Die Liebenden von Leningrad - Simons, Paullina

Paullina Simons 

Die Liebenden von Leningrad

Tatiana und Alexander - Eine unvergessliche Liebe. Roman

Aus d. Engl. v. Margarethe von Pee
Broschiertes Buch
 
26 Kundenbewertungen
***** ausgezeichnet
Sofort lieferbar
versandkostenfrei
innerhalb Deutschlands
10 ebmiles sammeln
EUR 9,95
Alle Preise inkl. MwSt.
Empfehlen


Produktbeschreibung zu Die Liebenden von Leningrad

Ein mitreißender Roman vor der prachtvollen Kulisse der goldenen Paläste Leningrads. An einem warmen Sommertag 1941 begegnet Tatiana dem jungen Offizier Alexander, der Liebe ihres Lebens. Doch Alexander hütet ein Geheimnis, das so lebensgefährlich ist wie der Krieg, der vor den Toren Leningrads steht. Werden sie jemals ihre Gefühle füreinander zeigen können? "Doktor Schiwago" und "Vom Winde verweht" in einem Buch!

Produktinformation


  • Verlag: Heyne
  • 2009
  • 6. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 750 S.
  • Seitenzahl: 752
  • Heyne Bücher Nr.13889
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 118mm x 45mm
  • Gewicht: 450g
  • ISBN-13: 9783453873391
  • ISBN-10: 3453873394
  • Best.Nr.: 12000215
Die AutorinPaullina Simons wurde 1963 in Leningrad geboren und wuchs dort auf, bis sie Anfang der siebziger Jahre mit ihrer Familie in die USA immigrierte. Sie arbeitete in Rom und Dallas und war vier Jahre als Wirtschaftsjournalistin in London tätig, bevor sie sich als Fernsehproduzentin in New York niederließ. Mit dem Roman "Die Liebenden von Leningrad" gelang ihr der internationale Durchbruch.Paullina Simons lebt in New York zusammen mit ihrem Mann und ihren vier Kindern.

Leseprobe zu "Die Liebenden von Leningrad" von Paullina Simons

TEIL EINS - Weiße Nächte

DAS MARSFELD

Die Morgensonne schien durch das Fenster und machte das Zimmer hell. Tatiana Metanowa schlief den Schlaf der Unschuldigen, den rastlos frohen Schlaf der warmen, weißen Juninächte in Leningrad, die vom Duft des Jasmins erfüllt waren. Vor allem jedoch schlief sie den tiefen Schlaf sorgloser Jugend. Jetzt allerdings bewegte sie sich.

Als ein Sonnenstrahl über das Fußende von Tatianas Bett glitt, zog sie sich die Decke über den Kopf. Die Zimmertür wurde geöffnet und sie hörte die Dielen knarren. Ihre Schwester Dascha kam herein.

Daria, Dascha, Daschenka, Daschka.

Tatiana liebte sie über alles.

In diesem Augenblick jedoch hätte sie Dascha am liebsten verwünscht. Dascha versuchte nämlich, sie aufzuwecken, und leider gelang ihr das auch. Mit ihren kräftigen Händen schüttelte sie Tatiana heftig und zischte: "Psst! Tania! Wach auf. Wach auf!"

Tatiana stöhnte. Dascha zog ihr die Decke weg.

Nie war der Altersunterschied von sieben Jahren offensichtlicher als in diesem Moment, da Tatiana schlafen wollte und Dascha ...

"Hör auf", murrte Tatiana und angelte vergeblich nach ihrer Decke. "Siehst du nicht, dass ich schlafe? Du bist schließlich nicht meine Mutter."

Erneut öffnete sich die Tür. Auch diesmal knackten die Dielen. Das "war" ihre Mutter. "Tania? Bist du wach? Steh sofort auf!" Im Unterschied zu Daschas Stimme war an der Stimme ihrer Mutter nichts Harmonisches. An Irina Metanowa gab es überhaupt nichts Weiches. Sie war klein, resolut und sprudelte schier über vor Energie. Sie trug ein Kopftuch, um ihre Haare aus der Stirn zu halten, und sie hatte in ihrem blauen Sommerkittel offenbar schon auf den Knien gelegen, um das Gemeinschaftsbadezimmer zu putzen. Für sie hatte der Sonntag mit Arbeit begonnen.

"Was ist, Mama?", fragte Tatiana, ohne den Kopf zu heben. Daschas Haare kitzelten sie am Rücken. Sie hatte eine Hand auf Tatianas Bein gelegt und beugte sich über ihre Schwester, um ihr einen Kuss zu geben. Zärtlichkeit stieg in Tatiana auf, aber bevor Dascha etwas sagen konnte, ertönte Mamas raue Stimme. "Steh rasch auf. In ein paar Minuten gibt es im Radio eine wichtige Ankündigung."

Tatiana flüsterte Dascha zu: "Wo warst du heute Nacht? Du bist erst im Morgengrauen nach Hause gekommen." "Kann ich etwas dafür, dass das Morgengrauen schon um Mitternacht begann?", wisperte Dascha augenzwinkernd. "Ich bin ganz brav um Mitternacht nach Hause gekommen." Sie grinste. "Ihr habt alle schon geschlafen."

"Um drei hat es gedämmert, und da warst du noch nicht zu Hause."

Dascha schwieg. "Ich werde Papa sagen, dass ich nicht mehr über den Fluss gekommen bin, als sie um drei die Brücke hochgezogen haben."

"Ja, tu das. Und dann erklär ihm, was du um drei Uhr morgens auf der anderen Seite des Flusses getan hast." Tatiana drehte sich um.

Dascha sah heute Morgen bezaubernd aus. Sie hatte lockige dunkelbraune Haare und ein lebhaftes, rundes Gesicht mit dunklen Augen, in denen sich ihre Gefühle widerspiegelten. Im Moment zeugten sie von fröhlicher Erschöpfung. Auch Tatiana war erschöpft - allerdings nicht so fröhlich wie ihre Schwester. Sie hätte gern weitergeschlafen.

Sie warf ihrer Mutter, die einen angespannten Eindruck machte, einen Blick zu. "Was für eine Ankündigung?" Ihre Mutter nahm das Bettzeug vom Sofa. "Mama! Um was für eine Ankündigung geht es denn?", wiederholte Tatiana.

"In ein paar Minuten gibt die Regierung etwas bekannt. Mehr weiß ich nicht", erwiderte ihre Mutter kopfschüttelnd, als wolle sie sagen: "Was ist denn daran nicht zu verstehen"?

Tatiana rieb sich die Augen. Ankündigung ... Es war ein seltenes Ereignis, wenn die Musik einmal von einer Regierungsnachricht unterbrochen wurde. "Vielleicht sind wir ja wieder in Finnland einmarschiert." "Still", wies Mama sie zurecht.

"Oder vielleicht sind sie bei "uns" einmarschiert. Seit die Finnen letztes Jahr ihre Grenze opfern mussten, wollen sie sie schließlich zurückhaben."

"Wir sind da nicht einmarschiert", sagte Dascha. "Letztes Jahr haben wir uns "unser" Stück Land zurückgeholt, das wir im Großen Krieg verloren haben. Und du solltest aufhören, die Gespräche der Erwachsenen zu belauschen." "Wir haben kein Land verloren", erwiderte Tatiana. "Genösse Lenin hat es freiwillig und wissentlich weggegeben. Das zählt nicht."

"Tania, wir befinden uns nicht im Krieg mit Finnland. Und jetzt steh auf."

Aber Tatiana stand nicht auf. "Dann Lettland oder Litauen? Weißrussland? Haben wir uns die nach dem Hitler-Stalin-Pakt nicht auch angeeignet?" "Tatiana Georgiewna! Hör auf!"

Immer wenn die Mutter Tatiana klar machen wollte, dass mit ihr nicht zu spaßen war, nannte sie ihre Tochter beim Vor- und Nachnamen.

Tatiana tat ganz ernst. "Was gibt es denn sonst noch? Die Hälfte von Polen haben wir doch schon."

"Ich sagte, hör auf!", rief Mama aus. "Genug geplappert! Steh endlich auf. Daria Georgiewna, hol deine Schwester aus dem Bett!"

Dascha rührte sich nicht. Murrend verließ Mama das Zimmer.

Dascha drehte sich rasch zu Tatiana um und flüsterte verschwörerisch: "Ich muss dir etwas erzählen." "Etwas Schönes?" Tatianas Neugier war erwacht. Dascha erzählte für gewöhnlich kaum etwas von ihrem Erwachsenenleben. Tatiana setzte sich auf.

"Etwas Großartiges!", erwiderte Dascha. "Ich habe mich verliebt."

Tatiana verdrehte die Augen und ließ sich zurück aufs Bett fallen.

Dascha warf sich auf sie. "Es ist ernst, Tania." "Ja, ja, schon gut. Hast du ihn gestern kennen gelernt, als die Brücken schon hochgezogen waren?" Sie lächelte. "Gestern haben wir uns zum dritten Mal gesehen." Kopfschüttelnd blickte Tatiana Dascha an, deren Freude ansteckend wirkte. "Kannst du bitte von mir runtergehen?" "Nein, kann ich nicht", erwiderte Dascha und kitzelte sie. "Erst wenn du sagst: "Ich bin glücklich, Dascha<." "Warum sollte ich das sagen?", rief Tatiana lachend aus. "Ich bin gar nicht glücklich. Hör auf damit! Warum sollte ich glücklich sein? "Ich bin doch nicht verliebt". Lass es sein!" Mama kam mit einem Tablett zurück ins Zimmer, auf dem sechs Tassen und ein silberner Samowar standen. "Ihr zwei hört jetzt sofort auf! Schluss! "

"Ja, Mama", antwortete Dascha und kitzelte Tatiana ein letztes Mal.

"Aua!", schrie Tatiana. "Mama, ich glaube, sie hat mir die Rippen gebrochen."

"Ich werde dir gleich etwas ganz anderes brechen. Ihr seid beide schon viel zu groß für solche Spielchen." Dascha streckte Tatiana die Zunge heraus. "Wirklich, sehr erwachsen", sagte Tatiana. "Unsere Mamuschka weiß gar nicht, dass du erst zwei bist."

Dascha streckte ihr abermals die Zunge heraus und Tatiana griff danach. Dascha quiekte und sie ließ wieder los. "Was habe ich gesagt?", donnerte Mama. Dascha flüsterte Tatiana ins Ohr: "Warte erst mal, bis du ihn kennen lernst. So einen gut aussehenden Mann hast du noch nie gesehen!"

"Du meinst, er sieht besser aus als Sergei, mit dem du mich so gequält hast? Hast du mir über den nicht auch erzählt, er sähe so gut aus?"

"Hör auf!", zischte Dascha und kniff Tatiana ins Bein. "Natürlich." Tatiana grinste. "Und war das nicht erst letzte Woche?" "Das wirst du nie begreifen, weil du eben noch ein Kind bist."

Noch ein Knuff. Als Mama plötzlich losbrüllte, hielten die beiden Mädchen inne.

Tatianas Vater, Georgi Wassiliewitsch Metanow, kam herein. Er war ein kleiner Mann in den Vierzigern, und seine schwarzen, vollen Haare zeigten einen ersten leichten Anflug von Grau. Dascha hatte die lockigen Haare von Papa geerbt. Er trat an das Bett heran und blickte auf Tatiana, die immer noch zugedeckt war. Dann sagte er: "Tania, es ist Mittag. Steh auf oder es gibt Ärger. In zwei Minuten will ich dich angezogen sehen." "Das ist leicht", erwiderte Tatiana, sprang aus dem Bett und zeigte ihrer Familie, dass sie immer noch Bluse und Rock von gestern trug. Dascha und Mama schüttelten zwar die Köpfe, aber Mama lächelte dabei.

Papa blickte zum Fenster hinaus. "Was sollen wir nur mit ihr machen, Irina?"

Nichts, dachte Tatiana, nichts, solange Papa immer wegschaut. "Ich muss endlich heiraten", sagte Dascha, die immer noch auf dem Bett saß. "Damit ich endlich ein eigenes Zimmer habe." "Du machst Witze", erwiderte Tatiana und hopste auf dem Bett auf und ab. "Du wirst mit deinem Ehemann hier wohnen. Ich, du, er - wir alle werden in einem Bett schlafen, und Pascha wird zu unseren Füßen liegen. Romantisch, nicht wahr?" "Heirate nicht, Daschenka", erwiderte ihre Mutter geistesabwesend. "Zumindest dieses Mal hat Tania Recht. Wir haben keinen Platz."

Ihr Vater sagte gar nichts, sondern stellte das Radio an. In dem langen, schmalen Zimmer gab es das Doppelbett von Tatiana und Dascha, ein Sofa, auf dem Papa und Mama schliefen, und ein niedriges Eisenbett für Tatianas Zwillingsbruder Pascha. Es stand am Fußende des Bettes der Mädchen und Pascha bezeichnete sich selbst immer als ihren kleinen Schoßhund.

Tatianas Großeltern, Babuschka und Deda, wohnten im Zimmer nebenan, das mit ihrem durch einen Flur verbunden war. Ab und zu schlief Dascha auf dem kleinen Sofa im Flur, wenn sie spät nach Hause kam und ihre Eltern nicht stören oder keinen Ärger bekommen wollte. Das Flursofa war nur anderthalb Meter lang und somit eher für Tatiana geeignet, denn sie war noch nicht so groß. Aber Tatiana brauchte nicht im Flur zu schlafen. Sie kam im Gegensatz zu Dascha selten spät nach Hause.

"Wo ist Pascha?", fragte Tatiana.

"Er frühstückt gerade", erwiderte Mama. Sie konnte nicht still stehen. Während Papa bewegungslos auf dem alten Sofa saß, wuselte Mama geschäftig um ihn herum, räumte leere Zigarettenschachteln weg, rückte Bücher auf dem Regal gerade und wischte mit der Hand über den kleinen Tisch. Tatiana stand immer noch auf dem Bett und Dascha saß neben ihr. Die Metanows hatten Glück. Sie bewohnten zwei Zimmer und ein Stück des Gemeinschaftsflurs. Vor sechs Jahren hatten sie am Ende des Korridors eine Tür eingesetzt, und dadurch besaßen sie beinahe eine eigene Wohnung. Die Iglenkos am anderen Ende der großen Wohnung schliefen zu sechst in einem Zimmer - direkt neben dem öffentlichen Flur. "Das war wirklich Pech". Die Sonne schien durch die weißen Gardinen, die sich im Wind bewegten.

Tatiana wusste, dass ihr nur ein kurzer Moment blieb, sich die Möglichkeiten des Tages auszumalen. Gleich würde alles vorüber sein. Und doch ... die Sonne, die ins Zimmer schien, das ferne Rumpeln der Busse, das durch das offene Fenster drang, der leichte Wind ...

Das war der Teil des Sonntags, den Tatiana am meisten liebte: der Anfang.

Pascha kam mit Deda und Babuschka herein. Obwohl er Tatianas Zwillingsbruder war, sah er ihr überhaupt nicht ähnlich. Er war ein stämmiger, dunkelhaariger Junge, eine kleinere Ausgabe seines Vaters. Er nickte Tatiana kurz zu und formte lautlos mit den Lippen: "Hübsche Frisur."

Tatiana streckte ihm die Zunge raus. Sie hatte sich die Haare weder gekämmt noch zusammengebunden. Pascha setzte sich auf seine niedrige Liege und Babuschka kuschelte sich neben ihn. Weil sie die größte der Metanows war, fragte die ganze Familie sie in allen Angelegenheiten um Rat, außer, wenn es um Moralfragen ging. In diesem Fall wandte man sich besser an Deda. Babuschka war eine silberhaarige, ernste und imposante ältere Frau. Ihr Mann Deda hingegen war dunkelhaarig, lieb und demütig. Er setzte sich neben Papa auf das Sofa und murmelte: "Es ist etwas Großes, Sohn." Papa nickte besorgt.

Mama fuhr nervös fort, Ordnung zu schaffen. Tatiana sah zu, wie Babuschka Paschas Rücken streichelte. "Pascha", flüsterte sie und rutschte ans Fußende des Bettes, "wollen wir nachher in den Taurischen Garten gehen? Heute schlage ich dich beim Kriegspielen!"

"Träum weiter", erwiderte Pascha. "Du schlägst mich nie im Leben."

Aus dem Radio drangen klickende Geräusche. Es war 11.30 Uhr am 2.2. Juni 1941.

"Tania, sei ruhig und setz dich", befahl Papa seiner Tochter. "Sie fangen an. Irina, setz dich auch hin." Genösse Wjatscheslaw Molotow, Joseph Stalins Außenminister, begann:

"Männer und Frauen, Bürger der Sowjetunion - die sowjetische Regierung und ihr Präsident, Genösse Stalin, haben mich angewiesen, Folgendes bekannt zu geben. Um vier Uhr morgens haben deutsche Streitkräfte den Krieg in unser Land gebracht, ohne dass der Sowjetunion irgendeine Begründung oder Kriegserklärung übermittelt wurde. Kiew, Sebastopol, Kowno und andere Städte wurden bombardiert. Der Angriff gegen die Sowjetunion wurde trotz der Tatsache unternommen, dass zwischen Deutschland und Russland ein Nichtangriffspakt besteht, der von uns bis in die kleinsten Einzelheiten in verantwortungsvoller Weise eingehalten wurde. Wir sind angegriffen worden, obwohl die deutsche Regierung nicht die geringste Beschwerde darüber geäußert hat, dass die UdSSR ihre Verpflichtungen nicht erfüllt habe ... Die Regierung fordert euch, Männer und Frauen der Sowjetunion, auf, euch noch stärker der glorreichen bolschewistischen Partei, der sowjetischen Regierung und unserem großen Führer, dem Genossen Stalin, zu verpflichten. Unsere Sache ist gerecht. Wir werden den Feind zermalmen. Der Sieg wird unser sein."

Im Radio wurde es still und die Familie saß schweigend und wie erstarrt da.

Schließlich sagte Papa: "Oh, mein Gott." Er starrte Pascha an. Mama sagte: "Wir müssen sofort unser Geld von der Bank holen."

Babuschka Anna sagte: "Nicht schon wieder eine Evakuierung! Noch mal überleben wir das nicht. Wir sollten besser in der Stadt bleiben."

Deda sagte: "Ob ich wohl noch einmal eine Stelle als Lehrer bekomme? Ich bin fast vierundsechzig. Es ist eher Zeit zu sterben, als schon wieder weiterzuziehen."

Dascha sagte: "Die Garnison in Leningrad zieht nicht in den Krieg, nicht wahr? Oder müssen sie auch in den Krieg?" Pascha sagte: "Krieg! Tania, hast du das gehört? Ich melde mich freiwillig. Ich kämpfe für Mütterchen Russland." Bevor Tatiana antworten konnte, sprang ihr Vater auf und schrie Pascha an: "Was denkst du dir? Wer soll dich denn nehmen?"

"Ach, komm, Papuschka", erwiderte Pascha lächelnd. "Gute Männer werden im Krieg immer gebraucht." "Gute Männer ja, aber keine Kinder", fuhr Papa ihn an und kniete sich auf den Boden, um unter Daschas und Tatianas Bett zu schauen.

"Krieg! Das ist doch nicht möglich", sagte Tatiana langsam. "Hat Genösse Stalin nicht einen Friedensvertrag unterzeichnet?"

Mama schenkte Tee ein und erwiderte: "Tania, es ist die Wahrheit. Es ist wirklich wahr."

Tatiana versuchte, die Begeisterung in ihrer Stimme zu unterdrücken, als sie fragte: "Werden wir ... evakuiert?" Papa zog einen alten, schäbigen Koffer unter dem Bett hervor. "So schnell schon?", fragte Tatiana.

Sie kannte die Evakuierung aus den Geschichten, die Deda und Babuschka ihr von den unruhigen Zeiten während der Revolution von 1917 erzählt hatten, als sie in den Ural in ein Dorf gezogen waren, dessen Namen sich Tatiana nie merken konnte. Wie sie mit all ihren Habseligkeiten auf den Zug gewartet, sich hineingedrängt hatten und schließlich mit einem Boot über die Wolga gefahren waren ... Die Aussicht auf Veränderung gefiel Tatiana. Das Unbekannte reizte sie. Sie war erst einmal in Moskau gewesen, und da auch nur kurz, mit acht Jahren - zählte das überhaupt? Moskau war nicht besonders exotisch. Es war nicht Afrika oder Amerika. Es lag ja noch nicht einmal im Ural. Es war einfach nur Moskau. Abgesehen vorn Roten Platz gab es da nichts, nichts, das besonders schön war.

Die Metanows hatten ein paar Tagesausflüge nach Zarskoje Selo und Peterhof gemacht. Die Sommerpaläste der Zaren waren von den Bolschewisten in großzügige Museen mit Parkanlagen verwandelt worden. Während Tatiana durch die Gänge in Peterhof wandelte und vorsichtig über den kalten, geäderten Marmorboden schritt, konnte sie sich kaum vorstellen, dass es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der Menschen inmitten dieser Pracht gelebt hatten.

Aber danach war die Familie wieder nach Leningrad in ihre zwei Zimmer zurückgekehrt, und bevor Tatiana in ihr Zimmer gelangte, müsste sie an den sechs Iglenkos vorbei, deren Tür zum Flur hin offen stand.

Als Tatiana drei war, hatte die Familie auf der Krim Urlaub gemacht, genau in dem Gebiet, das jetzt von den Deutschen angegriffen worden war. Von dieser Reise war ihr nur eins in Erinnerung geblieben: wie sie zum ersten Mal in ihrem Leben - und auch zum letzten Mal - eine rohe Kartoffel gegessen hatte. Außerdem hatte sie Kaulquappen in einem kleinen Teich beobachtet. Damals hatte sie nur mit einer dünnen Decke in einem Zelt auf dem Boden geschlafen. Vage erinnerte sie sich an den Geruch von Salzwasser. An einem kühlen Apriltag hatte Tatiana im Schwarzen Meer eine Qualle gespürt, die an ihrem kleinen, nackten Körper entlanggeglitten war und sie vor erschrecktem Entzücken hatte aufkreischen lassen.

Der Gedanke an die Evakuierung erfüllte Tatiana mit großer Aufregung. Sie war 1924, im Jahr von Lenins Tod, zur Welt gekommen, "nach" der Revolution, nach dem Hunger, nach dem Bürgerkrieg. Sie hatte die schlimmen Ereignisse nicht miterlebt, aber was jetzt bevorstand, war gewiss nicht weniger schrecklich. Deda blickte sie mit seinen schwarzen Augen prüfend an und fragte: "Taneschka, was denkst du gerade?" Sie versuchte, gleichmütig zu wirken. "Nichts."

"Was geht in deinem Kopf vor? Es ist Krieg. Verstehst du?" "Ich verstehe."

"Irgendwie habe ich das Gefühl, das tust du nicht." Deda schwieg. "Tania, das Leben, wie du es kennst, ist jetzt vorbei. Denk an meine Worte. Von diesem Tag an wird nichts mehr so sein, wie es mal war."

Pascha rief aus: "Ja! Wir werden die Deutschen zur Hölle jagen, wo sie hingehören!" Er lächelte Tatiana an, die sein Lächeln erwiderte. Papa und Mama sagten gar nichts. Papa fragte schließlich: "Ja. Und was dann?" Babuschka setzte sich auf das Sofa neben Deda. Sie legte ihre große Hand auf seine und nickte mit geschürzten Lippen. Durch diese Geste wurde Tatiana klar, dass Babuschka Dinge wusste, die sie lieber für sich behielt. Auch Deda wusste davon. Doch für Tatiana war das nicht von Belang. Das ist schon in Ordnung, dachte sie. Sie verstehen nicht. Sie sind nicht mehr jung.

Mama brach das Schweigen. "Was willst du tun, Georgi Wassiliewitsch?"

"Wir haben zu viele Kinder, Irina Fedorowna. Zu viele Kinder, um die man sich Sorgen machen muss", erwiderte er trübsinnig und mühte sich mit Paschas Koffer ab.

Leseprobe zu "Die Liebenden von Leningrad" von Paullina Simons

PDF anzeigen

Andere Kunden interessierten sich auch für

Kundenbewertungen zu "Die Liebenden von Leningrad" von "Paullina Simons"

Durchschnittliche Kundenbewertung 4.9 von 5 Sterne bei 26 Bewertungen ***** ausgezeichnet
(aus 26 Bewertungen)
Kundenbewertungen sortieren:
hilfreichste - beste - neueste

««« zurück123vor »

Bewertung von sylwifusel aus Hoogstede am 03.01.2012 ***** ausgezeichnet
viel sagen werde ich nicht . das buch ist einfach klasse. es gibt selten so gute bücher wie dieses hier!!

War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Signorina aus Braunschweig am 25.09.2010 ***** ausgezeichnet
MIch haben schon eine ganze Zeit historische Romane gefesselt und dieses Buch hat alles übertroffen. Geschichte war mir immer zu langweilig, trotzdem interessierte sie mich. In diesem Buch fand ich alles was ich mir wünschte, Geschichte durch historische Ereignisse und das so realistisch dargestellt. Ansonsten zeigt es auch eine faszinierende Liebesgeschichte, denn trotz des schrecklichen 2.Weltkriegs haben Alexander und Tatiana durch ihre innige Liebe Kraft gehabt weiter zu leben und auch alle ihre Hindernisse z.T. mit viel Leid zu überwinden.
Freu mich schon auf das 2. und 3. Buch.

War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von unbekanntem Benutzer am 08.06.2010 ***** ausgezeichnet
Dieses Buch war abolut mitreißend.
Vor allem erfüllt es alle Anforderungen, die man an ein gutes Buch stellt.
Liebe, Abenteuer, Historik, Leidenschaft, Sehnsucht und vor allem ist die ganze Geschichte recht realistisch dargestellt.
Denn es geht auch sehr viel um Ungerechtigeit, so dass man während des Lesens immer darauf hofft, dass alles gut wird, was man aber nicht weiß.
Ich hatte dieses Buch nach nicht einmal 24 Stunden ausgelesen, von denen ich etwa 3 geschlafen habe.
Das beste Buch seit langem.

War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Marga aus München am 25.09.2009 ***** ausgezeichnet
Ich bekam dieses Buch geschenkt. Erst dachte ich "Rußland, Krieg" na ja ...
Aber nach den ersten Seiten nimmt einen das Buch in 'Beschlag'. Man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen, Haushalt usw. alles ist egal .... nur noch lesen.
Danach 'verschlingt' man auch Band 2 "Tatiana und Alexander" und Band 3 "Land der Lupinen".

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Maria aus Bisingen am 03.08.2009 ***** ausgezeichnet
Ich bin normaleweise eine Krimiliebhaberin, aber ich habe mich auch zu diesem faszinierenden dicken Buch gewagt. Es ist einfach super! Diejenigen die Liebesromane lieben, sollten UNBEDINGT diesen Buch lesen. Ich habe schon von vielen gehört, dass es ihnen sehr gefallen hat. Der Schreibstil, die bedrückende Geschichte, man kann das Buch einfach nicht mehr aus der Hand nehmen.
Also dieses Buch darf in keinem Bücherregal daheim fehlen!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Maria Elena aus Essen am 03.06.2009 ***** ausgezeichnet
Wunderbares Buch. Es ist spannend und herzzerreißend. Das beste „Liebesbuch“, das ich je gelesen habe. Es wird schwer sein, wieder so tolles Buch zu finden.

War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Jule am 20.05.2009 ***** sehr gut
An den Schreibstil musste ich mich erst gewöhnen, aber vielleicht lag das auch an der deutschen Übersetzung. Und der Charakter der Tatjana hat mich Zwischendurch zur Weißglut getrieben. Jedoch wird man irgendwann unbemerkt von der Geschichte gefangen genommen. Es ist Jahre her, dass ich dieses Buch gelesen hab, aber es hat mich bis heute nicht losgelassen!

War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Elisabeth T. aus W.......g am 17.01.2009 ***** ausgezeichnet
Das Buch wurde mir von einer Bekannten empfohlen, als das beste Buch, das sie je gelesen hat. Ich kann mich dem nur anschließen. Konnte kaum abwarten, das zweite Buch zu lesen

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Bine aus Baden-Württemberg am 28.07.2008 ***** ausgezeichnet
Super toll und schön ! Ich war begeistert und faziniert zugleich. Ich habe das Buch mit über 700 Seiten innerhalb von 2 Tagen verschlungen und konnte es nicht mehr aus den Händen legen. Jede freie Minute habe ich darin gelesen. Für mich das beste Buch, was ich bisher je gelesen habe. Ich habe sogar von den "Titelhelden" geträumt und diese Spannung und Fazination kann man eigentlich nicht in Worte fassen. Man muß es einfach gelesen haben ! Achtung: Taschentücher bereit halten ! Ich war so begeistert, daß ich es meiner Freundin weiter gegeben habe. Diese wiederum hat es auch weiter empfohlen und so weiter. Wirklich schön und zugleich auch traurig.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Ingeborg Elies aus 18435 Stralsund am 05.06.2008 ***** sehr gut
Ich finde dieses Buch wurde sehr gut und spannend geschrieben, aber es regt auch zum denken an. Es hat auch leise Töne.


Ingeborg Elies

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich? JA NEIN
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

««« zurück123vor »

Sie kennen "Die Liebenden von Leningrad" von Paullina Simons ?
Tipp: Stöbern Sie doch mal ein wenig durch ausgewählte aktuelle Bewertungen in unserem Shop

9 Marktplatz-Angebote für "Die Liebenden von Leningrad" ab EUR 2,99

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
gebraucht; sehr gut 2,99 1,99 Banküberweisung, PayPal, Selbstabholung und Barzahlung Versandantiquariat Felix Mücke 98,4% ansehen
wie neu 3,40 1,05 Banküberweisung Heinrich2 100,0% ansehen
wie neu 3,89 0,85 Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung Schnäppchen-Buc hversand 99,6% ansehen
5,00 2,00 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, Banküberweisung Steamhead Records & Books 99,1% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 5,00 2,00 Banküberweisung, PayPal anderl1806 100,0% ansehen
gebraucht; gut 6,30 2,00 offene Rechnung Die Buchecke 99,6% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 7,53 1,50 Kreditkarte, offene Rechnung AHA-BUCH GmbH 99,5% ansehen
wie neu 9,50 1,50 Lastschrift, Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buchversand Zorneding 97,2% ansehen
gut - gebraucht 18,47 2,00 Banküberweisung, PayPal, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) buchgenie.de 99,1% ansehen

Mehr von

Mehr zum Thema

Andere Kunden kauften auch