Vellum - Duncan, Hal

Hal Duncan 

Vellum

Roman

Deutsch v. Hannes Riffel
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Vellum

Im dunklen Gewölbe einer Bibliothek stößt Reynard Carter auf ein legendäres Buch, in dem nicht nur das Schicksal aller Menschen geschrieben stehen soll, sondern auch die wahren Namen aller Lebewesen, die jemals im Himmel und auf Erden wandelten - sogar der wahre Name Gottes. Wer diese Namen kennt, hat Macht über ihre Träger, ihm offenbaren sich die Geheimnisse des Universums. Doch als Reynard das Buch aufschlägt, verändert sich die ganze Welt! Sein ganzes bisheriges Leben kommt ihm plötzlich vor wie ein Traum, und er bricht auf zu einer Reise, die ihn an die Grenzen der Wirklichkeit führen wird und darüber hinaus ...


Produktinformation

  • Verlag: Golkonda Verlag
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 593 S.
  • Seitenzahl: 593
  • Das ewige Stundenbuch Bd.1
  • Deutsch
  • Abmessung: 21, 5 cm
  • Gewicht: 905g
  • ISBN-13: 9783926126726
  • ISBN-10: 3926126728
  • Best.Nr.: 22911550
"Ein Feuerwerk an Ideen, brillant geschrieben, maßlos spannend: Vellum ist ein Roman, wie Sie noch keinen gelesen haben." The Bookseller

"Ein Buch, das einem im wahrsten Sinne den Atem raubt. Mit Vellum betritt ein ganz außerordentliches Talent die Bühne."

"Ein Feuerwerk an Ideen, brillant geschrieben, maßlos spannend: Vellum ist ein Roman, wie Sie noch keinen gelesen haben." The Bookseller

"Ein Buch, das einem im wahrsten Sinne den Atem raubt. Mit Vellum betritt ein ganz außerordentliches Talent die Bühne." The Times
Hal Duncan, Jahrgang 1971, wuchs im schottischen Ayrshire auf und lebt heute im West End von Glasgow. Er gehört dem Glasgow Writer's Circle an und arbeitet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Programmierer.

Leseprobe zu "Vellum" von Hal Duncan

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Leseprobe zu "Vellum" von Hal Duncan

Die Tagebücher des Reynard Carter Tag Null "Eine brennende Landkarte. Jedes Epos", sagte mein Freund Jack oft, "sollte mit einer brennenden Landkarte beginnen. Wie im Kino. Die verdammten Flammen verschlingen die ganze Welt; das Beste an diesen alten Filmen ist, wenn man sieht, wie die alte Landkarte aus Pergament in der Mitte allmählich ... schwärzer und schwärzer wird, knittert und knautscht, bis sie plötzlich einfach ... wuuusch!"

Das war typisch Jack; wenn ihn jemand fragte, was er zum Geburtstag wollte, wünschte er sich eine Explosion. Jack war verrückt, doch während ich das >Buch< weiter durchblätterte, immer schneller und schneller, mit jeder Seite mehr von einem wachsenden Gefühl des Grauens und der Ehrfurcht erfüllt, musste ich an das denken, was er gesagt hatte. Ich dachte an Götter und Tragödien, an Legenden und den Lauf der Geschichte oder an Filme, an deren Anfang Erzählungen aus grauer Vorzeit über die Leinwand flimmerten. Die Pergamentseiten in meiner Hand flackerten allerdings nicht im Schein eines Feuers, sondern im blassen Blau der Neonlampen in einem unterirdischen Kellergewölbe; und wenn etwas brannte, dann in meinem Kopf - ein Feuer der Erkenntnis, der Offenbarung. Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass die Welt um mich herum jeden Augenblick in Flammen und Asche verlodern würde, ihres Schleiers beraubt, und zum Vorschein käme ein blutiges Schauspiel, wie in einem reißerischen Hollywoodschinken choreographiert und von dröhnender, donnernder Musik begleitet, im Hintergrund Schreie und Schlachtenlärm.

Das >Buch<. Mir war ein Verdacht gekommen und ich schlug es noch einmal auf. Der Einband war aus Leder, spröde und wettergegerbt, dick und dunkel, seltsame Siegel waren hineingeprägt - ein Muster wie ein Auge, ein Kreis in einer Ellipse, mit kleineren Halbkreisen an den äußeren Rändern: ganz rechts und ganz links, ganz unten leicht nach rechts und ganz oben leicht nach links versetzt; darüber gelegt, aber etwas versetzt, ein Rechteck. Der geprägte Rahmen darum herum sah beinahe aus wie die gestohlenen Baupläne, die ich auf den Boden hatte fallen lassen. Ich schaute mich um und sah meinen Verdacht bestätigt - alles passte zusammen. Der große rechteckige Raum mit dem Eingang in der Ecke unten rechts; die Mauer linker Hand dicker, wie es sich gehörte, schließlich war sie eine tragende Wand für das Gebäude darüber; die beiden Sockelwände, die auf beiden Seiten einen Fuß weit in den Raum hineinragten, wie bei einem Durchbruch in der eigentlichen Brandmauer, zu einem Alkoven erweitert. Die winzige Nische am rückwärtigen Ende, die ich hinter einem großen Bücherschrank mit Glastüren entdeckt hatte und die auf den gestohlenen Plänen kaum sichtbar war, nur ganz dünn mit Bleistift eingezeichnet, alles andere dagegen mit Tinte.

Mein Gewissen regte sich, als ich all die Werke von Aristoteles und Nostradamus, Molière und wer weiß wem auf dem Boden liegen sah. Ich hatte sie unachtsam aufeinandergestapelt, damit ich den massiven Bücherschrank zur Seite wuchten konnte. Unschätzbare Ausgaben aus der Sammlung der Universität - Bücher, für die ein Student den Namen seines Tutors und den Forschungsgegenstand angeben musste, um sie sich ausleihen zu können. Sie wurden ihm dann vom Kustos in den Lesesaal im Obergeschoss gebracht, wo man sie behutsam vor ihn auf eine Filzunterlage auf dem Tisch bettete - Bücher, deren brüchige Seiten mit größter Vorsicht umgeblättert werden mussten, damit sie nicht zu Staub zerfielen. Und ich hatte sie wie Taschenbücher misshandelt, die man achtlos auf den Boden warf, um seine Möbel umzuräumen. Doch im Vergleich mit dem >Buch< waren sie wertlos; waren selbst die Kostbarsten bereits Staub.

Ich versuchte das Blut abzuwischen, das mir über die Stirn lief, und schlug das >Buch< erneut auf, auf der ersten Seite.

Das Ewige Stundenbuch Das Ewige Stundenbuch, so nannten es die Benediktiner im Mittelalter. Sie glaubten, es wäre Gottes Variante des prächtigen Stundenbuches irgendeines Herzogs - jene Stunde um Stunde, Tag um Tag, Monat um Monat umfassenden Wälzer der Zeremonien und frommen Betrachtung, von Mönchen im Kerzenschein mit Tinte geschrieben, in strahlenden Farben auf Velin - auf Vellum - gemalt, dem Pergament aus der Haut ungeborener Kälber, blass und doch reich an Farbtönen, nicht reinweiß gebleicht, sondern vergilbt, braun, hautfarben, erdfarben, holzfarben, knochenfarben - in Farben von Dingen, die einst Leben bedeutet hatten. Prinzen und Könige gaben solche Bücher in Auftrag, und es bedurfte Jahre gebeugter Rücken, verkrampfter Hände und nachlassenden Augenlichts, sie von Hand herzustellen. Die Benediktiner behaupteten, Gott selbst habe einen solchen Band in Auftrag gegeben, bei dem einzigen Engel, dem es gestattet gewesen war, hinter den Schleier zu treten und Sein Angesicht zu schauen, Seine Worte zu hören und sie niederzuschreiben. Enosch, der Patriarch, der an Gottes Seite wandelte und in den Himmel aufstieg, wo er zum Engel Metatron wurde, habe auf seinen Befehl hin Gottes Wort und jeden Augenblick der Ewigkeit niedergeschrieben, der letztgültige Leitfaden für diejenigen, die nach Seinen Geboten leben wollten, unbedingt, uneingeschränkt. Doch kein Mensch war so vollkommen, dies auf sich zu nehmen; also stritten sie ab, dass das >Buch< in dieser Welt überhaupt existiere, und behaupteten, es könne nur in der Ewigkeit aufgefunden werden, wo der Geist befreit sei von der Schwäche des Fleisches.

"Das Ewige Stundenbuch", hatte mein Vater gesagt. "Dein Großvater hat sich auf die Suche danach begeben, aber gefunden hat er es nie. Er konnte es gar nicht finden, denn es ist ein Mythos, ein frommer Wunsch. Es existiert nicht."

Ich erinnere mich noch gut an das leise Lächeln, das seine Lippen umspielte - diese Miene setzen vermutlich alle Väter und Mütter hin und wieder auf, wenn sie sehen, wie ihre Kinder die Torheiten der Eltern wiederholen, ein Lächeln, das sagt: Ja, das denken wir alle, wenn wir in deinem Alter sind, aber wenn du erst einmal älter bist, glaube mir, dann wirst du verstehen, dass die Welt anderen Regeln folgt.

Ich war zu ihm gekommen, um ihn über all die phantastischen Geschichten zu befragen, die ich gehört hatte - von den uralten Geheimnissen, über welche die Familie Carter verfügte, nicht einfach nur Leichen im Keller, sondern Leichen, in deren Knochen geheimnisvolle Runen geschnitzt waren; von Schränken mit falschen Rückwänden, hinter denen sich finstere Tunnel verbargen, die tief, tief hinab in die Erde führten.

"Aber Onkel Reynard hat gesagt, dass Großvater, als er im Orient war ... "

"Onkel Reynard ist ein unverbesserlicher alter Fuchs", sagte mein Vater. "Er erzählt tolle Geschichten, aber was er sagt, solltest du wirklich ... nicht unbedingt für bare Münze nehmen."

Ich weiß noch, wie entrüstet ich war, wie verwirrt. Ich war jung, so jung, dass es mir noch nicht in den Sinn gekommen war, zwei Erwachsene, denen ich vollkommen vertraute, könnten völlig unterschiedlicher Meinung sein. Mein Vater und sein Bruder Reynard - der Onkel, von dem ich meinen Namen habe - wussten schließlich über alles Bescheid, oder etwa nicht? Sie waren erwachsen. Mir war es nie in den Sinn gekommen, dass die Antworten, die sie mir auf meine Fragen gaben, miteinander unvereinbar sein könnten.

"Natürlich solltest du auf deinen Vater hören", hatte Onkel Reynard gesagt. "Ehrlich, mir solltest du kein Wort glauben. Wenn es um das >Buch< geht, bin ich nicht im Geringsten vertrauenswürdig."

Und er hielt meinem Blick mit vollkommener Aufrichtigkeit stand.

"Fast genauso wenig wie die Zisterzienser", sagte er.

Die Zisterzienser schalten die Benediktiner Narren. Sie waren durchaus davon überzeugt, dass das >Buch< in dieser Welt existierte, aber sie fürchteten es wie den Teufel. Sie verdammten das Manuskript als das diabolischste aller Zauberbücher, als ein Namensbuch der Toten, in dem jedes Geschöpf verzeichnet war, das jemals gelebt hatte oder leben würde - Mensch, Engel, Teufel.