Leseprobe zu "Die Macht der Drachenlords / Die verlorenen..."
Kleine Vorgeschichte
Viele Jahre nach dem Krieg der Lanze kam der Ästhetin Lillith Hallmark der Gedanke, die Kinder von Palanthas in die Große Bibliothek einzuladen, um ihnen mehr von der Geschichte von Krynn zu erzählen. Zu jener Zeit zählte Lillith zu den mächtigsten und einflussreichsten Ästheten und kam in der Rangfolge gleich hinter Bertrem. Daher setzte sie sich durch, obwohl die Vorstellung, die eigene Arbeit von klebrigen Fingern, Schniefnasen und schrillen Stimmchen unterbrechen zu lassen, viele andere Ästheten erschreckte.
Lillith Hallmark hatte nie geheiratet. Manche munkelten, sie trüge einen alten Schmerz im Herzen. Doch sie liebte Kinder und war eine ausgezeichnete Historikerin. Deshalb blieben auch viele Eltern, die ihre Kinder in die Bibliothek brachten, um ihr zuzuhören.
Da es möglich ist, dass ihr, geschätzte Leser, die Geschichten unserer Helden lange nicht gelesen oder vielleicht noch nie von ihnen gehört habt, halten wir es für angebracht, heute einmal Lilliths Geschichte zu lauschen. Sie wird den Kindern von zwei Frauen erzählen, die im Leben eines unserer Helden, nämlich Tanis des Halbelfen, eine wichtige Rolle spielten. Diese Frauen, Laurana und Kitiara, stehen im Mittelpunkt des vorliegenden Buches.
Bevor Lillith zu erzählen beginnt, fasst sie zusammen, was vorher geschah. Hören wir ihr zu!
"Damals versprachen sieben Freunde einander, sich nach dem Ablauf von fünf Jahren in einem Wirtshaus in Solace wieder zu treffen. In der Zwischenzeit gingen sie auf die Suche nach Zeichen der wahren Götter, in Wirklichkeit aber suchten sie sich selbst. Diese sieben waren Tanis, der Halbelf, die Zwillingsbrüder Raistlin und Caramon Majere, der Zwerg Flint Feuerschmied, der unverwüstliche Kender Tolpan Barfuß, der Ritter Sturm Feuerklinge sowie Kitiara Uth Matar, die Halbschwester der Zwillinge.
Sturm und Kit reisten nach Norden, denn beide wollten in Solamnia Näheres über ihre Familien in Erfahrung bringen. Die anderen gingen ihre eigenen Wege. Zum vereinbarten Zeitpunkt kehrten alle ins Wirtshaus zurück. Nur Kitiara hatte eine Nachricht geschickt, dass sie nicht kommen könne. Tanis, der Kit liebte, war darüber traurig und tief enttäuscht.
Als eine geheimnisvolle Frau mit einem blauen Kristallstab das Wirtshaus betrat, begann für die verbliebenen sechs Freunde ein Abenteuer, das in der Chronik der Drachenlanze beschrieben ist und mit dem Band Drachenzwielicht beginnt. Die Reise führte unsere Helden von Solace in die unheimlichen Ruinen der Stadt Xak Tsaroth. Dort gaben sich die wahren Götter zu erkennen und schenkten ihnen die Scheiben der Mishakal. Angeblich enthielten diese Scheiben das Wissen über die wahren Götter, aber keiner konnte sie lesen. Deshalb zogen die Gefährten weiter, um jemanden ausfindig zu machen, der sie übersetzen konnte.
Nach der Rückkehr nach Solace traf Tanis einen alten Freund, den Elfen Gilthanas. Tanis und Gilthanas waren zusammen aufgewachsen. Damals hatten sie einander nahegestanden, doch Zeit und Umstände hatten das alte Band brüchig werden lassen. Alle zusammen wurden von Soldaten des Truppführers Toede, eines ruhmsüchtigen Hobgoblins, gefangen genommen und waren in Sklavenkäfigen in die Stadt Pax Tharkas unterwegs, als eine kleine Gruppe Elfen sie befreite (auch wenn die Geschichte des Truppführers sich später ganz anders anhörte!).
Einer der Elfen war Tanis bekannt. Es war Porthios, der Bruder von Gilthanas. Als der Elf hörte, dass die Gefährten behaupteten, Beweise über die echten Götter zu haben und die Heilkraft in die Welt zurückzubringen, führte er Tanis und seine Freunde nach Qualinost. Dort sah Tanis seine Verlobte Laurana wieder, die junge Tochter der Stimme der Sonnen. Sie liebte Tanis, doch er empfand nichts mehr für sie. Denn in ihm glühte noch die Leidenschaft zu Kitiara. Wegen seiner inneren Zerrissenheit löste er die Verlobung, die Lauranas Brüder und ihr Vater ohnehin nicht gutgeheißen hatten, weil in Tanis' Adern Menschenblut floss.
Die Elfen überredeten Tanis und seine Freunde, in die Stadt Pax Tharkas zu ziehen, wo Drachenfürst Verminaard regierte. Tanis und die anderen wollten die Sklaven zum Aufstand anstiften, um dadurch einen drohenden Angriff der Drachenarmeen auf das Elfenreich abzuwenden und den Elfen Zeit zur Flucht ins Exil zu verschaffen.
Unter der Führung von Gilthanas brachen die Freunde nach Pax Tharkas auf. Laurana, die sich mit Tanis' Zurückweisung nicht abfinden konnte, lief von zu Hause weg, um ihm nahe zu sein. Als er sie zurückschicken wollte, widersetzte sie sich störrisch. Auf dem Weg nach Pax Tharkas schloss sich ihnen ein Mann namens Eben Springstein an, der vorgab, auf der Flucht vor den Drachenarmeen zu sein. Tatsächlich jedoch war er ein Spion des Drachenfürsten Verminaard.
Die Helden schlichen sich in die Stadt ein und mischten sich unter die Sklaven. Hier trafen sie den schwer kranken Elistan, der schon im Sterben lag. Aber Goldmond, eine Anhängerin von Mishakal, der Göttin der Heilkunst, betete für ihn. Elistan wurde geheilt und wollte mehr über die Götter erfahren. Als Goldmond ihm die Scheiben der Mishakal übergab, stellte sich heraus, dass Elistan sie lesen konnte. Er wurde ein Kleriker des Paladin und bemühte sich, den anderen Sklaven in Pax Tharkas die Botschaft von den wahren Göttern zu vermitteln.
Tanis und seine Freunde führten den Sklavenaufstand an und töteten Verminaard. Achthundert Männer, Frauen und Kinder flohen nach Süden und konnten ihre Verfolger abschütteln. Schließlich suchten sie in Höhlen Zuflucht, wo sie den Winter zu verbringen hofften.
Aber ein Aurak-Drakonier, der sich für Verminaard ausgab, setzte sich an die Spitze der roten Drachen und nahm die Verfolgung der ehemaligen Sklaven auf. So mussten diese erneut fliehen und im legendären Zwergenreich Thorbardin um Einlass bitten. Diese Abenteuer sind in Das Reich der Zwerge erzählt.
Laurana blieb während der ganzen Zeit bei den Freunden. Gefahr, Leid und Angst zwangen sie dazu, erwachsen zu werden, und aus dem verwöhnten, eigensinnigen Mädchen wurde eine ernsthafte, nachdenkliche junge Frau. Dank der Fähigkeiten, die sie am Hof ihres Vaters gelernt hatte, konnte sie Elistan bei seiner Arbeit unterstützen. Bald fühlte sich Tanis zu dieser schönen Frau hingezogen, die so anders war als das Mädchen, das er gekannt hatte. Er merkte, dass er sich in sie verliebte, und war hin und her gerissen. Welche Frau liebte er wirklich? Laurana hingegen wankte nie in ihrer Liebe zu ihm.
Nach vielen Gefahren und Mühen entdeckten die Helden den Hammer von Kharas und brachten ihn den Zwergen zurück. Im Gegenzug gestatteten die Zwerge den Flüchtlingen, in Thorbardin zu bleiben, bis sie sicher in eine neue Heimat weiterziehen konnten. Tanis und seine Gruppe brachen zu der Hafenstadt Tarsis auf, wo sie für die Flüchtlinge eine Überfahrt in eine neue Heimat auf den weiß geflügelten Schiffen buchen wollten. Diese Fahrt und die Abenteuer dieser Zeit sind in den Bänden 3 und 4 der Chronik der Drachenlanze, Drachenwinter und Drachenzauber, beschrieben.
Kitiara Uth Matar hingegen beschritt einen anderen Weg als ihre Freunde. Während diese sich auf das Licht zu bewegten, wandte sich Kitiara immer mehr der Finsternis zu. Sie schloss sich den Drachenarmeen von Königin Takhisis an, wo ihr Ehrgeiz und ihre Fähigkeiten sie rasch zur Anführerin der Blauen Drachenarmee aufsteigen ließen. In Ansalon kannten die meisten sie als die Blaue Herrin.
Die persönlichen Abenteuer von Kitiara und Laurana und alles, was ihnen zu dieser Zeit widerfuhr, wurden bis heute nie erzählt. In Dragons of the Highlord Skies gehen die beiden Frauen im Leben von Tanis, dem Halbelfen, jede für sich auf eine Reise, die ihnen die größten Herausforderungen ihres Lebens stellen wird. Ich selbst spiele in der Geschichte auch eine kleine Rolle.
Und so geht es los ..."
BUCH I
Prolog
Über dreihundert Jahre waren verstrichen, seit er zum letzten Mal den Klang einer menschlichen Stimme vernommen hatte. Oder besser gesagt, seit er zum letzten Mal einen Menschen sprechen gehört hatte. Seitdem hatte er Schreie gehört, die Schreie derer, die nach Burg Dargaard gezogen waren, um ihn herauszufordern. Schreie, die mit Röcheln und Keuchen endeten, wenn die Menschen an ihrem eigenen Blut erstickten.Mit solchen Narren hatte Lord Soth wenig Geduld, ganz gleich, ob es sich um Glücksritter handelte, die es nach seinem Schatz gelüstete, oder um edle Helden, die Krynn vom Bösen befreien wollten. Denn er kannte die Wahrheit (schließlich war er einst selbst zu ritterlichen Heldentaten ausgezogen). Er wusste, dass die Ritter selbstsüchtig waren. Ihr einziges Streben galt ihrem eigenen Ruhm.