Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt - Mankell, Henning

Henning Mankell 

Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Mit e. Memory Book v. Christine Aguga u. e. Nachw. v. Ulla Schmidt

Aus d. Schwed. v. Verena Reichel
Broschiertes Buch
 
3 Kundenbewertungen
***** ausgezeichnet
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Produktbeschreibung zu Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Im Frühjahr 2003 ist Henning Mankell für einige Wochen nach Uganda gereist, um mit Aidskranken und deren Angehörigen zu sprechen. Entwicklungshelfer unterstützen die mit ihrem vorzeitigen Tod konfrontierten Eltern dabei, Erinnerungsbücher für ihre Kinder zu verfassen, in denen sie die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens festhalten - ein Projekt, das den engagierten Autor fasziniert.

"Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt" ist ein sehr persönlicher Text und ruft vor allem zum Kampf gegen Aids in der Dritten Welt auf. Das Buch enthält im Anhang eine Beschreibung des Memory-Book-Projekts von Plan International in Uganda sowie den Abdruck eines übersetzten Memory-Books.

Produktinformation


  • Verlag: Dtv
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 142 S.
  • Seitenzahl: 144
  • dtv Taschenbücher Bd.13479
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 121mm x 11mm
  • Gewicht: 156g
  • ISBN-13: 9783423134798
  • ISBN-10: 3423134798
  • Best.Nr.: 20769301
"Henning Mankell hat ein sehr persönliches Buch geschrieben über Aids und seine eigene Angst vor dem Tod. Und über ein wichtiges Projekt in Uganda, das den Menschen helfen soll, ihr Schicksal zu bewältigen."
Brigitte

»>Schriften im Angesicht des Todes< nennt Mankell die Erinnerungsbücher, in denen vor allem Mütter wie Christine aus Uganda, vom Tode schon gezeichnet, ihren Kindern das hinterlassen, was diese normalerweise während des Größerwerdens von ihren Eltern erfahren: Geschichten von ihrer Geburt, den ersten Lebensmonaten, der Familie.« Der Spiegel

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Dass ein wenig von der Wut des Henning Mankell übrig bleibt, wünscht sich Rezensentin Susanne Mayer. Der Autor hat von seiner Reise nach Uganda, einer "Exkursion in die Angst", das memory book der jungen Christine Aguga mitgebracht, ihm einhundert Seiten eigener Gedanken und Beobachtungen vorangestellt und veröffentlicht. Bei den memory Books handelt es sich um ein ugandisches Projekt, für das sterbende, aidskranke Eltern ihre Erinnerungen für ihre Kinder festhalten. Die Notate Agugas sprächen für sich - Mankells "Vorwort" ebenso. Man könne nicht behaupten, dass der Autor "seine Emotionen kontrolliert". Mankell drückt seine ganze Wut und den Schmerz über das Elend Afrikas, die hohe Zahl der HIV-infizierten Menschen, die aus allen Nähten platzenden Waisenhäuser aus, schreibt die Rezensentin. Mit der Veröffentlichung des memory books habe er gezeigt, dass Menschen dem "Unausweichlichen gelegentlich doch noch etwas entgegenzusetzen haben."

© Perlentaucher Medien GmbH

"Ein bewegendes Protokoll und eine eindringliche Mahnung." Der Spiegel, 04.10.04 "Henning Mankell hat zusammen mit der Organisation Plan International ein wichtiges Projekt gestartet, die Memory-Books - Erinnerungsbücher. Sterbende Eltern schreiben für ihre Kinder die Familiengeschichte auf. Das sind herzzerreissende Bekenntnisse. ... Nichts ist seit den Höhlenzeichnungen der Steinzeit so bewegend wie diese Bücher sterbender Eltern für ihre Kinder. ... Wenn Sie dieses Buch kaufen und lesen, und es lohnt sich, das zu lesen, geht der Erlös in dieses Projekt. ... Ene Art Literaturgattung, von der ich mir wünschte, es müßte sie nicht geben - Todesabschiedsbriefe." Elke Heidenreich, Lesen!, 12.10.04
Henning Mankell, 1948 als Sohn eines Richters in Stockholm geboren, wuchs in Härjedalen auf. Als 17-jähriger begann er am renommierten Riks-Theater in Stockholm, das Regiehandwerk zu lernen. 1972 unternahm er seine erste Afrikareise. Sieben Jahre später erschien sein erster Roman "Das Gefangenenlager, das verschwand". In den kommenden Jahren arbeitete er als Autor, Regisseur und Intendant an verschiedenen schwedischen Theatern. 1985 wurde Henning Mankell eingeladen, beim Aufbau eines Theaters in Maputo, Mosambik, zu helfen. Er begann zwischen den Kontinenten zu pendeln und entschied sich schließlich, überwiegend in Afrika zu leben. Dort ist auch der größte Teil der Wallander-Serie entstanden. Außerdem schrieb Henning Mankell Jugendbücher, von denen mehrere auch in Deutschland ausgezeichnet wurden. 2009 erhielt er den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis.

Leseprobe zu "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt"

18.

Der Nebel löst sich langsam auf. Ich stehe da und sehe auf das Meer hinaus und denke an Aida und ihre Mangopflanze.

Als sie sie mir zeigte, war ich ganz sicher, daß dies einer der Momente war, die man nicht vergißt, solange man lebt.

19.

Wie es eigentlich dazu kam, weiß ich nicht. Ebenso wenig weiß ich, wann Aida sich entschloß, mir ihr Vertrauen zu schenken und ihr Geheimnis mit mir zu teilen. Aber ich bekam sie zu sehen, als ich sie und die Familie zum zweitenmal besuchte.

Als ich sie das erstemal besuchte, war es ein sehr heißer Tag. Wir fuhren früh in Kampala los, um zu vermeiden, daß wir auf der Ausfallstraße ins vormittägliche Verkehrschaos gerieten. Beatrice, die mir half, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die krank waren und Erinnerungsbücher schrieben, hatte mit Christine ausgemacht, daß ich bei ihr vorbeikommen sollte. Da wußte ich noch nicht, daß es eine Tochter namens Aida gab. Von Christine wußte ich eigentlich nur zwei Dinge, daß sie Aids hatte und daß sie bereit war, mit mir darüber zu sprechen.

Als wir an diesem Morgen aus Kampala herausfuhren, empfand ich dasselbe Unbehagen, das mich begleitet hatte, als ich nach Uganda kam. Es liegt etwas fast Unanständiges darin, zu erwarten, daß todkranke Menschen bereit sein sollen, einem wildfremden Mann gegenüber über ihr Leiden und ihr Schicksal zu sprechen. Der außerdem aus dem fernen Winkel der Welt – Europa, dem Westen - geflogen kommt, wo die gefürchtete Krankheit fast gebändigt und zu einer chronischen, aber nicht tödlichen Krankheit geworden ist. Die Krankheit, die jetzt wahllos auf dem afrikanischen Kontinent und an anderen Orten in der armen Welt tötet.

Ich schlief schlecht, da es mich vor der Aufgabe grauste. Die Unruhe war leicht zu verstehen. Es grauste mich, weil ich wußte, daß das Schicksal von Christine und den anderen mir sehr nahe gehen würde.

Beatrice hatte uns eine gute Wegbeschreibung geliefert. Wir bogen ab, und wie immer in Afrika ist man sogleich mitten drin in einer anderen Welt; in der, die etwas unzutreffend das eigentliche Afrika genannt wird. Aber Afrika ist immer „eigentlich“, ob Savanne oder Slum, ob alte verfallene koloniale Stadtviertel oder ein düsteres, unbestimmbares Grenzland zwischen Busch und Wüste.

Christine besaß zwei Häuser. In dem einen wohnten ihr Vater und ihre Mutter und einige der Geschwister. Als ich ankam und aus dem Auto stieg, sah ich als erstes ihren Vater, der dasaß und ein Gemüse putzte, das ich noch nie gesehen hatte. Er war unrasiert, aber sehr würdevoll. Später erfuhr ich, daß er möglicherweise 80 Jahre alt war, auch wenn niemand es mit Bestimmtheit sagen konnte. Er hatte einen scharfen Blick, und rings um ihn her existierte ein unsichtbares Kraftfeld, das sogleich alle umschloß, die sich ihm näherten.

Während der ganzen Unterredung, die ich an diesem Tag mit Christine führte, putzte er weiter sein Gemüse. Dann und wann brachte ihm ein Kind oder vielleicht eine Tante oder seine Frau etwas zu trinken.

Er war wie ein Zeitmesser, der voller Verachtung eine gewöhnliche Uhr ablehnte. Die einzige Art, die Bewegung in seinem eigenen Leben und dem anderer zu messen, war für ihn, Gemüse zu putzen.

Christine war mager und wirkte erschöpft. Ich konnte gleich sehen, daß sie sich angestrengt hatte, um uns zu empfangen. Ihre Kleiderwahl, das Gesicht, das glänzte, das sorgfältig gebürstete Haar. Bei ihr war es wie bei allen anderen Aidskranken, denen ich auf dieser Reise begegnete: das Letzte, das sie verließ, war die Würde. Es war die letzte Bastion, die bis aufs äußerste verteidigt werden mußte. Danach gab es nur noch den Tod, und der kam oft schnell, wenn die Würde erst einmal verloren gegangen war.

Christine sagte:
- Ich habe eine Tochter.

Wir saßen auf zwei braunen Schemeln im Schatten hinter dem offenen, aber überdachten Raum, in dem das Essen für die Großfamilie zubereitet wurde. Christine sagte etwas in ihrer eigenen Sprache. Aus einer Gruppe von Bananenbäumen trat ihre Tochter hervor. Sie trug einen dunkelblauen Rock, zerschlissen, mit Rissen, sie ging barfuß und hatte eine rote Bluse an. Sie war dünn und groß, und sie war ganz die Tochter ihrer Mutter, denn sie hatte den gleichen Zug um Mund und Nase und Augen. Aida war schüchtern, sie sprach mit leiser Stimme und schlug den Blick nieder. Als ich ihr die Hand gab, zog sie die ihre so schnell wie möglich zurück.

Während meines langen Gesprächs mit Christine blieb Aida verschwunden. Erst gegen Nachmittag, als wir nach Kampala zurückfahren wollten und einen Zeitpunkt für meinen nächsten Besuch vereinbart hatten, entdeckte ich sie wieder. Sie hatte sich Christines Mutter und einigen der anderen Mädchen angeschlossen, nicht Christines Töchtern, aber den Töchtern einer ihrer Schwestern. Ein der Schwestern, die bereits an Aids gestorben war. Sie kochten das Abendessen. Ich sah, wie Aida das Gemüse holte, das Christines Vater den ganzen Tag lang geputzt hatte.

Christine sagte:
- Wenn ich fort bin, wird Aida eine große Verantwortung übernehmen müssen. Um ihretwillen versuche ich zu leben, so lange ich kann.
- Weiß sie davon?

Christine sah mich fragend an.
- Natürlich weiß sie davon.
- Was hast du ihr gesagt?
- Das, was gesagt werden muß. Sie wird die Mutter ihrer Geschwister sein müssen, wenn ich fort bin, und falls meine Eltern dann noch leben, wird sie ihre neue Tochter sein.
- Wie hat sie reagiert?
- Sie wurde traurig. Was sonst?

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Kundenbewertungen zu "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt"

Durchschnittliche Kundenbewertung 4.7 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen **** ausgezeichnet
(aus 3 Bewertungen)

Bewertung von sabatayn76 am 19.09.2010 ***** sehr gut
Von der Würde des Menschen

Inhalt:
Henning Mankell ist nach Uganda gefahren, um Menschen zu treffen, die sich auf den Tod vorbereiten, indem sie für ihre Kinder Erinnerungsbücher schreiben. Diese kleinen Hefte enthalten Gedanken und Gefühle über das Leben und über den Tod im Angesicht des nahenden Todes. Henning Mankell berichtet nicht nur von Einzelschicksalen, sondern erzählt zudem von der Verantwortungslosigkeit der Pharmaindustrie, von der Geschichte von HIV/AIDS, von Ängsten, von Mythen und von Möglichkeiten der Hilfe.

Mein Eindruck:
'Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt' ist sehr bewegend und informativ und stellt damit einen sehr guten Einstieg ins Thema 'HIV und AIDS in Afrika' dar. Man spürt Mankells Liebe und Respekt für den afrikanischen Kontinent und seine Bewohner - und kann seinen Einsatz für seinen Kampf gegen AIDS in Afrika nur bewundern!
Großartig: Der Reingewinn aus dem Verkauf des Buches geht an das AIDS-Projekt von Plan International.

Mein Resümee:
Sehr gut!

'Alle Statistiken vom afrikanischen Kontinent sprechen dieselbe Sprache: Diejenigen, die lesen und schreiben können, sind am besten vor der Ansteckung geschützt.'

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Bewertung von silke03101979 aus Erfurt am 19.09.2008 ***** ausgezeichnet
Mal was anders von Mankell

Dieses Buch lässt einen tief blicken in die Seele beziehungsweise in die eigenen Erfahrungen des Schriftstellers. Ich war gespannt, mal etwas anders von ihm zu lesen. Hatte bis jetzt "nur" seine Krimis gelesen, von denen ich sehr begeistert bin und wollte wissen wie er an solch ein Thema ran geht. Ich kann nur sagen, er ist und bleibt einer meiner Lieblingssvhriftsteller!!!

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Bewertung von silke03101979 aus Erfurt am 19.09.2008 ***** ausgezeichnet
Mal was anders von Mankell

Dieses Buch lässt einen tief blicken in die Seele beziehungsweise in die eigenen Erfahrungen des Schriftstellers. Ich war gespannt, mal etwas anders von ihm zu lesen. Hatte bis jetzt "nur" seine Krimis gelesen, von denen ich sehr begeistert bin und wollte wissen wie er an solch ein Thema ran geht. Ich kann nur sagen, er ist und bleibt einer meiner Lieblingssvhriftsteller!!!

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