Leseprobe zu "Wächter/Bd.3" von Arthur C. Clarke; Stephen Baxter
Februar 2069
Es war nicht wie ein Erwachen. Es war eher wie ein plötzliches Auftauchen, wie ein Paukenschlag. Ihre Augen waren weit offen und wurden von grellem Licht geblendet. Sie sog in tiefen Zügen Luft in die Lunge und keuchte durch den Schock der Identitätsfindung.
Ja, ein Schock. Sie dürfte eigentlich gar nicht wach sein. Irgendetwas stimmte nicht.
Eine fahle Gestalt schwamm in der Luft.
"Dr. Heyer?"
"Nein. Nein, ich bin es, Mama."
Ihr Blick wurde etwas klarer. Ja, das war ihre Tochter - dieses markante Gesicht, diese klaren blauen Augen, diese leicht buschigen dunklen Brauen. Aber was war das auf ihrer Wange? Eine Art Symbol? Eine Tätowierung?
"Myra?", fragte sie mit heiserer Kehle und dünner Stimme. Sie war sich nun bewusst, dass sie sich auf dem Rücken liegend in einem Raum mit Ausrüstungsgegenständen befand. Und Leute hielten sich direkt außerhalb ihres Blickfeldes auf. "Was ist denn schiefgegangen?"
"Schiefgegangen?"
"Weshalb wurde ich nicht in Estivation, in einen Sommerschlaf versetzt?"
Myra zögerte. "Mama - was glaubst du wohl, welches Datum wir heute schreiben?"
"2050. Der 5. Juni."
"Nein. Wir haben 2069, Mama. Februar. Neunzehn Jahre später. Der Tiefschlaf hat funktioniert." Nun sah Bisesa graue Strähnen in Myras dunklem Haar und Fältchen um die wachen Augen. "Wie du siehst, habe ich den Umweg genommen."
Das stimmte wohl. Bisesa hatte wieder einen "Sieben-Meilen-Schritt" in ihrer persönlichen Zeit-Odyssee gemacht. "Meine Güte."
"Dr. Heyer?"
"Nein. Dr. Heyer ist schon lange im Ruhestand. Mein Name ist Dr. Stanton. Wir beginnen jetzt mit der vollen Blut-Befüllung. Es wird leider etwas wehtun."
Bisesa versuchte, sich die Lippen zu lecken. "Weshalb bin ich überhaupt wach?", fragte sie und beantwortete sich die Frage sofort selbst. "Ach so. Die Erstgeborenen." Aber weshalb waren sie wieder aktuell? "Eine neue Gefahr."
Myra legte schmerzlich das Gesicht in Falten. "Du bist seit neunzehn Jahren weg gewesen. Und deine erste Frage an uns betrifft die Erstgeborenen. Ich komme wieder, wenn du vollständig wiederbelebt bist."
"Myra, warte."
Aber Myra war schon gegangen.
Die neue Ärztin hatte recht. Es tat weh. Aber Bisesa war einmal Soldat in der britischen Armee gewesen. Sie unterdrückte einen Schrei.
DEEP SPRUE MONITOR
Juni 2064
Der Blick der Menschheit für die neue Bedrohung war fünf Jahre zuvor geschärft worden. Und die Augen, die die Anomalie sahen, waren elektronisch und nicht menschlich.
Deep Space Monitor X7-6102-016 schwebte im Schatten des Saturn, wo die Monde wie Laternenketten hingen. Die Ringe des Saturn waren nur noch ein schwacher Abglanz ihrer selbst im Vergleich zur Zeit vor dem Sonnensturm; doch während die Sonde der fernen Sonne hinter den Ringen zustrebte, verwandelten sie sich in eine silberne Brücke, die den Himmel überspannte.
Der Deep Space Monitor wurde zwar nicht von Gefühlen der Ehrfurcht ergriffen. Doch wie jede halbwegs moderne Maschine war auch er bis zu einem gewissen Grad empfindungsfähig, und seine elektronische Seele wurde von den schönen Strukturen aus Gas und Eis berührt, durch die er hindurchflog. Aber er traf keine Anstalten, sie auch zu erforschen.
Lautlos näherte die Sonde sich dem nächsten Ziel auf ihrer Orbitalschleife.
Titan, der größte der Saturnmonde, war eine amorphe ockerfarbene Kugel, angestrahlt vom schwachen Licht der fernen Sonne. Doch unter den tiefen Wolken- und Dunstschichten verbargen sich wahre Wunder. Bei der Annäherung an den Mond lauschte DSM X7-6102-016 aufmerksam auf das elektronische Plappern eines Schwarms von Robot-Explorern.
Unter einem trübe verhangenen orangefarbenen Himmel krabbelten käferartige Rover über steinharte Sanddünen aus Eiskristallen, umrundeten Methan-Geysire, krochen vorsichtig in Täler, die von Flüssen aus Methan gegraben worden waren, und bohrten sich in eine Oberfläche, die durch einen ständigen, den ganzen Mond umspannenden Nieselregen aus Methan in Schlamm verwandelt wurde. Ein besonders mutiger Ballon-Explorer, der in der dichten Luft Auftrieb bekam, schwebte über einen Cryo-Vulkan, aus dem Lava aus mit Ammoniak versetztem Wasser quoll. Tauchroboter gruben sich ein und untersuchten Taschen mit flüssigem Wasser direkt unter der Eisoberfläche - zugefrorene Seen, die sich in Einschlagkratern erhalten hatten. Es wimmelte hier nur so von komplexen organischen Organismen, die durch Gewitter in der Titan-Atmosphäre erschaffen wurden und durch den Umstand, dass die oberen Luftschichten durch die Einwirkung des Sonnenlichts und Saturns Magnetfeld in einen Hexenkessel verwandelt wurden.
Wohin die Sonden auch schauten, fanden sie Leben. Zum Teil war dieses Leben erdähnlich - anaerobe Organismen, die im Methan im wahrsten Sinne des Worts in ihrem "Element" waren und unablässig Pfeiler und Hügel im kalten Schlamm der Kraterseen errichteten. Eine exotischere Form von Leben auf Kohlenstoffbasis, die sich mangels Wasser mit Ammoniak behalf, schwamm in der Suppe umher, die aus den Cryo-Vulkanen schwappte. Am exotischsten aber war eine Gemeinschaft von Schleim-Organismen, die Kohlenstoff- anstatt Silikonverbindungen als Grundbausteine ihrer Existenz verwendete; sie lebten in der beißenden Kälte der schwarzen, spiegelglatten Ethan-Seen.
Die Organismen in den Kraterseen waren Verwandte der großen irdischen Lebens-Familien. Die Ammoniak-Fische aber schienen "Ureinwohner" von Titan zu sein. Der Kälte liebende Titan-Schleim stammte vielleicht von den Monden des Neptun oder von noch weiter draußen. Das Sonnensystem war voller Leben - Leben, das überall spross; sogar in Gesteins- und Eisbrocken, die durch Einschläge abgesprengt worden waren. Und doch nahm Titan eine Sonderrolle ein: Er war ein Schmelztiegel von Lebensformen aus dem ganzen Sonnensystem und vielleicht sogar aus anderen Systemen.
Jedoch war Deep Space Monitor X7-6102-016 nicht aus wissenschaftlichen Gründen zum Titan gekommen.