 | Besprechung von 22.05.2011 |
Der Name der HoseThriller, Ideenroman, Sciencefiction aus der Gegenwart: William Gibsons "Systemneustart"Der Schriftsteller Uwe Johnson hat mal vorgeschlagen, man solle doch nach der Lektüre eines Romans oder einer Erzählung einfach anfangen zu zählen: Dinge, Personen, Orte, Worte. Bei William Gibson kommen dabei irrwitzige Inventarlisten zustande, mit deren Einzelstücken man eine große Wunderkammer füllen oder einen futuristischen Flohmarkt bestücken könnte. Es ist auch nicht falsch, den einen oder anderen Posten auf dieser Liste noch mal zu googeln, um sich seiner Existenz zu vergewissern, die nicht notwendig eine reale sein muss. Suchmaschinen kennen keinen Unterschied zwischen Fakten und Fiktionen. Gibson selbst hat das erlebt, als er einen "Adidasschuh GSG9", benannt nach der deutschen Spezialeinheit, erfinden wollte - um festzustellen, dass es den schon gab.
Am Ende des neuen Romans "Systemneustart" stehen, liegen und schweben also, wahllos und natürlich unvollständig: ein metallicblauer Vinylumschlag mit einem integrierten Reißverschluss; ein uralter Duschkopf mit einem Durchmesser von siebzig Zentimetern; ein …
Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension
Florian Kessler zeigt sich beeindruckt von der Lässigkeit, mit der William Gibson, Ideengeber des Cyberspace, in seinem neuen Roman auf die globale Datengesellschaft antwortet. Die durchaus krude Handlung - der Medien-Hai Hubertus Bigend schickt zwei Trendsetter, den Ex-Junkie Milgrim und die Rocksängerin Hollis Henry, auf die Suche nach einer Undergrounddesignerin, um mit deren Military-Mode bei der realen US-Armee einen Auftrag zu ergattern - scheint ihm dabei wie in allen Roman von Gibson eher nebensächlich. Im Grunde sieht er im "Wimmelbild", das dieser Roman ist, eine intelligente, witzige und lässige Diagnose der Gegenwart, des Alltags zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die sich für ihn liest wie "leibhaftig eingetretene Sciencefiction".
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 | Besprechung von 11.07.2011 |
Dr. Mabuses Guerilla-Marketing
In seinem jüngsten Roman „Systemneustart“ verkuppelt William Gibson
die Military-Mode mit der realen US-Armee
Der Schriftsteller William Gibson ist bei seinen Lesern dafür
berühmt, Zeitgenossenschaft auf den Punkt zu bringen. Gelesen und
verehrt wird er für die außerordentliche Fähigkeit, aus den
schwirrenden Erscheinungen der Gegenwart allgemeine Konzepte und
Bilder abzuleiten. Das ist seit seinem ersten Roman „Neuromancer“
so, der dem diffus aufziehenden digitalen Zeitalter 1984 die
Leitidee vom „Cyberspace“ lieferte. Seit einigen Jahren aber
funktioniert das deutlich anders als damals. Nicht Gibsons
Sensorium hat sich im letzten Jahrzehnt geändert, sehr wohl aber
seine Verfahrensweise.
Was durchaus mit diesem letzten Jahrzehnt zu tun haben könnte.
„Systemneustart“, im amerikanischen Original von 2010 „Zero
History“, ist Höhepunkt und Abschluss einer lose verbundenen
Romantrilogie, die Gibson 2003 mit „Mustererkennung“ begonnen und
2007 mit „Quellcode“ fortgeführt hat. Die Erscheinungsdaten sind
wichtig: Gibsons neue Werkphase setzt nach dem elften September
ein, und nach dem Schauspiel des …
"Die Zeitdiagnostik, die der Schriftsteller William Gibson von seinem Romandebüt an so überaus erfolgreich betrieben hat in seiner klugen, lustigen, entspannten Bestandsaufnahme der Gegenwart hat sie uns alle erfasst." Florian Kessler, Süddeutsche Zeitung, 11.7.2011 "In dieser Dialektik von Unübersichtlichkeit und Transparenz liegt eine der Stärken des Romans. Sein Plot ist ein Flirt mit dem Chaos ... In Gibsons Romanen geschieht seit "Mustererkennung" etwas Merkwürdiges und Bemerkenswertes. Die Zeiten verschwimmen, die Zukunft ist kein abgegrenzter, ferner Projektionsraum mehr wie in den früheren Büchern. Man sieht jetzt dabei zu, wie die Gegenwart zugleich in die Vergangenheit rutscht und sich in Zukunft verwandelt ... Diese doppelte Verwandlung treibt den Roman an, sie bestimmt seinen eigentümlichen Aggregatzustand, und sie verleiht ihm seine Spannung und Faszination." Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.5.2011 "Die Dinge entfalten bei diesem Autor ihre eigene Poesie, ob es Designhotels oder Guerilla-Boutiquen sind, Vintage-Roben oder Motorradbotenbedarf." Der SPIEGEL, 4.7.2011 " System Neustart heißt der Thriller von William Gibson und ist eine Art Harry Potter auf Speed mit einem Maß an Erfindungslust, einer Lässigkeit im Überschreiten scheinbar selbstverständlicher Genregrenzen und einem Spaß an überraschenden Kapriolen, dass dem auf geradlinige Logik gedrillten Krimileser vor Vergnügen die Luft wegbleibt Gibson hat in der Verklammerung des Überkommenen mit dem Futuristischen eine Form des Thrillers hervorgebracht, die alles Geläufige locker überfliegt: weil sie so bislang noch nicht Gedachtes als vollkommen naheliegend, logisch und dabei bestechend raffiniert erscheinen lässt, während das gute alte Herz sein Recht zugleich ebenso selbstverständlich behauptet. Der Wunsch-Thriller des 21. Jahrhunderts also. Literarisch gefertigt übrigens in einer Manier, die jener textilen Mischung aus Retro-Stil und Avantgarde-Design verwandt ist, von der hier für einen Moment die Beherrschung der Welt abhängt." Frauke Meyer-Gosau, Literaturen, Juli/August 2011 "Sehr amüsant, spannend, verwirrend." Film - Sound & Media, August 2011 "Gibson zu lesen ist wie ganz besonders klares Wasser aus einem auffällig schlichten Glas zu trinken. Das ist alles herrlich diesseitig und völlig frei von dem versäuerten Mystik-Hokuspokus, der sonst so gerne durch die Thriller-Literatur der Flughäfen der Welt spukt." Jan-Eike Michaelis, OPAK, Jul-Sep 2011 "William Gibson ist ein genialer Erzähler ... Das können nur ganz wenige." Magnus Zawodsky, Nürnberg plus, 29.8.2012
William Gibson wurde 1948 in South Carolina (USA) geboren. Mit 19 wanderte er nach Kanada aus, um der Einziehung zum Vietnam-Krieg zu entgehen. 1972 ließ er sich in Vancouver nieder, wo er noch heute mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. Bekannt wurde er mit seinem 1984 erschienen Roman Neuromancer, der in diesem Jahr alle gängigen SF-Preise erhielt: den Philip K. Dick Award, Nebula Award, Locus Award sowie den Hugo Award. In diesem Buch prägte er unter anderem den Begriff Cyberspace, der noch immer häufig für elektronische Netze wie das WWW verwendet wird, sowie das Subgenre des Cyberpunk und den Begriff der Matrix, welche durch ein globales Informationsnetzwerk gebildet wird, das den Cyberspace ermöglicht.
Mit seinem Roman "Pattern recognition" (auf Deutsch: "Mustererkennung") legte Gibson seinen ersten zeitkritischen Gegenwartsroman vor. "Quellcode" ("Spook Country") ist eine würdige Fortsetzung. "Systemneustart" ist sein zehnter Roman.