Leseprobe zu "Der magische Reiter / Reiter-Zyklus Bd.1"
DER GRAUE
Der Graugewandete verfolgte die kaum wahrnehmbaren Risse zwischen den gewaltigen Blöcken des Walls. Es waren die Risse, so glaubte er, die den Schlüssel darstellten. Den Schlüssel zur Vernichtung des Walls.
Der Wall erhob sich über ihm bis in unbekannte Höhen. Er war etliche Meter dick und verlief Hunderte von Meilen entlang der Südgrenze Sacoridiens, vom Ostmeer bis zur Ullem-Bucht im Westen. Er schützte Sacoridien und den Rest des Landes vor Kanmorhan Vane, gemeinhin Schwarzschleierwald genannt.
Der Wall bestand schon seit tausend Jahren. Er war nach dem Langen Krieg um die Wende des Ersten Zeitalters errichtet worden. Tausend Jahre lang waren die hinter dem Wall gefangenen Bewohner des dunklen Waldes immer unruhiger geworden, hatten getobt und gewütet.
Nun musste der Graue sie zu sich rufen und ihrer Verbannung ein Ende bereiten. Er würde diesen Albtraum aufs Neue in die lichte Welt des Tages entlassen. Und er würde es allmählich tun. Ganz allmählich.
Der Wall war von einer Magie erfüllt, die unter den Händen des Grauen prickelte. Die Magie war alt und mächtig, selbst für ein Menschenwerk aus jener längst vergangenen Zeit. Heute verstanden sie sich längst nicht mehr auf solche Künste. Sie wussten nicht mehr viel von dem, wozu ihre Vorfahren fähig gewesen waren. Ebenso wenig wussten sie, was die Bewohner des heutigen Sacoridien alles vermochten. Und das war gut so.
Er strich mit dem Geist über die Schichten der Magie. Jeder Granitblock war mit Magie verwoben worden, von dem Augenblick an, da er aus dem Felsen gebrochen worden war, hin zu seiner Bearbeitung und dem Feinschliff, bis er schließlich eingefügt worden war. Den Mörtel hatte man unter Stärkungszaubern aufgetragen, nicht nur, um sicherzustellen, dass der Wall für alle Zeiten Bestand hatte, sondern auch, um zu verhindern, dass die Magie von ihm wich.
Ach, die Zaubergesänge, welche die Steinmetzen gesungen haben mussten, als sie Löcher in das Gestein hämmerten und die Mörtelmischung anrührten ... Der Wall war wirklich großartig. Eine atemberaubende Leistung, zu deren Vollendung es Generationen von Menschen bedurft hatte. Ein Jammer, dass er vernichtet werden musste.
Der Graue lächelte im Schatten seiner Kapuze. Er würde die Welt wieder in einen Zustand zurückversetzen, den sie seit dem Langen Krieg nicht mehr gekannt hatte, in eine vergessene Epoche, lange vor dem Ersten Zeitalter, eine Epoche, in der die Menschen noch in primitiven Gruppen lebten, die Herdentieren und Wild nachstellten. Damals hatte es keine Könige gegeben, keine Länder, keine organisierten Religionen. Lediglich Aberglauben und Finsternis. Im Schwarzen Zeitalter, wie diese längst vergangene Epoche heute genannt wurde, hatten sie ein besseres Verständnis von Magie gehabt als heute.
Der Graue blickte auf. Die rosa Wolken der Morgendämmerung verblassten, und Vögel stoben durch die Bäume. Seine Mitverschwörer warteten sicher schon ungeduldig auf seine Rückkehr. Sie hatten wohl auch jedes Recht dazu, ungeduldig zu sein: Sie waren sterblich.
Er schloss die Augen und wappnete sich. Dann folgte er den Gesängen der Steinbrecher und Steinmetzen, die eine Sprache gebraucht hatten, die kein moderner Sacorider erkannt hätte. Die Musik entsprang den Tiefen der Erde; sie wob Fäden von Widerständen, Begrenzungen und Barrieren.
Das Echo der Hämmer, vor Jahrhunderten von Steinmetzen geschwungen, hallte im Kopf des Grauen wider. Die Schläge ließen ihn erbeben, klangen misstönend durch seine Gedanken. Er biss vor Schmerzen die Zähne zusammen und drang tiefer ein.
Männer und Frauen sangen im Einklang miteinander. Ihr Gesang schwoll an, als seine Gedanken die Risse entlangfuhren. Er fing die Harmonie ihrer uralten Stimmen auf und ließ zu, dass die Kadenz der Hämmer seinen Geist erfüllte, und er sang mit ihnen.
Sein Körper wiegte sich im Rhythmus und troff von Schweiß. Doch sein Körper war nun ein fernes Etwas, ein nachträglicher Gedanke, denn sein Geist befand sich tief im Innern des Granits. Er floss in rosa Feldspat und kristallenem Quarz, in den pfefferfarbenen Flecken der Hornblende. Er fühlte sich mächtig genug, um unberührt von den Witterungskräften der Natur den Zeitaltern standzuhalten. Er konnte allem standhalten. Doch er musste diese Macht mehren. Wenn er den Wall vernichten wollte, musste er stärker werden als der Granit selbst.
Seine Stimme fand ihre eigene Harmonie, die entgegen dem Rhythmus im Innern des Walls verlief. Alles Große muss untergehen, sang er. Sing mit mir, folge mir.
In weiter Ferne klopfte sein Zeigefinger im neuen Rhythmus gegen den Wall. Es reichte nicht aus, um den Rhythmus von Hunderten von Hämmern zu verändern, doch er führte einen Missklang ein. War da nicht plötzlich eine gewisse Unsicherheit im Gesang? Gerieten nicht manche Hämmer aus dem Takt?
Ein Splittern, den Rissen gleich, die im Frühling das Eis auf den Seen durchziehen, lenkte ihn ab. Er verlor die Orientierung. Gesang und Rhythmus verklangen, und seine Verbundenheit mit dem Wall kam ins Schwanken.
Sein Körper sog wie ein Schwamm seinen Geist auf. Die Wucht ließ ihn zurücktaumeln, benommen und schwerfällig in seiner körperlichen Gestalt. Als ihm wieder einfiel, wie man Arme und Beine gebrauchte, untersuchte er sein Werk.
Ja, ja, ja! Ein haarfeiner Riss im Mörtel. Die Wunde würde größer werden, und er würde zurückkommen und den D'Yer-Wall niederreißen!
Doch nun musste er sich wieder in das Lager begeben, in dem die Menschen auf ihn warteten. Dem Wall einen Riss beizubringen, hatte einen Großteil seiner Energien aufgezehrt -es war kaum mehr genug übrig, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er würde für den Rest des Tages in schlechter Verfassung sein, doch die Soldaten warteten voller Ungeduld darauf, den Grünen Reiter zur Strecke zu bringen. Bald würden diese Ränke, die den Menschen so kostbar waren, ein Ende finden, doch einstweilen waren sie seinen Zwecken dienlich.
Er schlang sich den Langbogen und den Köcher mit den schwarzen Pfeilen über die Schulter und spürte, dass ihn jemand anstarrte. Er schaute sich grimmig um, sah jedoch lediglich eine Eule, die über ihm auf einem Zweig hockte. Sie blinzelte, ließ den Mondblick erlöschen und drehte nach Art der Eulen den Kopf zur Seite.
Von einer Eule, die mit ihrer frühmorgendlichen Jagd befasst war, hatte der Graue nichts zu befürchten. Er begann mit seiner Anrufung und breitete dabei weit die Arme aus. Sie zitterten noch von der Anstrengung, dem Wall einen Riss beigebracht zu haben.
"Kommt herbei, o sterbliche Geister. Ihr seid meiner Macht untertan, in dieser Welt an mich gebunden. Begleitet mich nun und bringt mich dorthin, wohin ich gehen muss."
Sein Wille rief sie herbei, sie konnten dem Ruf nicht widerstehen. Wie ein wässriges Flirren versammelte sich eine Schar Geister um ihn. Manche saßen auf Pferden, andere waren zu Fuß. Unter ihnen befanden sich Soldaten, Greise, Frauen und Kinder. Gemeine Bürger standen neben Rittern, Bettler drängten sich an der Seite von Edelleuten. Alle waren sie von zwei schwarzen Pfeilen durchbohrt."Bei den Pfeilen von Kanmorhan Vane, ich befehle Euch, mit mir zu kommen. Wir werden auf den schnellen Zeitpfaden der Toten reisen."