Ein alter Kämpfer, mit Beinamen "der Dichter", und ein
junger Enthusiast reisen zufällig im selben Zugabteil nach
Diyarbakir, trinken, rauchen Hasch, reden, bis "der
Dichter" auf einmal dem jungen Mann ein Konvolut mit
Manuskripten in die Hand drückt und sagt: "Los, lies!"
Die lose miteinander verwobenen Erzählungen, Beschreibungen und
Gespräche handeln, wie der junge Mann bald feststellt, von seinem
Vater, den er nie kennengelernt hat. Gleichzeitig wird damit die
Geschichte einer ganzen Generation erzählt, die die Hoffnung auf
eine Revolution nie aufgegeben hat.
Dieses Erstlingswerk ist eine literarische Sensation und sorgte bei
seinem Erscheinen für Furore, weil der Roman auf hohem sprachlichen
Niveau sämtliche Tabus bricht. Gleichzeitig hat der junge Autor mit
"Zorn" die inoffizielle Geschichte der Türkei seit den
1950ern bis heute geschrieben.
Der junge türkische Autor Murat Uyurkulak beschreibt in seinem Roman "Zorn" die linksradikale Szene in der Türkei zur Zeit der Siebzigerjahre. Und zwar "furios", wie Rezensent Tobias Völker befindet. Die Revolutionäre porträtiert Uyurkulak dabei als genauso versoffen wie visionär, berichtet Völker. Das größte Verdienst dieses Romans sieht der Rezensent darin, wie eindringlich er den Repressionsapparat auf der einen Seite und "Ohnmacht und Hass auf den Staat" auf der anderen Seite vergegenwärtige. Seine Auseinandersetzung mit dieser Zeit ist für Uyurkulak, der in den Siebzigern selbst noch ein Kind war, gleichzeitig ein Versuch, die eigene Herkunft zu erforschen und sich seiner selbst zu vergewissern, bilanziert Völker beeindruckt.
Murat Uyurkulak, geboren 1972 in Adin, studierte zunächst Jura, dann Kunstgeschichte in Izmir, brach jedoch beides ab und zog schließlich nach Istanbul. Dort arbeitete er u. a. als Kellner, Übersetzer, Journalist und Verleger. Heute ist er Auslandskorrespondent der Tageszeitung »Bir Gün«. Zudem hat er Bücher u. a. von Edward Said und Mikhail Bakunin ins Türkische übersetzt. Sein erster Roman wurde 2002 veröffentlicht und erregte sofort größtes Aufsehen, seither gilt Murat Uyurkulak als eine wichtige literarische Stimme in der zeitgenössischen türkischen Literatur.