Leseprobe zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates
Als die letzten Geräusche der Generalprobe verklungen waren, blieben die Laurel Players noch eine Weile stumm und hilflos stehen und schauten blinzelnd über das Rampenlicht in den leeren Zuschauerraum. Sie wagten kaum zu atmen, als die gedrungene Gestalt des Regisseurs zwischen den verwaisten Sitzreihen auftauchte und gemessen zu ihnen auf die Bühne trat; scheppernd zog er eine Trittleiter aus der Kulisse, erstieg sie auf halbe Höhe und wandte sich den Schauspielern zu, um ihnen unter mehrfachem Räuspern zu sagen, daß sie eine verdammt talentierte Truppe seien, eine wundervolle Truppe, mit der sich arbeiten lasse.
"Es war ja nicht grade leicht", sagte er mit aufblitzenden Brillengläsern. "Wir hatten hier eine Menge Probleme, und ehrlich gesagt, hatte ich mich schon mehr oder weniger damit abgefunden, meine Erwartungen zurückschrauben zu müssen. Schön, nun hört mal zu. Das klingt jetzt vielleicht abgedroschen, aber irgendwas ist hier heute abend passiert. Als ich heute abend hier gesessen habe, ist mir plötzlich zutiefst klar geworden, daß ihr zum erstenmal mit ganzem Herzen dabei wart." Er legte die rechte Hand mit gespreizten Fingern auf die Brusttasche seines Hemds, um zu zeigen, was für ein einfaches, greifbares Ding das Herz war, dann ballte er die Hand zur Faust, bewegte sie in einer langen Kunstpause bedächtig und stumm hin und her, kniff ein Auge zu und formte die feuchte Unterlippe zu einem triumphierenden, stolzen Ausdruck. "Morgen abend noch mal so", sagte er, "und wir liefern eine Wahnsinnsvorstellung ab."
Vor Erleichterung hätten sie heulen können. Statt dessen brachen sie in Hurrarufe und Gelächter aus, schüttelten einander die Hände und küßten sich, einer ging einen Kasten Bier holen, und wenig später scharten sie sich im Parkett ums Klavier und sangen Lieder, bis man sich schließlich einhellig darauf einigte, nun lieber Schluß zu machen und sich einem erholsamen Schlaf zu überlassen.
"Bis morgen!" riefen sie, glücklich wie Kinder; auf der Heimfahrt im Mondschein kurbelten sie die Fenster ihrer Wagen hinunter und ließen die Luft mit ihren erquickenden Düften nach Lehmerde und frischen Blüten herein. Für manche der Laurel Players war es das erste Mal, daß sie die Ankunft des Frühlings bewußt zur Kenntnis nahmen.
Das war im Jahr 1955, und der Ort lag in Westconnecticut, wo man drei inzwischen gewachsene Siedlungen unlängst an einen breiten, tosenden Highway, die sogenannte Route Twelve, angebunden hatte. Die Laurel Players waren Laiendarsteller, eine durchaus ansehnliche und ernsthafte, sorgsam aus jüngeren Erwachsenen der drei Ortschaften zusammengestellte Truppe, und dies sollte ihr erster Auftritt werden. Den ganzen Winter über hatte man sich in den Wohnzimmern der Mitspieler zu begeisterten Gesprächen über Ibsen, Shaw und O'Neill getroffen, und in einer Abstimmung hatte sich eine praktisch denkende Mehrheit schließlich für den "Versteinerten Wald" entschieden; die Rollenverteilung war vorab festgelegt worden, und alle konnten spüren, daß ihr Eifer mit jeder Woche zunahm. Insgeheim mochten sie ihren Regisseur für einen komischen kleinen Vogel halten (was er in gewisser Hinsicht auch war - er konnte offenbar nur in tiefernstem Ton reden und beendete seine Sätze oft mit einem leichten Kopfschütteln, das seine Wangen in Bewegung setzte), aber sie hatten ihn gern, respektierten ihn und glaubten fest an nahezu alles, was er äußerte. "Jedes Stück verdient, daß der Schauspieler sein Bestes gibt", hatte er ihnen einmal gesagt, und ein andermal: "Denkt immer dran. Wir führen hier nicht bloß ein Stück auf. Wir gründen ein öffentliches Theater, und das ist schließlich was ganz Besonderes."
Das Problem war, daß sie von Anfang an befürchteten, sich zu blamieren, und diese Furcht war, weil sie sie nicht zugeben wollten, noch schlimmer geworden. Die Proben fanden zunächst samstags statt - immer, so schien es, an jenen windstillen Februar- oder Märznachmittagen, wenn der Himmel weiß und die Bäume schwarz erscheinen und die braunen Äcker und Hügel nackt und zaghaft unter den zurückweichenden Schneefeldern hervorscheinen. Sooft die Players vor ihre Häuser traten und einen Moment innehielten, um sich die Mäntel zuzuknöpfen oder die Handschuhe überzustreifen, erblickten sie eine Landschaft, zu der eigentlich nur ein paar sehr alte, verwitterte Häuser paßten; dies ließ die eigenen Wohnstätten bedeutungslos, vergänglich und so lächerlich deplaziert erscheinen, als hätte man eine große Menge nagelneuen Spielzeugs über Nacht draußen liegen und naß werden lassen. Auch ihre Autos waren irgendwie unpassend - unnötig groß, schimmerten sie in Bonbon- oder Eiscremefarben, schienen vor jedem Schlammspritzer zusammenzuzucken und krochen schüchtern die holprigen Straßen hinab, die aus allen Richtungen zu dem tiefen, ebenen Betonstreifen der Route Twelve führten. Dort angelangt, schienen die Wagen sich endlich entspannen zu können, in ihrem ureigenen Element, einem langgezogenen lichten Tal aus buntem Plastik, Spiegelglas und rostfreiem Stahl - King Kone, Mobilgas, Shoporama, Eat -, doch irgendwann mußten sie der Reihe nach abbiegen und die gewundene Landstraße hinauffahren, die zur zentralen High School führte; sie mußten bremsen und auf dem friedlichen Parkplatz vor der Aula anhalten.
"Hallo!" riefen die Players einander zaghaft zu.
"Hallo! ..." - "Hallo! ..." Widerstrebend betraten sie das Gebäude.
Mit ihren schweren Schuhen stapften sie über die Bühne, tupften sich die Nase mit Kleenex ab und studierten stirnrunzelnd ihren unsauber abgezogenen Text; ein durch den Raum gehendes, erleichtertes Lachen konnte schließlich die Situation entspannen, und man einigte sich wiederholt darauf, daß noch viel Zeit bleibe, um die Probleme zu lösen. Doch viel Zeit blieb in Wirklichkeit nicht mehr; alle waren sich darüber im klaren, und auch verstärkte Probenarbeit schien die Sache nur noch schlimmer zu machen. Lange nachdem es an der Zeit gewesen wäre, "das Ding", so der Regisseur, "endlich auf die Beine zu stellen, zum Laufen zu bringen", war das Ganze nach wie vor eine steife, formlose, unmenschlich schwere Bürde; die Players registrierten immer wieder in ihren gegenseitigen Blicken die Vorahnung des Scheiterns, im kleinlauten Nicken und Lächeln beim Abschied, in der hektischen Eile, mit der sie zu ihren Wagen aufbrachen und nach Hause fuhren, wo vielleicht noch ältere, weniger deutliche Vorahnungen des Scheiterns auf sie lauerten.
Doch nun, heute abend, vierundzwanzig Stunden vor der Premiere, hatten sie es irgendwie geschafft.
Leseprobe zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates
Das Problem war, daß er den ganzen Nachmittag über in der Stadt, wie gelähmt von dem, was er als den "denkbar ödesten Job" bezeichnete, seine Kraft aus der Vorstellung von Szenen bezogen hatte, die an diesem Abend ablaufen sollten: wie er nach Hause eilen, lachend seine Kinder in die Luft schwingen, einen Aperitif hinunterkippen und bei einem frühen Abendessen mit seiner Frau plaudern würde, wie er sie anschließend, seine beruhigende Hand auf ihrem straffen, warmen Schenkel ("Wenn ich doch bloß nicht so nervös wäre, Frank!"), zur High School fahren würde, wie er gebannt und stolz dasitzen, dann aufstehen und bei fallendem Vorhang in den donnernden Beifall einstimmen würde, wie er sich begeistert und aufgelöst durch die jubelnde Menge hinter der Bühne durchkämpfen und seiner Frau den ersten tränenreichen Kuß abfordern würde ("War es wirklich gut, Liebling? War es wirklich gut?") und wie sie schließlich beide, in der bewundernden Gesellschaft von Shep und Milly Campbell, irgend wo auf einen Drink Station machen und, unter dem Tisch einander die Hände haltend, das Ganze noch einmal durchsprechen würden. Nirgends in diesen Vorstellungen hatte er das Gewicht und den Schock der Realität vorausgesehen; nichts hatte ihn davor gewarnt, daß er von dem faszinierenden, strahlenden Anblick eines Mädchens, das er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, überwältigt sein würde, daß dessen Blicke und Gebärden ihm vor Sehnsucht die Kehle zuschnüren würden und daß dieses Mädchen vor seinen Augen dann wieder vergehen und sich in das reizlose, leidende Geschöpf verwandeln würde, dessen Existenz er jeden Tag seines Lebens zu leugnen versuchte, das er jedoch ebenso gut und schmerzlich kannte wie sich selbst, eine magere, verklemmte Frau, deren gerötete Augen vorwurfsvoll blitzten, deren falsches Lächeln ihm so vertraut war wie seine Füße, seine klamme, immer nach oben rutschende Unterwäsche und sein herber Geruch.