Leseprobe zu "Seelenwächter / Chronik der dunklen Wälder Bd.6"
Torak scheut sich, das stille Lager zu betreten.
Das Feuer ist erloschen. Fin-Kedinns Axt liegt in der Asche. Renns Bogen ist in den schlammigen Boden getreten worden. Von Wolf sind nur hier und da ein paar Pfotenabdrücke zu sehen.
Axt, Bogen und Pfotenspuren sind mit etwas bestäubt, das wie schmutziger Schnee aussieht. Als Torak näher herantritt, flattert ein Schwarm grauer Motten auf. Torak verzieht das Gesicht und verscheucht ihn. Kaum ist er ein paar Schritte weitergegangen, da lassen sich die Motten von Neuem gierig nieder.
Torak bleibt vor der Hütte stehen. Die Türstange ist klebrig und er nimmt einen widerlich süßlichen Geruch wahr. Er fürchtet sich davor hineinzugehen.
Trotz der Dunkelheit in der Hütte erkennt er den dichten grauen Mottenschwarm, der drei reglose Gestalten bedeckt. Sein Verstand will nicht begreifen, was er sieht, aber sein Herz weiß längst Bescheid.
Er weicht zurück, strauchelt und fällt. Dunkelheit umschließt ihn ...
Torak erwachte keuchend und setzte sich auf.
Er lag in der Hütte, tief eingemummelt in seinen Schlafsack. Sein Herz pochte wie rasend, sein Kiefer schmerzte vom Zähneknirschen. War er eingeschlafen? Aber nein, sein Körper war angespannt von der Anstrengung unablässiger Wachsamkeit. Doch er hatte diese Toten deutlich gesehen. Es war, als wäre Eostra tief in seinen Geist eingedrungen und hätte seine Gedanken verbogen.
Das ist nicht die Wahrheit, sagte er sich. Es ist nur das, was sie dich sehen lassen will. Nichts davon ist wahr. Fin-Kedinn liegt neben dir in der Hütte. Wolf, Dunkelfell und die Kleinen ruhen an ihrem Lagerplatz. Renn ist beim Eberclan, auch ihr kann nichts geschehen. Das ist nicht die Wahrheit.
Etwas kroch über sein Schlüsselbein. Er zerdrückte es mit der Faust. Die graue Motte hinterließ einen pulverigen Schmierfleck. Ein leichter Fäulnisgeruch stieg auf.
Im hinteren Teil der Hütte ließ sich eine Motte auf Fin-Kedinns geöffneten Lippen nieder.
Torak befreite sich aus seinem Schlafsack und kroch hinüber zu seinem Ziehvater. Die Motte schwirrte auf, kreiste ziellos und flatterte in die Nacht hinaus.
Fin-Kedinn ächzte. Albträume hatten sich in seinen Schlaf gestohlen. Torak hütete sich, ihn zu wecken, sonst würden die bösen Bilder den Anführer des Rabenclans tagelang verfolgen.
Toraks eigene Visionen hafteten an ihm wie der unreine Staub der zerquetschten Motte. Er schlüpfte in Beinlinge, Wams und Stiefel und trat ins Freie.
Der Schwarzdornmond warf lange tiefblaue Schatten auf die Lichtung. Ringsum schwebte der Atem des Waldes über den Kronen der Kiefern.
Bis auf einige Hunde, die träge die Köpfe hoben, als Torak an ihnen vorüberging, rührte sich nichts im stillen Lager. Nur jemand, der den Rabenclan so gut kannte wie Torak, wusste, dass hier vieles nicht stimmte. Die Hütten schmiegten sich wie verängstigte Auerochsen an das Langfeuer, das die ganze Nacht über nicht erlosch. Zum Schutz vor den Motten hatte Saeunn die Lichtung mit glimmenden, auf Pflöcken festgebundenen Wacholderbüschen umsteckt.
In der Astgabel einer Birke schliefen Rip und Rek friedlich, die Köpfe tief ins Gefieder gesteckt. Bisher hatten nur Menschen unter den grauen Motten zu leiden.
Ohne auf den leise gurgelnden Protest des Rabenpärchens zu achten, hob Torak die beiden von ihrem Schlafplatz herunter und ließ sich, die Arme voll schlafwarmer Federn, am Langfeuer nieder.
Im Wald röhrte ein Hirsch.
Als Torak klein gewesen war, hatte es für ihn nichts Schöneres gegeben, als dem Röhren des Rotwilds an nebligen Herbstabenden zu lauschen. In seinen Schlafsack gekuschelt, hatte er verträumt in die Glut gestarrt und sich vorgestellt, wie dort, in den rot glühenden Tälern, winzige feurige Hirschböcke ihre Geweihe gegeneinanderschmetterten. Damals hatte er sich sicher gefühlt, denn Fa würde das Dunkel und alles Böse von ihnen fernhalten.
Inzwischen wusste er es besser. Vor drei Herbsten, in einer Nacht wie dieser, hatte er, in einer zertrümmerten Hütte hockend, zusehen müssen, wie sein Vater vor seinen Augen verblutete.
Der Hirsch verstummte. Die Bäume knarrten und ächzten im Schlaf. Torak wünschte sich, jemand würde aufwachen.
Er sehnte sich nach Wolf. Aber wenn er nach ihm heulte, riss er das gesamte Lager aus dem Schlaf. Er fürchtete sich zu sehr vor dem langen Nachtmarsch zum Ruheplatz des Rudels. Wie hat es nur so weit kommen können?, dachte er verwundert. Ich habe Angst, allein in den Wald zu gehen.
"So fängt es an", hatte Renn vor einem halben Mond zu ihm gesagt. "Sie schickt etwas Kleines, das in der Nacht zu uns kommt. Etwas, dessen man sich nicht erwehren kann. Die grauen Motten sind nur der Anfang. Die Angst wird wachsen. Davon nährt sie sich, das macht sie stark."
Weit entfernt ertönte der Ruf einer Adlereule: Schu-huu, Schu-huu.
Torak nahm einen Stock und stieß damit missmutig ins Feuer. Er ertrug es einfach nicht mehr länger. Er war bereit: Sein Köcher war mit Pfeilen gefüllt, seine Fingerspitzen waren vom Nähen der Winterkleidung ganz wund. Seine Axt- und seine Messerklinge waren so scharf, dass man ein Haar damit spalten konnte.
Wenn er nur wüsste, wo sie sich verbarg. Aber Eostra hatte sich tief in ihr Bergversteck zurückgezogen und ihr Netz wie eine Spinne über den Wald geworfen. Wie eine Spinne spürte sie noch die kleinste Erschütterung im entferntesten Faden. Sie wusste, dass er sie jagen würde. Sie wollte es sogar. Aber noch nicht sofort.
Verdrossen starrte Torak in die glimmende Asche. Als jemand seinen Namen rief, kam er wieder zu sich.
Die Scheite waren ineinandergestürzt. Die Raben hockten wieder in ihrem Baum. Diesen Ruf hatte er nicht geträumt, sondern tatsächlich gehört. Er klang vertraut -quälend vertraut. Aber das konnte nicht sein.
Er erhob sich mit gezücktem Messer. Als er die Wacholderbüsche erreichte, die einen schützenden Ring um das Lager bildeten, hielt er unschlüssig inne. Dann straffte er die Schultern und stapfte entschlossen in den Wald.
Die Kiefern schwammen in einem weißen Nebelmeer.
Weiter oben am Hang rührte sich etwas.
Torak atmete schnell und flach. Obwohl er davor zurückscheute, auf das Unbekannte zuzugehen, trieb ihn etwas voran. Er kletterte den Abhang empor und schürfte sich die Hände im dichten Unterholz auf.
Auf halber Höhe blieb er stehen und hob lauschend den Kopf. Außer dem gleichmäßigen Tropfen des Nebels war nichts zu vernehmen.
Leseprobe zu "Seelenwächter / Chronik der dunklen Wälder Bd.6"
Torak scheut sich, das stille Lager zu betreten.
Das Feuer ist erloschen. Fin-Kedinns Axt liegt in der Asche. Renns Bogen ist in den schlammigen Boden getreten worden. Von Wolf sind nur hier und da ein paar Pfotenabdrücke zu sehen.
Axt, Bogen und Pfotenspuren sind mit etwas bestäubt, das wie schmutziger Schnee aussieht. Als Torak näher herantritt, flattert ein Schwarm grauer Motten auf. Torak verzieht das Gesicht und verscheucht ihn. Kaum ist er ein paar Schritte weitergegangen, da lassen sich die Motten von Neuem gierig nieder.
Torak bleibt vor der Hütte stehen. Die Türstange ist klebrig und er nimmt einen widerlich süßlichen Geruch wahr. Er fürchtet sich davor hineinzugehen.
Trotz der Dunkelheit in der Hütte erkennt er den dichten grauen Mottenschwarm, der drei reglose Gestalten bedeckt. Sein Verstand will nicht begreifen, was er sieht, aber sein Herz weiß längst Bescheid.
Er weicht zurück, strauchelt und fällt. Dunkelheit umschließt ihn ...
Torak erwachte keuchend und setzte sich auf.
Er lag in der Hütte, tief eingemummelt in seinen Schlafsack. Sein Herz pochte wie rasend, sein Kiefer schmerzte vom Zähneknirschen. War er eingeschlafen? Aber nein, sein Körper war angespannt von der Anstrengung unablässiger Wachsamkeit. Doch er hatte diese Toten deutlich gesehen. Es war, als wäre Eostra tief in seinen Geist eingedrungen und hätte seine Gedanken verbogen.
Das ist nicht die Wahrheit, sagte er sich. Es ist nur das, was sie dich sehen lassen will. Nichts davon ist wahr. Fin-Kedinn liegt neben dir in der Hütte. Wolf, Dunkelfell und die Kleinen ruhen an ihrem Lagerplatz. Renn ist beim Eberclan, auch ihr kann nichts geschehen. Das ist nicht die Wahrheit.
Etwas kroch über sein Schlüsselbein. Er zerdrückte es mit der Faust. Die graue Motte hinterließ einen pulverigen Schmierfleck. Ein leichter Fäulnisgeruch stieg auf.
Im hinteren Teil der Hütte ließ sich eine Motte auf Fin-Kedinns geöffneten Lippen nieder.
Torak befreite sich aus seinem Schlafsack und kroch hinüber zu seinem Ziehvater. Die Motte schwirrte auf, kreiste ziellos und flatterte in die Nacht hinaus.
Fin-Kedinn ächzte. Albträume hatten sich in seinen Schlaf gestohlen. Torak hütete sich, ihn zu wecken, sonst würden die bösen Bilder den Anführer des Rabenclans tagelang verfolgen.
Toraks eigene Visionen hafteten an ihm wie der unreine Staub der zerquetschten Motte. Er schlüpfte in Beinlinge, Wams und Stiefel und trat ins Freie.
Der Schwarzdornmond warf lange tiefblaue Schatten auf die Lichtung. Ringsum schwebte der Atem des Waldes über den Kronen der Kiefern.
Bis auf einige Hunde, die träge die Köpfe hoben, als Torak an ihnen vorüberging, rührte sich nichts im stillen Lager. Nur jemand, der den Rabenclan so gut kannte wie Torak, wusste, dass hier vieles nicht stimmte. Die Hütten schmiegten sich wie verängstigte Auerochsen an das Langfeuer, das die ganze Nacht über nicht erlosch. Zum Schutz vor den Motten hatte Saeunn die Lichtung mit glimmenden, auf Pflöcken festgebundenen Wacholderbüschen umsteckt.
In der Astgabel einer Birke schliefen Rip und Rek friedlich, die Köpfe tief ins Gefieder gesteckt. Bisher hatten nur Menschen unter den grauen Motten zu leiden.
Ohne auf den leise gurgelnden Protest des Rabenpärchens zu achten, hob Torak die beiden von ihrem Schlafplatz herunter und ließ sich, die Arme voll schlafwarmer Federn, am Langfeuer nieder.
Im Wald röhrte ein Hirsch.
Als Torak klein gewesen war, hatte es für ihn nichts Schöneres gegeben, als dem Röhren des Rotwilds an nebligen Herbstabenden zu lauschen. In seinen Schlafsack gekuschelt, hatte er verträumt in die Glut gestarrt und sich vorgestellt, wie dort, in den rot glühenden Tälern, winzige feurige Hirschböcke ihre Geweihe gegeneinanderschmetterten. Damals hatte er sich sicher gefühlt, denn Fa würde das Dunkel und alles Böse von ihnen fernhalten.
Inzwischen wusste er es besser. Vor drei Herbsten, in einer Nacht wie dieser, hatte er, in einer zertrümmerten Hütte hockend, zusehen müssen, wie sein Vater vor seinen Augen verblutete.
Der Hirsch verstummte. Die Bäume knarrten und ächzten im Schlaf. Torak wünschte sich, jemand würde aufwachen.
Er sehnte sich nach Wolf. Aber wenn er nach ihm heulte, riss er das gesamte Lager aus dem Schlaf. Er fürchtete sich zu sehr vor dem langen Nachtmarsch zum Ruheplatz des Rudels. Wie hat es nur so weit kommen können?, dachte er verwundert. Ich habe Angst, allein in den Wald zu gehen.
"So fängt es an", hatte Renn vor einem halben Mond zu ihm gesagt. "Sie schickt etwas Kleines, das in der Nacht zu uns kommt. Etwas, dessen man sich nicht erwehren kann. Die grauen Motten sind nur der Anfang. Die Angst wird wachsen. Davon nährt sie sich, das macht sie stark."
Weit entfernt ertönte der Ruf einer Adlereule: Schu-huu, Schu-huu.
Torak nahm einen Stock und stieß damit missmutig ins Feuer. Er ertrug es einfach nicht mehr länger. Er war bereit: Sein Köcher war mit Pfeilen gefüllt, seine Fingerspitzen waren vom Nähen der Winterkleidung ganz wund. Seine Axt- und seine Messerklinge waren so scharf, dass man ein Haar damit spalten konnte.
Wenn er nur wüsste, wo sie sich verbarg. Aber Eostra hatte sich tief in ihr Bergversteck zurückgezogen und ihr Netz wie eine Spinne über den Wald geworfen. Wie eine Spinne spürte sie noch die kleinste Erschütterung im entferntesten Faden. Sie wusste, dass er sie jagen würde. Sie wollte es sogar. Aber noch nicht sofort.
Verdrossen starrte Torak in die glimmende Asche. Als jemand seinen Namen rief, kam er wieder zu sich.
Die Scheite waren ineinandergestürzt. Die Raben hockten wieder in ihrem Baum. Diesen Ruf hatte er nicht geträumt, sondern tatsächlich gehört. Er klang vertraut -quälend vertraut. Aber das konnte nicht sein.
Er erhob sich mit gezücktem Messer. Als er die Wacholderbüsche erreichte, die einen schützenden Ring um das Lager bildeten, hielt er unschlüssig inne. Dann straffte er die Schultern und stapfte entschlossen in den Wald.
Die Kiefern schwammen in einem weißen Nebelmeer.
Weiter oben am Hang rührte sich etwas.
Torak atmete schnell und flach. Obwohl er davor zurückscheute, auf das Unbekannte zuzugehen, trieb ihn etwas voran. Er kletterte den Abhang empor und schürfte sich die Hände im dichten Unterholz auf.
Auf halber Höhe blieb er stehen und hob lauschend den Kopf. Außer dem gleichmäßigen Tropfen des Nebels war nichts zu vernehmen.