Kinder der Nacht - Simmons, Dan

Kinder der Nacht

Roman

Dan Simmons 

Übers. v. Joachim Körber
Broschiertes Buch
 
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Kinder der Nacht

Graf Dracula lebt! Tief in den unzugänglichen Regionen Rumäniens regt sich eine Macht, die das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten kann ...

Mit Kinder der Nacht legt der Autor der Bestseller 'Im Auge des Winters' und 'Sommer der Nacht' den ultimativen Vampir-Roman vor: düster, packend, nervenzerreißend - Kinder der Nacht ist einer der spannendsten Romane, die überhaupt je geschrieben wurden.

"Dan Simmons schreibt wie ein Gott! Ich kann kaum sagen, wie ich ihn beneide." -- Stephen King

"Unfassbar spannend! Dan Simmons raubt seinen Lesern den Schlaf." -- Dean Koontz


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2007
  • Überarb. Neuausg.
  • Ausstattung/Bilder: Überarb. Neuausg. 2007. 671 S.
  • Seitenzahl: 672
  • Heyne Bücher Nr.52165
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 119mm x 47mm
  • Gewicht: 530g
  • ISBN-13: 9783453521650
  • ISBN-10: 345352165X
  • Best.Nr.: 20948185
Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Er schrieb bereits als Kind Erzählungen, die er seinen Mitschülern vorlas. Nach einigen Jahren als Englischlehrer machte er sich 1987 als freier Schriftsteller selbstständig. Mit zahlreichen Romanen hat er sich inzwischen sowohl als Horror- wie auch als Science-Fiction-Autor einen Namen gemacht die Hyperion-Saga ist sein bisher ambitioniertestes und bekanntestes Werk. Simmons lebt und arbeitet in Colorado, am Rande der Rocky Mountains.

Leseprobe zu "Kinder der Nacht" von Dan Simmons

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Den Kindern 1 Kaum hatten die Schießereien aufgehört, machten wir uns auf den Weg nach Bukarest und landeten am 29. Dezember 1989 kurz nach Mitternacht auf dem Flughafen Otopeni. Als halboffizielle 'internationale Gutachtergruppe' wurden wir sechs an meinem Lear-Jet in Empfang genommen, durch das konfuse Durcheinander geschleust, das seit der Revolution in Rumänien als Zoll gilt, und dann für die knapp fünfzehn Kilometer lange Fahrt zur Stadt in einen VIP-Bus des Nationalen Tourismusbüros verfrachtet. Für mich hatten sie einen Rollstuhl zum Flugzeug mitgebracht, aber ich winkte dankend ab und ging zu Fuß zum Bus. Es fiel mir nicht leicht.

Donna Wexler, unsere Kontaktperson von der amerikanischen Botschaft, zeigte auf zwei Einschusslöcher an der Wand, wo der Bus geparkt hatte, aber Dr. Aimslea gab uns einen weit drastischeren Hinweis, indem er einfach zum Fenster hinausdeutete, als wir der beleuchteten Ringstraße folgten, die das Flughafengebäude mit der Hauptstraße verband.

Panzer sowjetischer Bauart, deren lange Geschützrohre auf die Zufahrt zum Flughafen gerichtet waren, standen an der Hauptstraße aufgereiht wie eine Schlange Taxis. Mit Sandsäcken verbarrikadierte Geschützstellungen säumten die Straße und die Dächer des Flughafens, und die Natriumdampflampen warfen ihren gelben Schein auf Helme und Gewehre der wachhabenden Soldaten, deren Gesichter tief im Schatten lagen. Andere Männer, manche in regulärer Armeeuniform, andere in der Lumpenkleidung der revolutionären Miliz, lagen schlafend neben den Panzern. Für einen kurzen Augenblick entstand der Eindruck, dass die Leichen von gefallenen Rumänen die Gehwege bedeckten, und ich hielt den Atem an, bis ich sah, wie sich eine der Gestalten regte und eine andere sich eine Zigarette anzündete.

"Letzte Woche haben sie mehrere Gegenangriffe von loyalen Militärs und Streitkräften der Securitate abgewehrt", flüsterte Donna Wexler. Ihr Tonfall deutete an, dass das ein peinliches Thema war - wie Sex.

Radu Fortuna, der kleine Mann, der uns am Flughafen hastig als Führer und Kontaktmann zur Übergangsregierung vorgestellt worden war, drehte sich auf seinem Sitz um und grinste breit, als könnten ihn weder Sex noch Politik in Verlegenheit bringen. "Sie töten viele Securitate", sagte er laut, und dabei wurde sein Grinsen noch breiter. "Dreimal versuchen Ceausescus Leute, den Flughafen zu erobern ... und dreimal alle tot."

Donna Wexler nickte und lächelte, offensichtlich fühlte sie sich bei dem Gesprächsthema nicht besonders wohl, aber Dr. Aimslea beugte sich über den Mittelgang. Sekunden bevor wir ins Dunkel der verlassenen Straßen eintauchten, glänzte das Licht der letzten Natriumdampflampe auf seinem kahlen Kopf. "Also ist Ceausescus Herrschaft wirklich vorbei?", wandte er sich an Fortuna.

In der plötzlichen Dunkelheit war nur das kurze Aufblitzen eines Grinsens auf dem Gesicht des Rumänen zu sehen. "Ceausescu ist vorbei, ja, ja", sagte er. "Sie haben ihn und seine Mistkuh von Frau in Tîrgoviste festgenommen, wissen Sie ... Haben, wie sagt man, Verhandlung geführt." Radu Fortuna lachte wieder, und es klang gleichzeitig kindlich und grausam. Ich merkte, wie ich ein wenig erschauerte. Der Bus war nicht geheizt.

"Sie haben eine Verhandlung", fuhr Fortuna fort, "und der Staatsanwalt sagt: 'Seid ihr beiden verrückt?' Weil, wenn Ceausescu und Frau Ceausescu einfach verrückt sind, dann kann die Armee sie vielleicht einfach nur ins Irrenhaus schicken und hundert Jahre einsperren, wie unsere russischen Freunde das machen. Sie verstehen? Aber Ceausescu sagt: 'Was? Was? Verrückt ... Wie können Sie es wagen! Das ist unverschämte Provokation!' Und seine Frau sagt: 'Wie können Sie so was zur Mutter der Nation sagen?' Also antwortet der Staatsanwalt: 'Okay, ihr seid beide nicht verrückt. Habt es selbst gesagt.' Dann ziehen die Soldaten Strohhalme, weil es so viele sind, die es machen wollen. Dann führen die Gewinner die Ceausescus auf den Hof und schießen ihnen viele Kugeln in die Köpfe." Fortuna kicherte belustigt wie in Erinnerung an eine Lieblingsanekdote. "Ja, Regime ist vorbei", sagte er zu Dr. Aimslea. "Ein paar Tausend Securitate, die wissen vielleicht noch nicht und erschießen immer noch Leute, aber das hört bald auf. Größeres Problem ist, was sollen wir mit einem von drei Bürgern anfangen, die für alte Regierung gespitzelt haben, hm?"

Fortuna kicherte wieder, und ich konnte im grellen Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Armeelastwagens sehen, wie seine Silhouette die Achseln zuckte. An den Innenseiten der Fenster gefror eine dünne Kondensschicht allmählich zu Eis. Meine Finger waren steif vor Kälte, und ich konnte kaum noch meine Zehen in den absurden Bally-Schuhen spüren, die ich heute Morgen angezogen hatte. Ich kratzte am Eis meines Fensters herum, während wir die Stadtgrenze durchfuhren.

"Ich weiß, Sie sind alle sehr wichtige Persönlichkeiten aus dem Westen", sagte Radu Fortuna, dessen Atem ein kleines Nebelwölkchen bildete, das zum Dach des Busses emporstieg wie eine entweichende Seele. "Ich weiß, Sie sind der berühmte westliche Milliardär Mr. Vernor Deacon Trent, der für diese Reise bezahlt", sagte er und nickte mir zu, "aber ich fürchte, die Namen von anderen Herrschaften habe ich vergessen."

Donna Wexler übernahm es, uns vorzustellen. "Doktor Aimslea arbeitet für die Weltgesundheitsorganisation ... Pater Michael O'Rourke hier repräsentiert die Erzdiözese von Chicago wie auch die Stiftung Save the Children."

"Ach, wie schön, hier einen Priester zu haben", sagte Fortuna, doch ich glaubte eine Spur von Ironie aus seiner Stimme herauszuhören.

"Doktor Leonard Paxley, Professor emeritus der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Princeton", fuhr Donna Wexler fort. "1978 Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften."

Fortuna verbeugte sich vor dem alten Gelehrten. Paxley hatte während des ganzen Fluges von Frankfurt hierher kein Wort gesprochen, und jetzt wirkte er ziemlich verloren in seinem zu großen Mantel und den Falten seines Schals: ein alter Mann auf der Suche nach einer Parkbank.

"Wir heißen Sie willkommen", sagte Fortuna, "auch wenn unser Land im Moment keine Wirtschaft hat."

"Verdammt, ist es hier immer so kalt?", ertönte eine Stimme aus den Tiefen des Wollschals. Der Nobelpreisträger und Professor emeritus stampfte mit seinen kleinen Füßen auf. "Hier drinnen würden ja selbst einem Bronzestier die Eier abfrieren."

"Und Mr. Carl Berry von der American Telegraph and Telephone", fiel Donna Wexler hastig ein.

Der pummelige Geschäftsmann neben mir paffte an seiner Pfeife, nahm sie aus dem Mund, nickte in Fortunas Richtung und steckte sich das Ding dann so schnell wieder in den Mund, als wäre es eine unverzichtbare Wärmequelle. In einer wirren Vision sah ich uns alle zusammen einen Moment lang eng um die Glut in Berrys Pfeife kauern.

"Und Sie sagen, an unseren Sponsor, Mr. Trent, können Sie sich erinnern?", kam Donna Wexler zum Ende.

"O ja", sagte Radu Fortuna. Seine Augen funkelten, als er mich durch Berrys Pfeifenrauch und die Kondenswölkchen seines eigenen Atems hindurch anblickte. Fast konnte ich mich selbst in diesen glänzenden Spiegeln erkennen - ein sehr alter Mann mit tief in den Höhlen liegenden Augen, die nach den Anstrengungen der Reise noch tiefer versunken waren, ein schrumpeliger und runzliger Körper in teurem Anzug und Mantel. Ich war sicher, dass ich noch älter als Paxley aussah, älter als Methusalem ... älter als Gott.

"Ich glaube, Sie waren schon einmal in Rumänien?", fuhr Fortuna fort. Ich konnte sehen, wie die Augen unseres Führers heller strahlten, als wir in die besser beleuchteten Stadtviertel kamen. Ich hatte kurz nach dem Krieg eine Zeit in Deutschland verbracht. Die Szene draußen hinter Fortuna sah genauso aus. Auf dem Platz des Palastes standen weitere Panzer, schwarze Hüllen, die man für verlassene Haufen aus kaltem Metall hätte halten können, wäre einer von ihnen uns im Vorbeifahren nicht mit dem Geschützturm gefolgt. Wir betrachteten die rußigen Leichen ausgebrannter Autos und mindestens eines gepanzerten Truppentransporters, der nur noch ein Berg versengten Stahls war. Dann bogen wir nach links ab und fuhren an der Universitätsbibliothek vorbei, deren goldenes Kuppeldach zwischen geschwärzten, pockennarbigen Wänden eingestürzt war.

"Ja", sagte ich. "Ich bin schon einmal hier gewesen."

Fortuna beugte sich zu mir. "Und diesmal eine Ihrer Firmen wird möglicherweise ein Werk hier bauen, ja?"

"Vielleicht."

Fortuna ließ mich nicht aus den Augen. "Wir hier arbeiten sehr billig", flüsterte er so leise, dass ich mich fragte, ob ihn außer Carl Berry jemand verstehen konnte. "Sehr billig. Arbeitskraft ist sehr billig hier. Das Leben ist sehr billig hier."

Wir waren links von der menschenleeren Calea Victoriei abgebogen, dann wieder rechts auf den Boulevardul Nicolae Balcescu, und nun hielt der Bus mit quietschenden Reifen vor dem höchsten Gebäude der ganzen Stadt, dem zweiundzwanzigstöckigen Hotel Intercontinental.

"Morgen, meine Herren", sagte Fortuna, der sich erhob und uns den Weg zu einer hell erleuchteten Halle wies, "wir werden das neue Rumänien anschauen. Ich wünsche Ihnen allen einen Schlaf ohne Träume."

2 Der nächste Tag war für Begegnungen mit 'Offiziellen' der Übergangsregierung reserviert, überwiegend Mitglieder der erst jüngst zusammengeschusterten Nationalen Rettungsfront. Der Tag war so düster, dass die Straßenlaternen auf dem breiten Boulevardul N. Balcescu und dem Boulevardul Republicii angingen. Die Gebäude selbst waren nicht geheizt - jedenfalls nicht wahrnehmbar -, und die Männer und Frauen, mit denen wir uns unterhielten, sahen fast identisch aus in ihren zu großen, grauen Wollmänteln. Am Ende des Tages hatten wir mit einem Giurescu gesprochen, mit zwei Tismaneanus, einem Borosoiu, der, wie sich herausstellte, überhaupt kein Sprecher der neuen Regierung war - vielmehr wurde er Augenblicke, nachdem wir uns verabschiedet hatten, festgenommen -, sowie mit mehreren Generälen, darunter Popascu, Lupoi und Diurgiu, und zuletzt mit den tatsächlichen Staatsoberhäuptern, zu denen Petre Roman gehörte, der Premierminister der Übergangsregierung, sowie Ion Iliescu und Dumitru Mazilu, der unter der Regierung Ceausescu Präsident und Vizepräsident gewesen war.

Ihre Botschaft war einhellig: Wir hatten den Zuspruch der Nation, und jedwede Empfehlung für Hilfeleistungen, die wir an unsere verschiedenen Institutionen weitergeben konnten, würde man auf ewig zu schätzen wissen. Die Beamten behandelten mich ganz besonders zuvorkommend, weil sie meinen Namen kannten und ich eine unvorstellbare Menge Geld repräsentierte, aber selbst diese überaus höfliche Aufmerksamkeit hatte etwas Zerstreutes an sich. Sie waren wie Männer, die inmitten des Chaos schlafwandelten.

Als wir an diesem Abend zum Intercontinental zurückkehrten, wurden wir Zeugen, wie eine Menschenmenge - überwiegend Büroangestellte, die aus den Steinwaben der Innenstadt in ihren Feierabend strebten - drei Männer und eine Frau herumschubsten und verprügelten. Radu Fortuna lächelte und deutete auf die große Plaza vor dem Hotel, wo die Menschenmenge allmählich größer wurde. "Da ... letzte Woche auf Universitätsplatz ... als die Leute zum Demonstrieren und Singen kamen, ja? Panzer der Armee überfahren Menschen, erschießen noch mehr. Das da sind wahrscheinlich Spitzel von Securitate."

Bevor der Bus vor dem Hotel anhielt, erhaschten wir noch einen flüchtigen Blick auf uniformierte Soldaten, die die mutmaßlichen Spitzel abführten, wobei sie sie mit Gewehrkolben antrieben, während die Menge sie weiterhin anspuckte und auf sie einschlug.

"Man kann kein Omelett backen, ohne ein paar Eier zu zerschlagen", murmelte der Professor emeritus, worauf Pater O'Rourke ihn ungehalten musterte, während Radu Fortuna zustimmend kicherte.

"Man sollte meinen, Ceausescu wäre besser auf eine Belagerung vorbereitet gewesen", sagte Dr. Aimslea an diesem Abend nach dem Essen. Wir waren im Speisesaal geblieben, weil es dort wärmer schien als in unseren Zimmern. Kellner und ein paar Militärs streiften unablässig durch den großen Raum. Die Reporter hatten ihr Abendessen hastig und mit größtmöglichem Lärm hinuntergeschlungen und waren kurz danach aufgebrochen, um sich dort zu vergnügen, wo sie trinken und sich gegenseitige zynische Sprüche an den Kopf werfen konnten.

Radu Fortuna leistete uns beim Kaffee Gesellschaft und ließ jetzt wieder einmal sein patentiertes Zahnlückengrinsen aufblitzen. "Sie möchten sehen, wie vorbereitet Ceausescu war?"

Ja, sagten Aimslea, Pater O'Rourke und ich, das würden wir gerne sehen. Carl Berry beschloss, auf sein Zimmer zu gehen, wo er versuchen wollte, ein Gespräch mit den Staaten zu bekommen, und Dr. Paxley folgte ihm und murmelte irgendwas von 'früh ins Bett'.

Fortuna führte uns drei in die Kälte hinaus und durch dunkle Straßen bis zur rußgeschwärzten Fassade des Präsidentenpalastes. Ein Angehöriger der Miliz trat aus dem Schatten, hob ein AK-47 und bellte einen Befehl, aber Fortuna unterhielt sich leise mit ihm, und wir durften passieren.

Im Palast selbst brannte kein Licht, abgesehen von vereinzelten Feuern in Ölfässern, wo Angehörige der Miliz oder reguläre Soldaten schliefen oder sich zusammendrängten, um sich zu wärmen. Überall waren Möbelstücke verstreut, Vorhänge waren von sechs Meter hohen Fenstern heruntergerissen worden, Papiere lagen auf dem Boden verteilt, und die regelmäßigen Fliesen waren mit dunklen Schlieren verschmiert. Fortuna führte uns einen schmalen Flur entlang, durch eine Reihe privater Wohnräume, wie es schien, und blieb vor einer recht unauffälligen Wandschranktür stehen. In dem eineinhalb Meter breiten Schrank standen lediglich drei Laternen auf einem Fachboden. Fortuna zündete die Laternen an, gab eine Aimslea und eine mir und drückte dann auf eine Verzierung oben an der Rückwand. Eine Schiebetür glitt auf und gab den Blick auf eine Steintreppe frei.

"Mr. Trent", begann Fortuna und betrachtete stirnrunzelnd meinen Gehstock und meine zitternden Greisenarme. Das Licht unserer Laternen warf rastlose Schatten an die Wände. Er streckte eine Hand nach der meinen aus. "Hier sind viele Stufen. Vielleicht ..."

"Ich schaffe das schon", sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Ich behielt die Laterne.

Radu Fortuna zuckte die Achseln und führte uns nach unten.

Die nächste halbe Stunde verbrachten wir wie in einem Traum, wie in einer Halluzination. Die Treppe stieg in hallende Kammern hinab, von denen ein Labyrinth weiterer Steintunnel und Treppen abzweigte. Fortuna führte uns tief in dieses Gewirr hinein; unsere Laternen spiegelten sich auf halbrunden Decken und glatten Steinen.

"Mein Gott", murmelte Dr. Aimslea nach zehn Minuten, "die erstrecken sich ja kilometerweit."

"Ja, ja", lächelte Radu Fortuna. "Viele Kilometer."

Es gab Lagerräume mit Regalen voller automatischer Waffen und Gasmasken, die an Haken hingen; es gab Kommandozentralen mit Rundfunkgeräten und Fernsehmonitoren, die stumm im Dunkeln standen, manche zerstört, als hätten Wahnsinnige mit Äxten ihre Wut daran ausgelassen, andere waren mit Plastikfolie zugedeckt und schienen nur darauf zu warten, dass man sie einschaltete; es gab Baracken mit Feldbetten und Öfen und Petroleumheizungen, die wir neidisch betrachteten. Einige der Baracken machten einen unberührten Eindruck, andere waren eindeutig Schauplatz panischer Evakuierungen oder gleichermaßen panischer Feuergefechte gewesen.

In einer dieser Kammern war überall Blut auf Wänden und Boden, doch die Schlieren wirkten im Licht unserer zischenden Laternen mehr schwarz als rot.

In den entlegeneren Ausläufern der Tunnel fanden wir Leichen, manche in Pfützen, die sich aus dem Wasser gebildet hatten, das durch Luken an der Decke heruntergetropft war, andere hinter hastig errichteten Barrikaden an den Kreuzungen der unterirdischen Gänge. In den Steinkorridoren roch es wie in einem Schlachthaus.

"Securitate", sagte Fortuna und spie auf einen Mann im braunen Hemd, der mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze festgefroren war. "Sind wie Ratten hier heruntergeflohen, und wir haben sie wie Ratten erledigt. Sie verstehen?"

Pater O'Rourke kauerte eine Weile mit gesenktem Kopf neben einer der Leichen. Dann bekreuzigte er sich und stand auf. Sein Gesicht drückte weder Betroffenheit noch Ekel aus. Ich erinnerte mich, dass jemand gesagt hatte, der bärtige Priester sei in Vietnam gewesen.

Dr. Aimslea sagte: "Aber Ceausescu ist nicht in diese ... Festung hier geflohen?"

"Nein." Fortuna lächelte.

Der Doktor sah sich im zischenden Licht der Laternen um. "Aber warum denn nicht, um Himmels willen? Wenn er hier unten einen organisierten Widerstand aufgebaut hätte, hätte er monatelang durchhalten können."

Fortuna zuckte mit den Achseln. "Stattdessen flüchtet das Monster per Hubschrauber. Er fliegte ... nein ... flog ... er flog nach Tîrgoviste, siebzig Kilometer von hier entfernt, ja? Dort sehen andere ihn und seine Mistkuh von Frau in Auto einsteigen. Sie haben sie gefangen."

Dr. Aimslea hielt die Laterne an den Eingang eines anderen Tunnels, aus dem jetzt ein grässlicher Gestank wehte. Der Doktor zog das Licht rasch wieder zurück. "Aber ich frage mich, warum ..."

Fortuna kam näher, und der grelle Schein offenbarte eine alte Narbe an seinem Hals, die mir bis jetzt nicht aufgefallen war. "Sie sagen, sein ... Berater ... der Dunkle Ratgeber ... hat ihm empfohlen, nicht hierherzukommen." Er lächelte.

Pater O'Rourke sah den Rumänen an. "Der Dunkle Ratgeber? Hört sich an, als wäre der Teufel persönlich sein Berater gewesen."

Radu Fortuna nickte.

Dr. Aimslea grunzte. "Und, ist dieser Teufel entkommen? Oder war es einer von den armen Kerlen, die wir da hinten gesehen haben?"

Unser Führer antwortete nicht, sondern betrat einen der vier Tunnel, die an dieser Stelle abzweigten. Eine Steintreppe führte nach oben. "Zum Nationaltheater", sagte er leise und bedeutete uns, vorauszugehen. "Es ist beschädigt, aber nicht zerstört. Ihr Hotel liegt nebenan."

Der Priester, der Doktor und ich begannen den Aufstieg, während das Licht der Laternen unsere Schatten zehn Meter hoch auf die gekrümmten Steinmauern über uns warf. Pater O'Rourke blieb stehen und sah auf Fortuna hinab. "Kommen Sie nicht mit?"


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Bewertung von Freddy aus Trier am 10.02.2013   ausgezeichnet
Dies ist der beste Vampir Roman, den ich je gelesen habe. Der Autor hat es als 1. geschafft die Originalorte und tatsächlichen Hintergrundinformationen über Vlad Tepes (Dracul) und Nachfahren in einer fantastischen Geschichte um zu setzen.


Ein Muss für alle Vampir bzw Dracula Fans - Dagegen kann man alle Twilight und Möchte-gern-Vampir-Bücher in die Tonne hauen.

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