Die apokalyptische Reise eines Fernfahrers durch das postsowjetische Russland zeigt das verstörende Bild einer Gesellschaft in sozialer Agonie.
Schwärzer und hoffnungsloser geht es nicht. Der in Berlin lebende und in der Ukraine aufgewachsene Sergei Loznitsa sammelte in seiner Zeit am Dokumentarfilmstudio in St. Petersburg Geschichten und Fotos von Menschen, die er bei seinen Reisen durch zumeist ländliche Gegenden im europäischen Teil des Landes traf, Geschichten von Enttäuschung, Kriminalität und Demütigung und dem Wunsch, dennoch ein Stück Würde zu bewahren. An der Person eines Fernfahrers, der im Nirgendwo der Provinz strandet, macht er die Kritik an einer auf Eigennutz und Unterdrückung fixierten Gesellschaft fest, die dem Ehrlichen keine Chance lässt.
Georgy ist ein gutmütiger Mann, der auf seinem Höllentrip all denjenigen begegnet, denen man auf keinen Fall in die Quere kommen möchten - korrupten Polizisten, einer kindlichen Prostituierten, die seine altruistische Hilfe ablehnt, drei Fremden, die ihn niederschlagen und ausrauben, eine misstrauische Dorfbevölkerung, die weder Moral noch Menschlichkeit kennt. Wo immer er auftaucht, herrschen Willkür und Brutalität. Gewalt fordert Gegengewalt heraus und so macht ihn das verbrecherische System zum Verbrecher, die einzige - wenn auch wahrscheinlich nur kurzfristige - Überlebenschance.
Nicht ein Fünkchen Hoffnung lässt dieses Drama, das in den entvölkerten Landschaften auch die Seelenlandschaft und das Drama eines ganzen Volkes widerspiegelt. Im Reich des nach Ex-Kanzler Schröder "lupenreinen Demokraten Putin" hat der gesellschaftliche Konsens ausgedient, auch wenn nie ein Name fällt. Die verfaulten Machtstrukturen pflanzen sich von oben nach unten fort. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen Staatsbeamte ihre Autorität missbrauchen und sich am hilflosen Bürger schamlos bedienen. Das manchmal anstrengende Filmessay mit bis zu fünf Minuten langen Einstellungen (es soll nur 140 Schnitte geben) wechselt in der mit Parabeln gespickten Erzählung die Zeitebenen und fokussiert sich neben dem Haupthandlungsstrang auch auf lose Nebenstränge und abwegige Episoden, um seine nihilistische Botschaft zu unterstreichen. mk.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag