Leseprobe zu "Upload" von Cory Doctorow
Ich hatte einmal einen Tai-Chi-Lehrer, der mir den Unterschied zwischen chinesischer und westlicher Medizin so erklärte: "Die westliche Medizin basiert auf Leichen, auf Dingen, die man entdeckt, wenn man tote Körper aufschneidet und zerlegt. Dagegen beruht die chinesische Medizin auf lebenden Körpern, auf Dingen, die man an vitalen, aktiven Menschen beobachten kann."
Wie jede gute Werbung ist diese Erklärung plakativ und übertrieben, außerdem auch nicht sonderlich genau, aber sie bleibt hängen. Bleibt so hängen wie die eingängige Melodie eines Top-40-Songs, die einem in den Mittagsstunden, wenn die Welt aufgrund des eigenen Schlafmangels eine täuschend hyperreale Klarheit annimmt, durch den Kopf geistert. So wie jetzt, wo ich in Unterwäsche auf dem Dach einer Nervenheilanstalt am Arsch der Welt, jenseits der Route 128 hocke. Von der Dauerbaustelle Boston so weit entfernt, dass von hier aus bloß eine Staubwolke zu sehen ist, als wäre eine Büffelherde über die Prärie getrampelt. So wie jetzt, wo ich mit einem Bleistift in der Nase dasitze, über eigenhändig durchgeführte Lobotomien nachdenke und mich frage, ob es nicht nett wäre, einen solchen Eingriff in meinem Schädel vorzunehmen. Tief Luft holen.
Der Unterschied zwischen chinesischer Medizin und westlicher Medizin besteht darin, dass die eine seziert und die andere das lebende Objekt beobachtet. Der Unterschied zwischen dem Lesen einer Geschichte und ihrer Analyse besteht darin, dass man in einem Fall in die Geschichte eintaucht und sie durchlebt, während man sie im anderen Fall in sich abtötet, um sich die Innereien anzuschauen.
Wie in der Schule! Im Englischunterricht sezierten wir die Geschichten, in die ich mich zu flüchten pflegte, öffneten ihre Bäuche, kennzeichneten ihre inneren Organe, waren so höflich, ihre Genitalien mit sterilen Tüchern zu verhüllen, machten uns pflichtbewusst jede Menge Notizen, die erklärten, um was es in der Geschichte ging, aber nie, was die Geschichte eigentlich ausmachte. Dabei sind Geschichten geistige Verführer, Viren, die sich am kritischen Immunsystem des Lesers vorbei schleichen und seine Emotionen unmittelbar beeinflussen. Wenn man sie tötet und seziert, wirken sie so jämmerlich nackt wie ein Nachtclub bei Tageslicht.
Das Thema. Der erste Schritt beim Sezieren einer Geschichte läuft schon auf literarische Euthanasie hinaus: "Was ist das Thema dieser Geschichte?"
Am besten, ich würge meine Geschichte schon ab, ehe ich mit dem Erzählen beginne, denn dann kann ich sie sezieren und begreifen. Das Thema dieser Geschichte lautet: "Was wären Sie lieber: klug oder glücklich?"
Auch diese Geschichte ist ein geistiger Verführer, denn sie stellt einen Menschen in den Mittelpunkt, der die Klugheit dem Glück vorzieht. Es sei denn, ich versetze dem Bleistift in meiner Nase einen Stoß: Dann ist es eine Geschichte über jemanden, dem Glück und Unglück mehr bedeuten als Klugheit. Es ist ein moralisches Lehrstück, und gleich wird der wichtigste Protagonist die Bühne betreten. Da er lediglich als Projektionsfläche für das Thema dient, habe ich ihn nur grob skizziert. Hier ist er also.
Art Berry war zum Streiten geboren.
Es gibt geborene Mörder. Zum Töten erzogen, haben sie Gerissenheit und Schnelligkeit schon mit der Muttermilch eingesaugt. Gnadenlos und unaufhaltsam gehen sie ihren Weg - Stoff für Legenden. Natürlich gibt es auch geborene Ballerinen, süße Mädchen, deren Eltern sie drillen und Härten unterwerfen, die genauso schlimm sind wie das Gift und die Stolperdrähte, mit denen die künftigen Mörder aufwachsen. Andere Kinder sind wie geschaffen dafür, später als Ärzte oder Juristen zu praktizieren oder ihrem Land zu dienen und in der edlen Tradition ihrer Ahnen den Heldentod zu sterben. Außerdem gibt es diejenigen, die dazu geboren sind, später einmal auf der Bühne zu stehen, bei Pferderennen den Rasen zu durchpflügen oder auf den Pisten qualmende Gummispuren zu hinterlassen.
Arts früheste Erinnerung: ein Traum. Er sitzt im Wartezimmer einer der unzähligen Ärzte fest, die ihn in seiner Kindheit behandelt haben. Zwar ist er höchstens drei, aber seine Aufnahmefähigkeit ist bereits so ausgeprägt, wie sie es für den Rest seines Lebens bleiben wird. Und in seinem Traum - der sich bald in einen Alptraum verwandelt - ist ihm schrecklich langweilig.
Die einzige Dekoration im Wartezimmer ist eine leere Trommel, die früher einmal Bauklötze enthielt. Oben drauf klebt eine bunte Abbildung der Klötzchen, die so aussehen, als könnte man viel Spaß damit haben, hätte jemand sie nicht alle verbummelt.
Unweit der Trommel sitzt ein Trio älterer Kinder - unendlich faszinierend für Art. Sie beraten sich kurz, dann stellen sie irgendetwas mit der Trommel an, und sie platzt auf, dehnt sich in die dritte Dimension und verwandelt sich in einen Stapel Bauklötze.
Aha!, denkt Art beim Aufwachen. Das hier ist bestimmt ein weiteres Teilchen des geheimen Wissens, über das ältere Leute verfügen, jener seltsamen Magie, die sie befähigt, Autos und Aufzüge zu bedienen oder Schnürsenkel zu binden.
Das nächste Jahr über wartet Art geduldig darauf, dass ihm ein Erwachsener erklärt, wie der Trick funktioniert, eine bunte Abbildung in einen Stapel bunter Bauklötze zu verwandeln, doch niemand zeigt es ihm. Viele andere Rätsel hat er inzwischen entschlüsselt, doch deren triviale Lösungen haben ihn von Mal zu Mal mehr enttäuscht. Selbst das Lenken eines Flugzeugs stellt sich als recht einfach heraus, als die nette Stewardess ihn auf dem Flug nach New York ein Weilchen ins Cockpit lässt.
Folglich schwand Arts Ehrfurcht vor dem komplexen Wissen der Erwachsenen. Im Alter von fünf Jahren kam er aus ständigen Tobsuchtsanfällen gar nicht mehr heraus, brüllte jeder Regel der Welt ein furchtloses Nein entgegen, stellte den Zweck und die moralische Begründung aller Vorschriften so lange in Frage, bis die frustrierten, genervten Erwachsenen die Überzeugungsarbeit schließlich aufgaben und ihm eine Ohrfeige verpassten oder ihm erklärten, es sei nun mal so, Punktum.
Er war sechs, als er seine Großmutter Ostern in die Kirche begleitete. Zu diesem Anlass hatten seine Eltern ihn in einen kratzigen Anzug und unbequeme Schuhe gesteckt. Der Besuch artete in einen heiligen Krieg aus, in dessen Verlauf die Gemeindemitglieder und der Priester in wechselnder Besetzung mit Art stritten.
Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. "Was schert es Gott, ob wir unsere Hüte abnehmen, Oma?" Aber die neugierigen Damen auf den benachbarten Kirchenbänken konnten es nicht dabei belassen, einfach nur zuzuhören. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Streitpunkt in der Kirche und drang schließlich auch bis zur Kanzel vor. Der Priester beschloss, die ganze Diskussion durch einige philosophische Wortspiele von Descartes abzuwürgen, an die er sich noch vage erinnerte. In diesen Überlegungen führt Descartes die objektive Wahrheit der Realität als Beweis für Gottes Wohltätigkeit an - und umgekehrt. All das gipfelt in dem Satz "Ich denke, also bin ich". Pater Ferlenghetti schaffte es sogar, diese Ausführungen in die vorbereitete Predigt einzuflechten, doch ehe er fortfahren konnte, gellte Arts schrille junge Stimme durchs Kirchenschiff.
Erstaunlicherweise hatte sich dieser Sechsjährige die ziemlich tückischen Rätsel Descartes in genau der Zeit zu eigen gemacht, die der Pater zu deren Erläuterung brauchte. Und jetzt benutzte er dieselben Argumente dazu, die zwangsläufige Bosheit Gottes zu beweisen, woraus er folgerte, dieses angeblich vollkommene Höchste Wesen könne per se gar nicht existieren. Oma wollte Art auf der Stelle nach Hause bringen, aber der Priester - der Jesuiten erlebt hatte, die sich mit intellektuellem Pingpong vergnügten, und ein Naturtalent auf den ersten Blick ausmachen konnte -bat ihn zur Kanzel. Dort nahm Art es mit der ganzen Kirchengemeinde auf, ob es Einzelne waren oder Gruppen. Als man seine Äußerungen in logischer Hinsicht angriff, konterte er, indem er rhetorische Fallen auslegte, in die sie mit dem Verstand von Kohlköpfen hineintappten. Pater Ferlenghetti lachte und verdeutlichte die Argumente, die zungenlahme rhetorische Amateure aus dem Publikum stotternd vortrugen, doch bald darauf lehnte er sich zurück und staunte nur noch darüber, wie Art die Sache durchzog. Die vorbereitete Predigt konnte er vergessen und es stand noch die Kommunion aus, aber es war, weiß Gott, lange her, dass die Kirchengemeinde sich so eifrig bemüht hatte, ihr Verhältnis zu Gott und Glaubensfragen zu klären.
Nachdem Art zu seiner schockierten, erbosten Großmutter zurückgekehrt war, umarmte Pater Ferlenghetti die alte Frau bewusst herzlich und versicherte ihr, Art sei in seiner Kirche jederzeit willkommen. Womöglich werde der Junge später einmal das Priesterseminar besuchen. Arts Oma war so verblüfft, dass sie unter ihrem Sonntagspuder errötete. Und die Hand, die sich in Arts Schulter gekrallt hatte, streichelte ihn plötzlich ganz zärtlich.
In dieser Geschichte geht es um die Frage, ob man die Klugheit dem Glück oder das Glück der Klugheit vorziehen sollte. Art ist ein netter Kerl. Er ist teuflisch klug. Das ist seine Masche und Macke. Wäre er eine Zeichentrickfigur, dann einer dieser schrecklichen Klugscheißer, die ständig die Geheimnisse aufdecken, von denen ihre Freunde so fasziniert sind. Es ist nicht leicht, Arts Freund zu sein.
Was natürlich auch der Grund dafür ist, dass Art ("Name von der Redaktion geändert") sich schließlich fünfundvierzig Stockwerke über der Waldlandschaft von Massachusetts wiederfindet, während der heiße Augustwind sein Haar zerzaust und die Beine seiner Boxershorts aufbläht; dass ihm ein Bleistift in der Nase steckt; dass er seiner Geschichte den Gnadentod verpasst hat, damit er sie sezieren kann. Möglich, dass Art ("Name von der Redaktion geändert") mit der Wahrheit mitunter recht freizügig umgehen wird, um die Geschichte schlüssig zu erzählen. Schließlich handelt es sich hier nicht um eine Autobiografie, sondern um autobiografisch inspirierte Belletristik.
Art ist zwar nicht mein richtiger Name, aber Sie können mich ruhig so nennen. Ich bin ein Agent provocateur des Eastern Standard Tribe, des Stamms der Östlichen Zeitzone (SÖZ), obwohl ich die meiste Zeit meines Lebens in der MGZ-8 und in verschiedenen Zulu-Breitengraden verbracht habe. Und das bedeutet, dass meine arme Zirbeldrüse kaum noch weiß, wie sie ihre Arbeit verrichten soll, sofern ich sie nicht mit Melatonin-Vorstufen sättige und im Licht meiner Reiselaterne einer mehrstündigen Neun-Kilolumen-Behandlung unterziehe.
Die Stämme sind dabei, die Welt zu übernehmen. Man kann unser Vorrücken an der steigenden Anzahl kleinerer Verkehrsunfälle ablesen. Die Schlaflosen sind wirklich schreckliche Fahrer. Die Sommerzeit ist ein Witwenmacher: Halten Sie sich am Tag der Zeitumstellung von den Straßen fern!
Jetzt taucht die zweite Figur in unserem moralischen Lehrstück auf. Sie ist das Objekt der Begierde. War es jedenfalls. Wir haben uns getrennt, kurz bevor ich in diese Nervenheilanstalt eingeliefert wurde. Unsere Tag-Nacht-Rhythmen waren nicht miteinander zu vereinbaren.
Der 3- April 2012 war der Tag, an dem Art um ein Haar die erste und einzige Frau umgebracht hätte, die er wirklich liebte. Es war ihre Schuld.
Nach einer Woche in den Benelux-Staaten, in denen er ausschließlich auf vermögende, cholesterinbewusste alte Käuze gestoßen war, die ihre Arterien vor den Verwüstungen einer fettreichen Ernährung genauso eifrig schützten wie ihr Geld vor dem Zugriff des Finanzamts, lief Arts Wagen nur noch aufgrund letzter Reste von Methangas, aus tierischen Exkrementen gewonnen. Deshalb war er vor Freude völlig aus dem Häuschen, als er sich endlich wieder auf britischem Boden befand, auf dem Greenwich-Nullmeridian, wo das Fett wie aus Quellen sprudelte, er seinen kleinen Flitzer leicht und billig auftanken und sich den Wodka in die Kehle kippen konnte, anstatt den Tank damit zu füllen.
In den frühen trägen Morgenstunden eines heraufdämmernden Sonntags fuhr er über die Kensington High Street - Greenwich-Zeit 03:00h, 22:00h nach Östlicher Standardzeit. Das GPS zeigte so wenig Datenpunkte an, dass er nicht einmal das Verkehrsaufkommen zwischen seinem aktuellen Standort und Camden High abschätzen konnte, wo er eine Wohnung gemietet hatte. Wenn das GPS im Relay-Netzwerk nicht genügend Peers findet, um seine Karten mit Verkehrsdaten zu kolorieren, weiß man, dass man im hektischen vierundzwanzigstündigen Biorhythmus der Stadt eine ruhige Phase erwischt hat, einen Moment der Gnade, in dem die Straßen einem fast allein gehören.
Und so pfiff er eine fröhliche Melodie vor sich hin und nippte an seinem Turbokaffee. Diese Mode hatte es vor kurzem auch bis nach Großbritannien geschafft - dank der gelockerten EU-Vorschriften zur Entsorgung schweren Wassers. Dieser Kaffee wurde nie kalt und blieb stets so heiß, dass er die optimale Koffein-Osmose bis zum letzten Tropfen gewährleistete.
Falls er nervös war, dann sicher nicht schlimmer, als man es von einem Sözler auf dem Greenwich-Nullmeridian erwarten konnte, außerdem fuhr er vorsichtig und mit angemessener Aufmerksamkeit. Hätte die Frau nach rechts und links gesehen, ehe sie vom Bordstein auf die trügerisch leere Straße trat, hätte sie in der völlig dunklen Kurve vor dem Royal Garden Hotel keine modische schwarze Kleidung getragen, wäre sie nicht direkt in seinen Wagen hineingelaufen, hätte er noch ausweichen und fluchen können. Und dann hätte sie sich höchstens ein wenig erschrocken.
Aber sie sah nicht nach rechts und links, trat auf die Straße und lief in den Wagen. So fest er konnte, trat er auf die Bremse, riss das Lenkrad heftig herum, erwischte sie jedoch an der Hüfte und schleuderte sie in hohem Bogen in die Luft, bevor der kleine Sportwagen sich ein paar Mal überschlug und nach drei vollständigen Umdrehungen auf der Kensington High im Gebüsch vor dem Royal Garden Hotel landete. Art, der über und über mit brühend heißem Turbokaffee bespritzt war, brüllte vor Schmerz und rieb sich die Augen. Er hing kopfüber in den Sicherheitsgurten, als die Portiers aus dem Royal Garden Hotel die Tür des umgekippten Wagens öffneten, den Sicherheitsgurt lösten und Art hinter dem schnell erschlaffenden Airbag hervorzogen. Sie tauchten ihn mit dem Gesicht in das Zierbecken, eine Vogeltränke, die mit einer dünnen Eisschicht überzogen war. Das Eis zersprang an seiner Nase und rann klirrend über seine Wangen. Aber wenigstens kühlte das kalte Wasser den Turbokaffee ab und milderte das schreckliche Brennen.
Schließlich landete er spuckend, niesend und zitternd auf den Knien. Als er wieder sehen konnte, bekam er gerade noch mit, wie die Frau, die er angefahren hatte, von der Straße getragen wurde. Die Portiers hatten ihre in rote Wolle und Goldbrokat gehüllten Arme so miteinander verschränkt, dass sie eine provisorische Bahre bildeten.
"Ihr Arschlöcher!", brüllte sie. "Ich könnte eine Rückgratverletzung haben, Mensch! Ihr dürft mich nicht bewegen!"
"Hören Sie, junge Frau", sagte einer der Portiers, ein junger Kerl mit zwei fantastischen Zahnreihen, für die nur ein egoschwacher Idiot Geld hingelegt hätte. Die Zähne waren so makellos und blendend weiß, dass sie im Licht der Straßenbeleuchtung - Natriumdampflampen - fluoreszierten. "Also gut, wir könnten Sie ja wirklich mitten auf der Straße liegen lassen und nicht bewegen, wie es empfohlen wird. Aber wenn wir das tun, wird man Sie wahrscheinlich noch einmal überfahren, ehe die Sanitäter eintreffen, und dann werden Sie mit Sicherheit eine Rückgratverletzung haben. Vermutlich auch einen zertrümmerten Schädel. Können Sie mir folgen?"
"Du!" Mit ihrem langen Zeigefinger deutete sie anklagend auf Art. "Du da! Kannst du beim Fahren nicht die Augen aufmachen, du Schwachkopf? Du hättest mich umbringen können!"
Art schüttelte sich das Wasser aus dem Gesicht und blies sich das Dunstwölkchen aus dem tropfenden Schnurrbart. "Tut mir leid", sagte er kläglich. Sie hatte einen amerikanischen Akzent, vielleicht war sie Kalifornierin. Und sie hatte eine so scharfe, streitsüchtige Stimme, dass es ihm den Schließmuskel zusammenzog, als hätte man ihm einen Einlauf mit Alaun verpasst. Wundersamerweise trieb sie ihm jeden Wunsch auf Widerworte aus.
"Es tut dir leid?", erwiderte sie, während die Portiers sie vorsichtig auf dem schmalen Rasenstreifen neben dem Gehsteig absetzten. "Es tut dir leid? Mein Gott, fällt dir wirklich nichts Besseres ein?"
"Nun ja, eigentlich bist du mir ja vor den Wagen gelaufen", entgegnete er, um nicht als völliger Schlappschwanz dazustehen.
Sie versuchte sich aufzusetzen, zuckte jedoch sofort vor Schmerz zusammen und sank zurück auf den Rasen. "Du bist zu schnell gefahren!"
"Glaub ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nur fünfundvierzig Stundenkilometer gefahren bin - fünf unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Wenn wir es genau wissen wollen, können wir natürlich das GPS konsultieren."
Als er die Beweismöglichkeit erwähnte, schien sie ihr Interesse am Herumstänkern zu verlieren. "Gib mir mal dein Telefon, ja?"
Es mag ja sein, dass normale Sterbliche mit ihren Apparaten leichtfertig umgehen, aber für einen Stammesangehörigen ist die Beziehung zu seinem Kommunikationsgerät etwas zutiefst Persönliches. Lieber hätte Art jemandem seine Unterwäsche ausgeliehen. Aber er hatte sie nun mal angefahren, also reichte er ihr widerwillig sein Komset.
Die Frau stach mit den Fingern ihrer Linken auf das Gerät ein und kniff im düsteren Licht die Augen zusammen. Schließlich hielt sie es sich an den Kopf. "Johnny? Hier ist Linda. Ja, ich bin immer noch in London. Wie läuft's bei euch? Ah, freut mich zu hören. Wie geht's Marybeth? Oh, das ist aber wirklich schade. Willst du wissen, wie's mir geht?" Sie grinste hinterhältig. "Ich bin gerade von einem Auto angefahren worden. Nein, eben erst. Vor fünf Minuten. Selbstverständlich bin ich verletzt! Ich glaube, meine Hüfte ist gebrochen -vielleicht auch das Rückgrat. Ja, ich kann mit den Zehen wackeln. Vielleicht ist ein Wirbel gebrochen und die Knochensplitter durchsäbeln mir gerade das Rückenmark. Eine Gehirnerschütterung? Ja, ziemlich sicher. Schmerz, Kummer, Verlust der Lebensfreude, entgangene Einkünfte..." Sie blickte zu Art auf. "Du bist doch hoffentlich versichert, oder?"
Art nickte kleinlaut und suchte nach einer Entgegnung, doch ihm fiel keine ein.
"Locker eine halbe Million, dürfte keine Probleme geben. Mach die Unterlagen fertig, ja? Ich ruf dich an, wenn der Krankenwagen eintrifft. Tschüss. Ja, ich hab dich auch lieb. Bis dann, mach's gut, Johnny. Ich muss jetzt auflegen. Tschö!" Nach einem letzten Küsschen durchs Telefon warf sie
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