarzt", verkündet sie.

"Ich auch. Ich wünsche mir, dass wir uns das Gebiss röntgen lassen."

"Und Mom lässt sich die Zähne bleichen", fügt Scottie hinzu.

Ich wäre tatsächlich gern in Dr. Branchs Behandlungszimmer. Wir bekämen alle drei Lachgas und würden unsere tauben Lippen betasten. Im Vergleich zu der Situation hier wäre eine Wurzelbehandlung ein echtes Vergnügen. Eigentlich jede ärztliche Behandlung. Am allerliebsten wäre ich allerdings zu Hause und würde arbeiten. Ich muss entscheiden, wem das Land gehören soll, das sich seit circa 1840 im Familienbesitz befindet. Mit diesem Verkauf wird der gesamte Grundbesitz meiner Familie abgestoßen, und ich muss dringend die Faktenlage studieren, ehe ich mich heute in sechs Tagen mit meinen Verwandten treffe. Das ist der große Termin: vierzehn Uhr, bei Cousin Six, in sechs Tagen. Wir werden uns auf einen Käufer einigen. Es ist unverantwortlich, dass ich es so lang vor mir hergeschoben habe, über diesen Vorgang nachzudenken, aber ich glaube, unsere Familie verhält sich schon eine ganze Weile so. Wir haben unser Erbe nicht genügend beachtet; wir haben darauf gewartet, dass jemand kommt und sowohl unser Vermögen als auch unsere Schulden übernimmt.

Ich fürchte, Scottie muss mit Esther an den Strand gehen. Ich will es ihr schon sagen - aber dann sage ich es doch nicht, weil ich mich schäme. Meine Frau liegt im Krankenhaus, meine Tochter braucht ihre Eltern, und ich muss arbeiten. Wieder einmal setze ich sie in die Badewanne.

Ich sehe, wie Scottie ihre Mutter anstarrt. Sie steht mit dem Rücken zur Wand und zupft am Saum ihres T-Shirts herum.

"Scottie", sage ich, "wenn du nicht reden willst, dann können wir auch gehen."

"Okay, gehen wir", sagt sie.

"Willst du deiner Mutter nicht erzählen, was in der Schule los ist?"

"Aber sie interessiert sich doch nicht für die Schule."

"Und was ist mit den Sachen, die du außerhalb des Unterrichts machst? Dein Terminkalender ist voller als der des Präsidenten. Zeig ihr doch dein Notizbuch. Oder was hast du neulich in deinem Glasbläserkurs gemacht?"

"Eine Bong", sagt sie.

Ich studiere ihr Gesicht, bevor ich reagiere. Sie sieht nicht so aus, als hätte sie gerade absichtlich etwas Provozierendes gesagt. Ich weiß bei ihr nie, ob ihr bewusst ist, wovon sie redet. "Interessant", sage ich. "Was ist eine Bong?"

Sie zuckt die Achseln. "Ein Typ aus der Highschool hat mir gezeigt, wie das geht. Er hat gesagt, eine Bong passt gut für Chips und Salsa und überhaupt für alles Mögliche, was man so isst. Es ist 'ne Art Servierschüsselchen."

"Hast du diese ... Bong noch?"

"Ja, so halb", sagt sie. "Aber Mr. Larson hat gemeint, ich soll 'ne Vase daraus machen. Da könnte ich Blumen reintun und dann das Ganze ihr schenken." Sie deutet auf ihre Mutter.

"Gute Idee."

Sie wirft mir einen ungnädigen Blick zu. "Du musst nicht gleich so tun, als wären wir bei den Pfadfindern." "Entschuldigung."

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und starre auf die Löcher in der Decke. Ich weiß nicht, wieso ich mir keine Sorgen mache, aber ich mache mir keine. Ich bin überzeugt, dass Joanie wieder gesund wird, weil sie immer alles schafft. Sie wird aufwachen, und Scottie wird wieder eine Mutter haben, und wir können über unsere Ehe reden, und ich kann meinen blöden Verdacht loswerden. Ich verkaufe das Land und kaufe Joanie ein Boot. Da ist sie bestimmt schockiert, wirft den Kopf zurück und lacht.

"Letztes Mal hast du im Bett gelegen", sagt Scottie.

"Stimmt."

"Letztes Mal hast du mich angelogen."

"Ich weiß, Scottie. Bitte verzeih mir."

Sie redet von meinem kurzen Krankenhausaufenthalt nach einem leichten Motorradunfall. Ich bin von der Piste abgekommen, über den Lenker geflogen und in einem roten Erdhügel gelandet. Als ich nach Hause kam, erzählte ich Joanie und Scottie, was passiert war, bestand aber darauf, dass mir nichts fehlt und ich nicht in die Klink muss. Scottie machte verschiedene Tests mit mir, um zu beweisen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Joanie machte mit. Die beiden spielten böser Bulle und noch böserer

Bulle.

"Wie viele Finger?", fragte Scottie und zeigte mir den kleinen Finger und den Daumen. Dachte ich jedenfalls.

"So ein Quatsch", sagte ich. Ich wollte nicht getestet werden.

"Antworte ihr", sagte Joanie. "Zwei?"

"Okay." Scottie blieb misstrauisch. "Mach die Augen zu, berühre deine Nase mit dem Zeigefinger und balanciere auf einem Bein."

"Lass diesen Quatsch, Scottie. Ich kann das doch auch sonst nicht, und du behandelst mich wie einen besoffenen Autofahrer."

"Tu, was sie dir sagt!", schrie Joanie. Sie schreit mich immer an, aber das ist einfach unser Umgangston. Sie schreit, und ich fühle mich unfähig und geliebt. "Fass dir an die Nase und steh auf einem Bein."

Ich rührte mich nicht, aus Protest. Ich ahnte, dass etwas nicht stimmte, aber ich wollte auf gar keinen Fall ins Krankenhaus. Ich wollte, dass das, was in meinem Körper aus dem Lot geraten war, sich von selbst wieder einrenkte. Aber ich fühlte mich komisch und konnte den Kopf nicht gerade halten. "Es geht mir gut."

"Das glaubst du ja selbst nicht", sagte Joanie.

Sie hatte natürlich recht. "Du hast recht", sagte ich. Aber ich konnte mir genau vorstellen, wie es im Krankenhaus ablaufen würde: Der Arzt sagt: "Sie sind verletzt", und dann verlangt er mindestens tausend Dollar von mir, macht lauter unnötige Untersuchungen, gibt mir unpräzise, übervorsichtige Ratschläge, damit ich ihn ja nicht verklage, und anschließend muss ich mich mit der Versicherung herumschlagen, die absichtlich irgendwelche Unterlagen verschlampt, woraufhin das Krankenhaus mir Mahnungen schickt. Danach muss ich dauernd am Telefon mit Leuten verhandeln, die nicht mal einen anständigen Schulabschluss haben. Jetzt bin ich ebenfalls skeptisch. Die schnell redende Neurologin und unser Neurochirurg sagen, dass sie nur die Sauerstoffwerte halten müssen und die Schwellung im Gehirn kontrollieren. Das klingt simpel. Um jemanden kontinuierlich mit Sauerstoff zu versorgen - dafür braucht man doch keinen Chirurgen, oder? Ich erklärte Joanie damals, wie ich über Ärzte denke, und rieb mir dabei die rechte Kopfhälfte.

"Aber schau dich doch an!", rief Joanie. Ich blickte auf ein Gemälde an unserer Wand. Ein toter Fisch. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wo wir es gekauft hatten, versuchte den Namen des Malers zu entziffern: Brady Churkill? Churchill?

"Du kannst ja nicht mal geradeaus gucken", sagte sie.

"Wie soll ich mich dann anschauen?"

"Halt die Klappe, Matt. Hol deine Sachen und steig ins Auto."

Ich holte meine Sachen und stieg ins Auto.

Wie sich herausstellte, hatte ich den vierten Nerv verletzt - das ist der Nerv, der die Augen mit dem Gehirn verbindet. Deshalb hatte ich nichts mehr richtig scharf gesehen.

"Du hättest sterben können", sagt Scottie jetzt.

"Stimmt doch gar nicht", entgegne ich. "Der vierte Nerv - wer braucht den schon?"

"Du hast gelogen. Du hast gesagt, es ist alles okay. Du hast behauptet, du siehst meine Finger."

"Ich habe nicht gelogen. Ich habe richtig geraten. Und ich hatte kurzfristig Zwillinge. Zwei Scotties."

Sie kneift die Augen zusammen und wägt ab, wie sie meine Antwort finden soll.

Ich erinnere mich, dass Joanie, als ich im Krankenhaus lag, mir Wodka über die Götterspeise gekippt hat. Sie trug meine Augenklappe, kletterte zu mir ins Krankenhausbett und machte mit mir einen Mittagsschlaf. Das war schön. Es war das letzte wirklich Schöne, was wir gemeinsam gemacht haben.

Ich habe den unangenehmen Verdacht, dass sie in einen anderen Mann verliebt ist oder war. Als sie ins Queen's Hospital eingeliefert wurde, habe ich in ihrem Geldbeutel nach der Versicherungskarte gesucht und dabei eine Nachricht gefunden, ein kleines Stück hellblaue Pappe, ideal für heimliche Botschaften. Auf dem blauen Kärtchen stand: Ich denke an dich. Wir sehen uns im Indigo.

Vielleicht war die Nachricht schon Jahre alt. Joanie findet immer verblasste Quittungen von Ferienreisen, die ewig zurückliegen, Visitenkarten von Geschäften, die es längst nicht mehr gibt, Kinokarten für Waterworld oder Glory. Das Kärtchen könnte von einem ihrer schwulen Model-Freunde stammen. Die reden permanent so charmantes Zeug, und die Farbe würde auch passen: feminines Tiffany-Blau. Ich schob den Verdacht erst mal weg und bemühe mich seither, nicht daran zu denken, aber in den letzten Tagen fallen mir immer wieder ihre Schwindeleien und ihre Flirtbesessenheit ein - und dass sie Unmengen trinken kann und wohin das Trinken führt und wie oft sie abends mit ihren Freundinnen loszieht -, und sobald ich daran denke, erscheint mir eine Affäre durchaus möglich, wenn nicht sogar unvermeidlich. Ich vergesse, dass Joanie sieben Jahre jünger ist als ich. Ich vergesse, dass sie ständig Bestätigung und Unterhaltung sucht. Sie braucht das Gefühl, begehrt zu sein, und ich bin oft zu beschäftigt, um sie zu bestätigen und zu unterhalten und zu begehren. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass sie tatsächlich eine Affäre hat. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren. Wir verstehen einander und stellen keine übertriebenen Ansprüche. Mir gefällt das, was wir haben, und ich weiß, ihr geht es genauso. Meine Verdächtigungen passen im Moment überhaupt nicht.Scottie kneift immer noch die Augen zusammen. "Du hättest den Löffel abgeben können", sagt sie.

Erster teil

Der Husarenritt

Die Sonne scheint, Hirtenstare singen, Palmen wiegen sich im Wind, aber es hilft alles nichts. Ich bin im Krankenhaus, und ich bin gesund. Mein Herz schlägt genau so, wie es soll. Mein Gehirn verschickt blitzschnell klar verständliche Botschaften. Meine Frau sitzt aufrecht in ihrem Krankenhausbett, wie jemand, der im Flugzeug schläft: starr und reglos, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Hände im Schoß.

"Sollen wir sie nicht hinlegen?", frage ich. "Warte", sagt meine Tochter Scottie und macht mit ihrer Polaroidkamera ein Foto von ihrer Mutter. Sie fächelt sich mit dem Foto Luft zu. Ich drücke den Knopf seitlich am Bett, damit sich der Oberkörper senkt. Als sie fast flach auf dem Rücken liegt, lasse ich den Knopf wieder los.

Joanie liegt seit dreiundzwanzig Tagen im Koma, und in absehbarer Zeit, sobald ich das endgültige Urteil unseres Arztes gehört habe, muss ich gewisse Entscheidungen treffen. Das heißt, eigentlich brauche ich nur zu erfahren, was er über Joanies Zustand zu sagen hat. Entscheiden muss ich nichts, denn Joanie hat eine Patientenverfügung. Wie immer trifft sie ihre Entscheidungen selbst.

Heute ist Montag. Dr. Johnston sagte, am Dienstag würden wir alles besprechen, und dieser Termin macht

mich so nervös, als wäre es ein Rendezvous, ein Date. Ich bin völlig ratlos - wie soll ich mich verhalten, was soll ich sagen, was soll ich anziehen? Ich übe meine Fragen und Antworten, aber der Text passt nur für die positiven Szenarien. Plan B habe ich noch nicht geprobt.

"Da", sagt Scottie. Sie heißt tatsächlich Scottie. Joanie fand es cool, sie nach Scott, Joanies Vater, zu nennen. Ich bin da etwas anderer Meinung.

Ich betrachte das Foto. Es sieht aus wie eins dieser Witzbilder, die man gern von Schlafenden macht. Keine Ahnung, wieso wir solche Aufnahmen so lustig finden. Wenn du schläfst, kann man alles mit dir anstellen. Das ist die Botschaft, glaube ich. Siehst du, wie schutzlos du bist? Du kriegst überhaupt nichts mit. Allerdings ist es so, dass Joanie auf dem Bild nicht einfach nur schlafend daliegt. Da ist der Tropf und noch etwas, was man Endotrachealtubus nennt, so ein dünner Plastikschlauch, der vom Mund zu einem Beatmungsgerät führt, zur Sicherung der Atemwege. Sie wird auch über einen Schlauch ernährt und bekommt auf diesem Weg ihre Medikamente, so viele, dass sie für ein ganzes Fidschi-Dorf reichen würden. Scottie dokumentiert unser Leben für den Sozialkundeunterricht. Hier ist Joanie, im Queen's Hospital, die vierte Woche im Koma, einem Koma, das auf der Glasgow-Skala bei 10 liegt und auf der Rancho-Los-Amigos-Skala bei III. Sie hat an einem Motorbootrennen teilgenommen und wurde bei achtzig Meilen in der Stunde vom Boot katapultiert, aber ich glaube, sie kommt durch.

"Sie reagiert auf Stimuli nicht gerichtet, sondern nur mit ungezielter Abwehr. Gelegentlich sind ihre Reaktionen allerdings spezifisch, wenn auch abgeschwächt." Das hat mir ihre Neurologin erklärt, eine junge Frau, deren linkes Auge zuckt und die so schnell spricht, dass man kaum Fragen einschieben kann. "Ihre Reflexe sind begrenzt und gleichförmig, unabhängig davon, welche Schmerzreize sie erreichen", sagt sie. In meinen Ohren klingt das alles nicht gerade positiv, aber man hat mir versichert, dass Joanie sich gut hält. Wie gesagt, ich denke ja auch, dass sie es schafft und eines Tages wieder normal funktioniert. Bei solchen Dingen habe ich in der Regel recht.

"Warum hat sie an dem Rennen teilgenommen?", wollte die Neurologin wissen.

Die Frage verwirrte mich. "Um zu gewinnen, nehme ich an. Um als Erste ins Ziel zu kommen."

"Stell das bitte ab", sage ich zu Scottie. Sie klebt das Foto in ihr Heft und macht dann mit der Fernbedienung den Fernseher aus.

"Nein, ich meine das da." Ich deute auf die Szenerie jenseits des Fensters - Sonne und Bäume und Vögel, die auf dem Rasen von Krümel zu Krümel hüpfen, die ihnen Touristen und überspannte alte Damen hinwerfen. "Bitte, stell das ab. Es ist grauenvoll." In den Tropen darf man nicht jammern. Ich wette, in den Großstädten kann man mit grimmiger Miene durch die Straßen trotten - und niemand fragt einen, was los ist, kein Mensch sagt, man soll doch lieber lächeln. Aber hier finden alle, wir müssen froh und dankbar sein, dass wir auf Hawaii leben, denn Hawaii ist das Paradies. Zurzeit kann mir das Paradies gestohlen bleiben.

"Ekelhaft", brummt Scottie. Sie zieht den Lamellenvorhang zu, sodass die ganze Schönheit draußen bleiben muss.

Hoffentlich merkt sie nicht, dass ich sie prüfend mustere und dass mir das, was ich da sehe, große Sorgen macht. Scottie ist hektisch und seltsam. Sie ist zehn. Was tun Menschen tagsüber, wenn sie zehn Jahre alt sind? Jetzt fährt sie mit dem Finger unten am Fenster entlang und murmelt: "Davon könnte ich die Vogelgrippe bekommen", und dann formt sie mit der Hand einen Kreis um den Mund und gibt einen Trompetenstoß von sich. Sie ist verrückt. Wer weiß, was in ihrem Kopf vor sich geht. Apropos Kopf - sie müsste dringend zum Friseur oder sich wenigstens mal kämmen. Ihre Haare sehen aus wie wild wucherndes Unkraut. Wer schneidet ihr die Haare?, überlege ich. War sie überhaupt schon mal beim Friseur? Sie kratzt sich auf der Kopfhaut, inspiziert anschließend ihre Fingernägel. Sie trägt ein T-Shirt, auf dem steht: ICH BIN NICHT SO. ABER ICH KÖNNTE SO SEIN! Nur gut, dass sie nicht superhübsch ist, aber ich weiß, das kann sich schnell ändern.

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Joanie hat sie mir geschenkt.

"Die Zeiger leuchten, und das Zifferblatt ist aus Perlmutt", sagte sie.

"Wie viel hat sie gekostet?", fragte ich.

"Wieso wusste ich bloß, dass du das als Erstes fragen wirst?"

Ich sah, dass sie gekränkt war. Bestimmt hatte sie sich das Geschenk lang überlegt. Joanie macht gern Geschenke und bemüht sich immer, vorher herauszufinden, was die Leute mögen, damit sie mit ihrer Wahl zeigen kann, dass sie sich die Zeit genommen hat, ihnen zuzuhören und sie näher kennenzulernen. Jedenfalls erweckt sie diesen Eindruck. Ich hätte nicht nach dem Preis fragen dürfen. Sie wollte doch nur demonstrieren, dass sie mich kennt.

"Wie spät ist es?", fragt Scottie.

"Halb elf."

"Noch ziemlich früh."

"Ich weiß", sage ich. Was soll ich tun? Wir sind aus zwei Gründen hier: einerseits, um Joanie zu besuchen, in der Hoffnung, dass sich ihr Zustand über Nacht gebessert hat und sie jetzt auf Licht, Geräusche und Schmerzreize anspricht, aber andererseits auch, weil wir nirgendwo anders hingehen können. Sonst ist Scottie den ganzen Tag in der Schule, und dann holt Esther sie ab, aber ich dachte, diese Woche sollte sie öfter hier im Krankenhaus sein, mit mir zusammen, also habe ich sie von der Schule befreien lassen.

"Was möchtest du jetzt machen?", frage ich sie.

Sie schlägt ihr Notizheft auf. Das Sozialkundeprojekt nimmt anscheinend ihre gesamte Zeit in Anspruch. "Keine Ahnung. Etwas essen."

"Was würdest du normalerweise machen?"

"Ich wäre in der Schule."

"Und am Samstag? Was würdest du samstags machen?" "Ich wäre am Strand."

Ich überlege, wann ich das letzte Mal allein für sie verantwortlich war und was wir gemeinsam unternommen haben. Ich glaube, sie war damals ein Jahr alt oder vielleicht anderthalb. Joanie musste zu Aufnahmen nach Maui fliegen und hatte keine Babysitterin gefunden, und aus irgendeinem Grund konnten ihre Eltern nicht einspringen. Ich steckte mitten in einem Prozess und war zu Hause, musste aber unbedingt arbeiten, also packte ich Scottie mit einem Stück Seife in die Badewanne. Ich wartete ab, was passieren würde. Sie planschte herum und wollte das Wasser trinken, aber dann entdeckte sie die Seife und griff danach. Die Seife glitt ihr aus der Hand, also versuchte sie es noch einmal, mit einem verblüfften Ausdruck auf dem kleinen Gesichtchen, und ich ging leise hinaus auf den Flur, wo ich mir meinen Arbeitsplatz eingerichtet hatte, mit einem Babyfon. Ich hörte sie lachen, deshalb wusste ich, dass sie nicht am Ertrinken war. Ob das immer noch klappen würde? Könnte ich sie wieder in die Badewanne setzen, mit einem glitschigen Stück Irish-Spring-Seife?

"Gut, fahren wir an den Strand", schlage ich vor. "Würde Mom mit dir in den Club gehen?"

"Ja, klar. Wohin sonst?"

"Dann machen wir das. Nachdem du mit Mom geredet hast. Anschließend schauen wir bei der Krankenschwester vorbei, dann kurz zu Hause, und dann ab an den Strand."

Scottie reißt ein Foto aus ihrem Heft, zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. Ich wüsste gern, welches Foto sie weggeworfen hat, ob es das Bild von ihrer Mutter auf dem Bett war, das ja nicht gerade einen erfreulichen Zustand unserer Familie darstellt. "Ich wünsch mir was", sagt Scottie. "Was wünsche ich mir?"

Das ist eins unserer Spiele. Ab und zu nennt sie einen Ort, an dem sie jetzt lieber wäre als hier.

"Ich wäre gern beim Zahnarzt", verkündet sie.

"Ich auch. Ich wünsche mir, dass wir uns das Gebiss röntgen lassen."

"Und Mom lässt sich die Zähne bleichen", fügt Scottie hinzu.

Ich wäre tatsächlich gern in Dr. Branchs Behandlungszimmer. Wir bekämen alle drei Lachgas und würden unsere tauben Lippen betasten. Im Vergleich zu der Situation hier wäre eine Wurzelbehandlung ein echtes Vergnügen. Eigentlich jede ärztliche Behandlung. Am allerliebsten wäre ich allerdings zu Hause und würde arbeiten. Ich muss entscheiden, wem das Land gehören soll, das sich seit circa 1840 im Familienbesitz befindet. Mit diesem Verkauf wird der gesamte Grundbesitz meiner Familie abgestoßen, und ich muss dringend die Faktenlage studieren, ehe ich mich heute in sechs Tagen mit meinen Verwandten treffe. Das ist der große Termin: vierzehn Uhr, bei Cousin Six, in sechs Tagen. Wir werden uns auf einen Käufer einigen. Es ist unverantwortlich, dass ich es so lang vor mir hergeschoben habe, über diesen Vorgang nachzudenken, aber ich glaube, unsere Familie verhält sich schon eine ganze Weile so. Wir haben unser Erbe nicht genügend beachtet; wir haben darauf gewartet, dass jemand kommt und sowohl unser Vermögen als auch unsere Schulden übernimmt.

Ich fürchte, Scottie muss mit Esther an den Strand gehen. Ich will es ihr schon sagen - aber dann sage ich es doch nicht, weil ich mich schäme. Meine Frau liegt im Krankenhaus, meine Tochter braucht ihre Eltern, und ich muss arbeiten. Wieder einmal setze ich sie in die Badewanne.

Ich sehe, wie Scottie ihre Mutter anstarrt. Sie steht mit dem Rücken zur Wand und zupft am Saum ihres T-Shirts herum.

"Scottie", sage ich, "wenn du nicht reden willst, dann können wir auch gehen."

"Okay, gehen wir", sagt sie.

"Willst du deiner Mutter nicht erzählen, was in der Schule los ist?"

"Aber sie interessiert sich doch nicht für die Schule."

"Und was ist mit den Sachen, die du außerhalb des Unterrichts machst? Dein Terminkalender ist voller als der des Präsidenten. Zeig ihr doch dein Notizbuch. Oder was hast du neulich in deinem Glasbläserkurs gemacht?"

"Eine Bong", sagt sie.

Ich studiere ihr Gesicht, bevor ich reagiere. Sie sieht nicht so aus, als hätte sie gerade absichtlich etwas Provozierendes gesagt. Ich weiß bei ihr nie, ob ihr bewusst ist, wovon sie redet. "Interessant", sage ich. "Was ist eine Bong?"

Sie zuckt die Achseln. "Ein Typ aus der Highschool hat mir gezeigt, wie das geht. Er hat gesagt, eine Bong passt gut für Chips und Salsa und überhaupt für alles Mögliche, was man so isst. Es ist 'ne Art Servierschüsselchen."

"Hast du diese ... Bong noch?"

"Ja, so halb", sagt sie. "Aber Mr. Larson hat gemeint, ich soll 'ne Vase daraus machen. Da könnte ich Blumen reintun und dann das Ganze ihr schenken." Sie deutet auf ihre Mutter.

"Gute Idee."

Sie wirft mir einen ungnädigen Blick zu. "Du musst nicht gleich so tun, als wären wir bei den Pfadfindern." "Entschuldigung."

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und starre auf die Löcher in der Decke. Ich weiß nicht, wieso ich mir keine Sorgen mache, aber ich mache mir keine. Ich bin überzeugt, dass Joanie wieder gesund wird, weil sie immer alles schafft. Sie wird aufwachen, und Scottie wird wieder eine Mutter haben, und wir können über unsere Ehe reden, und ich kann meinen blöden Verdacht loswerden. Ich verkaufe das Land und kaufe Joanie ein Boot. Da ist sie bestimmt schockiert, wirft den Kopf zurück und lacht.

"Letztes Mal hast du im Bett gelegen", sagt Scottie.

"Stimmt."

"Letztes Mal hast du mich angelogen."

"Ich weiß, Scottie. Bitte verzeih mir."

Sie redet von meinem kurzen Krankenhausaufenthalt nach einem leichten Motorradunfall. Ich bin von der Piste abgekommen, über den Lenker geflogen und in einem roten Erdhügel gelandet. Als ich nach Hause kam, erzählte ich Joanie und Scottie, was passiert war, bestand aber darauf, dass mir nichts fehlt und ich nicht in die Klink muss. Scottie machte verschiedene Tests mit mir, um zu beweisen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Joanie machte mit. Die beiden spielten böser Bulle und noch böserer

Bulle.

"Wie viele Finger?", fragte Scottie und zeigte mir den kleinen Finger und den Daumen. Dachte ich jedenfalls.

"So ein Quatsch", sagte ich. Ich wollte nicht getestet werden.

"Antworte ihr", sagte Joanie. "Zwei?"

"Okay." Scottie blieb misstrauisch. "Mach die Augen zu, berühre deine Nase mit dem Zeigefinger und balanciere auf einem Bein."

"Lass diesen Quatsch, Scottie. Ich kann das doch auch sonst nicht, und du behandelst mich wie einen besoffenen Autofahrer."

"Tu, was sie dir sagt!", schrie Joanie. Sie schreit mich immer an, aber das ist einfach unser Umgangston. Sie schreit, und ich fühle mich unfähig und geliebt. "Fass dir an die Nase und steh auf einem Bein."

Ich rührte mich nicht, aus Protest. Ich ahnte, dass etwas nicht stimmte, aber ich wollte auf gar keinen Fall ins Krankenhaus. Ich wollte, dass das, was in meinem Körper aus dem Lot geraten war, sich von selbst wieder einrenkte. Aber ich fühlte mich komisch und konnte den Kopf nicht gerade halten. "Es geht mir gut."

"Das glaubst du ja selbst nicht", sagte Joanie.

Sie hatte natürlich recht. "Du hast recht", sagte ich. Aber ich konnte mir genau vorstellen, wie es im Krankenhaus ablaufen würde: Der Arzt sagt: "Sie sind verletzt", und dann verlangt er mindestens tausend Dollar von mir, macht lauter unnötige Untersuchungen, gibt mir unpräzise, übervorsichtige Ratschläge, damit ich ihn ja nicht verklage, und anschließend muss ich mich mit der Versicherung herumschlagen, die absichtlich irgendwelche Unterlagen verschlampt, woraufhin das Krankenhaus mir Mahnungen schickt. Danach muss ich dauernd am Telefon mit Leuten verhandeln, die nicht mal einen anständigen Schulabschluss haben. Jetzt bin ich ebenfalls skeptisch. Die schnell redende Neurologin und unser Neurochirurg sagen, dass sie nur die Sauerstoffwerte halten müssen und die Schwellung im Gehirn kontrollieren. Das klingt simpel. Um jemanden kontinuierlich mit Sauerstoff zu versorgen - dafür braucht man doch keinen Chirurgen, oder? Ich erklärte Joanie damals, wie ich über Ärzte denke, und rieb mir dabei die rechte Kopfhälfte.

"Aber schau dich doch an!", rief Joanie. Ich blickte auf ein Gemälde an unserer Wand. Ein toter Fisch. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wo wir es gekauft hatten, versuchte den Namen des Malers zu entziffern: Brady Churkill? Churchill?

"Du kannst ja nicht mal geradeaus gucken", sagte sie.

"Wie soll ich mich dann anschauen?"

"Halt die Klappe, Matt. Hol deine Sachen und steig ins Auto."

Ich holte meine Sachen und stieg ins Auto.

Wie sich herausstellte, hatte ich den vierten Nerv verletzt - das ist der Nerv, der die Augen mit dem Gehirn verbindet. Deshalb hatte ich nichts mehr richtig scharf gesehen.

"Du hättest sterben können", sagt Scottie jetzt.

"Stimmt doch gar nicht", entgegne ich. "Der vierte Nerv - wer braucht den schon?"

"Du hast gelogen. Du hast gesagt, es ist alles okay. Du hast behauptet, du siehst meine Finger."

"Ich habe nicht gelogen. Ich habe richtig geraten. Und ich hatte kurzfristig Zwillinge. Zwei Scotties."

Sie kneift die Augen zusammen und wägt ab, wie sie meine Antwort finden soll.

Ich erinnere mich, dass Joanie, als ich im Krankenhaus lag, mir Wodka über die Götterspeise gekippt hat. Sie trug meine Augenklappe, kletterte zu mir ins Krankenhausbett und machte mit mir einen Mittagsschlaf. Das war schön. Es war das letzte wirklich Schöne, was wir gemeinsam gemacht haben.

Ich habe den unangenehmen Verdacht, dass sie in einen anderen Mann verliebt ist oder war. Als sie ins Queen's Hospital eingeliefert wurde, habe ich in ihrem Geldbeutel nach der Versicherungskarte gesucht und dabei eine Nachricht gefunden, ein kleines Stück hellblaue Pappe, ideal für heimliche Botschaften. Auf dem blauen Kärtchen stand: Ich denke an dich. Wir sehen uns im Indigo.

Vielleicht war die Nachricht schon Jahre alt. Joanie findet immer verblasste Quittungen von Ferienreisen, die ewig zurückliegen, Visitenkarten von Geschäften, die es längst nicht mehr gibt, Kinokarten für Waterworld oder Glory. Das Kärtchen könnte von einem ihrer schwulen Model-Freunde stammen. Die reden permanent so charmantes Zeug, und die Farbe würde auch passen: feminines Tiffany-Blau. Ich schob den Verdacht erst mal weg und bemühe mich seither, nicht daran zu denken, aber in den letzten Tagen fallen mir immer wieder ihre Schwindeleien und ihre Flirtbesessenheit ein - und dass sie Unmengen trinken kann und wohin das Trinken führt und wie oft sie abends mit ihren Freundinnen loszieht -, und sobald ich daran denke, erscheint mir eine Affäre durchaus möglich, wenn nicht sogar unvermeidlich. Ich vergesse, dass Joanie sieben Jahre jünger ist als ich. Ich vergesse, dass sie ständig Bestätigung und Unterhaltung sucht. Sie braucht das Gefühl, begehrt zu sein, und ich bin oft zu beschäftigt, um sie zu bestätigen und zu unterhalten und zu begehren. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass sie tatsächlich eine Affäre hat. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren. Wir verstehen einander und stellen keine übertriebenen Ansprüche. Mir gefällt das, was wir haben, und ich weiß, ihr geht es genauso. Meine Verdächtigungen passen im Moment überhaupt nicht.Scottie kneift immer noch die Augen zusammen. "Du hättest den Löffel abgeben können", sagt sie.

Videoclip zu "The Descendants"



Kundenbewertungen zu "The Descendants" von "Kaui Hart Hemmings"

3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 3.3 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen   gut)
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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 14.04.2012   gut
Das Buch lässt sich sehr leicht lesen, vielleicht sogar etwas ZU leicht.
Ich halte es für eine gute Lektüre für zwischendurch, doch viel mehr kann man sich von dem Buch nicht erwarten. In die Personen konnte ich mich nicht so gut hineinversetzen, das war schade.

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Bewertung von buchwürmchen aus reutlingen am 09.06.2011   gut
Der erfolgreiche Anwalt Matt und seine Töchter, Scottie und Alex müssen von Mama Joanie, die in Koma liegt, abschied nehmen. Erinnerungen werden aufgerüttelt, Gefühle und Emotionen verdrängt, gutes Tema, nicht neu und dennoch anders.

Nur drei Sterne obwohl ich das Buch verschlungen habe, sowohl die Charaktere als auch die Handlung sind ziemlich ungeschliffen, ganz so als ob die Autorin unter Termindruck stand. Mit knapp 380 Seiten ist das Buch nicht etwa zu kurz, nur die Dynamik lässt zu wünschen übrig. Matt zum Beispiel suhlt sich in Selbstmitleid, aus lauter Sorgen, dass er spätestens jetzt die Vaterrolle richtig angehen muss, für Trauer bleibt dabei fast keine Zeit. Und auch die Töchter sind hart im nehmen, bis zum Schluss bewahren Rivalität, Eifersucht und Egoismus die Oberhand und all das ohne Ausnahme vom Anfang bis zum Ende. Ich hätte, spätestens zum Schluss, etwas mehr Sentimentalität erwartet.

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Bewertung von Emi98 aus Kirchseeon am 30.04.2010   sehr gut
Für Matthew bricht eine Welt zusammen,als seine Frau nach einem Unfall nicht mehr aus dem Koma erwacht. Joanie war seine große Liebe und sein Leben. Jetzt ist er ein allein erziehender Vater von seinen Töchtern.Er muss jetzt immer für sie da sein. Doch jetzt ist es andersrum!! Denn als er erfährt ,dass Joanie ihn jahrelang betrogen hat.Mit Verstand und Gefühl meistern sie es zu dritt ,in einer Welt zu kommen, die nicht mehr die selbe ist ...
Mir hat das Buch gefallen,weil es ein bisschen spannend war,aber auch traurig. Ich würde es eher Frauen bzw. Mädchen empfehlen.

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