Ganz so unbekannt, wie der Titel dieses Albums impliziert, ist Gaby
Moreno wohl auch in Deutschland nicht mehr. Immerhin spielte sie
schon im Vorprogramm von Nouvelle Vague auf und war mit ihrer Band
auch allein auf deutschen Bühnen unterwegs. Trotzdem ist sie wohl
immer noch unbekannt genug, dass es kaum auffällt, wenn "Still
The Unknown", ihr Debütalbum aus dem Jahr 2008, nun erst in
Deutschland veröffentlicht wird. In den USA ist seit April 2011
bereits der Nachfolger, "Illustrated Songs", auf dem
Markt. Wie auch immer: Hier gibt es eine hochinteressante
Künstlerin zu entdecken. Gaby Moreno stammt aus Guatemala und wird
vielleicht deshalb gern in die Latino-Schublade gesteckt. Dabei
singt sie lediglich in drei von elf Songs in ihrer Muttersprache
Spanisch. Einer davon ist "Amapola", ein Evergreen aus
dem Jahr 1924, den von Ernesto Lecuona und Ricky King bis Karel
Gott und Paul Potts schon viele Kollegen aufnahmen. Gaby Moreno
macht aus der Vorlage ein inniges, sensibles Lehrstückchen in
Sachen Sehnsucht - und sie verdeutlicht damit eine Eigenschaft, die
das gesamte Album prägt: Die 29-Jährige Sängerin und Gitarristin
lässt mit ihren Songs die starken Emotionen der Vergangenheit
wieder aufleben, ohne ins Nostalgisch-Gestrige abzugleiten. So
verarbeitet sie in dezent, aber einfallsreich ausgestatteten
Arrangements Blues- und Vaudeville-Elemente oder klingt mit
kräftiger Stimmmuskulatur auch mal wie eine Folksängerin aus den
Sechzigern - Mama Cass meets Melanie. Andererseits hat man sie
wegen ihres Gesangs auch schon mit Norah Jones und Rickie Lee Jones
verglichen, und auch das lässt sich nachvollziehen, wenn man zum
Beispiel einen Track wie "La Vez Que No Me Pude Atrever"
hört. Gaby Moreno, die große Unbekannte? Vielleicht nicht mehr
lange. Manfred Gillig-Degrave
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