Leseprobe zu "Seelenwanderer / Chronik der dunklen Wälder Bd.2"
Die Auerochsenkuh tauchte ganz plötzlich zwischen den Bäumen am anderen Flussufer auf.
Eben noch hatte Torak dort nur sonnengesprenkelte Weidenbäume gesehen, nun stand sie auf einmal da. Sie war größer als ein erwachsener Mann und mit den mächtigen geschwungenen Hörnern hätte sie einen Bären aufspießen können. Falls sie zum Angriff überging, sah es nicht gut für ihn aus.
Unglücklicherweise stand er auch noch in Windrichtung. Mit angehaltenem Atem beobachtete er, wie ihre stumpfe schwarze Schnauze zuckend seine Witterung aufnahm. Das Tier schnaubte und scharrte mit dem schweren Vorderhuf.
Dann erspähte Torak das Kalb, das aus dem Farn lugte, und ihm wurde ganz flau. Auerochsen sind gutmütige Geschöpfe - nur dann nicht, wenn sie Junge haben.
Torak zog sich geräuschlos zurück. Wenn er sie nicht erschreckte, ließ sie ihn vielleicht in Frieden.
Die Kuh schnaubte noch einmal und fuhr mit den Hörnern durchs Farnkraut. Dann schien sie einzusehen, dass Torak ihr nichts tun wollte, und ließ sich im Schlamm nieder, um sich zu suhlen. Torak atmete erleichtert aus.
Das Kalb stakste zu seiner Mutter hinüber, rutschte aus, blökte und fiel hin. Die Kuh hob den Kopf, stupste ihr Junges so lange mit der Nase an, bis es wieder auf den Beinen war, und ließ sich dann genüsslich zurücksinken.
Torak kauerte sich hinter einen Wacholderbusch und überlegte. Fin-Kedinn, der Anführer des Clans, hatte ihn losgeschickt, um ein Bündel Weidenrinde zu holen, das man zum Einweichen in den Fluss gelegt hatte, und ohne das Verlangte wollte er nicht ins Lager zurückkehren. Ebenso wenig wollte er von einem Auerochsen niedergetrampelt werden.
Er beschloss abzuwarten, bis sich die Tiere getrollt hatten.
Der Mond des Nie-Dunkel war eben angebrochen und die Hitze machte ihn ganz dösig. Vögel zwitscherten in den Baumkronen, von Südosten trug ein warmer, sanfter Wind den Duft von Lindenblüten heran. Nach einer Weile ging Toraks Herzschlag wieder ruhiger. Er lauschte den jungen Grünfinken, die in ihrem Nest im Haselgestrüpp nach Futter schrien. Er beobachtete eine Natter, die sich auf einem großen Stein sonnte. Er wollte sich nicht ablenken lassen, aber immer wieder kam ihm Wolf in den Sinn.
Damals, als Toraks Gefährte, war er noch ein tapsiger Welpe gewesen, der den Jungen hartnäckig um Preiselbeeren angebettelt hatte, aber inzwischen musste er fast ausgewachsen sein.
Du sollst doch nicht an Wolf denken!, schalt sich Torak ärgerlich. Er ist fort. Er kommt nicht zurück, nie mehr. Konzentrier dich gefälligst auf die Auerochsen, auf die Natter und...
Da sah er den Jäger.
Der Mann befand sich am selben Ufer wie Torak, etwa zwanzig Schritt flussabwärts. Die Auerochsenkuh konnte ihn nicht wittern. Er stand zu weit im Schatten, um sein Gesicht zu erkennen, aber er trug wie Torak ein ärmelloses Wams und knielange Beinleder, dazu leichte Rohlederstiefel. Im Gegensatz zu Torak hatte er einen Lederriemen mit einem Eberhauer um den Hals. Demnach gehörte er zum Eberclan.
Das hätte Torak eigentlich beruhigen müssen. Der Eberclan war mit dem Rabenclan, bei dem Torak die letzten sechs Monde verbracht hatte, gut befreundet. Aber der Mann benahm sich sehr sonderbar. Er bewegte sich schwankend und schwerfällig voran, sein Kopf schlenkerte hin und her und er pirschte sich an die Auerochsenkuh an! Im Gürtel trug er zwei Wurfäxte mit Schieferklingen, und Torak beobachtete ungläubig, wie er eine davon zückte.
War der Kerl verrückt geworden? Man ging nicht allein auf Auerochsenjagd! Auerochsen waren das größte und stärkste Wild im ganzen Wald. Wer es allein mit ihnen aufnahm, war so gut wie tot!
Das nichts ahnende Muttertier grunzte wohlig und grub sich, froh darüber, die lästigen Mücken los zu sein, noch tiefer in den Schlamm. Das Junge schnüffelte an einem Büschel Weidenröschen und wartete, dass seine Mutter die Lust an ihrem Schlammbad verlor.
Torak stand auf und warnte den Jäger mit eindringlichen Gesten: Gefahr! Kehr um!
Der Mann sah ihn nicht. Er holte mit dem muskulösen Arm aus, zielte und schleuderte die Axt.
Die Waffe zischte durch die Luft und grub sich eine Handbreit vor dem Kalb in den Boden.
Das Jungtier ergriff die Flucht. Die Mutter stieß ein zorniges Gebrüll aus, rappelte sich hoch und hob suchend die Schnauze, aber der Angreifer stand immer noch gegen die Windrichtung, weshalb sie ihn nicht wittern konnte.
Jetzt griff der Mann doch tatsächlich nach der anderen Axt!
"Nein!", flüsterte Torak heiser. "Wenn du sie verwundest, bringt sie uns beide um!"
Der Jäger löste die Waffe vom Gürtel.
Torak überlegte fieberhaft. Wenn der andere traf, würde das mächtige Tier sie in seiner Raserei beide töten. Schreckte er die Kuh dagegen nur auf, würde sie es vielleicht bei einem Scheinangriff belassen und sich mit ihrem Kalb davonmachen. Das hieß, er musste sie rasch aufscheuchen, damit sie nicht getroffen wurde.
Torak holte tief Luft, sprang in die Höhe, wedelte mit den Armen und brüllte: "Hierher! Hierher!"
Er hatte Erfolg - zumindest, was das Aufscheuchen betraf. Die Kuh ging unter wütendem Gebrüll auf ihn los. Dort, wo sie eben noch gestanden hatte, bohrte sich die Axt in den Schlamm. Das Vieh platschte durch den Fluss auf Torak zu, der schleunigst hinter einer Eiche Deckung suchte.
Er schaffte es nicht mehr, auf den Baum zu klettern, denn schon hörte er das Tier grunzend die Uferböschung hochstampfen, spürte schon seinen heißen Atem...
Im letzten Augenblick machte die Kuh mit zuckendem Schwanz kehrt und preschte in den Wald. Das Kalb galoppierte hinterdrein.
Die Stille war betäubend.
Torak lehnte sich Halt suchend an den Baum. Der Schweiß rann ihm übers Gesicht.
Der fremde Jäger stand schwankend und mit gesenktem Kopf da.
"Warum hast du das getan?", keuchte Torak. "Wolltest du uns umbringen?"
Keine Antwort. Der Mann torkelte zum Fluss hinunter, sammelte seine Äxte auf, schob sie wieder in den Gürtel und kam zurückgewankt. Sein Gesicht konnte Torak immer noch nicht erkennen, doch das Messer mit der gezackten Schieferklinge und die kräftige Statur des anderen entgingen ihm nicht. Wenn es zum Kampf käme, würde er unterliegen. Schließlich war er noch ein Kind, nicht mal dreizehn Sommer alt.
Auf einmal suchte der Fremde an einer Buche Halt und übergab sich.
Torak vergaß alle Vorsicht und lief hin, um ihm beizustehen.
Der Mann kniete auf allen vieren und spie gelben Schleim. Dann machte er einen Buckel, ein krampfhafter Schauder überlief ihn und er würgte etwas Schwarzes, Glitschiges von der Größe einer Kinderfaust aus. Es sah aus wie . wie ein Knäuel Haare.
Ein Windstoß fuhr in das Geäst, ein Sonnenstrahl fiel auf das Gesicht des Fremden und Torak konnte ihn zum ersten Mal richtig sehen.
Dort, wo sich der Kranke ganze Büschel Kopf- und Barthaar ausgerissen hatte, waren wunde, nässende Stellen zurückgeblieben. Sein Gesicht war mit dicken Schorfkrusten übersät, die an die Wucherungen auf kranken Birken erinnerten. Als er die letzten Haarbüschel auswürgte, hörte man in seiner Kehle den Schleim rasseln.