Nach der Bombe - Dick, Philip K.

Philip K. Dick 

Nach der Bombe

Roman. Mit e. Nachw. v. Jonathan Lethem

Übersetzer: Mader, Friedrich
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Nach der Bombe

Was geschieht, wenn die Bombe fällt, wenn ein weltweiter Nuklearkrieg unsere Städte dem Erdboden gleichmacht? Bedeutet das das Ende - oder geht es danach weiter, anders, vielleicht sogar besser? Philip K. Dick weiß es. Er sagt es Ihnen in diesem Roman...


Produktinformation

  • Verlag: HEYNE
  • 2004
  • Überarb. Neuausg.
  • Ausstattung/Bilder: Überarb. Neuausg. 2004. 319 S.
  • Seitenzahl: 320
  • Heyne Bücher Nr.53004
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 115mm x 30mm
  • Gewicht: 254g
  • ISBN-13: 9783453530041
  • ISBN-10: 3453530047
  • Best.Nr.: 12896965
"Philip K. Dick beschreibt in diesem Buch eine Welt, die völlig unvorstellbar ist - und in der wir uns doch wiedererkennen. Eine einzigartige literarische Leistung." (New York Times Book Review)

"In einer Zeit, in der die meisten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts hoffnungslos veraltet wirken, liefert Dick uns eine Vision der Zukunft, die den Zeitgeist trifft!"

Rolling Stone

»In einer Zeit, in der die meisten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts hoffnungslos veraltet wirken, liefert Dick uns eine Vision der Zukunft, die den Zeitgeist trifft!«
Philip K. Dick wurde 1928 in Chicago geboren. Schon in jungen Jahren schrieb er zahllose Stories und arbeitete als Verkäufer in einem Plattenladen in Berkeley, ehe er 1952 hauptberuflich Schriftsteller wurde. Er verfaßte über hundert Erzählungen und Kurzgeschichten für diverse Magazine und Anthologien und schrieb mehr als dreißig Romane, von denen etliche heute als Klassiker der amerikanischen Literatur gelten. Philip K. Dick starb am 2. März 1982 in Santa Ana, Kalifornien, an den Folgen eines Schlaganfalls.

Leseprobe zu "Nach der Bombe" von Philip K. Dick

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Leseprobe zu "Nach der Bombe" von Philip K. Dick

Früh an einem strahlenden, sonnenklaren Vormittag kehrte Stuart McConchie den Gehsteig vor Modern TV Sales & Service. Er hörte die Autos auf der Shattuck Avenue und die eilig klappernden Absätze der Sekretärinnen, die auf dem Weg ins Büro waren, und er freute sich über die Geräusche und Gerüche einer neuen Woche, die einem Verkäufer die Chance zu guten Geschäften bot. Er dachte an sein zweites Frühstück, ein heißes Brötchen und Kaffee, so gegen zehn. Er dachte an die zurückliegenden Beratungsgespräche mit Kunden, die vielleicht alle schon heute zum Einkaufen wiederkommen würden, und an sein überquellendes Auftragsbuch. Beim Fegen trällerte er ein Lied aus dem neuen Buddy-Greco-Album und überlegte, wie es wohl wäre, ein weltberühmter Popstar zu sein und im Harrah's in Reno oder in den sündhaft teuren, exklusiven Clubs in Las Vegas aufzutreten, die er noch nie gesehen, von denen er aber schon so viel gehört hatte.

Er war sechsundzwanzig Jahre alt und war bereits mehrmals, immer am Freitagabend, von Berkeley aus auf dem zehnspurigen Highway nach Sacramento und dann über die Sierras nach Reno gefahren, wo man spielen und Frauen aufreißen konnte. Als Angestellter von Jim Fergesson, dem Besitzer von Modern TV, bekam er ein Grundgehalt plus Provisionen, und weil er ein Verkaufsass war, verdiente er ziemlich gut. Außerdem liefen die Geschäfte in diesem Jahr ohnehin hervorragend. 1981 war wieder so ein Boomjahr, in dem Amerika stärker und mächtiger wurde und alle Leute mehr Geld nach Hause brachten.

"Morgen, Stuart." Ein Mann mittleren Alters ging mit einem Nicken an ihm vorbei - Mr. Crody, auf dem Weg zu seinem kleinen Juwelierladen auf der anderen Straßenseite.

Nach und nach machten nun alle Geschäfte und Büros auf - es war nach neun -, und auch Dr. Stockstill erschien, Psychiater und Spezialist für psychosomatische Beschwerden, um seine gut gehende Praxis in dem gläsernen Bürohochhaus zu betreten, dessen Bau die Versicherungsgesellschaft mit einem Teil ihrer Überschüsse finanziert hatte. Dr. Stockstills teurer ausländischer Wagen war auf dem Parkplatz abgestellt - die Tagesgebühr von fünf Dollar konnte er sich problemlos leisten. Gleich darauf traf seine hübsche, langbeinige Sekretärin ein, die einen Kopf größer war als er. Und nicht lange, dann kam auch schon der erste Spinner dahergeschlichen und näherte sich schuldbewusst und verstohlen der Praxis.

Eine Welt voller Spinner, dachte Stuart, der das Ganze auf seinen Besen gestützt beobachtete. Psychiater verdienen ein Schweinegeld. Wenn ich zu einem Psychiater müsste, würde ich den Hintereingang nehmen, da könnte mich niemand sehen und auslachen. Vielleicht machen das ja auch einige, vielleicht hat Stockstill tatsächlich einen Hintereingang. Für die Verrückteren oder besser für die, die sich nicht zum Gespött der Leute machen wollen, die einfach nur ein Problem haben, die sich zum Beispiel Sorgen machen wegen der Strafaktion in Kuba, die eigentlich gar nicht verrückt sind, sondern nur - beunruhigt.

Auch er war beunruhigt, weil er immer noch damit rechnen musste, zum Kubakrieg einberufen zu werden, der wieder einmal in den Bergen feststeckte - und das trotz der neuen Splitterbomben, mit denen man die Schlitzaugen überall erwischen konnte, auch wenn sie sich noch so tief eingruben. Er machte dem Präsidenten keinen Vorwurf - was konnte denn der Präsident dafür, wenn sich die Chinesen unbedingt an ihren Pakt halten mussten? Das Dumme war nur, dass von den Kämpfen mit den Schlitzaugen fast kein Soldat ohne Virusinfektion nach Hause kam. Und der Virus ging wirklich auf die Knochen - dreißigjährige Kriegsheimkehrer sahen aus wie vertrocknete Mumien. Stuart McConchie konnte sich nur schwer vorstellen, wie er nach so einer Tortur wieder in seinen Beruf zurückkehren und Fernseher verkaufen sollte.

"Morgen, Stu." Die Stimme einer jungen Frau ließ ihn aufschrecken. Es war die kleine, dunkeläugige Kellnerin vom Edy's. "Schon so früh am Tagträumen?" Sie ging mit einem Lächeln auf den Lippen an ihm vorbei.

"Ach was." Eifrig machte er sich wieder ans Kehren.

Auf der anderen Straßenseite blieb Dr. Stockstills Patient gerade stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden und sich vorsichtig umzuschauen. Der Mann stand ganz im Zeichen von Schwarz: Augen und Haare waren schwarz - nur die Haut schimmerte hell -, und er war in einen nachtdunklen Mantel gehüllt. Stuart sah sein hohlwangiges Gesicht, den starren Blick und den Mund. Vor allem den Mund. Er war verkniffen, und trotzdem hing die Haut schlaff herab, als hätten innerer Druck und Anspannung schon vor langer Zeit Zähne und Kiefer weggeschliffen. Diese Anspannung stand ihm in das unglückliche Gesicht geschrieben - Stuart wandte rasch den Blick ab.

Ob es einem wohl so erging, wenn man verrückt war? Dass man einfach von innen her zersetzt wurde, wie aufgefressen von ... Er hatte keine Ahnung, wovon. Von der Zeit vielleicht. Oder von Wasser. Etwas Langsames, das nie aufhörte. Im Kommen und Gehen der Patienten vor der Praxis des Psychiaters hatte er diesen Zerfall schon öfter gesehen, aber noch nie so schlimm, noch nie so weit fortgeschritten wie in diesem Fall.

Drinnen im Modern TV läutete das Telefon, und Stuart lief schnell in den Laden. Als er kurz darauf wieder auf die Straße blickte, war der Mann in Schwarz verschwunden und der Tag hatte sein verheißungsvolles Leuchten und den Geschmack von Schönheit zurückgewonnen. Mit leichtem Schaudern griff Stuart wieder nach dem Besen.

Den kenne ich doch, dachte er dann. Ganz sicher. Irgendwo muss ich sein Bild gesehen haben. Oder er war schon mal im Laden. Entweder ein Kunde - einer von den alten Stammkunden, vielleicht sogar ein Freund von Fergesson -oder irgendein Prominenter.

Nachdenklich kehrte er weiter.

Dr. Stockstill wandte sich an seinen neuen Patienten. "Eine Tasse Kaffee, Tee oder Cola?" Dann warf er einen kurzen Blick auf die Notiz, die ihm Miss Purcell auf den Schreibtisch gelegt hatte. "Mr. Tree. Sind Sie zufällig verwandt mit der berühmten englischen Schriftstellerfamilie? Iris Tree, Max Beerbohm ..."

"Natürlich ist das nicht mein richtiger Name, das können Sie sich doch denken." Mr. Tree sprach mit starkem Akzent, außerdem klang er ungeduldig, ja gereizt. "Er ist mir im Gespräch mit Ihrer Sekretärin eingefallen."

Stockstill sah seinen Patienten fragend an.

"Ich bin weltberühmt", erklärte Mr. Tree. "Es überrascht mich, dass Sie mich nicht erkennen. Sie müssen ein Einsiedler sein oder noch was Schlimmeres." Mit zittriger Hand fuhr er sich durch das lange schwarze Haar. "Es gibt Tausende, ja Millionen von Menschen auf der Welt, die mich hassen, die mich vernichten wollen. Da muss ich natürlich Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Deswegen habe ich Ihnen einen erfundenen Namen genannt." Er räusperte sich und zog hastig an seiner Zigarette, die er so hielt, dass die Glut fast die Handfläche berührte.

Mein Gott, dachte Stockstill, jetzt erkenne ich den Mann. Es ist der Physiker Bruno Bluthgeld.

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