Systemtheorie und Dekonstruktivismus weisen vielerlei Ähnlichkeiten
auf, denken aber den Bereich des Politischen in konträrer Weise.
Für einen emphatischen Begriff des Politischen bleibt in der
Systemtheorie kein Platz. Freilich gestaltet sich die Beziehung zum
Dekonstruktivismus komplexer und ambivalenter, als eine solche
Gegenüberstellung vermuten läßt: Der Systemtheorie können
Möglichkeiten aufgezeigt werden, die einen Anschluß an
dekonstruktivistische Debatten über die Theorie des Politischen
erlauben.
Seit Mitte der achtziger Jahre ist die Stelle der Debatte zwischen
Kritischer Theorie und Systemtheorie die zwischen Systemtheorie und
Dekonstruktivismus getreten. Von zentraler Bedeutung in dieser
Auseinandersetzung ist der Begriff des Politischen.
Urs Stäheli schlägt im ersten Teil seines Buches eine neue
Leseweise von zentralen Begriffen der Systemtheorie vor (wie zum
Beispiel Sinn, Paradoxie, Selbstreferentialität). Dabei
interessiert er sich vor allem dafür, wie die Systemtheorie mit
Prozessen des Scheiterns von Sinn umgeht.
Im zweiten Teil entwickelt Stäheli einen eigenständigen Begriff des
Politischen. Unter Berücksichtigung einiger neuer Entwicklungen der
poststrukturalistischen politischen Theorie (Ernesto Laclau,
Chantal Mouffe, Slavoj Zizek) wird das Politische als Prozeß der
konflikthaften Auflösung von Sinnzusammenbrüchen eingeführt und als
"Politik der Entparadoxierung" konzeptualisiert. Dabei
geht es um Formen des Politischen, die von den inneren Paradoxien
eines Systems ermöglicht werden. Dabei lotet Stäheli zugleich die
Möglichkeiten einer Annäherung von Dekonstruktivismus und
Systemtheorie aus.
Inhalt:
I. Anschluß und Schließung: Das System als Unterscheidung
1. Die System/Umwelt-Unterscheidung
2. Autopoiesis und die Schließung des Systems
3. Systemstörungen
3.1 Die 'Restkategorie' Irritation
3.2 Die Paradoxie der Einheitsreflexion
4. Leere Signifikanten und die Systematizität des Diskurses
II. Das Gelächter der Systeme
Das Problem des Nicht-Sinns in der Systemtheorie
1. Umrisse des Sinnbegriffs
2. Sinn und Sinnlosigkeit
3. Die unbeschränkte Ökonomie von Sinn
4. Der blinde Fleck
5. Unmarked Space und Unmarked State
6. Die Différance der Aktualität
III. Post-Dienste. Die Umschreibung von Kommunikation
1. Die Dekonstruktion der Kommunikation
2. Die Sättigung des Kontexts
2.1 Der Kontext der Möglichkeiten
2.2 Die Virtuelle Realität der Potentialität
3.1 Mißverstehen als Verstehen
3.2 Die Verfehlung des Adressaten: Schrift und
Unwahrscheinlichkeit
3.3 Kommunikation als mot de l'ordre
4. Der Bruch in der Kommunikation
IV. Die Sprache als Combinatoire?
1. Luhmanns Theorie der Sprache
1.1 Medium
1.2 Sprache als Medium
2. Sprache als Zeichengebrauc
3. Wiederholung und die Identität der Sprachelemente
4. Die Rhetorizität von Sprache
5. Die Konstruktion einer normalen Bedeutung
V. Modi der Wiederholung
1. Die Wiederholung von Information und Sinn
2. Das allgemeine Modell der Wiederholung in der
Systemtheorie
3. Die Infrastruktur der Iterabilität (Derrida)
4. Iterabilität und Medialität
5. Schrift ohne Schrift
VI. Die Operativität von Selbstbeschreibungen.
Gesellschaftsstruktur und Semantik
1. Der Begriff der Semantik bei Koselleck
2. Die 'lineare Nachträglichkeit' der Semantik: Zum
Verhältnis von Gesellschaftsstruktur und Semantik
2.1 'Komplexität' als Vermittlungsinstanz zwischen
Gesellschaftsstruktur und Semantik
2.2. Die Strukturalität von Semantik
2.3. Die beobachtungstheoretische Reformulierung
3. Konstitutive Nachträglichkeit
4. Zur hegemonialen Fixierung von Selbstbeschreibungen
VII. Unentscheidbarkeit und das Politische
1. Unentscheidbarkeit und 'policing'
2. Das politische Supplement
3. Die Latenz des Politischen in der Systemtheorie
4. Der Code des politischen Systems
5. Die doppelte Einschreibung des Politischen
6. Kontingenzen
VIII. Politik der Entparadoxierung
1. Entparadoxierung und Konflikt
2. Entparadoxierung und imaginäre Vollständigkeit
3. Die Politik der Entparadoxierung und Offenheit
4. Systemische Differenzierung und die Politik der
Entparadoxierung
Rezension:
Das dekonstruktive Moment der Systemtheorie
"Stäheli gelingt es, die Theoriearchitektur [der
Systemtheorie] sozusagen von innen - im Theorie-TÜV - auf ihre
Bruchstellen hin abzuklopfen. Insofern liefert Stäheli eine exakte
und absolut konforme, geradezu lehrbuchartige Rekonstruktion der
Systemtheorie; erst die Konklusionen, die er daraus zieht, offenbar
das der Systemtheorie subversiv Entgegenlaufende, eben das, was er
als das dekonstruktive Moment bestimmt. [...]
Er setzt bei der System-Umwelt-Differenz, dem zentralen Baustein
der Systemtheorie, an und schlägt den Bogen bis zur funktionalen
Ausdifferenzierung der Gesellschaft. So beginnt er mit einer
genauen Analyse der drei verschiedenen System- bzw. Umweltbegriffe,
die sich in der Ausgangsdifferenz verbergen. Zum Ende seiner Arbeit
wird deutlich, daß sich in den Begriffsdifferenzen Einbruchstellen
offenbaren, die es ihm erlauben, das Konzept des Politischen
jenseits eines Sozialsystems der Politik zu situieren.
Das dekonstruktive Moment der Systemtheorie dient Stäheli dazu, das
Politische zu rekonstruieren. Damit dient ihm die Theoriekritik
dazu, nun seinerseits eine Theorie des Politischen zu
entwerfen." (IASL Online, 15. Mai 2001)
(www.iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/jahraus2)
Ein wenig Etikettenschwindel muss man hier schon vermuten, folgt man der Rezension von Ingo Stöckmann. Wenn der Autor auch eine "dekonstruktive Lektüre" von Luhmanns Systemtheorie im Untertitel verspricht, so ist mit dem Feld der politischen Entscheidung als Gegenstand der Dekonstruktion nach Auffassung des Rezensenten bereits ein Feld ausgemacht, das von sich aus keinen Systemzwängen gehorcht: "Denn Unentscheidbarkeitslagen mit dem paradoxen Zwang, doch entscheiden zu müssen, sind weniger ein bedrängendes Theorieproblem als politisches Tagesgeschäft." Was somit als Versuch angepriesen wird, die Dekonstruktion im Haus der Systemtheorie anzusiedeln, bleibt nach Stöckmanns Interpretation "absichtsvoll poststrukturalistisch und kaum noch systemtheoretisch gedacht". Hier helfen dann der "nicht allzu konsumfähigen" Arbeit nach Meinung des Rezensenten auch keine "erkenntnistheoretischen Kapriolen" mehr. So bleibt wohl die am Anfang der Rezension begehrlich beschworene "Liaison von Bielefelder Beobachtungstheorie und Pariser Poststrukturalismus" weiterhin ein Desiderat; die "Theorieerotik" des Rezensenten kommt jedenfalls dieses Mal zu keinem befriedigenden Ergebnis.
Urs Stäheli ist Professor für Soziologie an der Universität Basel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören poststrukturalistische und systemtheoretische Soziologie, Ökonomie als Diskurs, Kultursoziologie.
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